Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 25 (23.6.1899)
- Date
- 1899-06-23
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 474 Dr« Bloch's WochensÜLrifL» dir. 35 ständigen Proceß mit Vernchmuug aller Zeugen. Sie hoffen, daß der militärische Untersuchungsrichter die vom Cassationshof klargestellte Affaire aufs Neue verdunkeln, und daß das Kriegsgericht von den im Glanze ihrer Tressen erscheinenden Generälen und Kriegsministern geblendet und beeinflußt werden möchte. Der „Gaulois" hat neuerlich einen Reporter nach Rennes geschickt und den zum Regierungscommissär ernannten Commandanten C a r r i e r e interviewen lassen. Das, was der Commandant dem Reporter des clerical-nationalistischen Blattes gesagt hat, ist ziemlich wirr. Er erklärt erst, es würde keine neue Untersuchung geben; dann sagt er, die neue Untersuchung werde „mündlich, aber genau und vollständig" sein. Verstehe das, wer kann! Der Commandant sagt auch, er werde „alle Zeugen citiren, alle, ohne Ausnahme." Befragt, ob er sich durch das Urtheil des Cassationshofes gebunden glaube, und speciell, ob er die „Geständnisse" Dceyfus dem Urtheil gemäß für „nicht existirend" halte, antwortete er: „Erlauben Sie mir die Bemerkung, daß Ihre Frage lächerlich ist. Der Caffationshof hat die Geständnisse aus der Entfernung beurtheilt. Ich weiß nicht, was an ihnen dran ist; ich werde alle Zeugen vorladen, welche die Geständnisse gekannt, und werde sie mit Demjenigen confrontiren, der sie leugnet." Daß der Commissär der Ansicht ist, der Cassationshof habe „aus der Entfernung" geurtheilt, und daß er die Untersuchung neu beginnen will, ist nicht gerade vertrauenerweckend. Die Revisionisten verlang»» einen anderen Commissär, die Antirevisionisteu dagegen glauben, abermals ihren Mann gefunden zu habe». Diese Dceysus-Gegner hatten auch gehofft, daß Einer der Ihrigen den Vorsitz des Kriegsgerichtes führen werde: der Colonel de Saxce, welcher, nach dem Vorbilde des Generals M e tz i n g e r, vor der Front seiner Truppen Tagesbefehle verlesen läßt, in denen die „Aurore" das „Journal der Vaterlandslosen" genannt wird. Aber statt des Colonels d e S a x c € wird der Colonel I o n a u st dem Kriegsgericht präsidiren. Man wird nun natürlich durch Straßenkundgebungen und ähnliche Mittel auf die Mitglieder des Kriegsgerichtes einznwirken suchen. Ob das gelingen wird, scheint indessen sehr fraglich; die Demagogen werden in Rennes auf schwer zu überwindende Hindernisse stoßm, denn die dortige Bevölkerung gilt als ein ruhiger, Manifestationen wenig geneigter Menschenschlag, und der commandirnde General L u c a s gilt als ein anständiger Mann und gute: Republikaner. Hier eine Probe der Beschwörungen, mit welchen die Nationalistenbande die Mitglieder des Kriegsgerichtes umwirbt — eine Probe aus den« heutigen Artikel R o ch e f o r t's: „Die Armee steht vor dem psychologischen Augenblick, wo wir wissen werden, ob sie der Sympathien des Volkes würdig ist, oder ob sie den Speichel verdient, den die Zuhälter des jüdischen Syndicats ihr ins Gesicht speien. Es wäre außerordentlich, wenn wir, verrathen durch den schamlosen Dreyfus, auch noch durch das Kriegsgericht, das den Auftrag hat, ihn zu bestrafen, verrathen würden." Die Judenhetzen in Rumänien. Wer die in Rumänien sich Jahr für Jahr wiederholenden Jadenhetzen in ihren Ursachen erkennen will, der muß die p olitischen Zustände des Landes in Büracht ziehen. Rumänien trägt das Joch einer politischen Oligarchie. Das Classenwahlrecht verbannt das Volk in die dritte Classe. Eine Rotte hauptstädtischer Politiker, gestützt auf bestechliche Wähler, die sich aus allen Schichten des Lumpenproletariats ergänzen, unterdrückt und plündert das Volk. Und wenn sich dieses, aufs Aeußerste getrieben, gegen seine Peiniger erheben will, muß der Jude, gegen den sich das religiöse Vornrtheil kehrt, als Blitzableiter dienen. Es ist urkundlich festgestellt, schreibt der rumänische Correspondent des „Vorwärts", daß unsere Regierung die Juden Hetzen organisirt hat und beiihnen mithilft. Es ist notorisch und actenmäßig fcstgestellt daß die P o l i z e i des S t u r d z a im Herbst 1897 die antisemitischen Unruhen hier in Bukarest veranstaltet hat. Und es unterliegt keinem Zweifel, daß das gegenwärtige Cabinet Cantacuzene die jüngsten Excesse gegen die Juden in Jassy hervorgerufen hat. Das demokratische Blatt „Adeverul" geht so weit, zu behaupten, daß im gegenwärtigen Cabinet ein Minister sitzt, der die Judenhetze als sein Hauptregierungsgeschäft betrachtet und betreibt. Das Volk aber hat mit diesen Infamien nichts zu schaffen. Es ist der Auswurf der bürgerlichen Gesellschaft, der sich dazu hergegeben hat. Unter den 86 in Jassy Verhafteten waren 45 Rückfällige — das heißt Verbrecher, die unter Polizei-Aufsicht und unter Polizei-Einfluß stehen. Die Krawaller waren schnapstrunken und zogen mit Musik und einer Fahne in das Judenviertel, wo sie die Häuser der Juden verwüsteten und die Insassen mißhandelten, einige auch todtschlugen — Alles unter den Augen der Polizei, die erst einschritt, als das Schandwerk vollbracht war. Die Regierung brauchte diese Excesse, denn die bevorstehenden Wahlen machten es uothwendig, daß sie denen, für die die Judenhatz politisches uub sonstiges Capital ist, ihren Antisemitismus zeigte. London. Baron Charles Rothschild präsidirte am 6. Juni einem großen Festessen zu Gunsten der jüdischen Schulen in Süd-London. Das finanzielle Resultat war sehr befriedigend, denn die Sammlung ergab beinahe 80.000 Mark. In dieser, wie in den anderen Schulen der jüdischen Gemeinde fand in dieser Woche die feierliche Pceisvertheilung statt, die immer durch Reden rc. zu großen Festacten ausgestaltet wird, bei denen sich Schulvorstände, Gönner der jüdischen Schulen und Eltern der Kinder mit diesen selbst vereinigen. Erfreulicher Weise nehmen au diesen Feiern die angesehensten Gemeindemitglieder theil, so präsidirt in der Freischule Lord Rothschild, in den Stepneyschnlen Marcus N. Adler, in den Süd-London-Schulen Charles Rothschild, in der Religionsschule Sir Edward S a s s o o n. In der United Synagogues war am 5. Juni Vorstands-Nmwahl, zu der der an den einzelnen Synagogen wiedergewählte Rath der Synagogen zusammentrat. Der ausscheidende Vorstand wurde mit großer Majorität wieder berufen, nur B. C. Cohn lehnte die Annahme des Mmdates ab und an seine Stelle trat Albert H. I e s s e l, sein N^ffe. Eine der ersten Handlungen des Synagozenrathes war übrigens, das für die nothleidenden Juden des Ostens bestimmte System von Hilfsplänen definitiv zu begraben. Da diese Pläne allgemeiner Interesselosigkeit begegneten, verzweifelte man daran, dieselben durchzuführen und lehnte sie deshalb sämmtlich ab. — Im hohen Alter starb Oberstlieutenant Moß D e f r i e s am 8. Ju li, der in früheren Jahren als Virstands Mitglied der neuen Synagoge, sowie vieler jüdischer Wohlthätigkeitsanstalten eine große Rolle spielte. London. Der diesjährige Bwicht des „Russo-Jewish- Comites" in London ist kürzlich erschienen und wirft ein interessantes Licht auf die mühsame aber unablässige Tätigkeit dieses Comites für die russischen Jaden, dre in England wohnen. 766 Fälle von Unterstützungsgesuchen wurden theils allein, theils gemeinsam mit dem Board of Guardians erledigt und dafür 53.000 Mark ausgegeben, während im Vorjahre die gleiche Summe für 587 Fälle verbraucht wurde. Stellungen wurden 210 Personen vermittelt gegen 197 im Vorjahre. Besonders gepflegt wurden die U aterrichtscurse im Englischen für Erwachsene und Kinder, deren Besuch eine starke Zunahme anfwies. In allen Stunden derselben zusammen waren anwesend 71.901 Personen gegen 57.684 im Vorjahre. Der Manuel der englischen Sprache, der das Co mite im Jargon hat abfassen lassen, erfreut sich großer Beliebtheit und hat sich sehr nützlich gezeigt. Die Situation in Rußland ist nach dem Berichte, ohne daß wesentliche V:rschlimm:rungen vorgekommen sind, doch weit davon entfernt, eine ernstlich: Besserung zu zeigen. London. In der Maisitzung der „Anglo Jewish Association" wurde mitgetheilt, daß die Finanzen der Gesellschaft sich ein wenig gebessert haben. Dem Bericht über die Schulen im Orient entnehmen wir: In Pcussa hat die Knabenschule 128 Schüler, darunter 64 frei. Die Schule erhält eine Subvention von der türkischen Regierung. Die „Anglo Jewish Association" bewilligte derselben ebenfalls die nachgesuchte Unterstützung von 800 Mark. Die Mädchenschule in Haskeni (Constantinopel) hat 447 Schülerinnen, darunter 276 frei, und erhält neuerdings von der „Anglo- Jewish Association" 4000 Mark Subvention. In Smyrna hat die Knabenschule 331 Schüler, darunter 204 frei und die Mädchenschule 278 Schülerinnen, darunter 213 frei. Beide Schulen erhalten einen Zuschuß von der „Anglo Jewish Association" von 2800 Mark. Ebenso die Knabenschule in Bassorock 400 Mark. Die Nachrichten aus Persien lauten fortgesetzt besser. Es ist zu hoffen, daß Dank der Thätigkeit des Director Cares, der der Allianzschule in Teheran vorsteht, für die persischen Juden bessere Zeiten kommen werden. Merw. Auch unsere Stadt hat jetzt eine kleine jüdische Gemeinde in ihren Mauern. So lange die Jnka-Turkmanen hier herrschten, duldeten sie in ihrem mohammedanischen Fanatismus