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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-06-23 · 25 (23.6.1899) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
25 (23.6.1899)
Date
1899-06-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 25 Dr. Blvch's Wochenschrifk. Seite 467 rüstmig der Arbeiterschaft sachlich unbegründet sei. Der Cäsar von Wien aber fühlt sich in seinem Größmwahnsinn über eine solche Noth Wendigkeit erhaben. Er fügt dem Wahlrechtsbetruge, hinsichtlich dessen es hoffentlich beim Versuche bleiben wird, auch den Hohn und den Schimpf hinzu, er nennt die Hunderttausende arbeitender Mitbürger, welche durch ihn und seine Partei in ihren politischen Rechten sich verletzt und bedroht fühlen, Buben, und sechs Mal Buben, denen er seine Verachtung bekundet. Das „Deutsche Volksblatt" hat wirklich Recht mit seiner Behauptung, daß wir in einer Zeit der ausgesprochensten Frechheit leben. So frech wie Herr Dr. Lueger hat sich noch kein öffentlicher Würdenträger benommen, der, an der Spitze einer Millionenstadt stehend, den Bewohnern ein leuchtendes Vorbild an Gerechtigkeit und Objektivität bieten sollte. Herr Dr. Lueger wird aber mit dem Austausch von Verachtung den Kürzeren ziehen. Wenn er allein seine Gegner verachtet, so kommt auf jeden Einzelnen nicht v el. Wenn aber alle die Hunderttausende von Wienern, und zwar nicht blos von Proletariern, sondern von Mitgliedern aller Stände und insbesondere der Wiener Intelligenz, ihre Verachtung auf ihn, den einzigen Dr. Lueger concentriren, so ist das vielleicht zu viel Uebergewicht für den einzelnen Mann, der mit der goldenen Kette so schwer belastet ist. In den Versammlungen haben zwar einige Polizeicvmmissäre den merkwürdigen Ausspruch gethan, daß Herr Doctor Lueger als Amtsperson unter besonderem gesetzlichen Schutze stehe, und sie haben sich für berechtigt gehalten, Angriffs gegen ihn zu unterdrücken. Unse.es Wissens steht es nirgends im Gesetz, daß man einen politischen Agitator deshalb, weil er auch Bürgermeister ist, nicht hinsichtlich seines persönlichen Charakters und seiner politischen Thätigkeit sollte kritisicen dürfen. Dem Herrn Dr. Lueger steht gerade wie jedem anderen Staatsbürger das Recht zu, seine Beleidiger vor Gericht zur Verantwortung zu ziehen, und er wird schon wissen, warum er bisher keinen einzigen von allen den öffentlichen Rednern und Zeitungsschreibern, die ihm politische Heuchelei, politische Gaunerei, Gesinnungslumperei u. s. w. vorwerfen, geklagt ha^. Der Polizei steht es nicht zu, diesen Herrn gegen solche Vorhalte in Schutz zu nehmen. Ihre Bemühungen in dieser Hinsicht haben nur sehr beschränkte Aussicht auf Erfolg, und dieser Erfolg ist nur in negativer Richtung zu erzielen, weil man vielleicht den Ausdruck der Verachtung gewaltsam inhibiren, zur Achtung aber Niemanden zwingen kann. Das aber ist heute sicher, daß der derzeitige Bürgermeister von Wien von einem nach vielen Hunderttausenden zählendem Theile der Wiener Bevölkerung positiv gehaßt und verachtet und von einem noch größeren Theile der Bewohner Wiens nicht geachtet wird. Die Polizei mag immerhin Herrn Dr. Lueger vor Beschimpfungen und Insulten in Schutz nehmen. Ec selbst aber mag sich die Frage vorlegen, ob er ein Bertraueusamt noch lange behaupten kann, in welchem er sich nicht auf das Vertrauen des Volkes, sondern auf die Wachsamkeit der Deiectives stützen kann. Mag Herr Dr. Lueger auch der Ansicht sein, daß er sich über die Gegnerschaft der Socialdemokratie, als einer einzelnen Partei, leicht hinwegsetzen könne und mag er immerhin die Angriffe der „Acbeiter-Zutuiig" als die eines speciellen Parteiorganes gering schätzen, allein wenn er über die Stimmung des großen Wiener Publicums und nicht blos über die der Frau Emilie Platter unterrichtet ist, so wird er erfahren, daß die Haltung der organisirten Wiener Arbeiter und der gesammten Bevölkerung mit der größten Sympathie verfolgt wird, und daß die „Arbeiterzeitung" mit der lapidaren Erklärung: „Wohin er auch fahren mag, die Verachtung des arbeitenden Volkes wird ihn überall erreichen", der Majorität der Bewohner Wiens aus der Seele gesprochen hat. * * In der Requisitenkammer der christlich-socialen Feuerwehr steht gleich neben der Frechheit der Byzantinismus. So wie die religiösen Gefühle, so mißbrauchen sie auch die dynastischen Gefühle des Volkes für ihre Parteizwecke. Als vor einigen Tagen der Kaiser eine Probefahrt auf der Wienthallinie machte, debutirte die „Deutsche Zeitung" mit der erlogenen Behauptung, diese Fahrt sei „fast verheimlicht" worden, weil Gerüchte verbreitet gewesen seien, daß bei diesem Anlasse Demonstrationen gegen die Wahlreform veranstaltet werden sollen. Die Demonstranten hätten, wie die „Deutsche Zeitung" sagt, „die Vollendung des neuen großenWerkes unsere r v i e l v e rlästerten Gemeindevertretung nicht vorübergehen lassen." Man braucht, um die Wahrheitsliebe und die Methode des Wähner'schen Blattes zu beurtheilen, eigentlich nicht mehr, als diese eine Fälschung zu betrachten, die darin liegt, daß die Wienthallinie ein neues Werk „unserer vielverlästerten Gemeindevertretung" ist. Unsere jetzige Gemeindevertretung ist viel verlästert; das ist vollkommen richtig. Aber an den Wiener Berkehrsanlagen ist sie gerade so unschuldig wie etwa an der Erbauung oder gar an der gegen ihren Willen geschehenen Erweiterung des Rothschildspitals. Nachdem sich das christlich-sociale Regime um die Stadt Wien kein anderes Verdienst erworben hat, als daß es für überflüssige Gaswerke Millonen verschleuderte, unternimmt es Herr Dr. Wähner, in dem ihm übertragenen unsauberen publieistischen Wirkungskreise die öffentliche Anerkennung durch das Einschmuggeln gefälschter Daten zu erschleichen. „Dieses neue große Werk unserer vielverlästerten Gemeindevertretung", sagt er von der Wienthalbahn. Das Epitheton „vielverlästerte" macht die Fälschung noch verwegener und deutscher, damit nur ja kein Zweifel darüber entstehen könne, daß der jetzige Gemeinderath die Wienthallinie geschaffen hat. „An das geneigte Ohr der Polizei", mit welchem also nicht blos Herr Be r g a n i, sondern auch Herr Dr. Wähner telephonisch verbunden zu sein scheint, sollen also Gerüchte von beabsichtigten Demonstrationen gelangt sein; diese sollten, so supponirt die „Deutsche Zeitung", den deutlichen Beweis liefern, daß Wiens Bürgerschaft und Wiens Arbeiterschaft einig seien in der Unzufriedenheit mit dem herrschenden System. Mit dieser nicht durch die geringste Tyatsache begründeten christlich-socialen Pfisterei wird selbstvecständlich nichts Anderes beabsichtigt, als der kaisertreuen Bevölkerung vorzulüge», daß die Gegner des christlich-socialen Regimes dessen fähig seien, die Ehrerbietung vor der über allen Parteien erhabenen Gestalt des Monarchen auch nur einen Augenblick zu vergessen. Eine so niedrige Denunciation begehen die Partisane jener Partei, die bei gewissen Anlässen, wo es tactlos war, den Dr. Lueger durch Hochrufe zu begrüßen, gerade den Dr. Lueger stürmisch begrüßen ließ. Der Versuch der Christlich-Socialen, auch diesmal die Loyalität als Agitationsmittel zu mißbrauchen, hat aber aus dem Grunde keinen Sinn, weil darüber, daß „Wiens Bürgerschaft und Wiens Arbeiterschaft einig seien in der Unzufriedenheit mit dem herrschenden System", heute nirgends mehr ein Zweifel möglich ist, und sicher auch an jeaer Stelle nicht, die richtig zu informiren zunächst die Pflicht des allein verantwortlichen Ministeriums ist. Der Herr Ministerpräsident Graf Thun liest aber hoffentlich nicht blos die christlich-socialen Zeitungen, sondern auch — den Polizeirapport. * * * Eine niedliche Fälschung seitens der „Deutschen Zeitung" belehrt uns darüber, daß die ganze Geschichte von dem französischen Arbeiter, der in Wiener-Neudorf gesteinigt wurde, weil ihn die Kinder für einen jüdischen Ritualmörder hielten, nichts als ein „T e n d e n z m ä r ch e n" ist. Der Mann ist nicht „schwer verletzt", und noch weniger ist er gestorben. Die Judenblätter brauchten den Mann eben nur, um dessen Erleb nß für wirksame Leitartikel auszuschroten. „So wird es gemacht", schreibt die „Deutsche Zeitung". „Ein geprügelter Jude, der durch sein Herumstreichen unter Kindern auch einen ganz anderen Verdacht erwecken kann, als den ritualmörderischer Absichten, gilt als Blutzeuge für die Verrohung und Entsittlichung der Christlich-Socialen. Nachzuweisen gilt es um jeden Preis, vor Allem um den der Wahrheit, daß durch sie die Jugend verderbt, Alt-Wien vernichtet, das Land zu Grunde gerichtet wird. Jedes moderne jüdische Tendenzmärchen endigt so. Man merkt zum Glück nicht mehr die Absicht und wird nicht mehr verstimmt." Aus einer wissentlich unwahren Voraussetzung gelangt da das von christlich-socialem Almosen lebende Blatt zu einer unwissentlich wahren Folgerung. In der officiellen und in allen Blättern veröffentlichten Meldung über die Mißhandlung des aus Sibirien hiehergekommenen Arbeiters R o s s e a u in Wiener-Neudorf wurde ausdrücklich aus den Documenten des armen Mannes constatirt, daß er ein Katholik sei. Das weiß die „Deutsche Zeitung" und sie convertirt ihn trotzdem meuchlings zu einem „geprügelten Juden". Der Fall würde aber nicht anders liegen, wenn dieser, vor den Thoren Wiens ohne jeden Anlaß überfallene und mißhandelte französische Arbeiter ein Jude gewesen wäre, und die Sache wird nur drastischer dadurch, daß in Oesterreich auch ein Christ seines Lebens nicht sicher ist, wenn man ihn für einen Juden hält. Wenn die „Deutsche Zeitung" meint, ein Jude könne sich durch das „Herumstreichen unter Kindern" auch anderer Dinge verdächtig machen, als eines Mordes,

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