Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 25 (23.6.1899)
- Date
- 1899-06-23
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 25 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 479 Josephine und der Taschenspieler Marer. (Eine historische Erzählung.) Die Witwe Beauharnais und nachmalige Kaiserin der Franzosen nimmt unter den berühmten Frauen des XVlll. Jahrhunderts eine hervorragende Stelle ein. Josephine war bei allen ihren geistigen Vorzügen abergläubisch bis zum Exceß. Der Aberglaube geht immer Hand an Hand mit dem Unterglauben. In der Zeit der entartetsten Aufklärung feiert er seine Triumphe. So war es in der römischen Gesellschaft beim Medergange Roms; so war es in Paris, unmittelbar vor der großen Revolution, und so ist es heute überall in den Weltstädten. Die Taschenspieler und Wahrsager Frankreichs verloren durch die Emigration ihre besten Kundinnen, die Damen der Aristokratie, und konnten ihr Handwerk an den Nagel hängen, bis der erste Cousul wieder Ordnung schuf und vielen der Ausgewanderten die Rückkehr nach Frankreich gestattete, unter denen sie sich ihre Clientel neuerdings erobern mußten. In der ersten Zeit des Consulats lebte Jo^ephine in ihrem Schlosse in Malmaison. wohin sich Bonaparte allabendlich, von der Tageslast erschöpft, zu seiner angebeteten Josephine begab. Eines Tages speiste Josephine fast ganz allein in Malmaison, als in dem Augenblicke, wo man den Nachtisch auftrug, ein Mann bei ihr eingeführt wurde, der ungefähr fünfzig Jahre alt sein mochte, und in dem tiefen Ernst, der in seinem Gesichte lag, eher einem Propheten, als einem Taschenspieler glich. Er trug einem kleinen Tisch herbei, welchen er vor Josephine hinsetzte und über welchen er einen abgenützten Teppich ausbreitete. Als diese Vorbereitungen getroffen waren, zog er aus einer Tasche drei zinnerne Becher hervor, mit denen er allerlei Taschenspielerstückchen begann. Die Kugeln vervielfältigten sich unter seinen Fingern und bildeten nach seinem Winke allerlei Figuren und groteske Gestalten, die im Nu wieder verschwanden. Nach dieser Einleitung berührte er mit einem Stäbchen einen der Becher und sagte: „Madame, Sie dürfen nur einen Wunsch aussprechen und er soll erfüllt werden. Es thut mir leid, daß Sie Ihr Mahl schon beendet haben, sonst hätte ich Gerichte herbeizaubern können, die heute auf Ihrer Tafel fehlten. Sie brauchen rndeß nur zu befehlen, was meine Geister Ihnen bieten sollen — einen fleckenlosen Diamanten ebenso wie eine einfache Rose." Ohne Zögern sagte Josephine: „Eine Rose!" Kaum war das Wort ihrem schönen Munde entflossen, stürzte der Taschenspieler den Becher um und zeigte den erstaunten Zuschauern eine Rose, die sich anmuthig auf ihrem Stengel schaukelte und das Gemach mir süßem Duft erfüllte. Mit sichtlichem Behagen überreichte der Künstler Josephinen die frisch knospende Rose. „Mein Gott!" rief Josephine aus „Sie haben die schönste Rose meines Treibhauses abgeschnitten, die Rose, welche ich morgen Bonaparte schenken wollte, weil sie sich erst in dieser Nacht völlig entfalten wird". „Entschuldigen Sie, Madame", erwiderte der Taschenspieler, „diese Rose gehört mir, und ich habe die Ehre, sie der Gemalin des ersten Consuls zu überreichen. Nie würde ich es wagen, Hand an die Blumen derselben zu legen; überdies habe ich das Treibhaus gar nicht betreten." Josephine schickte unu einen ihrer Diener ab, um die Wahrheit dieser Behauptung zu erkunden, und man sagte ihr, daß die Rose, welche sie dem ersten Cousul bestimmt habe, unverletzt sei. Nun konnte Josephine ihre Bewunderung nicht verbergen. Nichts war aber im Stande, den Mann, der sie von einer Bewunderung in die andere versetzte, in Verlegenheit zu bringen. Bald zauberte er von seiner Tasche einen Schwarm singender Vögel hervor, welche die Brosamen aufpickten, bald füllte er ein Glas mit Wasser, und sobald er es umstürzte, ergossen sich Blumen auf die Anwesenden und Josephine glaubte, in ihrem Treibhause zu sein. Als die Bewunderung den höchsten Grad erreicht hatte, griff Josephine in einen Pompadour, der an ihrem Lehnstuhle hing, um einige Goldstücke daraus zu nehmen und sie dem Taschenspieler zu überreichen. Dieser bemerkte es, warf sich ihr zu Füßen nnd sprach: „Madame, Sie können mich hundertfach für das kleine Vergnügen belohnen, das ich Ihnen bereitete, aber nicht mit Gold. — Eine Gnade, Madame, eine Gnade-" „Welche?", fragte Josephine. Da bat der Wundermann sie, einen der Aepfel, die auf dem Tische lagen, zu essen. Josephine griff nach einem derselben, durchschnitt ihn und fand im Jnilern desselben eine Bittschrift an den ersten Consul. „Madame", sagte der Taschenspieler, „Sie sehen einen Unglücklichen vor sich, der an den Kriegen gegen die Republik theilgenommen hat. Ich habe in der Vendee mit einer Kokarde gefochten, welche nicht mehr die meines Vaterlandes ist, und als die Partei, der ich diente, besiegt wurde, floh ich in die Fremde. Mein Vaterland hat mich als einen Berräther ausgestoßen, mit dem Kainszeichen gebrandmatkt irre ich planlos umher, mein Name ist auf die Liste der Emigranteu gesetzt. Ein Wort von Ihrem Munde, Madame, kann mich wieder zum Franzosen machen und mich den Meinigen zurückgeben. Sie, die angebetete Gemalin des ersten Consuls, vermögen es". Bei dieser Scene lag eine tiefe, düstere Stimmung in den Zügen des Mannes ausgeprägt, daß Josephine bis zu Thränen gerührt wurde. „Mein Herr" sagte sie, „ich werde thun, was Sie wünschen; der erste Cousul soll Ihre Bittschrift lesen, und seien Sie überzeugt, daß ich nichts verabsäumen werde, was zu Ihren Gunsten geschehen kann." Der Taschenspieler stand auf, steckte seine Becher in die Tasche, nahm den Tisch unter den Arm, verneigte sich tief und entfernte sich. Josephine kon» e in diesem Wundermann keinen gefährlichen Gegner ihres hohen Gemals sehen, sie glaubte vielmehr an dessen Wunderkraft, die auch einst dem Consul nützlich sein könnte, und nahm sich vor, mit dem ganzen Aufwand ihrer Macht, die sie auf Bonaparte ansübte, auf ihn einzuwirken, daß er den Mann von der Liste der Emigrirten streiche. Am folgenden Morgen frühstückte Bouaparte im Speisesaale zu Malmaison. Im Hofe des Schlosses wurde der Wagen angespannt, in welchem er nach Paris zurückfahren wollte. „Was hast du gestern gemacht, liebe Josephine?" fragte Bonaparte, „wer hat dich besucht?" „Ich habe mich sehr gut unterhalten; wenn Du heute mit mir zusammen speisen willst, so habe ich Dir eine angenehme Ueberraschung aufgespart. Dabei fällt mir etwas ein: Laß doch diesen Namen von der Emigrautenliste streichen." Dabei reichte sie ihm die Bittschrift des Wundermanns hin. „Ein Chouan!" (Namen der in Banden vereinigten Anhänger der kölliglichen Partei in der Vendöe und Bretagne, welche gegen die Republikaner kämpften) ries Bonaparte aus, nachdem er die Bittschrift gelesen, „einer der fanatischen Anhänger Charette's und Laroche-Jaquelin's, einer von den Leuten, welche noch vor kurzer Zeit den Armeen der Republik folgten, um die gesprengten Soldaten zu morden und den Sterbenden den Garaus zu machen. — Marec! Marec! der aus England kommt, der heimlich an unseren Küsten landete, wahrscheinlich um einen schandbaren Plan Pitt's zu vollstrecken und die Brandfackel des Aufruhrs in die noch von Menschenblut dampfenden Gefilde Frankreichs zu schleudern. Fnx, mein Freund, hat mir geschrieben ich möchte vor diesem Elenden aus meiner Hut sein. Und woher kennst Du ihn? Wo hast Du ihn gesehen? Als Josephine Bonaparte so heftig sah, fing sie zu weinen an. „O, weine nicht", sagte er, „sondern antworte mir. Man hat Deine Güte mißbraucht. Die Verräther haben sich wohl eingebildet, eine Bitte, der Du das Wort redest, könne nicht abgeschlagen werden, und dann würden sie in Paris, unter meinen Augen, ihr frevelhaftes Spiel begonnen haben. Fouch« hat ganz Recht, diese Menschen sind unverbesserlich." „Ich kenne ihn nicht", versetzte Josephine, „sei nur nicht ärgerlich. Zerreiße die Bittschrift, und wir wollen nicht mehr davon sprechen. Wenn Du wüßtest, wie sie mir zugekommen ist." „Das möchte ich eben wissen", sagte Bonaparte. Josephine erzählte ihm, wie der Bittsteller zu ihr gelangt und welche Wunder er vor ihren Augen vollbracht. „Und solchen Leuten", sagte Bonaparte, „öffnest Du Deine Thüren? Ich werde Deinen Gaukler an Fouchö empfehlen und —" Bei der Nennung dieses Namens zuckte Josephine zusammen, denn der Name des Blutmenschen genügte, um bei dem unschuldigsten Menschen Schauer und Entsetzen zu erregen. „Ach! Bonaparte, ich bitte Dich, laß ihn nur nicht bei mir ergreifen und taste die Unverletzlichkeit meines Hauses nicht an.