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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-06-23 · 25 (23.6.1899) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
25 (23.6.1899)
Date
1899-06-23
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 25 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 473 Chasonim und sucht nach ihnen, wie mit Licht. Einige Gemeindemitglieder, der wunderlichen Orthodoxie des verflossenen Centralvereines angehörig, hatten nun einen Mann mit prächtiger Stimme entdeckt und empfahlen ihn als Chasen. An dem Manne pusteten einige Bedenklichkeiten; man munkelte so mancherlei, was man, ganz abgesehen von den religiösgesetzlichen Vorschriften, lieber mit dem Theater als mit der Synagoge in Zusammenhang weiß. Der Vorstand ist durch das Gemeindestatut verpflichtet, vor Anstellung eines Chasen über diesen das Rabbinat zu „hören." Der Bewerber wurde dem Rabbinat präsentirt, das Rabbinat prüfte ihn und theilte dem Vorstande mit, daß der Vorgeschlagene, der zugestandenermaßen bis vor zwei Jahren religiöser Lebensführung sich nicht befleißigt hat, ungeeignet fei. Der Vorstand war mit diesem Bescheide nicht zufrieden. In seinen aufgeklärten Augen wird ein Chasen dadurch nicht disqualificirt, daß er die Speisegesetze nicht beachtet. Ueber diese Dinge hat er selbst ein Urtheil und braucht er das Rabbinat nicht zu befragen, von dem er nur wissen will, ob der Bewerber die hebräischen Kenntnisse hat, die sein Amt verlangt. Da nun das Gemeindestatut nur vorschreibt, daß man das Rabbinat befrage, nicht daß man dem Bescheid des Rabbinats auch Folge gebe, so beschloß der Vorstand, den vom Rabbinat als disqualificirt bezeichneten Chasen den Repräsentanten zur Wahl vorzuschlagen. Das wäre für das Rabbinat ein arger Affront gewesen. In letzter Stunde besann man sich eines Besseren und lud das Rabbinat ein, sein abweisendes Gutachten ausführlicher zu motiviren. Schwer wird das nicht fallen. Der Bewerber hat eine Christin geheiratet, deren Uebertritt zum Judenthum einzig von einem Reformprediger bezeugt und unter Erlaß der vorgeschriebenen Ceremonien vollzogen ist. Auch sonst liegen Dinge vor, die nicht der persönlichen Ehrbarkeit des Bewerbers, aber seiner Eignung für ein Cultusamt abträglich sind; daß ein solcher Mann von angeblich conservativer Seite präsentirt werden konnte, ist für diese Conservativen charakteristisch. Daß der Vorstand ihn trotz des Rabbinatsgutachtens zur Wahl bringen wollte, ist bezeichnend für den zu neuer Eigenschaft gelangten Liberalismus und für die würdige Stellung, die er dem Rabbinat anweiseu will. In der Gemeinde gährt es mächtig. Der ungefüge Gemeindekörper ist schwer in Bewegung zu bringen. Doch solche Vorkommnisse sind dazu angethan, auch die natürliche Trägheit aufzurütteln. Berlin, 11. Juni. Heute fand im Münchener Hof die Generalversammlung des „Esra, Verein zur Unterstützung ackerbautreibender Juden in Palästina und Syrien" statt. Außer den Delegirten des Berliners Zweigvereins waren zur Generalversammlung zahlreiche Vertreter der auswärtigen Zweigvereine erschienen. Darunter die Herren Stadtrath L e w i n und Raphael E t t l i n g e r aus Frankfurt a. M., sowie ans Breslau Herr Docent Dr. Brau n. Der Vorsitzende Herr Moritz Dorn eröffnete die Versammlung mit einigen herzlichen Worten, die dem Andenken des seligen Herrn Guttmann gewidmet waren, und veranlaßte die Versammlung, sich zum ehrenden Andenken von ihren Plätzen zu erheben. Alsdann erstattete derselbe Herr den Jahresbericht, der außerordentlich befriedigend ausfiel. Die Einnahmen des Vereines sind von 7664 Mark auf 10.800 im Jahre 1898 gestiegen, aber außerdem sind schon in den ersten fünf Monaten des Jahres 1899 von neuen Beiträgen neugeworbener Mitglieder 3000 Markeingegangen und die gleiche Summe ist noch zu erwarten, so daß die Einnahmen in diesem Jahre mindestens 17.000 Mark betragen würden, selbst wenn man von weiterer Agitation absehe. Die Mitgliederziffer stieg von 2481 Ende 1897 auf 3200 Ende 1898 und circa 3600 am heutigen Tage, wozu noch circa 300 Mitglieder zu rechnen sind, die in den letzten Monaten geworben sind und deren Beiträge noch nicht bei dem Caffier eingegaugen sind. Herr Dr. Hildesheimer schloß an diesen allgemeinen Bericht denjenigen der Agitationscommission, aus dem hervorging, daß in dem Berichtsjahre Zweigvereine in 58 neuen Plätzen gegründet sind, von denen bei weitem der wichtigste der neue Verein in Frankfurt a. M. ist. Die dafür aufgewendeten Kosten haben sich außerordentlich rentirt, da beinahe die doppelte Summe der Ausgaben an Jahreseinnahmen erzielt wurde. Der Schatzmeister, Herr Consul Friedmann, theilte in seinem Cassenbericht mit, daß im laufenden Jahre 9500 Francs nach Palästina gesandt wurden, während weitere 5000 Francs bewilligt und in der Cafse reservirt wurden. Eine ziemlich lebhafte Diskussion knüpfte sich an den Antrag der Agitationscommission, wieder 3000 Mark, wie im Vorjahre, für Agitation zu bewilligen, da derselbe vielen Delegirten, besonders auswärtiger Vereine, nicht weit genug ging und die Stimmung allgemein für recht kräftige Agitation war. Schließlich wurde der Antrag jedoch einstimmig angenommen und im späteren Verlauf der Versammlung, die vorjährige Agitationscommission per Acclamation wieder gewählt. Nachdem die Versammlung noch dem Frankfurter Comite und den Herren T u r o f f und H o lz m a n n für ihre eifrige Thätigkeit ausgesprochen, sowie den Damen des Vereines, wurde der Revisionsbericht verlesen und nach demselben die Decharge einstimmig angenommen. Bei der Neuwahl in das Central-Comite wurden die Schätzmeister Herr Consul F r i e d m a n n per Acclamation, die Herren Dr. C a s p a r y, Berthold Israel und W. B a m b u s mit großer Majorität wiedergewählt, ebenso neugewählt die Herren Professor W a r b u r y und Willibald L ö w e n t h a l, ebenso wurden die Revisoren per Acclamation wiedergewählt. Nach den Wahlen schritt die Versammlung zur Berathung der von verschiedenen Seiten eingegangenen Anträge. Die Vorschläge aus Abänderung der Statuten werden dem Central - Comite überwiesen, das seinerseits eine durchgreifende Umarbeitung der Statuten vornehmen und der nächsten Generalversammlung zur Genehmigung vorlegen soll, ebenso auf Neubewilligung der Subvention für die Schule in Beth Seser in Jaffa. Nachdem die Tagesordnung der Versammlung damit erschöpft war, hielt Herr Bambus einen Vortrag über die Colonien und gab in demselben einen Bericht über dasjenige, was er in den Colonien bei seiner letzten Reise gesehen hatte, von der er erst unmittelbar vor der Generalversammlung zurückgekehrt ist. An den von den Delegirten sehr beifällig aufgmommenen Vortrag knüpfte sich eine lebhafte Discnffion über die Principe und Systeme der jüdischen Colonisatiou, an der besonders Stadtrath Lewin aus Frankfurt a. M. theilnahm. Nach fünfstiindiger Dauer schloß die Versammlung, indem der Vorsitzende den Delegirten für ihr Erscheinen dankte, während diese ihrerseits dem Vorsitzenden für die unparteiische Leitung der Versammlung dankten. Der in der Versammlung erstattete Bericht über die Entwicklung des Vereines wird demnächst veröffentlicht werden und hoffentlich noch viele Glaubensgenossen in Deutschland veranlassen, sich dem Verein anzuschließen, dessen Wirksamkeit für arme Inden, welche in Palästina sich dem Ackerbau widmen wollen, sehr gute Erfolge aufzuweisen hat. Breslau. Professor Hermann Cohn, der bekannte Forscher auf dem Gebiete der Augenheilkunde und Professor an der Universität Breslau, feierte soeben sein 25jähriges Professoratsjubiläum. C o h n ist durch seine auf Untersuchungen der Augen von 10.000 Schulkindern gestützten Arbeiten und Vorschläge zu einem der bedeutendsten deutschen Ophtalmologen geworden. Seine sonstigen Arbeiten bezogen sich hauptsächlich auf die Schulhygiene, in erster Hinsicht auf die Pflege der Augen. Das erst in letzter Zeit hie und da verwirklichte Verlangen nach Schulärzten hat C o h n bereits 1886 ausgesprochen. Besonders auf dem Gebiete der Farbenblindheit hat Cohn sehr bedeutende Forschungen angestellt. Verurtheilte antisemitische Verleumder. In Paris wurden drei Redacteure der „L i b r e Parole", des berüchtigten D r u m o n t'schen Antisemitenblattes, wegen Verleumdung zu empfindlichen Geld- und Freiheitsstrafen verurtheilt. Klägerin war eine Aktiengesellschaft zur Gewinnung von Mineralöl in Colombes. Angeklagt waren die Redacteure Millot, Guerin, Cravoisier und Devos. Millot wurde zu 1000 Francs Geldstrafe, Guerin zu fünfzehn Tagen Gefängniß, Cravoisier zu 2000 Francs Geldstrafe, ferner alle Drei zum Schadenersatz in der Höhe von 20.000 Francs verurtheilt. Devos wurde freigesprochen. Das Urtheil muß in zehn Pariser und zwanzig Provinzblättern auf Kosten der Berurtheilten veröffentlicht werden. Vor dem neuen Dreyfus-Proeest. Der Pariser Corresponvent des „Berliner Tageblatt" schreibt aus Paris, 15. Juni: „Die Dreyfus-Gegner setzen ihre letzten Hoffnungen auf das Kriegsgericht in Rennes. Sie verlangen, daß die militärischen Richter in keiner Weise durch den Text des Revisionsurtheiles gebunden blieben, - sie sollten nicht genöthigt sein, ohne Weiteres anzuerkennen, daß der Borderau nicht von Dreyfus geschrieben, und daß das Document ,Ce Canaille de D.1* sich nicht auf ihn bezöge. Sie wollen eine neue „militärische" Untersuchung, einen voll-

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