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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-06-23 · 25 (23.6.1899) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
25 (23.6.1899)
Date
1899-06-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Sette 470 Dr. Bloches Wochenschrift. Nr. 25 und Wehegeschrei. Auch diese Maßregel war gegen die Juden gesponnen, sie sind aber in der großen Minderzahl gegen ihre arischen Leidensgenossen. Allerdings werden die Juden.namentlich die orthodoxen, von der Einführung der gänzlichen Sonntagsruhe doppelt schwer betroffen, da ihnen, wie schon erwähnt, zwei Tage der Woche entzogen werden, den Erwerb für das ohnehin kümmerliche, verbitterte Dasein zu suchen. Und so bewährt sich wieder einmal so recht das Sprichwort: „Wer Andern eine Grube gräbt, der fällt selbst hinein." Alle Activnen, die ersonnen waren, die Juden zu schädigen, haben die arischen Urheber selbst in ihrem empfindlichsten Nerv getroffen. Die Herren Arier, die geplant hatten, die Juden zu bekämpfen, führen nun gegenseitig die erbittertsten Kämpfe, liegen sich fortwährend in den Haaren und rufen nach Polizei und Staatsanwalt. Die Juden haben freilich hiebei nicht die Empfindung des duobus litigantibos, ieilius gaudet. des lachenden Dritten, denn sie leiden in diesen Kämpfen mit, allein eine Genugthuung wird ihnen, die ihren Feinden zur Lehre dienen dürste, wenn ihre Widersacher überhaupt im Stande sind, aus der Affaire die Moral zu ziehen. Und die Hintermänner der arisch-antisemitischen Bewegung, die haben überhaupt keine Ursache, mit ihren Erfolgen zufrieden zu sein. Abgesehen von der Verwilderung und Verrohung der Gemüther, die einer religiösen Vertiefung gewiß nicht förderlich sein können, hat die Clerisei moralisch und materiell erhebliche Einbußen erlitten. Infolge der Einsührung der Sonntagsruhe mußten alle anderen kirchlich gebotenen Feiertage dem Verkehre freigegeben werden. An Normatageu. an denen früher, z. B. wie am Leopoldstage, absolute Feiertagsruhe strengstens geboten war und auch peinlich eingehalten worden ist, werden die profansten Arbeiten, wie z. B. das Maurerhandwerk verrichtet, was den kirchlichen Kreisen zweifelsohne tiefsten Schmerz bereiten muß. Bei diesen aber kann man das nöthige Verständniß für die Gefährlichkeit der antisemitischen Bewegung voraussetzen, die eine Revolution auf allen Gebieten entfacht hat, der Einhalt zu gebieten Aufgabe aller staatscrhaltenden Elemente, demnach auch der kirchlichen Behörden, die sich mit Vorliebe als die Stützen des Staates bezeichnen, sein muß. Der Pietismus, die widerliche Frömmelei, mögen an Ausdehnung gewonnen haben, die wahre Religiosität, die Humanität, der Altruismus aber haben in den breiten Bevölkerungsclassen entschieden an Terrain verloren. Mißgunst, Brodneid, Streberthum, Corruption sind allgemein die Triebfedern, von welchen sich die herrschende Partei im Allgemeinen und deren Führer im Besonderen leiten lassen. Der hohe Clerus hat an Autorität, auf deren Wahrung früher der größte Nachdruck gelegt worden ist, tiefe Einbußen erlitten, während bei dem niederen Clerus eine Unbotwäßigkeit zu Tage tritt, die das feste Gefüge der katholischen Hierarchie in den Grundfesten zu erschüttern droht. Dies ist das Facit des Antisemitismus, und Sache der maßgebenden Factoren muß es sein, sich die Frage zu stellen und auch zu beantworten, ob es ihr Bortheil erheischt, denselben noch weiters zu toleriren, respective ob es nicht ein vitales Interesse gebieterisch fordert, dieser zersetzenden und verheerenden Strömung mit aller Energie entgegenzutreten und derselben ein jähes Ende zu bereiten. Eduard Beer. Correspondenzen. Sitzung des Vorstandes der Israel. Cultusgemeinde in Wien am 14. Juni 1899 unter Vorsitz des Präsidenten Herrn kais. Rath K l i n g e r. Beginn '/-6 Uhr Abends. An Spenden sind eingclausen: Von einem Anonymus für hungernde Schulkinder . fl. 21.— Von den Herren Moriz Waldmann u. Bruder für den Bau des Siechenhausks ... 50.— Den Spendern wird der Dank votirt. Im Einlaufe befindet sich ein Erlaß der Statthalterei vom 8. Juni 1899, womit der Vorstand in Kenntniß gesetzt wird, daß das Finanzministerium mit Erlaß vom 17. Mai für die aus Anlaß des Kaiser-Jubiläums errichtete und seitens der Statthalterei genehmigte Freiherrlich von Rothschild'sche Künstlerstiftung die Stempel- und Gebührenfreiheit im Sinne des Gesetzes vom 5. Juni 1896 ausgesprochen habe. Wird zur Kenntniß genommen und sohin dem Curatorium der genannten Stiftung abgetreten. Weiters bringt der Präsident zur Kenntniß, daß der „Verein zur Errichtung und Erhaltung von Krankenanstalten für Kinder ohne Unterschied der Confessio»" seine Constituirung bekannt gibt und im Sinne des Vereinsstatutes, laut welchem drei Mitglieder des Vorstandes der Cultusgemeinde dem Bereinsvocstande anzugehöcen haben, um Nominirung derselben ersucht. Wird der Beschlußfassung Vorbehalten. Sohin erstattet Herr Ober-Finanzrath Dr. Rappaport namens der 111. Section das Referat betreffend die Verleihung: a) der Sigmund Eolen von Wertheimstein'schen Stiftung für arme Verwandte; Verleihungsbetrag 305 fl. b) der Marie Daffinger Stiftung für arme Familien (4 Plätze zu 20 fl.). Die Anträge der Section werden genehmigt. Im Sinne des Antrages der 111. Section werden ferner an 12 humanitäre Vereine pro 1899 Snbventionsbeträge in der Gesammthöhe von 526 fl. bewilligt: Der Thätigkeitsbericht des Armenamtes pro 1898 wird zur Kenntniß genommen und dem Obmanne der Wohlthätigkeitssection Herrn Baurath Theodor Ritter v. G o l d s ch m i d t, sowie dem Leiter des Armenamtes Herrn Max Groß die volle Anerkennung des Vorstandes für die hingebende und erfolgreiche Thätigkeit ausgesprochen. Der Chewca-Kadischa für den XU. bis XV. Bezirk in Wien wird für das Jahr 1899 eine Subvention per 50 fl. bewilligt. Ein großer Theil der Sitzung war der Beratbung über die provisorische Anstillung eines stellvertretenden Assessors für das Rabbinatscollegium gewidmet. Schluß '/--9 Uhr Abends. Budapest, 17. Jnni. Wir feierten heute die siebzigjährige Wiederkehr des Wiegenfestes eines Fürsten im Reiche des Geistes, der Gelehrsamkeit, und eines Edlen im Volke Israels, des anerkannten berühmten Gelehrten Dr. M. Kayserliug, Rabbiners und Predigers der israelitischen Religionsgemeinde zu Budapest. Schon beim Eintritte in den großen Tempel (Tabakgasse) war es bemerkbar, daß heute ein nicht gewöhnlicher Gottesdienst abgehalten wird, indem noch vor der festgesetzten Stunde sich die Räume des geschmückten Gotteshauses füllten; von allen Schichten der Großgemeinde waren unzählige Besucher herbeigekommen, um Zeugen der Verehrung zu sein und auch dem solennen Festgottesdienst beizuwohnen, und Jeder wollte sein Dankgebet verrichten für. das Wohl und Heil seines geistigen Führers und Lehrers, denn Alle haben ihn so lieb. Vor 9 Uhr versammelte sich der Vorstand der Gemeinde in der Wohnung des Jubilars, um ihn in den Tempel zu begleiten; dort wurde er mit Gesang und Orgeltönen — componirt von Professor Obercantor Adolf Lazarus — empfangen und wurde vom Vorstande nach seinem mit Pflanzen und Kränzen reich gezierten Platze geführt. Wir bemerkten den Präses der Gemeinde Herrn Sigmund Kohner, Herrn Samuel Deutsch, Vorsteher, Herrn Ludwig Adler, Herrn Dr. Ignaz Goldzier, Secretär der Gemeinde, Vertreter der Chewra-Kadischa, und andere Vereine schickten ihre Abordnungen. Bei der Thora-Borlesung wurde er als Dritter gerufen und Herr Professor Lazarus recitirte einen von ihm selbst geschriebenen Mischaberag, den er dann in Form einer Adresse dem Jubilar überreichte. Nach Vorlesung der Thora bestieg Rabbiner Herr Dr. Samuel Kohn die Kanzel, und hielt zu Ehren seines befreundeten Amtscollegen eine tiefdurchdachte Rede. Er schilderte den Jubilar als berühmten Schriftkenner der Thora, als fleißigen, unermüdlichen Forscher der Geschichte des Judenthums, als strebsamen Arbeiter an der halbvergeffenen Literatur des Judenthums, die er durch sein unablässiges Streben neu belebt; er ist einer derjenigen, von denen es heißt, daß sie des Wissens Brunnen gebohrt haben, er ist in des Wissens dunklen Schacht hinuntergestiegen und hat Halbvergessenes wieder hervorgeholt. Für den treuen Amlsgenossen verrichtete er in tiefster Erregtheit und in schlichter Ergriffenheit ein Gebet. Nach beendetem Gottesdienste begaben sich die so zahlreichen Freunde und Verehrer in die Wohnung des Jubilars, um ihm ihre Wünsche zu überbringen. Viele der Wünsche wurden mit sinnigen Angebinden und Geschenken begleitet. Wir können auch nur dem dreifachen Wunsch Ausdruck geben: Möge der gefeierte, gelehrte Jubilar bis ans endlose Ziel des menschlichen Lebens seiner werthen Familie, seiner Gemeinde und der Wissenschaft erhalten bleiben.

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