Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 24 (16.6.1899)
- Date
- 1899-06-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Dr. Bloches Wochenschrift. Seite 4Ü1 Nr. 34 sondern erlogen. Ist Herr Vergani feinfühlig genug, den Unterschied zu begreifen? Wahrscheinlich, denn er war auch so feinfühlig, dieses grausame Wort des Herrn Staatsanwaltes zu verschweigen. * * * Ein Beweis von Feinfühligkeit und Tact ist auch die Fürbitte, die der Besitzer des Antisemitenhofes zu Gunsten der Sicherheitswache an den Statthalter richtet. Infolge der continuirlichen Provocationen der Socialdemokratie" so klagt das mitleidige „Deutsche Bolksblatt". sei das Sicherheitswachcorps in Permanenz. Für seinen aufreibenden Dienst habe das Corps bis jetzt nicht die geringste Entschädigung erhalten, und so richtet denn der ehrbedürftige Bolksmann an den Statthalter „ein Wort für unsere brave Sicherheitswache". Vergani lobt die Sicherheitswache; das ist geradezu eine Wachebeleidigung, die vom Bezirksgerichte zu bestrafen wäre. Es wäre traurig, wenn die Sicherheitswache es sich gefallen lassen müßte, von Vergani gelobt zu werden. Allein dieses Lob und die daran geknüpfte Bitte im Zusammenhänge mit dem Anlasse, aus welchem der allabendlich von Polizisten bewachte Inhaber des Wahrheitsbeweises in der Josefsgasse eine Remuneration für die Sicherheitswache in Vorschlag bringt, das ist echter Verganismus. In seinem Blatte hetzt er gegen die Socialdemokraten und alarmirt die Polizei, der er auch persönlich, wie ihm durch einen gelungenen Aufsitzer nachgewiesen wurde, Spitzeldienste leistet. Je energischer die Wache gegen die Demonstranten vorgeht, desto angenehmer ist es natürlich ihm und seinen Spießgesellen, und nun ist dieser Mensch so „feinfühlig", daß er süc die Polizisten eine Belohnung verlangt, um sie in ihrem Eifer zu stählen und selbst bei ihnen als ihr Anwalt und Protector dazustehen. „Sr. Excellenz darf sich hiefür der Zustimmung der ganzen Bürgerschaft Wiens versichert halten", meint er. Als ob wirklich die Wiener Bürgerschaft schon so moralisch herabgekommen wäre, um sich mit einer solchen Niedrigkeit und Ordinärheit der Gesinnung, wie sie durch dieses „Wort für unsere brave Sicherheitswache" dargethan wird, zu identificiren. * * * Ungemein feinfühlig ist auch der Herr Pater Dietrich. Er hat nämlich die Absicht ausgesprochen, sich „vom politischen Leben zurückzuziehen". Das ändert natürlich nichts an der T-iarsache, daß eines der hervorragendsten und eifrigsten Mitglieder der christlich-socialen Partei, deren Reichsrathscandidat er war, bereit war, in einer communalen Angelegenheit sich von einem Juden bestechen zu lassen und seinen Einfluß auf Dr. Lueger zu Gunsten der englischen Gasgesellschaft für Geld zu verwerthen. Auch Herr Alexander P u r s ch t ist ungemein feinfühlig, indem er den protokollarischen Ehrenwörtern der Mitglieder des Bürgerclubs, daß keiner von ihnen bestochen worden ist, ebenfalls ein derartiges Ehrenwort nachschickte. Er war diese Erklärung, da er vom Bürgerclub bekanntlich ausgeschlossen wurde, dem Rufe des Spittelbergs schuldig. Mit seltsamer Befriedigung verzeichnet aber das „Deutsche Bolksblatt" die Erklärung des Dr. Lueger, daß, wenn sich Schmutz in seiner Partei zeigen sollte, er diesen energisch auskehren werde. Vollständig ist das bisher sicher nicht geschehen; wenigstens ist bisher nichts darüber bekannt geworden, daß Herr Dr. Lueger seine Partei decimiren will. Robert Wolf. Dr. Lueger über das Gemeindewahlrecht. In der „Wage" finden wir folgende, die Gesinnungstreue des Wiener Bürgermeisters scharf beleuchtende Zusammenstellung von Aeußerungen, die Herr Dr. Lueger über das Gemeindewahlrecht von Wien gemacht hat. Dr. Lueger sagte am: 19. S e p t e m b e r 1890 (Gemeinderathssitzung): „Es wurde von Gesinnungsänderung gesprochen. Wenn Jemand durch 26 Jahre gegen den Stadtrath war und jetzt für ihn ist, so hat er seine Gesinnung verändert. Wenn Jemand immer gegen den Stadtrath war und heute noch gegen denselben ist, so hat er seine Gesinnung nicht geändert. Wenn Jemand immer für die dreijährige Mandatsdauer, dann mit einemmal in der Commission für die sechsjährige, im Gemeinderath aber wieder für die dreijährige Amtsdauer ist, dann hat er seine Gesinnung geändert. Ich war immer für die dreijährige Amtsdauer und habe meine Gesinnung nicht geändert. Wenn Jemand durch 26 Jahre für die Aufhebung der Wahlkörper ist und jetzt in der Commission den Antrag auf Beibehaltung der Wahlkörper stellt, dan« hat er seine Gesinnung geändert. Ich war immer für die Aufhebung der Wahlkörper, habe daher meine Gesinnung nicht geändert." 23. September 1890 (Gemeinderathssitzung): »Ich beantrage also erstens: 150 Gemeinderäthe, zweitens die Vertheilung der Mandate nach der Bevölkerungszahl, die die heurige Volkszählung ergeben wird, drittens die Aufhebung der Wahlkörper." 10. O c t o b e r 1890 (Gemeinderathssitzung): Lueger stellt folgenden Antrag: „Der Gemeinderath vermeidet es, auf eine specielle Berathung der Vorlage über die Wahlordnung ein »gehen, erklärt sich jedoch gegen eine jede Einschränkung des bisher den verschiedenen Arten von Mitbürgern zustehenden activen und passiven Wahlrechtes und spricht sich namentlich entschieden für die Aufhebung der Wahlkörper aus." 1. Juli 1892 (Versammlung des christlich-socialen Vereines Laa an der Thaya): „Man nennt uns auch antiliberal. Wir sind für die Freiheit der Versammlungen, für die Vereinsfreiheit, für das Wahlrecht, sowie für die Freiheit der Presse." 21. O c t o b e r 18*2 (Gemeinderathssitzung: »Ich war es, der im Landtag gelegentlich der Berathung der Wiener Gemeindewahlordnung den Antrag auf Einführung des allgemeinen Wahlrechtes gestellt hat." 1 >. April 1893 (Wählerversammluug im VHI. Bezirk, Restaurant „zum grünen Thor"): „Wir sind für die wirthschastliche Unabhängigkeit, wir sind für die Aufhebung des Wahlkörpersystems." 16. August 1893 (Antisemitenversammlung in Salzburg). Lueger eine Anfrage beantwortend: „Ich habe meine Stellung zum allgemeinen Wahlrecht aus dem Grunde nicht mehr erörtert, da ich dieselbe als bekannt vorauszusetzen meinte. Wenn dies aber nicht der Fall ist, so erinnere ich daran, daß ich bereits vor fünf Jahren mich für das allgemeine Wahlrecht ausgesprochen habe." 17. October 1893 (Versammlung beim Dreher): „Ich müßte meine ganze Vergangenheit verleugnen, wenn ich nicht für das allgemeine, gleiche und directe Wahlrecht wäre. Selbst wenn Lueger sein Mandat verlieren würde, wird Lueger doch der Lueger bleiben und für das allgemeine W.ihlrecht eintreten." 14. Mai 1895 (Antrittsrede bei der Vicebürgermeisterwahl): „In diesem für mich feierlichen Augenblicke kann ich nur erklären, daß ich bestrebt sein will, dem bis jetzt ausgeschlossenen T heile derBevölkerung zu seinen politischen Rechten zu verhelfen." So sprach der Mann, der nun den gemeinen Wahlrechtsraub verübt! Bernard Lazare. Beruard Lazare richtet in der „Aurore" ein S ch r e i b e n a n T r a r i e u x, den Präsidenten der „Liga der Menschenrechte", in welchem er betont, daß diese Liga bei ihren Dankesbezeugungen manchen verdienten Mann vergeffen habe, wie L e b l o i s, F o r z i n e t t i, Mathieu D r e y f u s und schließlich Lazare selbst. „Ich gehöre," sagt Lazare, „jener Race an, die nach Renan zuerst die Idee der Gerechtigkeit in die Welt einführte. Der Glaube an die Herrschaft dieser Gerechtigkeit hat alle meine Glaubensgenossen beseelt seit den Propheten und den armen Dichtern, welche die Psalmen sangen, bis zu Jenen, die, wie M a r x und L a s s a l e, die Rechte des Proletariats erstritten ... Für meine Glaubensgenossen will ich, daß man es erzähle: Der Erste, der sprach, der Erste, der aufstand für den jüdischen Märtyrer war ein Jude, ein Jude, der in seinem Blut und Fleisch dieLeiden fühlte, die d er Unschuldige duldete; ein Jude, der wußte, welchem Volk der Parias, der Enterbten, der Unglücklichen er angehörte, und der aus diesem Bewußtsein den Willen schöpfte, zu kämpfen für das Recht und für die Wahrheit." Verliner Brief. Berlin, 12. Juni. Unter den Koryphäen der — natürlich „unentwegt" liberalen — Bezirksvereine ist es kein gutes, aber altes Herkommen, den preußischen Unterrichtsminister als „Schwarzen", als Hort der Reaction hinzustellen, unter dessen aufmunternder Duldung die mittleren Instanzen, Pcovincialschulcollegium u. s. w., den liberalen Schuldeputationen das Leben sauer machen und diese zu Drangsalirungen der jüdischen Lehrkräfte theils anzustisten suchen, theils direct zwingen. Weshalb dieses Märchen ersonnen worden, ist ziemlich durchsichtig; die angeblich liberalen städtischen Schuldeputationen gaben mit innerlicher Befriedigung jeder irgend durch die Praxis mit antisemitischer Tendenz zu