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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-06-16 · 24 (16.6.1899) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
24 (16.6.1899)
Date
1899-06-16
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 4ÜS Nr. 24 Das Judenthum erzählt „meinem Sohne Oscar", damit er erkenne, wie Israel in der Diaspora den Mosaismus zur Weltreligion zu machen wußte, 1. von der Beschaffenheit und dem Umfang der von den genannten Juden besonders von Alexandrien aus getriebenen Propaganda 2—4. von den drei großen Mitteln, mit welchen jenes Ziel erstrebt wurde: die Synagoge, die griechische Uebersetzung des Alten Testamentes und die Feier des Sabbaths, 5. von der Reaction, die auf diese Bemühung erfolgte, 6. von den religiösen Parteien, die in jenen Tagen entstanden. Viel Licht fällt hier thatsächlich auf das religiöse Leben der Juden in der Diaspora, von ungefähr 200 v. Chr. bis 100 n. Chr. Wir dürfen dem Verfasser dankbar sein für Dasjenige, was er in Bezug darauf von verschiedenen Seiten her, bis aus Philo und den sibyllinischen Orakel zusammengetragen hat, wenn auch darunter eines oder das andere vorkommt, da so schwer zu beweisen ist, wie die Meinung, daß wir aus Apostelgeschichte 18, 24—28, einen jüdischen Missionär aus Alexandrien kennen lernen, der zu Ephesus von Priscilla und Aquila zum Christenthum bekehrt wurde. Der „Weg des Herrn", in dem dieser Apollos unterwiesen war, hatte ihn schon getauft oder zum Christen gemacht, (?) wie er auch sicherlich Ta peri tou Jesou Andere lehrte, schon bevor er mit den genannten paulinischen, das ist höher ent- * wickelten Christen in Berührung gekommen war. Besonders interessant sind die Proben von Predigung der Liebe zu Gott und Liebe zu den Nächsten in der vorchristlichen Synagoge, zugleich die einer freisinnigen Haltung gegenüber dem Gesetz, wovon die erste unmittelbar den Gedanken an Jesus, die zweite an Paulus wachruft. Wie deutlich zeigt sich wieder auf oft überraschende Weise, daß das Christenthum ein Sproß ist von dem jüdischen Stamm, daß „Jesus" und „Paulus" als Prediger des Evangeliums nicht aus der Luft gefallen sind, sondern an die von Anderen gelegte Grundlage angeknüpft und auf ihr weitergebaut haben. Aber daraus folgt noch nicht, was Friedländer zwar nicht mit eben diesen Worten sagt, aber wovon er trotzdem den Eindruck scheint hervorbringen zu wollen, daß das Christenthum nichts anderes sei, als die Religion Mosis, umgeformt und veredelt durch die Wirksamkeit vorchristlicher Juden in der Diaspora. Auch folgt daraus noch nicht, daß er einen vorchristlichen Bruch mit dem Gesetz seitens religiöser Juden bewiesen hätte, in dem Geist und entsprechend den Principien des Paulinismus. Friedländer selbst erklärt in der That, wenn auch nur einmal ausdrücklich, daß das Auftreten und die Wirksamkeit Jesu für die Stiftung des Christenthums — das heißt in seiner Sprache: dafür, daß der Mosaismus Weltreligion wurde — als unentbehrlich betrachtet werden muß. „Die messianische Religion war allerdings vorhanden", lesen wir S. 15, „aber es fehlte ihm noch der Messias, der Christ. — Endlich kam auch er. Auf Judas geheiligten Boden erschien er" u. s. w. Um die Existenz einer vorpaulinischen religiösen Partei, die sich ganz von dem Gesetz losgeriffen hatte, unserer Kenntniß näher zu bringen, hat Friedländer seinen vorchristlichen jüdischen Gnosticismus geschrieben. Ein Plaidoyer, zuerst und hauptsächlich ich sage hinzuzufügen auch abschließend —, um zu erweisen, daß man bei den Minim der Talmudisten des ersten Jahrhunderts nicht an Christen, und bei ihren G i l j o n i m, die ebensowenig wie ihre Schriften vor Verbrennung geschützt werden sollen, nicht an die Evangelien denken darf. Diese Auffassung ist zwar weit verbreitet, aber unrichtig. Die alte Erklärung, die von den orthodoxen Rabbinen in Galizien in Ehren gehalten wird, ist die einzig wahre. Ein Min ist ein Philosoph, der Gott und sein Gesetz verachtet. Die Minim sind unter den Juden in der Diaspora, auch wohl in Palästina vorkommende antimonistische Gnostiker. Ihre Giljonim — Celsus—Origines brachte unseren fleißigen Forscher auf die richtige Spur — sind Tafeln, auf denen in geheimnißvollen Zeichen Götternamen und abgekürzte Glaubensbekenntnisse der betreffenden Ketzer geschrieben waren. Diese Tafeln sollten — nach dem Herzenswunsch der rechtgläubigen Talmudisten — ebenso wie die Bücher der verhaßten Minim eine Beute der Flammen werden. Friedländer geht noch einen Schritt weiter und ist überzeugt, uns dann überzeugt zu haben, daß die ins Auge gefaßten Ketzer Ophiten seien, die Vorläufer der Schlangenverehrer, über die christliche Autoren, wie Jrenaeus und Epiphanias, ihren Zorn entladen haben. Dieses Letztere in der Schwebe gelassen, hat er thatsächlich nicht wenig züsammengestellt, aus dem sonnenklar hervorgeht, daß wir von einer vorchristlichen Gnosis unter den Juden, besonders in der Diaspora und namentlich in Alexandrien sprechen dürfen. Wir werden gut thun, daran in Zukunft etwas mehr zu denken, wenn wir über die Entstehung der christlichen Gnosis Nachdenken, wenn auch meines Erachtens die gelieferten Beweise zu schwach sind, um diese (so die christliche Gnofis), wie Friedländer will, beinahe ganz aus jener (so die jüdische Gnosis) zu erklären. Obendrein würden wir dann noch nicht dort sein, wohin wir kommen sollen, wenn wir nach dem noch immer dunklen Ursprung des Gnosticismus fragen. Vielmehr hat die von uns angenommene jüdische Gnosis zu viel an sich, was sich aus dem Judenthum allein nicht erklären läßt, auch nicht aus dem am stärksten antinomistisch gedachten Judenthum der weitverzweigtesten Diaspora. Woher die fremden Elemente? Wann und wo sind sie mit den ursprünglich jüdischen' verbunden worden? Darf man den Bekämpfern der Minim, aus deren Beschreibungen wir sie so gut als ausschließlich kennen, Alles auf's Wort glauben? Das sind Fragen, die Friedländer nicht berührt, geschweige denn beantwortet hat. Jedoch bleibt, was er bietet, von großer Bedeutung für alle Diejenigen, die fich mit der Untersuchung des Ursprunges des von den Christen bekämpften Gnosticismus beschäftigen. Doch wie bedeutsam seine Untersuchungen in ihrer Gesammtheit sein mögen für die Entdeckung von Anknüpfungspunkten und die Auffindung von Zusammenhängen zwischen dem sich entwickelnden Christenthum der ersten zwei Jahrhunderte und den verschiedenen Strömungen sowohl des früheren, als des gleichzeitigen Judenthums der Diaspora, so führen sie doch nicht zu dem Ergebniß, daß das, was man Judenchristenthum und Heidenchristenthum zu nennen pflegt, „nichts anderes, als conservatives und radicales Judenchristenthum" sei. Dafür trägt das Heidenchristenthum, wenigstens der damit gemeinte Paulinismus, zu sehr den Charakter eines principiellen Bruches mit dem Gesetz, nicht als Folge einer normalen Entwicklung, noch aus Furcht einer verschärften Anwendung der allenthalben im Schwange gehenden allegorischen Schriftdeutung, sondern ganz entschieden des neuen Lebens in Christo. Mit anderen Worten, bei Paulus ist die Grundlage, von der aus das Festhalten am Gesetze als überwundener Standpunkt betrachtet wird, eine ganz andere, als bei Friedländer's freisinnigen, ganz oder theilweise den äußerlichen Bestimmungen des Gesetzes entwachsenen Juden. Außerdem wäre kein Grund mehr vorhanden von Juden christenthum zu sprechen, wenn wir den Ausdruck Heiden christenthum aufgeben müßten. Neue Bücher. Salomo» Buber» „M idrasch Echa Rabbat i“. Sammlung agadischer Auslegungen der Klagelieder, herausgegeben nach einer Handschrift aus der Bibliothek zu Rom cod. I. I. 4, und einer Handschrift des British Museum cod. 27089. Kritisch bearbeitet, commentirt und mit einer Einleitung versehen. Wilna, Witwe und Gebrüder Romm. Heinrich S. Gelbart, Prediger und Religionslehrer in Labes in Pom., „L e k a ch tau w," ein Handbuch für praktische Schächter. Dr. Bernhard Cohn. Jüdisch-politische Zeitfragen. Inhalt: 1. lieber den Werth des jüdischen Volksthums. 2. Deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens. 3. lieber Mischehen. 4. Ueber Judenschulen. S. Pascheles' illustrirter israelitischer Dolkskalender für das Jahr 1899-1900. Der von Samuel W. Pascheles gesammelte und herausgegebene illustrirte Volkskalender, der nunmehr im 47. Jahrgange erscheint, hat sich bereits eine große und allgemeine Popularität errungen und ist in vielen Familien geradezu unentbehrlich gewo den. Diese Volksthümlichkeit und Beliebtheit verdankt das reichhaltige Büchlein vor Allem der Fülle des Wissenswerthen, die es enthält, dann aber auch der anregenden Lectüre, die es bietet. Die diesjährige Ausgabe umfaßt außer dem Kalendarium die Ritual- Vorschriften für den öffentlichen Gottesdienst» ins Deutsche übertragen von Markus Redisch, die israelitischen Fast- und Festtage im Jahre 5660, ein Witterungsprognosticon für das Jahr vom September 1899 — September 1900, ein Verzeichniß derjenigen Tage, nach welchem sich die Jahrmärkte richten, die vorzüglichsten Messen und Märkte m Böhmen, Mähren und Schlesien, ein Ve^eichniß der Jahrmärkte in Ungarn, eine chronologische Zeittafel, einen Verlosungskalender und die neuen Postbestimmungen. Literarische Beigaben bilden Bernhard Auerbach's Prager Ghettogeschichte Geseras „Tambour",. „Israel" von Dr. Leopold Sacher-Masoch und „Baruch Aschkenes" von Josef Löwenstein. Der Kalender ist mit den Bildnissen des Präses der Landes- Judenschafts-Repräsentanz Moritz Lichtenstern, sowie der verstorbenen Baronin Clara Hirsch geziert.

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