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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-06-23 · 25 (23.6.1899) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
25 (23.6.1899)
Date
1899-06-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4€i4 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 3ö Kinder ohne den Genuß des Schulbesuches bleibt, läuft in Argentinien fast eine Million italienischer-, spanischer und argentinischer Kinder umher, die nicht lesen und schreiben lernen, trotzdem fast überall hinreichend Gelegenheit geboten wird, und die Landesregierurg, so viel Mißgriffe sie auch im inneren Staatsleben gemacht haben mag, von Anfang ihrer Begründung an dem Schulwesen eine bewunderungswürdige Aufmerksamkeit widmete. Die in dem anderen Theile der Eolonie befindliche Schule ist bedeutend besser als die vorige eingerichtet und wird von dem Hauptlehrer, einem Herrn Bensiemol, geleitet. Hier hatte der Colonieinspector einen schmucken Obstgarten angelegt und denselben der Pflege der Kmder anheimgcstellt, um in ihnen Liebe und Verständniß für den Obstbau zu erwecken. Leider waren aber alle Bemühungen der Lauheit des Pädagogen halber vergebens, und schon zwei Jahre nach der Pflanzung waren die Bäume fast alle eingegangen. Ein großer Uebelstand, der hier oft alle Hoffnung auf eine ausgiebige Ernte zerstört, sind die so häufigen Trockenperiodeu kurz nach der Aussaat und die gefürchteten Heuschreckenschwärme. Leider wurde die Eolonie gerade in den letzten Jahren von diesen Jnsecten arg heimgesucht. Die Heuichreckengefahr ist besonders oft aufgetreten und hat in manchen Provinzen die Ernten völlig zerstört. Die hiesige Regierung kommt dem colonialen Unternehmen stets mit großer Bereitwilligkett entgegen und errichtete inmitten der Ansiedelung eine Post- und Polizeistation. Die junge Ansiedelung schreitet, wenn auch langsam, einer stetigen Entwicklung entgegen und gilt schon heute als Eentralpunkt höherer landwirthschaftlicher Eultur. Das ungemein schwierige Problem, ein Bolk, welches sich durch Jahrhunderte hindurch dem Handel und Schacher widmete und nie eine rauhe Arbeit kannte, dem Ackerbau zuzuführen, ist in nur wenigen Jahren gelöst worden. Besonders die Jugend hat sich den hiesigen Verhältnissen mit Leichtigkeit angepaßt; die Geschicklichkeit, mit der sie die halbwilden Rinder einlassirte und bic Pampaspferde zu bändigen wußte, ist im höchsten Grade bewunderuswerth. „Vor zwanzig Jahren", warf Herr Bab lächelnd ein, „hätten Sie den Leuten für das Besteigen eines der Hiesigen Pferde tausend Mark an bieten können,' und Sie hätten mit Sicherheit ihr Geld in der Tasche behalten. Heute hingegen werden die jungen Burschen schon ebenso gut mit den Thieren fertig wie der kühne Gaucho der Panipa." An einem der letzten Nachmittage lud mich der Jnspector ein, dem reichsten der Colonlsten, einem Herrn Strauch, geureinschaftlich unseren Besuch abzustatten, dem ich gern Folge leistete. Da die Entfernung eine ziemlich große war, wurde zur Abwechslung angespannt, und so fuhren wir gemächlich durch die hohen Maisfelder. In Alice, dieses war nämlich der Name jenes Gutes, nahmen mis Herr Strauch und seine Gemalin, eine äußerst liebenswürdige Erscheinung in Empfang und führten uns in ein kleines, aber schmuck gehaltenes Häuschen, das, vorn edlen Wein fast völlig eiugehüllt, einen frischen ländlichen Eindruck machte. Die Dame des Hauses, eine Argentinierin, die in Wien ihre Erziehung genossen hatte und flott deutsch sprach, geleitete uns nach dem Essen in den kleinen anstoßenden Musiksalon, woselbst sie uns auf einem Wiener Flügel einige Mozart'sche und Bach'sche Musikstücke zum Besten gab. Nachdem sich dre größte Nachunttagshrtze gelegt hatte, verließen wir das Gehöft, um die Viehheerden in Augenschein zu nehmen. Am Rande eines Waldes wurde Halt gemacht und der ausgedehnten Pfirsichplantage ein Besuch abgestattet. Es war gerade Herbstanfang, der hier in die Monate März-April fällt, und die Bäume hingen derart voller Früchte, daß viele mit langen Gabeln vor dem gänzlichen Zusammenbrechen gestützt werden mußten. Später machten wir noch einen Ausflug in die wogenden Getreidefelder, um uns erst gegen Abend von unseren aufmerksamen Wirthen dankend zu empfehlen. Trotzdem die Eolonie durch Jahre hin schwer unter Trockenheit und Heuschreckengefahr zu leiden hatte, so hatten doch die Menschen nicht den Muth verloren und immer wieder gepflügt und gesäet, besseren Zeiten hoffnungsvoll entgegenschauend. Ja, noch einem anderen Uebel hatte sie zu begegnen gewußt, den Viehdiebstählen. Während der ersten Jahre nämlich hatten die Ansiedler fortwährend unter den Angriffen räuberischer Horden zu leiden. Um diesem Mißstande vorzubeugen, wurde eine Anzahl Waffen gekauft und die junge Mannschaft eincxercirt. Nächtliche Patrouillengänge bereiteten den Viehräubern bald so viel Schwierigkeiten, daß sie von ihrem Vorhaben für immer absehen mußten. Aus alledem, was ich in den Tagen meines Besuches sah, kann ich der kleinen Ackerbaucolonie eine frische, freudige Znkunft Voraussagen; der Anfang ist gemacht und der schwierigste Theil überwunden, für die Zukunft sorgt schon die den Juden ergenthümliche Beharrlichkeit. Zu wünschen wäre aber insbesondere, daß dem kühnen Unternehmen ein so tüchtiger Mann wie der Jnspector Bab erhalten bleibt, der in der uneigennützigsten Weise den Eolonisten in Allem zur Seite steht und sie über Vieles, was Getreide- und Obstbau betrifft, unterrichtet. Fern von der deutschen Reichshauptstadt, hat sich derselbe hier ein wirkungsreiches Arbeitsfeld gesucht und sein Wissen und seine Kräfte einem edlen Werke zur Verfügung gestellt. Hermann B ö t t r i ch. I Josef Goldstein » Obercantor der israelitischen Cultusgemeinde » in Wien. I Geboren am 27. März 1836 Gestorben am l7. Juni 1899 I Kecskemet. Wien. I Wieder haben wir den Heimgang eines unserer hervorragendsten jüdischen Cantoren zu beklagen, und es gibt ihrer gar so wenige. Schon an der Wiege Josef G o l d st e i n's erklangen all' die heiligen Weisen, die später seinen Lebensinhalt bildeten; denn auch sein Vater war ein ausgezeichneter Chase», an dessen Art und Gesangsweise sich das Talent des Knaben, Jünglings und Mannes emporrankte. Verhältnisse allerdings veranlaßten schon den zarten Knaben, das Vorbeterpult zu betreten, um an heiliger Stelle vor einer vieltausendköpfigen Gemeinde vieler Länder zu singen und zu sagen und die Zuhörer nicht allein zur Andacht zu stimmen, sondern auch zur Bewunderung hinzureißen. Nicht nach conservatoriumüblicher Gepflogenheit singend, sondern getragen von der elementaren Gewalt jugendlichen Feuers, war es selbstredend der Zauber seiner herrlichen Sopranstimme, welche dem zarten Kinde seinen Lebensweg als junges, allgemein bewundertes Vorbeterlein ebnete: einem Lebensweg, dessen strengen Principien er auch später als Jüngling und Mann treu blieb. Ueberschlägt man im Lebensbuche Goldstein's einige Blätter, die seine rühmliche cantorale Thätigkeit an kleineren Gemeinden verzeichnen, so müssen wir unwillkürlich bei jenem Lebensblatte verweilen, welches den Beginn seiner cantoralen Wirksamkeit in der Wiener Großgemeinde offenbart. Das war eine schwer zu bewältigende Arbeit, die Goldstein leistete, und dieser Arbeit muß rückhaltlose Anerkennung zuerkaunt werden. Die weltbewegende, resormatorische Thätigkeit, Sulzer's auf synagogal-gesanglichem Gebiete, die wie eine hellstrahlende Sonne die jüdischen Gotteshäuser erleuchtete, ließ Goldstein keinen Spielraum sür eine diesbezügliche weitere Ausgestaltung; es galt, entweder die im Schir-Zion vorgezeichneten Pfade gedankenlos weiter zu wandeln oder irgend einen Gesichtspunkt aufzufinden, der den Sulzer'schen Offenbarungen zumindest als gleichwerthig gegenübergestellt werden könnte. G o l d st e i n war mit sich alsbald im Reinen; das Erstere unbedingt zu befolgen, hieße seine eigene Individualität verleugnen und die eines Andern gedankenlos copiren — das war ihm, wie jedem besser Denkenden nicht möglich, so griff er beherzt in die Rüstkammer der eigenen Erfahrung, um dem dort vorfindlichen Materiale, dem im Vaterhause erlernten und von Kindesbeinen an mit allgemeiner Anerkennung vorgeführtcn Traditionsgesang Geltung zu verschaffen. Unterstützt von einer glanzvollen, leicht beweglicher? und umfangreichen Tenorstimme, verstand es Goldstein, die altgewohnten Gesänge in solch' meisterhafter und die Herzen bezwingender Weise zum Vortrage zu bringen, daß diese seine Richtung alsbald zum Durchbruche gelangte und ihn zum erklärten Liebling seiner Gemeinde machte. Der Charakter der von dem Verewigten beispielsweise an den hohen Feiertagen so überaus eindringlich vorgetragenen Gesänge ist Gemeingut der durch seine 40jährige Amtsthätigkeit mit ihm großgezogenen Generationen geworden und es dürfte überaus schwer fallen, die von Goldstein seit Decennien eingeführten, daher altgewohnten Rccitationen ganz zu umgehen; in seiner Jugendarbeit Schire. Jeschurun finden sich die meisten dieser Recitative verzeichnet; Goldstein war nicht allein wegen seiner außerordentlich cantoralkünstlerischen Begabung, sondern auch wegen seiner concilianten Lebensanschauung ein vielumworbener und äußerst beliebter Mann; blieb auch er allerdings von des Lebens Schatten nicht verschont, so waren cs trotzdem zumeist die Genien der Fröhlichkeit, die ihn umgaukelten, und diese neidenswerthe Lebensauffassung blieb ihm eigen, bis die Schatten des Todes wie ein Blitz aus heiterem Himmel sich Plötzlich auf ihn herniedersenkteu. Nachdem er am Samstag den 17. d.M.noch den Vormillagsgottesdienst mit jugendlicher Kraft und mit großer Gefühlsiunigkeit celebrirte und munter und fröhlich nach gewohnter Weise die Vormittags- und Nachmittagsstunden inmitten seiner Familie verlebte, traf ihn Abends, nahe am Ausgange des Sabbaths, der jähe Tod. An der Bahre Goldstein's trauern eine Witwe, zwei überaus begabte Söhne und ein Kranz von Töchtern, von denen die jüngste, das vom Carltheater her bekannte Fräulein Golz, sein Geiaugstalent geerbt und im Angel'blicke bei

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