Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 26 (30.6.1899)
- Date
- 1899-06-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 26 Dr. Bloch's WochensrlirifL. Seite 485 weiter ist, als der Ausbruch der uie rastenden Mordlust der arischen Völkerschaften . . . der sich in Kriegen, in Jagden und Duellen, im Raufhandel und Todtschlag u. s. w. Luft verschafft. Es ist darum für das Judenthum eine Besserung erst aus der allgemeinen Hebung der Moral zu erwarten. Bis dahin kann nur Jeder in feinem Kreise, innerhalb feiner Machtsphäre das Seinige beitragen, um diesem hohen Ziele zuzustreben. Das Judenthum speeiell aber ist lediglich auf seine finanziellen und moralischen Hilfsmittel angewiesen, den ungleichen Kampf fortzuführen. Der in der diesjährigen Generalversammlung vom 24. Mai 1899 des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus durch Herrn Jnspector Engel*) gestellte Antrag: E s niögeeinerecht billigeVolksausgabe des bekannten Buches „Der Proceß Rohling- Bloch" v o n D r. I o s. K o p p veranstaltet und dieselbe in dieweite st en, niedrig st en wie höchsten Kreise verbreitet werden, traf daher das Richtige, denn er fußtauf der einzig möglichen Grundlage, daß nur auf dieseWeise, d. h. durchBelehrung, dem Blödsinn das Terrain abgewonnen werden könne. So wie diese Anregung in der Generalversammlung sehr sympathisch ausgenommen wurde, so begrüßen wir Außenstehende denselben aufs Freudigste, und k ö n n en n u r a u f s W ä r m st e d i e baldig eRealis i r u n g d i e s e s Plaues wünschen. An der Geldfrage könnte doch unmöglich das Project scheitern. Da scheint mir eine Subskription das wichtigste Mittel dazu zu sein. Wer das Werk gelesen, wird den Eindruck oder besser die Ueberzeugung gewinnen, daß gerade durch die Zeugnisse der Päpste und der theologischen (katholischen) Gelehrten das vernichtendste Urtheil über das schmachvolle Treiben jener Hetzapostel ausgesprochen wird, welche sich nicht schämen, von Zeit zu Zeit die bewußte Lüge in den leicht gährenden Pöbel zu schleudern, und sich durch den Deckmantel ihrer unangreifbaren Stellung als Kanzelredner oder Abgeordnete zu schützen. Diese müssen in ihrer ganzen armseligen Blöße dem Volke gezeigt werden! Auch der weitere Antrag des Herrn Engel, daß alle liberalen Vereine, auch die jüdischen, sich engstens aneinander schließen möchten, findet unseren ungetheilten Beifall, wobei wir nur die baldige Bethätigung wünschen müssen. Indem ich hoffe, daß diese Anregung auf fruchtbaren Boden falle, zeichne ich im Voraus bestens dankend Hochachtungsvoll R. F.**) Dreyfus Rückkehr. Paris, 27. Juni. Der Erzbischof von Paris, Cardinal Richard, trug dem Vicar von Notre-Dame de Loretto im Pariser St. Georges-Quartier auf, ein Werk, worin der Vicar für alle an die Unschuld Dreyfus' Glaubenden die Peinigung mit glühenden Eisenzangen begehrte, ans dem Handel z ur ü ck z u z i eh e n. Lissabon, 26. Juni. Eine heute Früh in Angra (Azoren) anfgegebene Depesche meldet, daß der Dreyfus an Bord führende Dampfer „Sfax" heute zur Aufnahme von Kohlen in Fay al erwartet wird. Paris, 26. Juni. Dreyfus wird morgen Abends in Brest erwartet. Dreyfus' Freunde haben durchgesetzt, daß alle ihm Vorgesetzten Speisen vorher gekostet werden sollen. Sein Vertheidiger De mange hat an das Kriegsgericht das Ansuchen gestellt, das Datum der Verhandlung nicht zu fixiren, ehe Dreyfus sich nicht in genügender Weise moralisch und physisch erholt hat und von allen ihm unbekannten Phasen und Vorgängen seiner Affaire vollständig unterrichtet worden ist. Madame Godard, welche der Frau Dreyfus ihre Villa in Rennes angeboten hat, that dies spontan, ohne sie zu kennen, lediglich aus Bewunderung für den Opfermuth der unglücklichen Frau. Wegen dieses gastfreundlichen Actes hat Frau Godard bereits Anfechtungen zu erfahren, denn die Bevölkerung von Rennes ist überwiegend revisionsfeindlich. Morgen soll Frau Dreyfus, begleitet von Bernard L a z a r e, in Rennes eintrefftn und in die Villa der Frau Godard einziehen. *) Eurer der wenigen „Arier", dessen Werthschätzung des Judenthums eine aufrichtige und rückhaltlose ist. (Anm. d. Red.) **) Name und Adresse sind der Redaction bekannt. Ein Sarg für Dreyfus. Dieser Tage traf in Paris folgendes Telegramm aus Cayenne ein: „Dreyfus abgefahren in guter Gesundheit und guter Stimmung. Was soll mit dem Sarg und den Droguen zur Einbalsamirung geschehen?" Dieser Sarg wurde — für alle Fälle — angefertigt, als der Zola-Proceß im Gange war. Um die hölzerne Hülle vor Ameisensraß zu sichern, war sie mit Theer und Creosot getränkt. Das Innere war aus Zink, mit einer Glasscheibe im Deckel, wodurch die Möglichkeit gegeben" war, das Gesicht des Todten zu sehen. Unter dem Ministerium Msline wurden der Sara und die Stoffe zur Einbalsamirung nach der Ile Royale geschickt, weil man fürchtete, daß die Anti-Revifionisten, falls Dreyfus stürbe und auf gewöhnliche Art begraben würde, hinterher behaupten würden, man habe Dreyfus gleich Bazaine laufen lassen. Deshalb sollte die wohlerhaltene Leiche sofort zur Klarstellung der Thatsache nach Frankreich gesendet werden. Die jüdischen Hausirer in Persien. Wie der Teheraner Correspondent der „Petersburgskija Wjedomosti" berichtet, hatte die persische Kaufmannschaft vor geraunier Zeit den Versuch gemacht, von der Teheraner Regierung ein Verbot des Hausirhandels in Persien zu erwirken. Sie überreichte dem Großvezier eine Beschwerde, in der die jüdischen Hansirer als „Schädlinge" des Handels bezeichnet wurden. Die Antwort des Sadr-Asams lautete wörtlich: „Die Juden find ebensolche treue Unterthanen des Schah wie die Perser, und ihr Handel beruht nur auf Concurrenz; ein Verbot gegen die jüdischen Hausirer zu erlaffen, wäre gegen die Gerechtigkeit." Auch das Gesuch einiger Fanatiker, man möge die Juden aus dem Weichbilde der Stadt Teheran verweisen, wurde von der persischen Regierung energisch zurückgewiesen. Ein jüdischer Arzt. D e Verdienste, die der bekannte Arzt Dr. W. M. Haffkine sich um die B kämpfung der Pest in Indien erworben, sind wiederholt öffentlich anerkannt worden. Jüngst war der verdienstvolle Gelehrte in London Gast des Clubs Maccabaeans. Bei de.n ihm zu Ehren gegebenen Festmahl hielt Lord Josef Lister, der berühmte englische Chirurg, einen Toast, der so interessant ist, daß wir ihn im Wortlaut hier wiedergeben wollen. Lord Lister, mit lebhaftem Beifall empfangen, sagte: »Ich gestehe, daß ich nicht vorbereitet hieher komme, um über die Principien und Thätigkeit des Mr. Haffkine einen Bericht abznstatten. Vor 6 Jahren sah ich ihn zum ersten Mal, als er im Begriff war, nach Indien zu gehen, um durch Einirnpfung der Cholera vorzubeugen. Es bestanden große Zweifel, ob das vorgeschlagene Mittel sich gegen die Cholera wirksam erweisen würde, jedoch erzielte Mr. Haffkine wunderbare Resultate damit. Unerschrocken. wie er ist. versuchte er es zuerst an sich selbst. Es gibt Viele, die da behaupten, daß Aerzte unmenschlich wären und die Letzten in der Welt, denen man Vertrauen entgegenbringen dürfe. Ich glaube nicht, daß die Maccabaeans ebenso denken. Er versuchte zwei Mittel zugleich und kam zu dem Resultat, daß die strengere Form durch die Anwendung des milderen Mittels abgeschwächr wurde. Mr. Haffkines Bestreben war darauf gerichtet, nicht nur Menschenleben zu retten, sondern auch Vorurtheile der Eingeborenen zu bekämpfen. Mit der größten Schwierigkeit konnten die Eingeborenen zu einer Impfung bewogen werden, für die ihnen sogar Entgelt geboten werden mußte. Endlich lernten sie einsehen, daß ihnen durch einen Europäer eine so große Hilfe zu Theil wurde, und dies erfüllte sie mit Dank gegen die weiße Raffe. Mr. Haffkine hat sich um Indien große Verdienste erworben und durch letzteres Britanien sich verpflichtet. Er hat eine bewunderungswürdige Beharrlichkeit in der Ueberwindung ungeheurer Schwierigkeiten bewiesen. Während wir aber auf der einen Seite seine hervorragenden Geisteskräfte bewundern, müssen wir anderseits auch seinem Charakter kgerecht werden. Er ist ebenso bescheiden wie befähigt. Die Selbstverleugnung, mit welcher er jahrelang sein Leben den Gefahren aussetzte, seine Gesundheit mißachtete und gegen die Pest mit Selbstaufopferung kämpfte, ist einfach heroisch. Es gibt Einige, die ihm seine Befähigung, seinen Erfolg absprechen wollen, weil er Jude ist. Ich bin glücklich, sagen zu können, daß so unedle Beweggründe in diesem Lande nicht existiren. Wir sympathisiren mit Dreyfus und freuen uns mit ihnen bei der Aussicht seiner baldigen Befreiung, als ob er einer der unsrigen wäre. Wir erinnern uns, daß -wir einen Premierminister hatten, welcher von reinem jüdischen Blut abstammte, und wir beklagen heute noch, den Tod eines der größten Advocaten, welcher ebenfalls Jude war, Es gibt nichts Verächtlicheres, als den Haß gegen die jüdische Racer welche die edelste auf Erden ist, und der Christ schuldet alles, was ee verehrt, alle feine Hoffnungen, alles, was er hoch hält, ihnen. Diaußerordentliche Liebenswürdigkeit, mit welcher ich heute Abend em. pfangen worden bin, macht es mir unmöglich, meine Empfindungen