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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-06-23 · 25 (23.6.1899) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
25 (23.6.1899)
Date
1899-06-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 466 Dr. Bloch's °Wochenfchrrfk. Nr. 35 und wo er hinkam, erregte er Bewunderung durch sein staunenswerthes Gesangstalent. War es nicht eine besondere Gnade Gottes, daß er schon als Jüngling von 23 Jahren den ehrenvollen Ruf dieser größten Gemeinde der Judenheit erhielt? Sein rascher Uebergang vom Leben zum Tode muß ebenfalls als eine Gnade Gottes bettachtet werden. Welch' bittrer Schmerz ist es für einen Mann der Kunst, wenn er am Abend seines Lebens sich überflügelt sieht, und er, der damals Gefeierte, in Vergessenheit geräth. Auf Goldstein aber kann man das Wort der Bibel anwenden: „Auf Deiner Höhe bist Du gefallen". Er kannte nur die Tage des Aufwärtssteigens, die Tage des Abwärtsgehens sind ihm erspart geblieben. So möge denn Dir, der Du so oft an offenen Gräbern gestanden und durch Deinen erhebenden Gesang die trauernden Herzen aus der Tiefe des Schmerzes emporgerichtet, die Erde leicht sein, möge es Dir vor dem göttlichen Richter als ein großes Verdienst angerechnet werden, daß Du die wunderbare Gabe, die Dir Gott verliehen, zur Verherrlichung Gottes benütztest und Tausende Herzen zur Andachtund Gottesverehrung hingerissen hast." * * * Nach der Rede setzte sich der Trauerzug in Bewegung und verließ durch das Mittelschiff den Tempel, um sich durch die Tempelgaffe auf die Praterstraße zu begeben, wo der vierspännige Leichenwagen harrte. Wohl nach Hunderten zählte die Menge der Wägen, die der Leiche folgten, tausendköpfig war die Menge, die weit bis am Ring hinaus zu beiden Seiten Spalier bildete. Auf dem Centtalfriedhofe, wo nach Aufstellung des Sarges wieder die Leidtragenden und sämmtliche Cantoren am Katafalk ihre Plätze einnahmen, sang Obercantor Singer abermals einen Trauerpsalm, worauf Oberrabbiner Dr. Güdemann das Wort ergriff. Grabrede auf den sel. Obercantor der israel. Cultusgemeinde, Herrn Joses Goldstern. Don Oberrabbiner Dr. Güdemann. „Nun ruht er selbst entseelt an dieser Stelle, wo er so oft mit seiner seelenvollen Stimme die Todtenklage vorgetragen hat! Seinen Zeitgenossen wird er nicht aus dem Gedächtnisse schwinden. Wer ihn jemals an einem Sabbath oder Festtag, und besonders an den hohen Feiertagen die Gebete im Gotteshause vorttagen gehört hat, der wird noch seinen Enkeln erzählen von dem merkwürdigen Manne, dessen Stimme im umgekehrten Verhältniß zu seiner äußeren Erscheinung stand. Gott hatte ihn klein geschaffen, aber aus der kleinen Persönlichkeit rang sich ein Wohllaut hervor, der Einen an die Schilderung der Offenbarung erinnern konnte. „Der Posaunenschall" — heißt es dort — „schwoll immer mächtiger und mächtiger an, Moses redete, aber die Stimme Gottes klang daraus hervor." So war es auch bei ihm. Ich habe seine Sangeskunst und ihre Wirkung auf die Zuhörer durch achtundzwanzig Jahre zu beobachten Gelegenheit gehabt. Es waren ihrer Viele, vielleicht die meisten, die nur an den hohen Feiertagen das Gotteshaus aufsuchten, und auch dies mehr aus alter Gewohnheit, denn aus innerem Drange. Aber wenn der feierliche Glockenklang seiner Stimme bald mächtig und mächtiger anschwellend, bald wie in einem Silberfaden leise dahinschmelzend über die tausendköpfige Zuhörerschaft hinzog, daun schmolz auch manches verhärtete Gemüth, und in der lautlosen Stille, die wie ein Bann auf der Gemeinde lag, hat sich wohl keiner jemals in solchen Augenblicken die Frage vorgelegt, ob ihm denn auch Sinn und Bedeutung der vorgetragenen Gebete verständlich seien. Er brachte sie Allen zum Verständniß, sein Gesang war der beste Dolmetsch der heiligen Gebetsprache, denn ein Jeder fühlte durch seinen Vortrag Herz und Sinn zu Gott emporgehoben, und über dieses Verständniß hinaus gibt es kein besseres. Dies Verdienst ist ihm hoch anzurechnen; er unterdrückte durch seinen Vortrag das Verlangen nach Instrumentalbegleitung, die so viele Gemeinden zerklüftet hat, und er hat dadurch unserem Gottesdienste seinen unbefleckten jüdischen Charakter erhalten. Nichts Bildliches, nichts Künstliches konnte auch den Zauber wecken, den seine Stimme hervorrief, mit welcher er die Zuhörer hinriß und mit andachtsvollem Verständniß oder verständnißvoller Andacht erfüllte. Und noch ein anderes Verdienst wollen wir ihm gedenken, das ihm seinen Platz in der Geschichte unseres Gottesdienstes für alle Zeiten sichern wird. Er hat immer voll Bewunderung zu seinem großen Vorgänger, dem Mitgründer unseres Gottesdienstes, zu Sulzer, aufgesehen. Er wollte ihn nicht übertteffen, nicht verbessern, sondern er setzte bei aller Eigenart seinen Stolz darein, im Sinne und Geiste des unvergeßlichen Meisters unseren Gottesdienst zu ererhalten. Und in der Behauptung dieses Stolzes kam ihm seine Bescheidenheit zu Hilfe. Er war wirklich bescheiden, und er durfte es sein, weil er selbst ein Meister war. Als ein Wunderkind ist er vor fünfzig Jahren aufgetreten, und er ist es im Grunde immer geblieben. Es lag etwas Kindliches, Anspruchsloses in ihm, was selbst das strenge Urtheil Schwächen gegenüber entwaffnete. Nun hat er ausgerungen und ausgesungen, und ich rufe ihm im Namen der Tausenden, die er erbaut und entzückt hat, in dankbarer Erinnerung die Worte nach, die er selbst so oft an dieser Stelle ausgerufen: „Gott hat ihn gegeben, Gott hat ihn genommen, der Namen Gottes sei gelobt". * * * Nach der tiefergreifenden Ansprache wurde der Sarg gehoben und Obercantor Singer überließ nun die gesangliche Function dem Herrn Cantor Blatt, der seit mehr denn 20 Jahre an der Seite Goldstein's wirkt. Großen Eindruck machte der vor der Beerdigung von weiland Professor Salomon Sulzer componirte und von seinem Sohne, Professor Josef Sulzer, trefflich dirigirte Chorgesang: „SchochnS bote chomer“, welche Piece nur bei ganz außerordentlichen Veranlassungen zum Vorträge gelangt; auch für die gewissenhafte und hingebungsvolle Vorbereitung wie ausgezeichnete Leitung sämmtlicher Chöre muß Herrn Professor Josef Sulzer rückhaltslose Anerkennung zngesprochen werden. Am offenen Grabe, das sich zwischen den letzten Ruhestätten der Besten unserer Gemeinde, des Altmeisters Sulzer, des gefeierten Redners Dr. I e l l i n e k, des Fortschritts- und Freiheitskämpfers und Helden Dr. F i s ch h o f und des verewigten Präsidenten Gustav S i m o n befindet, sandte Obercantor Singer seinem College» warme Abschiedsworte, und namens des Vereines „Montefiore" sprach ein Mitglied desselben. Die Sonne stand gerade in voller Mittagsgluth, als sich das Grab G o l d st e i n's schloß. _ Vom Jahrmarkt des Levens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Frechheit und Byzantinismus. — Das Nechenexempel der Verachtung. —Eine Pfisterei der „Deutschen Zeitung". — Das Herunrstreichen unter Kindern. — Erfreuliches von Wr.-Neudorf.) „Wir leben in einem Zeitalter der ausgesprochensten Frechheit und des unangenehmsten Byzantinismus". Wenn ein Preis dafür ausgeschrieben worden wäre, wie das öffentliche Leben in Wien unter der Herrschaft der Christlich-Socialen in einem einzigen Satze erschöpfend charakterisirt werden kann, so hätte dieser Preis dem Verfasser des citirten Satzes zuerkannt werden müssen, welchen wir soeben in dem Hauptorgan der christlichsocialen Partei, im „Deutschen Bolksblatt", gelesen haben. Frechheit und Byzantinismus, das sind die hervorstechendsten Merkmale der christlich-socialen Partei, ihres Führers Dr. Lueger und ihrer publicistischen Organe. Eine nach Hunderttausendeu zählende Schichte der Bevölkerung, die Arbeiterclasse, fühlt sich durch die von den Christlich-Socialen beschlossene Gemeindewahlordnung in ihren primitivsten Rechten bedroht und protestirt laut und energisch gegen den beabsichtigten Betrug. In Versammlungen, die von vielen Tausenden ehrlicher Arbeiter besucht werden, erfährtdas nichtswürdige Machwerk, dessen unverhüllter Zweck es ist, alle Nichtantisemiten in Wien eines wirksamen Wahlrechtes zu berauben, die schärfste Verurteilung. Die Erbitterung der Arbeiterschaft hat einen so hohen Grad erreicht, daß jedes einzelne Mitglied derselben bereit ist, mit dem Einsätze seiner Person und seiner Freiheit sich gegen die beabsichtigte Entrechtung zur Wehre zu setzen. Was wäre bei einer so gespannten Situation die Pflicht des Bürgermeisters von Wien? Er müßte sich doch wenigstens den Anschein des ehrlichen Willens und der guten Absicht geben, er müßte wenigstens den Versuch unternehmen, die Arbeiter davon zu überzeugen, daß sie ihm Unrecht thun, wenn sie ihm unlautere Absichten zumuthen. Die Gelegenheit hiezu ward ihm gegeben, als er im Gemeinderathe darüber interpellirt wurde, wie er sich zu dem Vorgehen der Sicherheitswache gegenüber den demonstrirenden Arbeitern verhalte. Es wäre Herrn Dr. Lueger unbenommen geblieben, in seiner Antwort die Demonstrationen selbst und die Veranstalter derselben zu tadeln und die „ordnungsliebenden Bürger" in Schutz zu nehmen, allein er hatte die stricte Pflicht und Schuldigkeit, allerdings vorausgesetzt, daß er dies im Stande gewesen wäre, den Nachweis zu versuchen, daß die Ent-

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