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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-06-23 · 25 (23.6.1899) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
25 (23.6.1899)
Date
1899-06-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 25 De. Bloch's Wochenschrift. Seite 463 Mord, w e n n m a n s e i n e n F e i n d t ö d t e t, sei es voll rückwärts, sei es in einem Hinterhalte." Escobar geht sogar bis zu folgendem Satze: „Wenn Jemand seinen Feind tobtet, mit dem er sich versöhnt hat, unter dem Versprechen, seinem Leben nicht nachzustellen, so kann man doch nicht sagen, daß er ihn in verrätherischer Weise tödtete, wenn nicht zwischen ihnen eine besonders vertraute Freundschaft existirt hat? (7. Brief.) Für den Dreyfus-Proceß von besonderem Interesse ist, was über die Richter gesagt wird. Diesmal ist es Castro Palao, den Pascal in seinem 8. Briefe citirt. Hier seine Worte: Darf ein Richter in einer Rechtsfrage einer wahrscheinlichenAnsicht gemäß richten, indem er die wahrscheinlichere Meinung ausgibt? Ja und selbst gegen seine Ueberzeugung (c. ontrapropriam opimione m). Man sieht, daß ein Richter, welcher von der Schuld Esterhazy's überzeugt ist, diese wahrscheinlichere Meinung preisgeben darf, wenn nur die Schuld eines Anderen der Menge ebenfalls wahrscheinlich erscheint. Und man ahnt die Gründe, welche in Wirklichkeit das Berhängniß auf das Haupt des unglücklichen Dreyfus herabgeschworen haben mögen, denn man liest, wie nach den Grundsätzen dieser Moral Derjenige behandelt werden kann, der unbequeme Geheimniße weiß und unvorsichtig genug ist, sie nicht bei sich zu behalten. „Wenn Derjenige, welcher uns vor Leuten von Ehre heräbsetzt, damit fortfährt, nachdem er aufgefordert worden ist, aufzuhören, so ist es uns gestattet, ihn zu tödten, freilich nicht öffentlich aus Furcht vor dem Scandale, sondern insgeheim. (8ed clam!) Sed clam! Das ist die einzige Bedingung, welche durch diese verworfene Moral an die Tödtung eines Menschen geknüpft wird, wie wir in unserem Schlußartikel zeigen werden. Immerhin ist es gut, das Alles zu wissen, bevor man sich über die Moralphilosophie des Talmud ein Urtheil erlaubt, der ja überdies schon durch seine hebräisch-aramäische Sprache den heutigen Juden meist unzugänglich ist, während die Lehrbücher der „bequemen Frömmigkeit" in lateinischer und in französischer Sprache allgemein zugänglich waren und für den fpeciellen Gebrauch der Gewiffensberather geschrieben waren und sind. Der gründliche Zola dürfte, den Spuren Pascal's nachgehend, die Originale längst genau kennen gelernt haben. In ihnen scheint er die Technik der Dunkelmänner gefunden und im Proceß Dreyfus ihre Machinationen wieder erkannt zu haben. Von der jüdischen Ackerbaurolonie in Argentinien. (Aus dem „Berliner Tageblatt".) Buenos -Aires, im April 1899. Es ist gewiß noch in lebhafter Erinnerung, wie vor einer Reihe von Jahren in Rußland die Judenverfolgungen ausbrachen, und eine große Anzahl armer Familien mit Kind und Kegel zur Auswanderung gezivungen wurde. Naturgemäß wurden nur die minderbegüterten Israeliten des Landes verwiesen, um nicht auch das für die Staatsfinanzen wichtige jüdische Capital zu verlieren. Gleichzeitig mit den Judenverfolgungen aber verbanden sich die verschiedenen jüdischen Gesellschaften Europas und stifteten einen großen Fonds zur Unterstützung der Unglücklichen. Sowohl in London als auch in Berlin, Wien und Paris wurden große Vereinigungen, die in allen Theilen des Landes Untersectionen besaßen, ins Leben gerufen. Die Centralleitung jener Gesellschaften lag in Paris. Von hier aus wurden in Nordamerika, Palästina, Argentinien rc. Ackerbaucolonien gegründet, die den Zweck hatten, die Unglücklichen aufzunehmen. In Argentinien befinden sich deren drei, von denen Mauricio der Bundeshauptstadt am nächsten liegt. Da Schreiber dieses häufig die widersprechendsten Gerüchte über die Verhältnisse, die in diesen Ackerbaucolonien herrschen sollten, gehört hatte und sich persönlich für dieses Unternehmen sehr interessirte, jo beschloß er, sich eines Tages auf den Weg nach der Colonie Mauricio zu machen. Auf ein Schreiben, welches ich dem Leiter der Colonie, Herrn Bab, sandte, erhielt ich eine freundlicke Einladung mit dem Bemerken, mich gleich für einige Wochen einzurichten, da die Größenverhältnisse der Colonie (260 Ouadratkilomer) bei einer genauen Besichtigung aller Einrichtungen auch einen längeren Aufenthalt nöthig machten. Kurz entschlossen machte ich mich auf den Weg und langte nach etwa neunstündiger Eisenbahnfahrt in Casares, der letzten Eisenbahnstation an, woselbst mich ein mir entgegengesandtes Fuhrwerk aufnahm und nach der einige Meilen entfernten Colonie brachte. An der Einfahrt begrüßte mich Jnspector Bab in freundlicher Weise und lud mich sogleich ein, die verschiedenen Gebäude und die Einrichtung der kleinen Centralleitung zu besichtigen. Genannter Herr geleitete mich in mehrere größere Schuppen, die zur Aufnahnie von Getreide mid Maschinen dienten, und zeigte mir zwei mächtige Locomobilen, die zur Zeit der Ernte zum Getreidedreschen Verwendung finden. An diese Gebäude schlossen sich die Wohnungen des Inspektors, die des Hauptlehrers und das Versammlungslocal der Gemeindeältesten an. Jsolirt von allen diesen Bauten befindet sich ein Hospital, an dessen Spitze ein junger Arzt steht, der aber infolge des guten Gesundheitszustandes der aus 165 Familien mit etwas über 1000 Seelen zählenden Colonie nur wenig zu thun hatte. Indem wir einen kleinen Weidenwald durchschreiten, gelangen wir zur Colonialwaarenhandlung und den Wohnungen der Schmiede, Tischler, Schlosser rc. Kurz und gut. Alles, dessen eine kleine Niederlassung zu ihrem Bestehen bedarf, ist hier auf einem kleinen Platze vereinigt. Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß auch die Handwerker jüdischer Konfession sind. Der Dorfschmied und seine Gesellen hieben gerade wuchtig auf ein breites Bandeisen ein, welches sie für eineu der im Hofe stehenden Lastkarren zusammenschweißen wollten. Was mir auf meinen Ausritten zuerst auffiel, war, daß die Leute alle blond waren und deutsch sprachen, wenn auch in einem mir unverständlichen Dialect. Auf mein Befragen erklärte mir Herr Bab, daß die Bewohner dieser Colonie aus der Umgebung Odessas stammten, und daß die dortigen Juden seit Jahrhunderten ihre deutsche Sprache gewahrt hätten. Als damals die Notiz durch die Presse ging, daß die Leitung der jüdischen Vereinigungen in Paris beschlossen habe, die in Rußland ausgewiesenen Familien nach Argentinien zu schaffen, um Ackerbaucolonien zu gründen, entlockte dieselbe vielen Tausenden von Zeitungslesern nur ein mitleidiges Lächeln. Und mit Recht mußte man jenem kühnen Unternehmen, welches darin bestand, ein Volk, das durch Jahrtausende hindurch vom Schacher und Handel gelebt hatte, zu Bauern umzuwandeln, mit einigem Unglauben entgegentreten. Während meines langen Aufenthaltes in Mauricio hatte ich hinreichende Gelegenheit, in die ganzen Verhältnisse einzudringen und mir von den Fortschritten, die die junge Ansiedelung in den wenigen Jahren ihres Bestehens gemacht hatte, volle Rechenschaft abzulegen, und werde ich jetzt in Folgendem auf die einzelnen Punkte näher eingehen. Die seinerzeit von Europa 'nach Argentinien gereiste Commission kaufte unter Anderem in der Nähe der etwa neun Eisenbahnstunden von Buenos-Aires entfernten Station Casares zwei große Estanzien (Bauerngüter), „Alice" und „Algaroba", an, die sie zu eineni Ganzen verband und ihm zu Ehren des Baron Hirsch den Namen „Mauricio" (Moritz ist bekanntlich der Vorname des verstorbenen Barons) gab. Der Gefahren halber, die die neuen Ansiedler wegen der im Lande umherstreifenden Spitzbubenbanden liefen, wurde stets sechs bis neun Familien ein großes Stück Land, nicht unter 60 Hektar per Familie, mit dem Anheimgeben zugewiesen, sich ihre Häuser im Centrum desselben zu errichten, um sich so gegenseitig vor Ueberfällen zu schützen. Die ersten Jahre, die die Colonie hier verbrachte, waren Jahre großer Entbehrung, denn es mangelte den Leuten an den nothwendigen Kenntnissen im Ackerbau, auch nahm das Zähmen der Zuchtthiere, deren man bedurfte, um die Saat zu bestellen, viel Zeit in Anspruch. Die Männer und Frauen begannen, sich im Reiten zu üben, und ließen trotz immerwährender Mißerfolge nicht nach, bis sie fest im Sattel saßen. Aber zu diesem Zwecke mußte zuerst die alte heimatliche Kleidung, besonders der fast bis zur Erde reichende lange Rock, umgestaltet werden. Selbst die zu beiden Seiten der Schläfen hinunterfallenden Schmachtlocken, die die Juden Rußlands besonders auszeichnen, fielen alsbald der Scheere zum Opfer, und so blieb von der alten charakteristischen Ausstaffirung nichts mehr übrig. Auf wilden Pferden reiten sie durch die Ebene und treiben ihr Vieh zu den Gehöften zurück, lassiren mit großer Geschicklichkeit Stiere und Pferde ein oder schreiten bedächtig hinter dem von kräftigen Ochsen gezogenen Pfluge einher. Ueberall sieht man frisches, freudiges Leben und Streben, blühende Felder und wohlgenährte Heerden. Die Häuser der Colonisten sind der Landessitte gemäß aus Fachwerk und Lehm erbaut worden und tragen eine einfache Stroh- oder Schilfbedachung. Meistens fand ich dieselben mit einem sauberen Weißen Kalkanstrich versehen und von Rosen und Gaisblatt umrankt. Außer der Viehzucht ist es aber besonders der Mais- und Getreidebau mit dem sich die früheren Handelsleute heute beschäftigen. Es wurden im Jahre 1897 im Ganzen 5800 Hektar mit Weizen und 2700 Hektar mit Mais bebaut. Man sieht also, daß schon damals eine ganz beträchtliche Arbeit bewältigt wurde, welche noch umso höher anzurechnen ist. wenn man bedenkt, daß man sich nicht des Pferdes oder Dampfpfluges bediente, sondern bei allen diesen Arbeiten Ochsen oder Stiere verwenden mußte. Besonders ist die Jugend eifrig thätig, sie hat ihre barbarische russische Hermat mit ihren Sitten und Gebräuchen längst fallen lassen und im Lause der Jahre sehr gut spanisch gelernt. Für die Erziehung der Jugend ist durch zwei Schulen gesorgt. An der einen Schule befanden sich zwei Lehrer, von denen der eine in deutscher und der andere in spanischer Sprache unterrichtete. Während nun hier die neue Ansiedelung dafür sorgt, daß keines der

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