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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-06-23 · 25 (23.6.1899) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
25 (23.6.1899)
Date
1899-06-23
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 476 Dr. Bloches Wochenschrift Elsässer, dessen warme Neigung sie aus voller Seele erwiderte, geheiratet. Nun aber befanden sich die Juden während der zwei Decennien, die dem Beginne unserer Erzählung vorangingen, in keinem Theile Europas unter schmachtvollerem Drucke als im Elsaß und Metz. Alle Ursachen des verbissensten Judenhasses: religiöse Unduldsamkeit, wahnsinnige Racenantipathie, empörende Adelswillkür, niedrige Habsucht und grauenvolle Rohheit vereinigten sich gegen die Juden, um ihnen ihr Dasein in dem Lande, in dem sie geboren, zur Höllenpein zu machen. Man hatte sie fast aller Rechte beraubt; unglaublich, aber schauderhafte Wahrheit, man hatte ihnen jedwedes Gewerbe, jede Beschäftigung mit alleiniger Ausnahme des Viehhandels und der Gold- und Silberarbeit untersagt, dagegen ihnen Steuern bis zur völligen Unertragbarkeit aufgebürdet. Sie hatten im Elsaß Schutzgelder an den König, Abgaben an den Bischof von Straßburg, an den Grafen von Hagenau, an die Edelleute, in deren Gebieten sie wohnten, die Juden in Metz außerdem noch Handelshäuser-Kopfsteuern, Abgaben an die Kirche, an das Hospital zu zahlen. Dabei ging das Ansiedlungsrecht nicht einmal auf den ältesten Sohn über und mußte von dem Edelmann, in dessem Gebiete der Jude lebte, jedesmal frisch erkauft werden. In Metz hatte es die Kaufmannschaft, welche mühelos auf Kosten der anderen Bevölkerung Reichthümer sammeln wollte, und die ehrliche Concurrenz redlicher Berufsgenossen fürchtete, es durchzusetzen gewußt, daß die Zahl der jüdischen Familien auf 480 beschränkt blieb; und so war der größte Theil der jüdischen Bevölkerung entweder zum Cölibat oder zur Auswanderung vernrlheilt. Nathan Klein, ein vermögensloser Mann, der nicht die Mittel besaß, sich das zweifelloseste Menschenrecht, mit der Gattin seiner Wahl im Vaterlande zu bleiben, zu erkaufen, mußte sich zur Auswanderung entschließen. Es war für einen mittellosen Juden nicht leicht — sagen wir richtiger nahezu unmöglich — sich ein neues Heim zu gründen, und da er eine schöne Stimme und reiches jüdisches Wissen besaß, durchzog er mit seiner genügsamen Gattin, die ihm gerne aus ihrem Vaterhause gefolgt war, als Chasan) Deutschland, Böhmen, Mähren, Ungarn. Sein schöner Vortrag verschaffte ihm überall Beifall und die Mittel nebst den Kosten der fortwährenden Reisen auch die allernothwendigsten Bedürfnisse für sich und sein Weib zu erschwingen. Nach einem Jahre ziellosen Manderns — Nathan Klein befand sich gerade in einer kleinen jüdischen Gemeinde an dem äußersten Ende Ungarns an der türkischen Grenze, — gestand ihm Lea, daß sie sich Mutter fühle. Es war nun für ihn von unschätzbarem Werthe, eine Anstellung, einen festen Wohnsitz zu erlangen, und diese äußerste Nothwendigkeit ließ es ihn als ein Glück erscheinen, daß ihm die in der kleinen Gemeinde durch den Tod des alten Vorsängers erledigte Stelle angeboten wurde. Das Gehalt war ein — auch relativ für jene geldarme und bedürfnißlose Zeit — sehr geringes. Er hatte nicht nur vorzubeten, sondern auch die Kinder zu unterrichten, die rituellen Schlachtungen vorzunehmen. Es war ein mühevolles, hartes Amt, das er sich auslud, aber er liebte seine Frau, deren Besitz ihn glücklich machte, und als sie ihn mit einem lieben Knaben, mit Michael beschenkte, hätte er — wie aus der Erwiderung seines Vaters auf die Anzeige von der Geburt seines Enkels hervorging — „mit keinem Könige tauschen mögen/ Das bescheidene, stille Glück der edlen Menschen währte leider nicht lange. Nathan Klein, früher ein kerngesunder, kräftiger Mann, erkrankte entweder infolge übermäßiger Anstrengung, oder wahrscheinlicher noch durch irgend einen jener tausend gefährlichen Zufälle, welche in jeder Secunde das Leben des Menschen bedrohen, an einem Brustübel. Vielleicht wäre, wenn er sich schonen hätte können, vollständige Heilung eingetreten, aber es war dies für ihn unmöglich. Er mußte von frühem Morgen bis spät am Abende fortwährend seine Lungen anstrengen, entweder durch Unterrichtertheilen und vergebliche Erziehungsversuche an rohen Jungen, die ihn ärgerten und quälten, oder an Sabbathen und Feiertagen durch den damals in den Synagogen hochbeliebten, geschnörkelten und große Stimmkraft erfordernden Gesang. Wenn einem, zwei Stunden von dem Städtchen wohnenden Jischuwmann eine gestopfte Gans in ihrem Fette zu ersticken drohte^), mußte der arme Klein schweißgebadet mitten in einer kalten Winternacht aufstehen und in Sturm und Unwetter den weiten Weg hin- und zurücklegen. 0 Synagogenvorbeter, Vorsänger. -) Wenn ein Thier ungeschlachtet stirbt, ist der Genns; desselben den Inden untersagt. Nr. 25 Es war nicht zu verwundern, daß unter diesen Verhältnissen Klein's Leiden zunahm und sich zu einem chronischen, unheilbaren ausweiterte. Der wackere Mann, der, um Weib und Kind zu erhalten, in treuer Pflichterfüllung bis zur äußersten Grenze der physischen Möglichkeit ging, war einst, nachdem er einen schweren ungarischen Ochsen geschlachtet, ohnmächtig umgesunken, mußte nach Hause getragen und ins Bett gelegt werden, das er nicht mehr lebend verließ. Lea Klein stand nun allein, mittellos mit einem fünfjährigen Knaben in fremdem Lande. Der gering entlohnte Klein hatte nur eine relativ kurze Zeit seines beschwerlichen Amtes in der Gemeinde gewaltet und diese wäre auch unter geordneten Verhältnissen der Gegenwart nicht zu einer Pension an die Witwe, am allerwenigsten zu einer auskömmlichen, verpflichtet gewesen. Wäre die Gemeinde nur nicht gar so klein und arm gewesen, hätte Lea, welche eine sehr geschickte Näherin, Gold- und Silberstickerin war, vortrefflich deutsch und französisch sprechen und schreiben konnte und zu jedem Geschäfte anstellig und geschickt war, sich und ihr Kind, redlich, wenn auch nur nothdürftig erhalten können, aber unter den bestehenden Verhältnissen blieb der armen Frau keine andere Wahl, als in die Heimat nach Metz zurückzukehren. Ihr Vater und ihr Bruder waren allerdings, und zwar nachdem sie vorerst verarmt waren, gestorben, weder sie, noch ihr Gatte hatten in der alten Heimat einen Verwandten, der sich um sie und ihr Kind kümmern mochte, aber wohin anders konnte sich die unglückliche, verlassene Frau auch wenden? Brack fand auch den letzten Brief, den die Verstorbene empfangen. Er war aus Metz von ihrer Jugendfreundin, die unvermält geblieben und durch Nähen ihren Lebensunterhalt verdiente. Sie rieth ihr dringend davon ab, in die Heimat zurückzukehren, die Verhältnisse dort hätten sich in keiner Weise gebessert .... Die Thalsachen hatten bewiesen, daß Lea Klein's Entschluß, nach ihrem. Geburtsorte zurückzukehren, nicht erschüttert wurde, daß nur ihr Tod die Ausführung desselben verhinderte. Brack und seine Frau hatten aus der mehrjährigen, an Nathan und Leo Klein gerichteten Correspondenz die Lebensgeschichte derselben kennen gelernt, und die beruhigende Ueber zeugung geschöpft, daß diese würdige Menschen gewesen. — Während der Trauerwoche, die sie um ihr Kind, Michael um seine Mutter abhielten, lernten sie diesen noch immer mehr lieben. Die beiden Gatten betrachteten ihn als von Gott gesandt, ihnen ihr eigenes Kind zu ersetzen, und sie fühlten es und sprachen es auch gegenseitig aus, daß sie den Knaben um keinen Preis der Welt von sich lassen könnten. Die Trauerwoche war für Brack und seine Frau schon Mittwoch vorüber, aber sie hatten um des kleinen Michael willen noch Donnerstag früh, wie dies bei Leidtragenden Vorschrift und üblich ist, in ihrem Hause das Frühgebet mit Minjan') verrichten lassen. Dann hob Brack Michael auf seinen Schooß und sprach mit vor Rührung zitternder Stimme: „Wir, meine Frau und ich, haben Deiner Mutter in ihrer Sterbestunde gelobt, Dich, kleiner Michael, bei uns zu lassen, Dich wie unser Kind zu halten. Wir werden unser Versprechen einlösen. Willst Du uns ein braves, gehorsames Kind sein? Wirst Du es lernen, uns lieb zu habend „Ich habe Sie und die gute Frau schon lieb," erwiderte das Kind in einer Weise, daß auch ein Erwachsener nicht klüger hätte antworten können, „Sie haben mein Mütterchen getröstet, daß sie ruhig ihre Augen schließen konnte, das werde ich Ihnen nie, nie ... ." dem Kinde stand trotz seiner ungewöhnlichen Klugheit doch nicht ein genügender Wortschatz zu Gebote, um für das, was er fühlte, den richtigen Ausdruck zu finden, und nach einer kurzen Pause, in welcher er diesen vergeblich suchte, ergänzte er, — offenbar mit seiner mangelnden Redekunst sehr unzufrieden — „nie vergessen .... und Sie sind so gut gegen mich, wie gar kein anderer Mensch auf der ganzen Welt. Ich werde immer an meinen todten Vater und die todte Mutter denken; aber dann" — er wollte augenscheinlich sagen, „außer diesen" — werde ich keinen Menschen auf der ganzen Welt lieb haben, wie Sie und Ihre brave Frau!" (Fortsetzung folgt.) ') Mit zehn Personen männlichen Geschlechts, die das dreizehnte Lebensjahr überschritten haben.

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