Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 24 (16.6.1899)
- Date
- 1899-06-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Gerte 462 Dr. Bloch's Wochrnschrifk» Nr. 24 umkleidenden Verfügung dieses Gewand, und sahen mit Schadenfreude auf die jüdische Gefolgschaft, die sie bei dem Bestreben unterstützte, das städtische Schulwesen dem Staate gegenüber autonom zu machen. Wenn in öffentlicher Parlamentsverhandlung der Unterrichtsminister sich mit besonderer Anerkennung über die jüdischen Lehrkräfte äußerte, die mißverständliche Auffassung seiner Verfügungen nachdrücklichst betonte — so half das nichts. Die auf den Fractionsliberalismus eingeschworenen Blätter, die sogenannten Judenblätter voran, gaben die Worte des Ministers entstellt wieder, mißdeuteten sie gefliffentlich und ließen sich im besten Falle zu dem Geständniß herbei, daß die städtischen Behörden nicht ebenso viel Geschicklichkeit wie guten Willen gehabt hätten, daß aber an diesem guten Willen nicht zu zweifeln sei. Jetzt hat der Herr Unterrichtsminister an die königlichen Regierungen einen Erlaß gerichtet, in dem er sich bereit erklärt, den freiwilligen jüdischen Schulverbänden, die an Stelle der Gemeinden für die ihnen überwiesenen Kinder besonderen jüdischen Religionsunterricht einrichten, eine Beihilfe aus den zu den Beihilfen für unvermögende Schulverbände durch den Staatshaushaltsetat bereitgestellten Mitteln zu gewähren. Die Beihilfe tritt ein,wenn die Zahl der zu einer Unterrichtsstation zu vereinigenden Kinder mindestens 12 beträgt. Die Anregung zu dieser Verfügung hat vor beinahe Jahresftist Redacteur Klausner gegeben, indem er gehörigen Orts dahin vorstellig wurde, daß die jüdischen Gemeinden, denen das Gesetz die Fürsorge für Ertheilung jüdischen Religionsunterrichtes auferlegt, hiedurch zu politischen Schulgemeinden würden, denen im Falle des Unvermögens An- . spruch auf Staatsunterstützung zustehe, daß überdies die Fürsorge für religiöse Unterweisung aller Schulkinder verfassungsmäßige Vorschrift sei. Der Unterrichtsminister nahm diese Vorstellung mit gewohntem Wohlwollen auf, sagte thunlichste Berücksichtigung zu, und hat Wort gehalten. Damit ist nicht blos das Princip des obligatorischen jüdischen Religionsunterrichtes einen Schritt weiter geführt, damit ist nicht blos einem vielfach recht drückenden Nothstand Abhilfe gewährleistet, damit ist eine weit über den materiellen Werth der Staatssubventionen hinaus werthvolle Anerkennung der jüdischen Religion als einer neben den christlichen Eonfeffionen gleichberechtigten ausgesprochen. Bon „liberaler" Seite ist dergleichen nieverlangt worden; der „reactionäre" Minister aber hat es gewährt, und das zu einer Zeit, in der die Regierungsparteien im preußischen Landtage eine entgegengesetzte Bestimmung eher willkommen geheißen hätten. Das wird nicht hindern, daß die „liberalen" Blätter, die sogenannten Judenblätter voran, sortfahren werden, den Minister einen finsteren Rückwärtsler und wilden Antisemiten zu nennen, damit nur ja die Juden im „liberalen" Schafstall bleiben. Doch allmälig' wird es selbst hier Tag. In der Rabbinerwahl für die Berliner Gemeinde ist noch kein Schritt vorwärts gethan worden. Bon einer Seite hat mau den Versuch gemacht, Herrn Dr. David .aus Düsseldorf hierher zu empfehlen. Dr. David verläßt Düsseldorf, weil er dort nicht im Stande war, den auf Einführung einer Orgel in die Synagoge gerichteten Gemeindebeschluß hintanzuhalten und weil seine Grundsätze ihm verbieten, an einer Orgelsynagoge zu functioaireii. Der Mann nun, der in seiner Gemeinde die conservativen Einrichtungen nicht zu erhalten vermochte, ist als konservativer Rabbiner für Berlin empfohlen worden. Von anderen weiteren Verdiensten des Empfohlenen ist nichts bekannt geworden. Für die Festigkeit der religiös-conservativen Richtung des Herrn Dr. David und für seinen aufrechten jüdischen Stolz aber ist bezeichnend, was hier weiteren Kreisen mitgetheilt sein mag: Im Herbste vorigen Jahres hatten Rabbiner Dr. Maybaum, Rabbiner Dr. David und Redacteur M. A. Klausner bei dem Herrn Minister des Innern eine Audienz, um Namens des deutschen Rabbinerverbandes wegen der das rituelle Schächten verbietenden Bestimmungen der Schlachthofordnung in Reydt (Regierungsbezirk Düsseldorf) vorstellig zu werden. Im Verlauf der Unterredung bemerkte der orthodoxe Rabbiner Dr. David, daß in seinem Bezirk sich jüdische Schlächter fänden, die nicht die moralische Kraft besäßen, dem Staatsgesetz unbedingt zu gehorchen, und die daher heimliche Schächtungen ohne jebe Aufsicht vornähmen. Diese für einen Vertreter der streng orthodoxen Richtung etwas verwunderliche Auffassung wurde von einem anderen Theilnehmer von der Audienz sofort dahin richtig gestellt: der Herr Rabbiner habe sagen wollen, es fänden sich in dem Bezirk jüdische Schlächter, die moralische Kraft genug besäßen, eine religionsgesetzliche Vorschrift einer ungerechten Schlachthofordnung entgegen zu erfülle». Ebenso seltsam ist eine andere Empfehlung, die eines Herrn Dr. Pick, der bis zum März dieses Jahres eine zweite Stelle in Königsberg in Preußen bekleidete und seitdem in Berliner Vororten als Religionslehrer privatisirt. Ihn hat Herr Dr. Gustav Karpeles dem Vorstand für den conservativen Berliner Rabbinerposten in Vorschlag gebracht. Herr Dr. Karpeles ist weder orthodox, noch conservativ, er ist publicistisch für den religionslosen Radicalismus thätig. Es ist nicht erfindlich, wenn er sich berufen fühlen kann, überhaupt für die Besetzung des conservativen Rabbinates einen Vorschlag zu machen, und dieser Vorschlag macht geradezu den Eindruck einer Verhöhnung. Herr Dr. Warschauer hält trotz der knappsten Stimmenmehrheit, die sich in der Rabbinerwahlcommission auf ihn vereinigt hat, an seiner Candidatur für eine „liberale Hilfspredigerstelle" fest. Er hat jüngst die Kanzel der Alten Synagoge, der orthodoxen, bestiegen. Einer der Hörer, nach dem Eindruck befragt, den die Predigt auf ihn gemacht, erwiderte: „Warschauer sprach, und war — schauerlich." Heute Früh ist Dr. Israel Hildesheimer, Rabbiner der Adas-Jsrael-Gemeinde hier gestorben. Er hat lange Jahre verdienstlich gewirkt, war ein frommer und selbstloser Mann, der in unermüdlicher Thätigkett seine Kräfte vor der Zeit aufgezehrt hat. Sein Andenken wird als das Andenken eines Gei echten bleiben. Abraham Kahn in Hohenems. Von Dr. A. Tänzer, Rabbiner in Hohenems. (Schluß.) Der Schlußsatz dieses so inhaltsreichen Zeugnisses zeigt uns das Motiv, das Abr. Kohu zu seinem Unglücke nach Lemberg führte. Wie er, so hatte sich auch die ihn verehrende tzohenemser Gemeindevorstehung in der „größten Gemeinde der Monarchie" getäuscht. Dort gab es „Pilpels^, die Speisen zu würzen verstehen. Als treffliche Illustration zu den damaligen Lemberger Zuständen mögen die folgenden beiden Briefe dienen, die ich auszugsweise wiedergebe. Der bereits erwähnte Herr Bernhard Kohn in Wien schreibt mir in einem vom 4. November 1897 datirten Briefe unter Anderem: . . . . . „Von Interesse dürfte ein Detail, das-meines'Wissens noch nicht veröffentlicht wurde, sein, das auf mich einen besonderen Eindruck gemacht hat, nämlich die Antrittsrede des seligen Bruders. Ich war damals ein junger Bursche, 18 Jahre alt, .... und Zeuge der bitteren Enttäuschung, welche der Gelehrte damals zum ersten Male erfuhr. Der neue Tempel, in dem er wirken sollte, war noch nicht vollendet, . . . und so hielt er seine Antrittsrede in einem den Orthodoxen gehörenden Bethause. Hatte nun der Prediger keinen Augenblick daran gezweifelt, daß er in Lemberg nicht das Verstäudniß für seine Reden finden werde, welches ihm die hochintelligente Gemeinde in Hohenems stets entgegengebracht hatte, so hatte er doch gehofft, daß die Zuhörer hochdeutsch verstehen werden, wiewohl sie gewöhnlich den Jargon reden ....... In Lemberg verstand man einfach nichts von dem, was er sprach. Ich befand mich unter den Zuhörern, deren Unruhe und Unwillen sich immer mehr'steigerte. „Wus sngt er?" fragten die Einen. „Datfch thut er schmüsen"! hieß es, und Viele zerrissen Sonntag darnach ihre Kleider, wie bei entern Begräbniß, weil der Tempel so durch schriftdentsche Worte entweiht worden war, wo sonst nur die geheiligten Laute des jüdisch-polnischen Jargon erklungen waren. Tiefe Niedergeschlagenheit bemächtigte sich damals namentlich der Gattin des Verewigten, die sich noch steigerte, als . , . . (Hier schweigt des Sängers Höffichkeit auf specielle Bitte des Herrn Beruh. Kohn) .... Nicht unerwähut lassen will ich, daß fast kein Tag verging, ohne daß man mit Wehmuth an das liebe Hohenems dachte, und namentlich meine Schwägerin vergoß oft Thränen bei solchen Erinnerungen .... Zur Charakteristik der Lage der Juden in Lemberg im Jahre 1844 mag Folgendes dienen: Ich hatte ftüher die Piaristenschule in Jungbunzlau besucht, wo ich, obwohl meine Lehrer katholische Geistliche waren, erster Präminant wurde. In Lemberg mußte ich, wie alle Juden, trotz desselben Fleißes in der letzten Bank sitzen und vor dem Gebete hieß es: „Juden hinaus!", später wieder : „Juden herein!" Neben mir saß ein ausgedienter Soldat, der sich die Kenntnisse in vorgerücktem Alter erwerben mußte und vor den anwesenden Burschen sich dieselbe Demüthigung gefallen lassen mußte, weil er Jude war. . . ." Der erste, mir vorliegende von Abr. Kohn aus Lemberg an die „Vorstehung" gerichtete Brief ist vom 5. Juli 1844 datirt und scheint eine Antwort auf eine von der Hohenentser Gemeindevorstehung an ihn gerichtete Bitte zu sein, ihr betreffs eines Nachfolgers zu rathen. Er klagt in demselben, daß er noch keine Stunde äußerer und innerer Ruhe in Lemberg finden konnte, empfiehlt der Gemeinde sodann einen in Böhmen amtirenden Rabbiner als seinen Nachfolger, wobei er die Interessen seines Standes kräftig in Schutz nimmt. Er