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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-06-16 · 24 (16.6.1899) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
24 (16.6.1899)
Date
1899-06-16
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 468 Nr. 24 Dr» Bloches WochrnfchrMo Feuilleton. Michael. Erzählung von S. Koh n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) Aron und Sara glaubten zu erkennen, daß die arme Mutter vollkommen recht habe, daß schon in den nächsten Minuten das schwache Band, das jetzt noch Seele und Körper zusammenhielt, zerfallen und jene zu ihrem Schöpfer emporsteigen würde. Die eigenthümliche Scene, schon an und für sich aufregend und erschütternd, war es für sie noch umso mehr, als sie am heutigen Morgen, das volle Widerspie!, bei welchem sie dre traurige Hauptrolle gehabt, erlebt hätten. Am heutigen Morgen war ihr Kind von ihnen geschieden, und nun war es ihnen — wie die gottgläubigen Menscheu annahmen, durch Gottes Rathschluß bestimmt — Zeugen zu sein, wie eine sterbende Mutter von ihrem verzweifelnden Kinde schied, und der ganze Vorgang rief einen ebenso mächtigen als nachhaltigen Eindruck auf sie hervor. Die Ruhe und Seelengröße der Fremden, die hochentwickelten Geisteskräfte des kleinen Knaben, setzten sie noch weniger in Erstaunen, als das ans Wunderbare grenzende Zusammentreffen, daß der kleine Knabe, der so rasch ihre Liebe und Theilnahme gewonnen, nicht nur das Alter, das Aussehen ihres verlorenen Kindes besaß, sondern merkwürdiger Weise auch deffen Namen trug. Wie sie später einander mittheilten, hatte jeder von ihnen, als der Namen des ftemden Kindes das erstemal an sein Ohr schlug, an eine Gehörstäuschung geglaubt. Dieser überraschende Umstand trug nicht wenig dazu bei, bei ihnen den festen Vorsatz zu wecken, das Kind, das ihnen sicherlich von der Vorsehung zugesandt wurde, bei sich zu behalten, wie ihr eigenes zu hatten. Aron und Sara Brack hatten sich von ihrer frühesten Jugend an gekannt, sie waren in ihren Neigungen und Gesinnungen vollkommen gleich, ihr Seelenleben war förmlich ineinandergewachsen, sie erriethen einander, jeder wußte sofort, was in dem Herzen, dem Gemüthe des Andern vorging. Brack erkannte, daß wenn er die Sterbende beruhigen, ihren Heimgang erleichtern, chren letzten Lebensmomeut verschönern wollte, er nicht Zeit hatte, dem Aussprechen seines Entschlusses eine Unterredung mit seiner Gattin vorangehen zu laffen. Er verständigte sich rasch durch einen Blick mit dieser. Beide traten, jeder den kleinen Michael bei einer Hand erfaffend, an das Bett der Sterbenden und Brack sprach deutlich jedes Wort betonend langsam und laut: „Sie können über die Zukunft Ihres Kindes beruhigt sein. Wenn Sie der Allvater zu sich ruft, soll Ihr Söhnchen hier auf Erden nicht verlaßen sein. Wir haben heute/ Sara brach bei diesen Worten ihres Gatten in einen Strom von Thränen aus. Zeinen Knaben so schön, so lieb, so alt wie dieser, und der auch wie dieser Michael hieß, in die Gruft gesenkt. Wir waren trostlos. Gottes Fügung hat uns in Ihrem Kinde einen Ersatz ge-' schickt. Was schwache Menschen für einen andern zu thun vermögen, wollen wir, meine Frau und ich, für Ihr herrliches Kind thun .... hier meine rechte Hand als Mann und Jude, ich will so thun, so fürwahr als ich einst gerecht vor Gott bestehen will! ... . Verstehen Sie mich, Frau, verstehen Sie mich noch?" rief Brack in steigender Angst, „wenn Sie nicht mehr zu sprechen vermögen, so nicken Sie nur zum Zeichen, daß Sie mich verstanden, mit dem Kopfe . . . ." „Und segnen Sie Ihr Kind!" rief Sara, Michael emporhebend und in die Arme seiner Mutter legend. Ein glückliches Lächeln überflog die Züge der Sterbenden. „Ich verstehe Sie .... und danke Gott.... und Euch! . . . . Dort in dem Bündel ist mein Eheschein .... es ist Alles, was ich besitze .... Gottes reichster Segen über Euch und über Dich .... mein lieber, kleiner Michael! . . . ." sie legte chre Hände segnend auf ihres Kindes Haupt. „Gott Dank jetzt kann ich ruhig sterben! . . . . Schma Jsroel') . . . Michael brach in lautes Schluchzen aus, er bedeckte das marmorbleiche Gesicht seiner Mutter mit heißen Küssen; aber — er küßte eine Leiche. ') Höre Israel . . . der Ewige unser Gott ist ein einigeinziger Gott! Drittes Kapitel. Bevor sich die Gesetzgebungen um das Wohl der jüdischen Bevölkerung gekümmert, in Oesterreich also, bevor der unsterbliche Kaiser Josef zur Regierung gelangte, wurden bei den Juden die Todten reich bestattet, und schon am nächsten Tage wurde die Leiche der fremden Frau zu Grabe getragen. Brack war durch die Trauertage um sein eigen Kind verhindert, dem Leichenbegängnisse anzuwohnen. Die meisten jüdischen Bewohner des kleinen Städtchens waren auf den Hausirhandel, den sie in den umliegenden oder entfernteren Dörfern betrieben, angewiesen und viele derselben waren von Montag Früh bis Freitag Abend abwesend und so hatten sich außer den Mitgliedern der frommen Schwesterschaft, welche die Leiche wuschen und bekleideten, nur noch wenige Männer eingestellt, um der fremden Frau die letzte Ehre zu erweisen, und sie zu dem etwa eine Stunde von dem Städtchen entfernten Friedhofe zu begleiten. Michael hatte sich's nicht nehmen lassen, mit auf den Gottesacker hinauszugehen, und der Schammes') Reb Oscher, der ihn wieder in Bcack's Hans zurückbrachte, war seines Lobes übervoll. Der kleine Knabe hatte am Grabe mit staunenswerther Fertigkeit und Correctheit das Kaddischgebet^) verrichtet, durch seine tiefe Rührung alle Anwesenden erschüttert, durch die-klugen Antworten auf die Fragen neugieriger Theilnehmender allgemeine Bewunderung erregt. — Als Michael von dem Grabe seiner Mutter in Brack's Haus zurückkehrte, zog er, ohne daß es ihm Jemand gesagt hätte, seine. lederne Fußbekleidung, die ihm Sara aus dem Nachlasse ihres Söhnchens gegeben, ab, und bat um die Erlaubniß, sich wie Aron und Sara Brack auf einen niederen Schemel setzen zu dürfen?) Das kleine Kind bewies in Allem, was es that, nicht nur ungewöhnliche Geistesreife und Begabung, sondern, daß es schon eine religiöse Erziehung genossen hatte. (Fortsetzung folgt) Literatur. Der jüdische Gnostieismus. Der hervorragende Gelehrte Professor W. C. van Manen in Leyden hat in der vielbekannten holländischen „theologischen Tydschrift" jüngsthin der Friedländer'schen Schrift: „Der vorchristliche jüdische Gnostieismus" eine sehr beachtenswerthe Besprechung gewidmet, welche wir, da sie weitere Kreise interessiren dürfte, hier wiedergeben wollen?) Sie lautet: „Im Anschluß an seine interessanten Abhandlungen „Zur Entstehungsgeschichte des Christenthums," die 1894 erschienen und in dieser Zeitschrift 1895, 342—4, angezeigt worden sind, hat M. Friedländer in Wien zwei kleine Schriften erscheinen lassen, die nicht weniger unsere Beachtung verdienen. Der Verfasser, ein Israelit, in dem kein Falsch gefunden wird, wenn er sich's auch hin und wieder zu Schulden kommen läßt, nicht ganz genau zu lesen und in Folge dessen nicht vollkommen zuverlässig zu argumentiren, ist kein Gelehrter von Beruf, aber trotzdem voll warmen Interesses für die Geschichte seines Volkes, besonders des alexandrinischen, oder wie er lieber sagt, des hellenistischen Judenthums und seiner Bedeutung für das seiner Meinung nach eigentlich guten Theiles daraus hervorgegangene Christenthum. Im Dienste einer näheren Beleuchtung seiner hierauf bezüglichen Gedanken steht sowohl „Das Judenthuminder vorchristlichen griechischen Wel t" als „Der vorchristliche jüdische Gnostieismus". Beide können „Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte des Christenthums" genannt werden, wenn auch nur die erste Schrift, diesen Titel führt. ') Diener, hier so viel als Gemeinde- und Synagogendiener. 2) Ein Gebet in aramäischer Sprache, welches namentlich von den Söhnen eines Verstorbenen sowohl während des größten Theil des Trauerjahres, als auch am Jahres-Sterbetage verrichtet wird. 3) Religiöse Gebräuche während der Trauerwoche. *) Die Übersetzung aus dem Holländischen verdanken wir einem anerkannten Germanisten der Wiener Universität. D. R. i==SSmSBSSSSBSBä

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