Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 26 (30.6.1899)
- Date
- 1899-06-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 484 Dr. Blach'^ Wochenftlrrift. Nr. 26 macht sich's bequem; es erklärt ohneweiters den Artikel als ein „jüdisches Kuckucksei", als das Product des Privatfleißes eines jüdischen Mitarbeiters, und meint, es wäre zu lächerlich, wenn die Regierung von den Straßentumulten unreifer Jungen und vor den Protesten der von Noske, Wrabetz und Genossen geführten Clique capituliren würde. Die „Deutsche Zeitung" hat es wenigstens für angezeigt gehalten, sich über die Provenienz des Artikels zu erkundigen, und nach dem, was sie erfahren haben will, glaubt sie den Grafen Thun, dessen Cabinet derzeit nicht vollständig in Wien versammelt sei, für die Auslassungen des „Fremdenblatt" verantwortlich machen zu können, und sie verwahrt sich dagegen, daß die Entscheidung der Frage „dilatorisch" behandelt werde. Thatsächlich liegt der Fall so, daß die Regierung zu einer stricten Erklärung dessen, was sie zu thun beabsichtige, verpflichtet ist, denn eine „dilatorische" Behandlung der Frage müßte nicht blos als ein scheues Zurückweichen sowohl vor den Gegnern als auch vor den Anhängern der Vorlage gedeutet werden, sondern würde die Quelle fortwährender Beunruhigung offenhalten. Die Arbeiterschaft sowohl, als die Bürgerschaft haben das Recht, von der Regierung die Abwehr des geplanten Attentates zu verlangen, nicht aber fürchten zu müssen, daß vielleicht der „passende Zeitpunkt" als gekommen erachtet wird, in welchem die Discussion den Reiz der Neuheit verloren hat und die öffentliche Aufmerksamkett vielleicht durch andere Angelegenheiten in Anspruch genommen wird. Nicht der Standpunkt der Opportunität, sondern der Standpunkt des Rechtes muß die Regierung bei Beurtheilung einer Frage leiten, in welcher ein großer Theil der Bevölkerung sich in seinen bürgerlichen Rechten schwer bedroht erachtet, und wenn es wahr ist, daß eine Wahlreform das Ergebniß eines wohlerwogenen Compromisses zwischen den Parteien und Interessenten sein muß, so gehört der Wcißkirchner'sche Gesetzentwurf in den Papierkorb. Die Methode, die Gegner des Entwurfes zu beschimpfen, statt ihre Einwendungen zu widerlegen, wurde von Dr. Lueger und seinen Barriörestöcken auch in der letzten Gemeinderathssitzung fortgesetzt. Herr Dr. Lueger nannte die Gegner neuerdings Buben, Gesindel rc. und auf seinen Antrag wurde eine Resolution angenommen, in welcher von „frechem Terrorismus der vereinigten Socialdemokraten, Schönerianer und Liberalen" gesprochen wird. Wir sehen also das unerhörte Schauspiel, daß der Bürgermeister und der Grmeinderath der Reichshauptstadt es wagen, einen großen Theil der Bevölkerung zu beleidigen, und wenn man sich das arrogante Benehmen des Dr. Lueger gegenüber den oppositionellen Rednern vergegenwärtigt, so kann man sich die Folgen vorstellen, wenn durch das neue Gemeindefiatut diesem Manne eine noch viel größere Macht, als es schon derzeit der Fall ist, in die Hände gegeben wird. * * * Ein Berichterstatter des „Deutschen Volksblattes", welcher am Sonntag den Einzug der Arbeiter in den Prater zu beschreiben hatte, entwirft von einer Gruppe derselben folgende Schilderung: „Die sodann anlangenden Genossen waren aus der Leopol d st a d t. Man sah dies auf den ersten Blick. Schlotterige hagere Gestalten mit schwarzen tiefliegenden Augen, langen gekrümmten Nasen, affenartig langen Vorder- und säbelbeinigen Hinterläufern. Da sie zur Spccies der Plattfüßler gehören, watschelten sie mehr als, sie gingen. Ihre Weibchen, auch Kalles genannt, theilteu die Vorzüge der Erscheinung mit den M ä n ivch e n, und zeichneten sich womöglich noch durch größere Häßlichkeit aus." Der erbärmliche Wicht, der in solchem Tone über Menschen schreibt, als ob er die Insassen einer Menagerie zu schildern hätte, bildet sich wahrscheinlich noch recht viel ein auf diese schriftstellerische „humoristische" Leistung und auf den guten Geschmack, den er dabei bekundet. Thatsächlich hat er damit gerade so eine Unvorsichtigkeit begangen wie seinerzeit Fürst Alois L i e ch t e n st e i n, als er von den krummen Nasen und und O- Füßen der Juden sprach und dabei seiner eigenen körperlichen Vorzüge vergaß. Für die Gestaltung seines Körpers kann Niemand etwas. und wir kennen antisemitische Parteihäuptlinge, die nicht alle so schön sind, wie Herr Dr. Lueger, sondern stupid und ordinär aussehende dickwanstige und stierneckige Gestalten, die einen widerlichen Eindruck machen, und wir kennen antisemitische Journalisten, denen die Ungunst der Natur eine verkrüppelte Mißgestalt verliehen hat. Es wäre eine unverzeihliche Rohheit, einen dieser Herren zu nennen und ihn wegen eines körperlichen Gebrechens wegen zu verspotten. Die Juden und die Jüdinnen, die der Berichterstatter des Berganiblattes so zu schildern unternimmt, wie es der Wunsch seines Brotgebers, des vom ihm hochgeachteten Defraudanten Vergani sein mag, sind im Durchschnitt nicht schöner und nicht häßlicher, als andere Menschen, und indem der antisemitische Journalist sie als Männchen und als Weibchen schildert, die mit affenartigen Merkmalen ausgestattet sein sollen und bei denen die „Weibchen" noch häßlicher sein sollen, als die „Männchen", ist er über den Rahmen des ihm nach seinem Gehalt oder Zeilenhonorar obliegenden antisemitischen Ehrgeizes hinausgegaugeu. Er hat es geradezu auf ein Bubenstück abgesehen, durch welches er den heiteren Beifall seines bekanntlich so feinfühligen Chefs zu erlangen hoffte, und wir zweifeln nicht, daß ihm dieser Beifall auch zutheil werden wird. Aber er hätte sich viel kürzer fassen können. „Hepp Hepp", das ist ebenso geistreich, und so mancher College des Autors hätte sich auch dabei den Buckel voll gelacht. * * * Unter dem Titel „Ein echter Jude" erschien im „Deutschen Volksblatt" ein Bericht über eine Gerichtsverhandlung mit folgender Einleitung: „Was ein echter Haken werden will, krümmt sich bei Zeiten, und was ein unverfälschter Unartenloser wird, übt sich schon in der frühesten Jugend als Defraudant". Es kann doch nicht Jeder mit dem Deiraudiren so lange warten, bis er Ehrenbürger von Mühldorf wird. * * * Dem Bezirksausschuß Pleban ist vor Gericht uachgewiesen worden, daß er fein Haus, welches sich in der Nähe der Spittelberggasse befindet, an eine Frau vermiethete, die dasselbe unsaubere Geschäft betrieb, wie die Freundin des Alexander P u r s ch t, die Frau Philomena Mark. Die Antisemitenblätter fallen deshalb über die Judenpreffe her, weil diese dem Alexander P u r s ch t so bitteres Unrecht gethan habe. Vielleicht ist Herrn Alexander P u r s ch t insoferne eine unverdiente Kränkung widerfahren, als man ihn nicht mehr als vollberechtigtes Mitglied der antisemitischen Partei gelten lassen will, während er dieser Mitgliedschaft thatsächlich vollkommen würdig ist. Nun sollten die Leute auch demPleban gegenüber nicht hartherzig sein, da er sich dem Alexander P u r s ch t gegenüber als ebenbürtig und gleichwerthig erwiesen hat. Als Mitglied der liberalen Partei ist Herr P l e b a n fertig; er hat nichts Eiligeres zu thun, als seine öffentlichen Ehtenstelleil niederzülegen. Wenn er üoch weiter im öffentlichen Leben Carriere machen will, muß er schleunigst Antisemit werden, so lange die Freunde seines Genossen P u r s ch t noch am Ruder sind. Der Antisemitismus adelt Alles, auch ein Haus am Spittelberg. Robert Wolf. Eingesendel. "Geehrte st e Redaction. Der vor einigen Wochen erfolgte Ueberfall eines armen französischen Arbeiters durch die rohen Ziegelschlager von Neudorf zeigt so recht die Verkommenheit und die tiefe Stufe der Moral, auf der sich die Majorität, das „Wirthsvolk", wie die Arier sich gerne nennen hören, befindet. Der Fall Rosseau ist ebenso typisch wie charakteristisch — genau das Bild im Kleinen, was. der Antisemitismus im Großen und in der Geschichte immer und ewig wieder bietet: es wandelt ein Mann mit ausdrucksvollen Zügen, das Handwerkszeug — als Beweis seines Fleißes — am Rücken, still und einsam durch die Straßen eines Dorfes, dessen Idiom ihm fremd ist und Grund genug für die lungernde, schmutzstarrende und zumeist im Brauntweinrausche erzeugte Nachkommenschaft verthierter Lohnknechte, deren Horizont nicht über die Kothlacken ihrer Lehm- und Schottergruben reicht, über den armen Teufel mit dem Losungsworte „Ritualmörder" herzufallen und ihn, den Wehrlosen, halb todt zu schlagen! Ist das nicht thatsächlich das Schicksal des Stammes Israel inmitten aller Völker? Genügte hier nicht, kvie in allen Fällen, die uns die Geschichte erzählt, einfach eine geringe Verschiedenheit im A e uß er n, ein wenig Abheben von der übrigen Gesellschaft, um den tödtlichsten Haß einer überwältigenden Majorität gegen eine geradezu lächerliche Minderheit herauszufordern? Gesetzt den Fall, der Ueberfallene wäre wirklich irgend ein Missethäter — gibt es aber auch dann etwas Niedrigeres und Demoralischeres, als dieser ewige Drang zur Lynchjustiz der nichts