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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-06-23 · 25 (23.6.1899) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
25 (23.6.1899)
Date
1899-06-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 25 Dr. Vlvch's Wochenschrift. Seite 465 einer Pariser Gesangslehrerin ihrer Ausbildung im dramatischen Gesänge obliegt. Erwähnt man noch, mit welch' seltener Pflichttreue der Verblichene seit 42 Jahren sein schwieriges und heiliges Amt versah, so sind alle Borausbedingungen gegeben, die ihm ein dauerndes, anerkennungsreiches Andenken nicht nur der Mitwelt sondern auch kommender Geschlechter verbürgen. Möge er sanft ruhen. Obercantor Singer, Wien. -i- * * Montag fand eine Vertreter- und Borstandssitzung, in welcher der Präsident kais. Rath Heinrich Klinger dem Hingeschiedenen Obercantor der Gemeinde einen warmen Nachruf widmete und Anordnungen betreffend die feierliche B-erdigungs-Ceremovie getroffen worden. Nachmittags 3 Uhr versammelte sich der Bethausvorstand der Cultusgemeinde und der Vorsitzende, Vicepräsident Dr. Gustav K o h n, gab in tiefempfundenen Worten dem Schmerze über den Verlust der Wiener Cultusrepräsentanz Ausdruck. Die Beerdigungsfeier fand Dienstag den 20. d. M. statt. Das Innere des Leopoldstädter Tempels, wohin um halb 11 Uhr der Sarg getragen wurde, prangte im Trauerschmucke; vor der Bundeslade stand mit schwarzem Tuche bedeckt der schlichte Holzsarg. Eine ungeheure Menschenmasse hatte das Innere des Tempels bis aufs letzte Plätzchen gefüllt, während eine nach Tausenden zählende Menge draußen auf der Praterstraße harren mußte, bis der Conduct sich auf die Straße begab. Präcise halb 11 Uhr fanden sich auch neben den trauernden Hinterbliebenen der Präsident der israelitischen Cultusgemeinde, kais. Rath Heinrich Kling er mit der Vorstandsmitgliedern: Baurath Theodor Ritter von G o l d s ch m i d t, Baurath Wilhelm S t i a ß n y, Docent Dr. Josef G r ü n f e l d, Sal. R o s n e r, Director David Simon. Dr. Marcus Spitzer, die Beihausvorsteher Stiaßny, Wasservogel und Wolf, den ersten Secretär kais. Rath Dr. Theodor Lieben an der Spitze zahlreicher Beamter der Cultusgemeinde, die Vorsteher der Chewra-Kadischa Horner und R o s e n b a u m, des Präsidenten der theologischen Lehranstalt Moriz K a r p e l e s, die Tempelvorsteher G. B e t t e l h e i m, S. M e i s e l s, C. S e l i g m a n, S. S t r a ß b e r g, Gemeinderath Tagleicht, die Präsidenten der türkisch-israelitischen Gemeinde M. R u s s o und A d u t t, Rabbiner Dr. G e l b h a u s, kais. Rath Jgn. W i l h e l m. den Vorsteher des Vereines zur Unterstützung handlungsangehörigec Israeliten, Heinrich T e l t s ch e r, Professor L ö w e n st a m m, der Director der Kinderbewahranstalt Max Fischer, viele Deputationen der hiesigen Tewpel- und Humanitären Vereine rc. Die beiden Vicepräsidenten Doctor Alfr. Stern und Dr. G. Kohn waren von Wien abwesend. Es erschienen ferner sämmtliche Cantoren Wiens und nahmen alle neben den Sarg auf der Estrade Aufstellung. Obercantor Singer, assistirt vom Chorpersonale beider Tempel und den Cantoren Wiens, leitete die Feier mit einem Trauerpsalm ein; tief ergreifend vom zarten Piano bis zu mächtig anschwellenden Tönen sang er dem dahingeschiedenen Amtsbruder sein Trauerlied, welches dann der gesummte Cyor begleitete. Nun betrat Ober-Rabbiner Dr. Schmied! die Kanzel. Rede am Sarge des Herrn Obercantors Josef Goldstern am 20. Juni 1899 im Leopoldstädter Tempel, gehalten von Rabbiner Dr. Schmied!. „Jossef ennenu.“ Mit diesem schmerzlichen Ausrufe trete ich tiefbewegt zu dieser Todtenbahre und vor diese große, hochgeehrte Trauergemeinde. „Gott, was ist der Mensch, daß Du in Deiner großen Schöpfung ihn so vorzüglich bedacht hast; am Morgen steht er wie die Blume in ihrer Frische vor uns da und am Abend ist er bleich und welk". Wie haben sich diese wehmüthigen Worte in ihrer traurigsten Bedeutung an Dir, Obercantor Josef Goldstein, erfüllt! Als am jüngsten Freitag in später Nachmittagsstunde wir Beide an der Bahre eines scheidenden Menschknbruders standen, da eryvb er noch mit der ganzen Machtfülle seiner gewaltigen Stimme den lithurgischen Ausruf: „Sage dem Engel, daß er loslasse, zurückziehe seine vernichtende Hand" und als bald darauf zum Beginne des Sabbath-Abendgebetes er hier hereintrat, da bemerkte er, an meinem Sitze vorübergehend, daß gerade dieser Sabbath in der Geschichte seines Lebens einen wichtigen Gedenktag bilde, da er an diesem Tage vor 41 Jahren zum ersten Male in diesem großen heiligen Hause seine betende Stimme erhoben hatte; man merkte ihm auch sichtlich die innere Gehobenheit an, da er an diesem Abend die dicht geschaarte Menge begeisternd mit sich fortriß. Ebenso auch an dem folgenden Tage, wo er nach die große Haphtarah dieses Sabbaths mit wahrer Jugendfrische und seiner glockenhellen Stimme vortrug. Und ach, wenige Stunden nachher ereilte uns die erschütternde Schreckenskunde: „Jossef ennenu — Obercantor Josef G o l d st e i n ist todt." Wahrlich, dieses heilige Haus wird lange trauernd seines großen Gesaugmeisters gedenken. An jedem Freitag Abend, wenn wir zu jener Stelle gelangen, welche die Weihe des Sabbaths verklärend darstellt (Mögen aboth), wird in jedem Ohr die wunderbare Gesangsweise wiederklingen, wie der Heimgegangene bei jedem Theile dieses Gebetes an der melodischen Stufenleiter immer eine Stufe höher emporklomm und immer höher, bis er an der Klymax den höchsten Gipfelpunkt erreichte. Ebenso an jedem hohen Festtage, wenn bei geöffneter Bundeslade er die göttliche Barmherzigkeit in ihrer unendlichen Langmuth anrief, wir glaubten, mächtig ergreifende Sphären-Töne zu vernehmen. Und wer vermag zu schildern, wie er den heiligsten Tag des Jahres durch seinen bezaubernden Gesang uns verklärte, bis er am Schluffe des Tages mit seinem „Unser Vater, unser König" alle Herzen mächtig ergriff. Wahrlich die zwei großen Gesangsmeister, Salomon Sulzer und Josef Goldstein, werden in den Annalen dieser großen Gemeinde immer ein unverwelkliches Ehrenblatt behalten; zugleich aber erscheint uns in diesen beiden Meistern des gottesdienstlichen Gesanges Dasjenige, was die Wissenschaft die Bererbungstheorie nennt, seine volle Bestätigung zu finden. Beide gehörten dem Stamme Lewi an, und es erscheint dies als ein bedeutungsvolles Moment. Aus unserer ältesten, glorreichen Nationalgeschichte sind uns die großen Gesangschöre aus dem Stamme der Lewiten rühmlichst bekannt. Nach den Lehren der Thora, welche jedes sichtliche, die Sinne fesselnde Bildniß von der Schwelle des Heiligthums strenge ferne hält, sollte nur die dem Menschen von Gott verliehene Macht des Gesanges dazu berufen erscheinen, die Herzen emporzuheben zu Gott. „Ihr habt keine Gestalt wahrgenommen, außer die Stimme". Die dem Menschen von dem Schöpfer verliehene Stimme besitzt die wunderbare E gnung, daß sie zwischen den zwei verschiedenen Welten, der Sinnes- und der übersinnlichen Welt, die Mitte hält. Keinem der menschlichen Sinne macht sich die Stimme wahrnehmbar, außer dem Gehör, und auch an diesem zieht sie blitzschnell vorüber, nur in der Seele ihren mächtigen Eindruck zurücklassend. Darum sollte die Stimme, sei es als gesprochenes Wort, sei es als Gesang, Gott verherrlichend, im Heiligtchume ihre Wirksamkeit ausüben. Jedoch Gesang und Dichtung sind zwei zusammenhängende Factoren, denn nur der seelenvolle Gesang besitzt die Macht, die Herzen zur Welt des Unsichtbaren emporzutragen, und so kommt es, daß wir dem Stamme der. Lewiten Beides, sowohl die großen Sänger, als auch die großen Dichter, verdanken. Nun könnte man fast die Behauptung wagen, daß diese große Doppllgabe durch Fahrtausende der Geschichte sich in dem noch fortbestehenden Stamme der Lewiten fortvererbt. Der gefeiertste Dichter des Mittelalters Jehuda Halewy und noch eine ganze Gruppe von großen Dichtern trug denselben Stammnamen auf sich. Ja noch am Beginne dieses Jahrhunderts gab es in der französischen Hauptstadt einen neuhebräischen Dichter Namens Elia Halewy, der in einer poetischen Schöpfung Alles übertraf, was jemals aus einer begnadeten Dichterfeder hervorgeflossen ist, und ein Sohn dieses Dichters war der weltberühmte Tondichter Frommenthal Halewy. Daher scheint es uns nicht bedeutungslos, daß die zwei großen Meister der Cantorenwelt, Salomon Sulzer und Josef Goldstein auch drm Stamme Halewyan gehörten. Doch so ähnlich die Gesangsweise der beiden großen Meister war, so schieden sie sich doch in einem wesentlichen Punkte. Auf Sulzer, dem unvergleichlichen Bariton, konnte man den Spruch anwenden: „Aus der Tiefe rufe ich Dich, mein Herr"; Goldstein's Gesangsweise können wir nicht mit Unrecht ..8ebir tiamaalotll — die immer höher emporführende Stufenleiter" nennen. Josef Goldstein, wenn wir Dein Gesangsleben überblicken, finden wir, daß auch von Dir, sowie von Deinem biblischen Namensbruder gesagt werden kann: „Gott war mit Josef und er war ein glücklicher Mann" (1. B. M.). Bon der Wiege bis zum Grabe geleitete ihn die besondere Gnade Gottes; denn schon in seine Wiege wurde ihm das reiche Pathengescheuk des wundervollen Gesanges gelegt; als I4jähriger Knabe machte er seine Triumphreisen durch viele Gemeinden unseres Vaterlandes

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