Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 25 (23.6.1899)
- Date
- 1899-06-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 25 Dr. Bloch's Wvckenschrrfk. Seite 469 Antisemitischer „Idealismus". Eine bemerkenswerthe Episode in der kürzlich in Berlin gegen die „Staatsbürgerzeitung" und den „Deutschen Generalanzeiger" stattgehabten Verhandlung wegen Aufre'zung verschiedener Elasten der Bevölkerung zu Gewalthätigkeiten bildete die offenherzige Erklärung des Geschäftsführers der „Staatsbürgerzeitung", Bruhn, daß er bei der Verbreitung der Sonderabdrücke der Pückler'schen Hetzreden lediglich geschäftliche Reclamezwccke im Auge gehabt habe. Die Leiter des antisemitischen Blattes, das in erster Reihe die Bekämpfung drs „jüdischen Mammonismus" sich zur Aufgabe gemacht haben will, werden von diesem Gefiändniß des Herrn Bruhn nicht sehr erbaut sein. Es kann ihnen nicht angenehm sein, daß in öffentlicher Gerichtsverhandlung der Nimbus des Idealismus, mit dem man sich zu umgeben beflissen ist, von gewiß einwandfreier Seite derartig zerstört wird. Uebrigens ist dem langjährigen Chefredacteur des Blattes, Dr. B a ch l e r, auch eine ähnliche „Unvorsichtigkeit" possirt. Als im Jahre 1892 in einer öffentlichen Versammlung seitens eines Parteigenossen der Vorwurf gemacht wurde, daß die „Staatsbürgerzeitung" „Juden-Annoncen" ausnehme, da entschlüpfte ihm die Bemerkung, er lasse sich da keine Vorbehalte machen, er werde Annoncen von Juden nach wie vor aufnehmen, er sehe nicht ein, weshalb man nicht das von Juden gebrachte Geld annehmen solle. Der „Ritualmörder" von Wiener-Neudorf. Am 13. Juni Nachmittags trug sich aus der Triester Reichsstraße ein unerhörter Vorfall zu. Ein großer, ärmlich gekleideter Mensch, der mit einem Bündel in der Hand und aufgeschnallten Koch-Utensilien ans dem Rücken ruhig seines Weges ging, begegnete bei Wiener-Neudorf einem Haufen Kinder. Kaum waren die Schulkinder seiner ansichtig gk worden, als sie in ein Geschrei ausbrachen: „Das i st d e r.J u d'. der uns abschlachten will!" — und ihn mit Steinen bewarfen. Einige der Rangen eilten nach den nahe gelegenen Ziegelwerken, wo sie den Arbeitern zuriefen: „Kommt schnell! Der I u d ist da, der C h r i st e n b l u t braucht! Am Rücken hat e r d i e S ch ü s s e l." Einige Arbeiter eilten denn auch wirklich auf die Straße und fielen über den Unglücklichen her, indem sie mit Stöcken und Fäusten ans ihn einschlugen. Der Fremde blieb, aus mehreren Kopfwunden blutend, ohnmächtig auf der Straße liegen. Nachdem die brutalen Menschen - noch die auf den Rücken des Fremden aufgeschnallte Suppenschüssel zertrümmert hatten, entfernten sie sich von dem Schauplätze. Der Ohnmächtige wurde in das Mödlinger Spital gebracht; es wurde constatirt, daß dem Unglücklichen eine Rippe gebrochen und mehrere schwere Berlctzungen am Kopfe beigebracht worden waren. Der Mißhandelte ist der zweiundvierzigjährige Bahnarbeiter Victor R o s s e a u aus Courtomer in Frankreich, katholisch und verheiratet; Er hatte mehrere Jahre beim Ban der sibirischen Bahn gearbeitet und kam über Preßburg nach Wien. Da er bei dem sibirischen Bahnbau seine eigenen Koch-Utensilien haben mußte, ist leicht erklärlich, wieso er eine Suppenschüssel mit sich trug. Die Kinder gaben an, daß schon am Donnerstag vorige Woche der Mann sich auf der Triesterstraße gezeigt und sie verfolgt habe, eine Behauptung, die gänzlich aus der Luft gegriffen ist, da Rosseau erwiesenermaßen zu dieser Zeit in Preßburg war. Mödling, 20. Juni. Das mehrfach verbreitete Gerücht, daß der französische Eisenbahn-Arbeiter R o s s e a u im Mödlinger Krankenhause gestorben sei, ist unbegründet. Rosseau wird vielmehr hergestellt werden und in etwa acht Tagen das Krankenhaus verlassen. Mit nicht geringer Genugthuung muß man es aber auch begrüßen, daß es der eifrigen Thätigkeit der Gendarmerie gelungen ist, jene Ziegelarbeiter, die sich an der Mißhandlung Rosseau's am meisten betheiligt haben, auszuforschen und daß diese rohen Gesellen also der verdienten Bestrafung nicht entgehen werden. Es sind dies: 1. Wenzel Drasch au, 34 Jahre alt, katholisch, verheiratet, aus Ruppau in Böhmen; 2. Johann H a r m a c e k, 25 Jahre alt, katholisch, verheiratet, aus Michowitz in Böhmen; 3. Ignaz Kräh. 37 Jahre alt, katholisch, verheiratet, aus Zebrakov in Böhmen; 4. Conrad H e i n z l, 42 Jahre alt, katholisch, verheiratet, aus Olberndorf (Bezirk GäßingZ 5. Johann S ch l e h o f e r, 39 Jahre alt, katholisch, verheiratet, ausKlein-Trebetschin in Böhmen; 6. Rudolph R o n c k a, 26 Jahre alt. katholisch, verheiratet, aus Hustinetz in Böhmen. Gegen diese wird die Untersuchung auf freiem Fuße durchgeführt. Die Vergeltung ist auf dem Marsche. Gewerbliche Reackion. — Der lederne Hosen-, heiße Würftel- und Flaschenbierkrieg. — Kampf Aller gegen Alle. — Verschärfte Sonntagsruhe. — Wer einem Andern eine Grube gräbt. — Nnbotmäßigkcit des niederen Clerus. — Das Facit des Antisemitismus. Wien, im Juni. Die Reaction auf gewerblichem Gebiete, die schon nahezu seit zwei Jahrzehnten ihr Unwesen treibt, Oesterreich zum Gespötts im Auslande gemacht und abderitische Zustände geschaffen hat, die ans Lächerliche streifen, war indirect und direct gegen die Juden gerichtet. Die Juden sollten ans Handel und Gewerbe, den Gebieten, wo ihnen relativ noch die freieste Bethätigung möglich ward, vertrieben, zumindest aber ihnen der Wirkungskreis nach Thunlichkeit eingeengt, der Erwerb so sauer und schwer als möglich gemacht werden. Die Gesetzgebung sollte der Büttel sein für die Durchführung der von mittelalterlichem Geiste eingegebenen Maßregelungen. Begonnen wurde mit der Einführung des Befalügungsnachweises, richtiger des Zunftwesens mit dem Feigenblatte. Die haarspalterische Scheidung der Gewerbebefngmsse entfachte einen Kamps Aller gegen Einen, Eines gegen Alle und schließlich Aller gegen Alle und hatte den bekannten ledernen Hosen- und heißen Würstelkrieg zum Gefolge, mit feinen widerlichen Scenen, einen Krieg;ul infinituni, zur tiefen Betrübniß jedes Patrioten und zum Gaudium der Feinde des Vaterlandes. Auch hier war die Action zu dem Zwecke unternommen worden, die Juden in ihrem Erwerbe zu schädigen. Es sollte ihnen die Möglichkeit benommen werden, gewerbsmäßig erzeugte Maaren, beziehentlich solche Maaren, die von Gewerben, welche des Befähigungsnachweises bedürfen, hergeftkllt werden, handelsmäßig zu vertreiben. Tie tiesernschneidenden Wirkungen dieser Action auf Handel und Gewerbe sind noch in Aller Erinnerung. Speciell die Juden wurden drangsalirt. Bei Erlangung des Befähigungsnachweises wurden ihnen die größten Schwierigkeiten bereitet, und hatten sie denselben nach großen Kämpfen endlich erreicht, wurde ihnen die Ausnahme in die Genossenschaften, den modernisirten Innungen, hartnäckig verweigert. Viele der bekannte, jahrelange schon in Krakau währende Streit wegen Aufnahme eines jüdischen Handwerkers in die Genossenschaft. Der zweite Act. dessen Spitze ebenfalls gegen die Juden gerichtet war, begann mit der Einführung der Sonntagsruhe; dieJuden sollten gezwungen werden, nebst demSabbath auch den Sonntag zu feiern. Bon den Hintermännern der antisemitischen Bewegung, den Clericalen, war die Sonntagsruhe allerdings als kirchliche Institution gedacht, allein die Macht dieser Hintermänner reichte denn doch nicht so weit und die Sonntagsruhe gestaltete sich zu einer socialen Einrichtung, die mit kirchlicher Feier nichts gemein hat. Nun begann der Kampf erst recht zu wütheu. Für die verschiedenen Gewerbe und Handelsgeschäfte waren auch verschiedene Verkaufszeiten, resp. Ruhepausen angeordnet. Die Fleischhauer fanden sich gegen die Selcher, die Gemischtwaarenhändler gegen die Kaufleute, die Bäcker gegen die Conditore u. s. w. benachtheiligt. Die Juden aber litten still und ergeben und fügten sich wie stets ins Unvermeidliche. Eine tragikomische Episode bildete der Flaschenbierkrieg, der jüngst mit einer empfindlichen Niederlage der Greißler gegen die Wirthe einen vorläufigen Abschluß gesunden hat. Die WlVthe. als die mächtigeren, haben über die Greißler, als die schwächeren Existenzen, gesiegt. Die Wirthe dürften sich jedoch dieses Sieges kaum lange erfreuen, denn die Posaune wird zum Kampfe geblasen, und der schließliche Ausgang des Existenzkampfes ist nicht abzusehen, da die bevorstehenden Wahlen in die Vertretungskörper, wo die Greißler die Wirthe numerisch überwiegen, leicht das Situationsbild verändern könnte. Der vorläufig letzte Act im gewerblichen Kriege hat sich in der letzten Woche abgespielt. Seitens der Wiener Statthalterei ist eine Regelung, die die Sonntagsruhe für Wien bezweckende Verordnung erflossen, gemäß welcher in den Sommermonaten für Handelsgeschäfte und Gewerbetreibende die gänzliche Sonntagsruhe eingeführt wird, eine Maßregel, die geeignet erscheint, den größten Theil der davon Betroffenen in ihrem Nahrungszweige aufs Empfindlichste zu schädigen. Darob großer Jammer