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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-06-16 · 24 (16.6.1899) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
24 (16.6.1899)
Date
1899-06-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 448 Dr. Bloch's Wochenfchrifk< Nr. 24 erste große allgemeine Rabbinenversammlung in Budapest, als Vorläufer des sogenannten „Congresses", einberufen worden, da war er es, der an die Spitze auserlesener Geister sich stellte, um als Mittelpartei das alte ungarische Judenthum zu retten; aber, wie er es in den mit seinem Herzblute aufrichtiger Ueberzeugung geschriebenen Flugblättern vorhergesagt, wie er in zahlreichen veröffentlichten Druckschriften prophetisch vorher verkündet hatte, so geschah es — die Trennung blieb unaufhaltbar, die gegensätzlichen Strömungen erhielten sich auf der Oberfläche, unter welcher es noch gegenwärtig gährt und kocht, weil sein erlösendes Losungswort sich nicht durchzuringen vermochte, welches seit jeher lautete: Das Festhalten an dem orthodoxen Judenthum zur Rettung des altjüdischen Geistes erfordere gleichzeitig die moderne Waffe wissenschaftlicher Begründung, die dem liebenden Hirten der Gemeinden zu eigen werden müsse. Ms nun im Jahre 1870 in Deutschland, mit den politischen Siegen, auch für die deutschen Juden die erlösende Stunde der Gleichberechtigung geschlagen hatte, folgte er dem Rufe aus der dort aufstrebenden Metropole, in welcher das geistige Leben seinen Mittelpunkt gefunden, und von wo aus voraussichtlich gestaltend auf alle jüdischen Gemeinden eingewirkt werden könnte. Dort, wo er einst im alten Beth- Hamidrasch, zu Füßen bekannter Geonim gelernt, sollte und wollte er nun selber lehren, zugleich durch eine großartige Schöpfung beweisen, daß sein Ideal in dauernder Praxis sich als durchführbar erweise. Hatte er schon in seiner früheren Gemeinde, in Elsenstädt, eine große Schar, im Allgemeinen würdiger und lernbegieriger Zöglinge um sich gesammelt, denen er in ununterbrochener Tag- und Nachtarbeit selbst und allein, ohne alle M-.thilfe sich gewidmet hatte, so sollte nun an einer regelrecht eingerichteten Rabbinerschule erwiesen werden, was mit einer Lehranstalt für das Judenthum geleistet werden könne, wenn Männer zu Lehrern erkoren werden, die als ausrichtige, begeisterte Jehudim, erfüllt und geleitet vom alten, traditionellen Geiste an der Spitze stehen, die die Hörer strenge überwachen und bestrebt sind, nicht nur in Wort, sondern mit beispielgebender Lebensführung wahrhaft orthodoxe Gesinnung in ihr Herz und Gemüth zu träufeln. Was der große Samson Rafael Hirsch s. A. mit seinem Wort, das hat er mit organisatorischer Thätigkeit verwirklicht: die allgemeine in Deutschland gereifte Erkenntniß, daß die Bildung kein Gegensatz zur Religion und zum alten Glauben sei, sondern daß sie vereint das Judenthum für alle Zeiten sichern und demselben bei der Mitwelt Anerkennung und Würdigung erzwingen. Immer mehr Jünger aus seiner Schule wurden gesucht, ein großer Theil der jüdischen Gemeinden Deutschlands und nicht minder eine erhebliche Zahl solcher in Oesterreich-Ungarn, wandte sich den Schülern des nun dahingegangenen Meisters zu, die in seinem Geiste lernen und lehren. „Licht Israels, rechte Säule des Judenthums, wuchtiger Hammer" wurde Rabbi Jochanau ben Sakkäi, der Begründer der Schule zu Jabne apostrophirt, als er auf dem Sterbebette lag; so ist nun auch dieser dahingegangene Gaon nicht nur nach der einen Richtung seiner unermüdlichen Lehrthätigkeit gekennzeichnet, nicht nur als „Leuchte Israels" in der Thora, sondern auch als „rechte Säule" des Judenthums, in seiner nie erlahmenden Thätigkeit. Für die bedauernswerthen Unterstützungsbedürftigen, da bewährte er sich nicht nur als ein zur Wohlthätigkeit stetig Anspornender, sondern auch als Selbstwohlthäter. Was leistete er nicht Alles für die armen Brüder im heiligen Lande! Da war sein Sinn auch darauf gerichtet, ihnen nicht nur vorübergehende, sondern dauernde Hilfe zu verschaffen, dem Bettelwesen durch dauernde Schöpfungen einen Damm zu errichten, und wie sein Geist bei Allem, was er unternahm, das Volle und Ganze überschaute so war sein ideales Streben auch vo hierauf gerichtet, denselben im Großen Hilfe zu bieten, durch sestgegründete Institutionen ihnen beizustehen, sie durch Arbeit und Selbstthätigkeit aufzurichten und ihrem Bestände ein festes Rückgrat zu schaffen, und er mag auch da, den kommenden Ideen, nicht des politischen, wohl aber des colonisatorischen Zionismus vorauseilend, als Vater desselben angesehen werden. Er war auch der „wuchtige Hammer", der unerschrocken der scheinwiffenschastlichen Halbbildung auf dem Boden des Judenthums heimleuchtete, mit seiner unermüdlichen Bercdtsamkeit, mit seiner unerschöpflichen Thorakenntniß, die gehärtet und gestählt war im Kampf, durch ihren wissenschaftlichen Untergrund. Als sein Vorbild, Rabbi Jochanan ben Sakkai, aus dem Leben scheiden sollte, und er mit diesen drei Ruhmestiteln seiner segensreichen Thätigkeit von seinen Schülern angerufen wurde, da — erzählt der Talmud — weinte der große Lehrer und Meister. Und nun, da wir Rabbi Israel Hildesheimer von hinnen ziehen lassen mußten, stürzen Thränen aus unseren Augen, denn wir fühlen es und empfinden es tiefinnerlich, ohne ihn stehen wir da als „ein verwaistes Geschlecht", war doch er „Eine r," wie die Tradition ihn kennzeichnet, „Eine r", einzig in seinem Zeitalter, einzig in seiner Art, unvergleichlich in seiner Schaffenskraft, gewaltig in seiner Thätigkeit, ein Riese an Arbeit, mit prophetischem, vorausblickendem Geiste. Mit seinem Hinscheiden hat sich „eine Feuersäule losgelöst von der Erde, die in den Himmel stieg." Sein Geist wird immer eine leuchtende Sonne und sein frommes Andenken Israel zum Segen bleiben. WM.Baden bei Wien, am 4. Tamus 5659. Rabbiner W. Reich. Vas judenreine Auditoriat. Wien, im Juni 1899. Aus dem Auditoriate der in stiller Zurückgezogenheit wirkenden Militär-Justizbehörde hallt ein schriller Norhschrei. Es ist Noth an Mann, es fehlt an Nachwuchs. Ja, um Himmelswillen, warum befindet sich gerade das Auditoriat in Bedrängniß in einer Zeit der Jntelligenz-Ueberproduction, wo auf allen Gebieten des Verkehrslebens, in allen autonomen und staatlichen Aemtern das Angebot die Nachfrage um ein Erhebliches überwiegt. Man sollte doch meinen, das Auditoriat besäße auf die Herren Juristen Anziehungskraft genug. Der Wirkungskreis ist kein allzuanstrengender, es bedarf nicht einmal der Promotion und nicht einer siebenjährigen langwierigen Probepraxis wie bei der Advocatur. Gleich nach Ablegung der erforderlichen Examina erfolgt die fixe Anstellung in der zehnten Rangsclasse mit einer für Anfänger recht ansehnlichen Gage. Und erst die Officiersuniform, das zweierlei Tuch, mit ihrer, junge Männer fascirenden Wirkung! Officiell wird die Noth an Mann, der fehlende Nachwuchs darauf zurückgeführt, daß sich die jungen Juristen mehr der Gerichtspraxis zuwenden, weil die letztere den Aspiranten derzeit infolge der vor Kurzem eingetretenen Reform eine glänzende Carriöre bietet. Mag wohl zum Theile richtig sein, allein damit sind die Motive zur Gänze nicht erschöpft. Das Uebel sitzt tiefer und ist alt, so alt, daß man, um die Spuren zu entdecken, bis in die Zeit des Vormärz gehen muß. Die derzeit in Wirksamkeit stehenden, von der Krone sanctionirten Staats grundgesetze sichern allen Staatsbürgern gleiche Rechte und Pflichten und machen die Erlangung von öffentlichen Aeortern von der Confession des Bewerbers unabhängig. In der That findet man derzeit Juden bei den verschiedensten Aemtern und Gerichten in hohen und höchsten Stellungen. In allen Ministerien befinden sich jüdische Beamte bis zur fünften Rangsclasse (Hofräthe) hinauf. Erst jüngst wurde ein Richter zum Oberlandesgerichtsrathe — sechste Rangsclasse — ernannt. Die Ernennungen und Beförderungen von Juden in so hohen amtlichen Stellungen erfolgen gewiß nicht ihrer Confession halber, die ja derzeit nicht als epitlieton ornans gilt, sondern trotz derselben. Zweifelsohne sind diese jüdischen Beamten und Richter begabt und füllen ihren Platz voll und ganz aus, sonst würde man wohl Abstand genommen haben, sie die hohe Leiter der Beamtenhierarchie erklimmen zu lassen. Oberdirector Broch, Regierungsrath Frankl, Hofrath Kareis, Hofrath Konto, Landesgerichtsrath Kohn, Regierungsrath K u l k a, Sectionsrath K u r a n d a, Oberrechnungsrath L as u s, Obercommissär S t u ck a r t, Oberbaurath T a u ß i g u. v. A. gereichen dem Beamtenstande zur Ehre. An den heimischen Universitäten wirkt eine große Zahl durch hohe Gelehrsamkeit und tiefes Wissen ausgezeichneter Professoren, deren Ruf weit über die Marken Oesterreichs reicht. Hat doch erst in der allerletzten Zeit die Wiener medicinische Facultät Professor Dr. Zuckerkand! zu<n Decan und die Wiener Hochschule für Bodencultur, Professor Dr. Simon Z e i s e l sogar zum Rector gewählt. Auch die militärische Carriöre ist dem Juden nicht verschlossen. In allen Waffengattungen haben sie in den letzten Decennien hervorragende Stellungen eingenommen. Artillerie - Regiments - Commandeur Beer, Oberst Eis, die Linienschiffs-Capitäne Funk, Lang, Ober-

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