Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 25 (23.6.1899)
- Date
- 1899-06-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 472 Dr. Blvch's Wochenschrift. Nr. 25 Zöglingen der Gemeindeschule und Seminaristen eröffnet wurde, fetzte sich in Bewegung. Vele Hunderte von Personen und eine riesige Wagencolonne folgten dem Leichenwagen, der seinen Weg nach dem Friedhofe der Gemeinde in Weißensee nahm. In den Straßen, waren die Fenster dicht besetzt nnd zu beiden Seiten des Fahrdammes standen die Leute Kopf an Kopf Spalier. In der Rosenthalerstraße, einer Hauptverkehrsader Berlins, mußten berittene Schutzleute für die Ordnung sorgen. Hier war der ganze große Verkehr für geraume Zeit durch den langen Leichenzug in Stockung gerathen. Am Königsthor löste sich der größte Theil des Zuges auf, da hier die Equipagen, Droschken, Kremser und Pferdebahnen bestiegen wurden. Nur ein kleiner Theil, zumeist aus Familien- und Gemeindemitgliedern bestehend, war trotz des schlechten Wetters — es regnete in Strömen — dem Sarge den sehr weiten Weg bis Weißensee zu Fuß gefolgt. Hinter der Leiche schritten zunächst die Söhne: Herr Dr. Hirsch Hildesheimer, Rabbiner Dr. Meyer Hildesheimer und der dritte Sohn, der Director der palästinensischen Import- Gesellschaft, sowie der Schwiegersohn Seminar- und Universitäts- Professor Dr. Barth. Biel bemerkt wurde die Abwesenheit des in Wien lebenden Sohnes, des Herrn L. Hildesheimer, welcher infolge Krankheit an der Trauerfeier theilzunehmen verhindert war. Sobald der Zug seinen Bestimmungsort erreicht hatte, strömten die Massen in den Friedhof und suchten in dem daselbst wegen der schlechten Witterung errichteten großen Leinenzelte Platz zu finden. Hier wurde der Sarg niedergelassen, vor dem sich ein Rednerpult erhob. Einige Stühle waren für die Gäste reservirt. Nach dem üblichen Trauergesange widmete der Sohn Dr. Meyer Hildesheimer seinem verklärten Vater in tiefbewegten Worten und unter Thränen einen von Kindesdank und Liebe warm empfundenen Nachruf. Hierauf leistete im Namen der Adoß-Jsrael-Gemeinde deren Obmann Herr Rosenblüh einen heiligen Treuschwur, fest an den .vom großen Tobten geschaffenen Traditionen halten zu wollen. Wahre Grabesstille trat ein, als ein alter Freund des Dahingeschiedenen, der hochbetagte Oberrabbiner von Posen, Herr Dr. Feilchenfeld, die Stufen der Rednertribüne hinanschritt und ein Lebensbild seines verewigten Freundes entrollte. Der greise Seelsorger schilderte mit einer die ganze Tranerversammlung durchdringenden und für sein lphes Alter sehr klaren und reinen Stimme den von Gott zu sich Abberufenen als Schüler, Lehrer, Gatten, Vater, Freund und Wohlthäter. „70 Jahre sind das Alter", sagte er, „das der Mensch gewöhnlich erreicht. Von diesen sind nur die Hälfte gelebt, da 35 Jahre dem Schlafe gehören. Aber auch diese 35 werden nicht voll gelebt, weil die Hälfte von ihnen wieder auf die Pflege des Körpers verwendet wird. Rabbi Israel Hildesheimer hat drei Theile seiner erreichten 79 Jahre ganz gelebt, die er für die Ausbildung seines Geistes verwandte, hingegen nur ein Viertel für seinen Körper gebraucht. Ganze Nächte hat er beim Thora-Studium durchwacht und nur am Morgen dem Schlafe kurze Zeit gegönnt. Ueber 70 Jahre war er Schüler, über 60 Lehrer, mehr denn 50 Seelsorger und über ein Vierteljahrhundert Bildner des Rabbiner-Nachwuchses in Israel. In diese meine Hände habe ich vor mehr als 54 Jahren den Jüngling aufgefangen, als er nach einer beim Gesetzesstudium durchlebten Nacht in Ohnmacht gefallen war." Nun ergriff der Nachfolger des Tobten im Seelsorgeramte zu Eisenstadt (Ungarn) das Wort, um in seinem Nomen, wie in dem der Eisenstadt dem Verblichenen zu danken für die großen Verdienste, die er sich seinerzeit erwarb, als er, „der junge Docter aus Deutschland", berufen war, den Sitz einzunehmen, auf dem die größten Geonim vor ihm saßen. Jetzt bestieg Rabbiner Dr. Bieberfeld vom Hildesheimerschen Bet Hamidrasch die Tribüne und lieh seinem Heimgegangenen Freunde zu Herzen gehende Worte der Erinnerung. Mit sehr großem Eindruck sprach auch Rabbiner Doctor Horowitz - Frankfurt a. M., der den Verschiedenen als einen Hauptkämpfer für die wahre Gottesidee und echtes Judenthum bezeichnere und ihn als Streiter von unermüdlicher Ausdauer im Kampfe gegen Jndifferentismus pries. „Riesig waren die Mühen und Plagen, als er allein den Strauß mit den zahlreichen Gegnern dre nur Spott und Verachtung für ihn - halten, aufnahmen. Es ist ihm aber geglückt, stets Sieger zu bleiben." Jetzt drängte Alles nach dem Rasen auf der anderen Seite, wo Rabbiner Dr. Kahn- Fulda, der hier mit den übrigen Kohanin auf abgesondertem Platze stand, seinem Lehrer eine schöne Nachrede hielt. Bald darauf sandte der Seminarist Wolf im Namen seiner Collegen dem Meister einige Worte des Dankes nach, und als letzter Redner sprach Seminar-Docent Dr. W o h lg e m u t h in schönen Worten. Der Sarg wurde nun gehoben und zum Grabe getragen. Nach den Trauergesängen übergab man die irdischen Reste des großen Mannes der Erde. Volle 8 Stunden dauerten die Festlichkeiten. Als der letzte Wagen die Rückfahrt antrat, war bereits die Nacht hereingebrochen. So haben nun die Inden wieder einen ihrer Größten zur Ruhe gebettet. Möge der Geist des Verklärten unter uns stets weilen und uns daran gemahnen, fest und treu trotz aller Bedrängnisse und Beschwerden zu unserem Volke und hehren Glauben zu halten. A. Berlin, 38. Juni. In der Rabbinerfrage ist wiederum eine Klärung eingetreten, dahin nämlich, daß die Erledigung über den Sommer hinaus vertagt wird. Es wäre auch übereilt, wollte man die Angelegenheit vor Ablauf des vierten Jahres zum Abschluß bringen. Die Mitglieder der Wahlkörperschaften hätten sich schon über zwei Candidaten geeinigt: Herr Dr. Rosenthal aus Breslau sollte als conservativer, Herr Dr. Blumenthal aus Danzig als liberaler Rabbiner berufen werden. Da kamen neue Schwierigkeiten. Herr Dr. Blumenthal wollte Frist haben, ehe er sich endgiltig erklärte, und Herr Dr. Rosenthal machte seine Uebersiedlung davon abhängig, daß der Vorstand der Breslauer Gemeinde ihn freigebe. Der Breslauer Vorstand aber will Herrn Dr. Rosenthal nicht fortziehen lassen. Das ist bedauerlich, nicht sowohl, weil es für Herrn Dr. Rosenthal keinen Ersatz gäbe, als weil es so schwer hält, die Wahlkörperschasten unter einen Hut zu bringen. Auch Herr Dr. Warschauer wird einstweilen darauf verzichten müssen, Hilfsprediger der Berliner Gemeinde zu werden. Der junge Mann hat die Gelegenheit, sich Stolz zu beweisen, ungenützt vorübergehen lassen. Sein Ehrgeiz war auf eine Berliner Rabbinerstelle gerichtet, und als aus dem Rabbinat ein Hilfspredigerposten wurde, wollte er diesen als zu klein für seine Bedeutung — er hat seine Studien noch nicht beendet — zurückweisen. Als man ihm jedoch bemerklich machte, daß seine Wahl zum Rabbiner schwierig sei, weil das Gemeindestatut für solche Wahl Zweidrittelmehrheit vorschreibt, während für den Hilfsprediger die einfache Mehrheit genüge, daß aber aus dem einmal berufenen Hilfsprediger sich leichter ein Rabbiner machen lasse, da that er es billiger und gab sich damit zufrieden, auf dem bezeichneten Unweg zum Ziel zu gelangen. Die Politik der Umwege erwies sich sonst noch als nöthig. Der Hilfsprediger sollte zugleich die Leitung einer Religionsschule übernehmen. Das ging nicht an, denn der junge Mann ist, wie gesagt, mit seinen Studien nicht fertig, hat die erforderliche Qualificationsprüfung erst in Aussicht. Darum wollte man dem neuen Hilfsprediger nur die „Verpflichtung zur Leitung einer Religionsschule" auferlegen. Das wäre freilich möglich gewesen, wenn die Qualification bereits vorhanden war. Doch an dieser Kleinigkeit hätte man nicht Anstoß genommen. Die Hauptsache war, daß man die Repräsentanten beschwichtigen wollte, die dem religiös nihilistischen Manne die Leitung einer Religionsschule nicht anvertrauen mochten. Diesen sagte man, daß die Auferlegung der Verpflichtung zur Leitung einer Religionsschule noch nicht die Uebertragung der Leitung in sich schließe. Hier wie oben dachte man: Ist er einmal angestellt, so findet sich das Uebrige von selbst. Die fortgesetzten Künsteleien und Schiebungen, deren Urheberschaft übrigens keineswegs Herrn Dr. Warschauer zur Last fällt, erweckten schließlich eine Mißstimmung, die durch die Anerkennung unzweifelhaft vorhandener rednerischer Begabung sich nicht beschwichtigen ließ. Dazu kam eine ungeschickte und ärgerliche zionistische Predigt, dazu kamen Bedenken über allzu jugendliche socialistische Anschauungen, und das Ergebniß war, daß die Empfehlung der Rabbinerwahlcommission, die außerdem recht knapp gewesen war, einstweilen zurückgestellt wurde; kommt sie neu zur Erwägung, so wird Uebergang zur Tagesordnung das Ende sein. Die Schwierigkeiten bei der Wahl von Cultusbeamten sind nicht auf die Rabbiner beschränkt. Bei der Wahl von Chasonim findet sich Aehnliches. Die Stimmbegabten sind selten, noch seltener die zugleich sonst Qualificirten, die außerdem auch Inländer sein müssen. Von letzterer Bedingung kann der Minister des Innern dispensiren. Die Berliner Gemeinde hat Mangel an