Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 25 (23.6.1899)
- Date
- 1899-06-23
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Seite 480 Dr. Bloch's Wochenfchrifk. Nr. 2s „Bei Dir? Er ist also hier?" „Nein, aber er wird wiederkonimen; ich hoffte Dich am Abend mit seinen Kunststücken zu unterhalten." «Fauche wird ihn schon finden!" Ohne noch weiter aus Josephinens Gegenreden zu hören, eilte er zu seinem Wagen, um gestreckten Laufes nach Paris zurückzukehren. Josephinens Kunmier war unbeschreiblich. Zum erstenmale gewahrte sie, daß es noch ein Plätzchen im Herzen Bonaparte's. gab, wohin sie nicht gedrungen war. Sie ließ den Taschenspieler Marec in der Umgegend von Malmaison suchen und gab sich alle erdenkliche Mühe, seinen Aufenthalt ausfindig zu machen. Sie wollte ihm Geld geben und' ihn durch einen ihrer Leute nach der Grenze geleiten lassen; aber alle ihre Bemühungen waren vergeblich. Endlich kam die Zeit des Mittagessens und Josephine, von unangenehmen Gedanken gequält, ließ alle Speisen unberührt. Als das Dessert aufgetragen wurde, öffneten sich beide Flügelthüren und es erschien Marec mit seinem Tischchen, seinem Stäbchen und seinen zinnernen Bechern. „Fliehen Sie, mein Herr, fliehen Sie!" rief ihm Josephine zu, „oder sie sind verloren. Sie haben französische Soldaten ermordet und verdienen den Tod. Ich kann Ihnen in meinem Hause nicht länger Zuflucht gewähren. Der erste Consul hat Sie heute Vormittags an Fouche ausgeliefert und Sie sind sonnt rettungslos verloren." Der Taschenspieler sah ruhig Josephinen an und bat sie, ihm nur eine Viertelstunde noch zu schenken. Zugleich stellte er den Tisch auf und holte die Becher aus der Tasche hervor. Diesmal bot er Josephinen weder Diamanten noch Blumen an, sondern es stürzten aus seinen Bechern kleine Soldaten, Fußgänger und Reiter hervor. „Dies," sagte er „sind die Oesterreicher, die Preußen, die Russen, welche sich in der Ebene entfalten. Sehen Sie ihre Bataillone, ihre Geschwader, ihre Divisionen; sehen Sie auf einem weißen Pferde Melas, ihren Führer, auf einem schwarzen Suwaroff, welcher dem heiligen Nicolaus die Flinten der Franzosen verheißen hat. Dort ist die französische Armee; sehen Sie den General Bonaparte mit dem fliegenden Helmbusche; er streckt die Hand aus, und alle diese Haufen stürzen gegen einander los. Hören Sie den Donner der Kanonen, das Schmettern der Trompeten! Sehen Sie die dreifarbige Fahne! Hören Sie die begeisterten Rufe der jauchzenden Menge: „Es lebe die Republik! Es lebe der General Bonaparte!" Und alle diese Soldaten schienen aus den Bechern des Taschenspielers hervorzustürzen und ordneten sich in Schlachtreihen aus dem Tische, wo sie die Bewegungen vollführten, die Marec commandirte. Als die Schlacht gewonnen war, kehrten Sieger und Besiegte in die Tasche zurück und der Taschenspieler erklärte sich bereit, der Gemalin des ersten Consuls noch wunderbarere Dinge zu zeigen: Die egyptische Expediton und die Schlacht bei den Pyramiden. Josephine aber, welcher die Gefahr, , der sie diesen Mann ausgesetzt glaubte, jeden Genuß verkümmerte, j sagte zu ihm: „Nehmen Sie dieses Gold und entfernen i Sie sich!" Marec erwiderte: „Wenn meine Künste gestern nicht um Gold feil waren, umsoweniger heute. Erweisen Sie mir noch eine Gnade, öffnen Sie einen dieser Acpfel!" j Josephine that, um was sie gebeten wurde, und fand darin folgenden Brief: „Madame! f Dieser Marec, welcher die Ehre hat, vor Ihnen zu erscheinen, ist kein Emigrant, sondern ein Prestidigitateur, j. der Ihnen sein Können zeigen wollte. Wie die meisten! dieser Kunst gehört er jenem Stamme an, der der Republik « ergeben ist, welche ihm erst seine Menschenwürde gab. Der f erste Consul wußte dies und wollte Sie mit dem Schrecken nur für Ihre Leichtgläubigkeit strafen; aber er hat nichts dagegen, wenn Ihnen diese Kunst Vergnügen bereitet. Ich freue mich, Ihnen dies anzeigen zu können. Fauche." „Ach! das ist nun etwas Anderes", sagte Josephine. „Nun, mein Herr, zeigen Sie uns den egyptischen Feldzug." ■% * * Der Taschenspieler Marec hatte von dieser Stunde -ab sein! Glück gemacht, die vornehmste Clientel sich erobert, und seine j, Nachkommen bilden noch heute angesehene Mitglieder der Pariser $ Judenschaft. II Briefkasten. M. N— r. Man weiß ganz genau, daß die Bergan! und Schneider die intellectuellen Urheber des Verbrechens sind, dem in Wiener-Neudorf ein katholischer Arbeiter zum Opfer fiel. Die Kinder und die Arbeiter, die ihn als „Ritualmörder" tractirten, sind nur die Jrregeführten. F. H. Man braucht über diesen Fall nicht so zu staunen. Die Geschichte der „Ritualmorde" weiß auch von Gesinnungsgenossen Ernst S ch n e i d e r's zu erzählen, die ihre eigenen Kinder abschlachteten, uni den Juden dieSchuld in die Schuhe schieben zu können. F. N—r. Diese Gesellen sind ebenso frech als verlogen. Es gibt keinen Leser des Vergani-Blattes, der nicht wüßte, daß Major P i c q u a r t von den Antisemiten zum Juden gestempelt wurde. Das hindert aber das „Deutsche Volksblatt" nicht, dies heute, weil es ihm so paßt, rundweg zu leugnen. I. F. Wenn drei Leute Berichte über ein Ereigniß geben, bei dem sie anwesend waren, werden dieselben in vielen Details von einander abweichen. Sehr witzig meint in dieser Beziehung Zachariae: „Es sind die Menschen, wenn sie, was sie gehört haben, wiedererzählen, geborene Dichter." Israelitische Cultusgeinein-e Auspitz. Das ist ein refn geschäftliches Unternehmen ohne jegliche Controlle. Die Unterstützung ist nicht zu empfehlen. F. B - t. Einige dieser antisemitischen Parteigrößen hätten es längst verdient, unter „polizeilicher Aufsicht" zu stehen. Allerdings aus anderen Gründen als dies jetzt geschieht. L. V—me. Pater Abel stammt, wie er selbst auf der Kanzel erzählte, aus einer protestantischen Familie. 91cmo. Dem Herrn Vergant hat der Antisemitismus wirklich geholfen. Jetzt besitzt er schon Obligationen, die ihm nicht gestohlen werden können, weil er sie wohlverwahrt hält. i. Wenn Dr. Lueger bibelkundig ist, dürste er sich schon an das Wort erinnert haben, welches einst auf Haman gemünzt war: Nachdem er zu fallen angefangen, wird er sich nicht mehr erheben. L. B-g. Nur das Halbwissen ist so rasch mit dem Urtheil fertig, daß die Naturwissenschaft dem Glauben keinen Raum lasse. Dem gegenüber verweisen wir auf die Worte, die E. v. Baer, einer der berühmtesten Naturforscher schrieb: „Die Naturwissenschaft, hört man äußern, zerstört den Glauben. Wie feig und klein! Denkvermögen und Glaube sind den Menschen angeboren wie Fuß und Hand. Der Glaube ist sogar das Vorrecht des Menschen vor dem Thiere, bei welchem Regungen des Denkvermögens nicht zu erkennen sind." W. H. In der türkischen Armee dürfen weder Christen noch Juden dienen. Jgnotns. Wissen Sie nicht, was Börne saote: „Der Mensch soll Alles dulden, — aber auch Unduldsamkeit? Es ist schwer, sehr schwer." u—n. Der Statthalter Gras Kielmansegg gehörte in der That früher zu den von den Antisemiten bestgehaßten Persönlichkeiten. Später zog er sich allerdigs deren Wohlwollen zu. F. H. Wie K l o p st o ck über die Judenfrage dachte, können Sie ani besten aus seiner Rede an den edlen Kaiser Josef ersehen, in welcher es heißt: „Wen faßt des Mitleids Schauer nicht, wenn er sieht, ] Wie unser Pöbel Kanaans Volk entmenscht! j Und thut de r's nicht, weil uns're Fürsten Sie ihn zu eiserne Fessel schmieden? Du lösest ihnen, Retter! Die rostige Eng angelegte Fessel vom wunden Arm; Sie fühlen's, glauben's kaum. So lange , Hat's um die Elenden hergeklirrt." ' A. V. Wir empfehlen Ihnen das Werk: Acten und Gutachten zum Processe Rohling-Bloch, Buchhandlung Breitenstein, Wien, IX., Währingerstraße 5. Concurs Bei der israelitischen Eultusgemeinde Siffek in Eroatien gelangt . am 1. September 1899 die Stelle eines akademisch gebildeten! Religionslehrers j zur Besetzung, welcher zugleich die Functionen eines Rabbinatsverwesers und Gemeinde-Secretars zu versehen hat. H _ Bewerber um diese Stelle haben den Nachweis zu erbringen, I daß sie die Befähigung zum Religionsunterrichte in Volks- und Mittel- I schulen und die Ermächtigung zur Ausübung aller rituellen Rabbinats- | functionen besitzen, ferner, daß sie nebst der deutschen einer slavischen L Sprache in Wort und Schrift mächtig sind, sf Mit dieser Stelle ist ein Jahresgehalt von 1000 fl. und eine j' Normalwohnung nebst üblichen Emolumenten verbunden. Offerte, worin Alter und Familienstand des Bewerbers angegeben, sind sammt den nöthigen Dokumenten bis zum 15. Juli d. I. an den gefertigten Vorstand einzusenden. Siffek» am 15. Juni 1899. 287 Der Vorstand der israelitischen Eultusgemeinde. Herausgeber: Dr. Josef S. Bloch. — Verantwortlicher Redakteur: Robert Wolf. — Druck von L. Beck & Sohn, Wien, VUL