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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-06-16 · 24 (16.6.1899) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
24 (16.6.1899)
Date
1899-06-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 24 Dr. Bloch's Wochenschrift. Gelte 447 Ordre ergehen, gerecht ihres Amtes zu walten. Dar sind in Rumänien Neuerungen, die man nicht unterschätzen darf. Allein bekanntlich ist das Papier geduldig und die wohlwollendsten Verordnungen sind werthlos, wenn sie nicht in Thaten umgesetzt werden. Vor rumänischen''Verordnungen muß man aber umso mehr auf der Hut sein, als das Verhalten Rumäniens nach dem Berliner Congreß nicht eben den Beweis erbracht hat, daß man dort respectire, was schwarz auf weiß steht, was -man vor ganz Europa feierlich versprochen hat. Liberale und Conservative in Rumänien waren stets eines Sinnes, wenn es galt, die Juden rechtlos zu machen, woher soll also jetzt das Vertrauen kommen, daß das neue conservative Cabinet sich zu einer menschlichen Auffassung über die Behandlung der Juden in Rumänien bekehren werde? War etwa die Haltung der conservative» Presse eine so „judenfreundliche", als sie den Kampf gegen Sturdza führte? Hat man in Bukarest vergessen, daß die conservativen Blätter von der „Independance roumame“ nicht anders sprechen, als vom „judenliberalen" Blatt? Erinnert man sich nicht mehr an die Angriffe gegen die „fremden" Socialisten? Woher soll also jetzt der Glaube an die so ostentativ zur Schau getragene Gerechtigkeit und Menschlichkeit auch gegen Juden kommen? Gern würden wir uns diesem Glauben hingeben, und wir würden dem Ministerpräsidenten Cantacuzino gern die Palme zuerkennen, daß er der erste rumänische Minister ist, der den Muth und die Ehrlichkeit besaß, auch als Minister nur edler Mensch sein zu wollen, — wenn wir nur eine That zu verzeichnen Gelegenheit hätten, die uns berechtigen würde, daß die neue Aera in Rumänien thatsächlich eine Aera der Gerechtigkeit ist. So lange aber nicht nur diese That vom Ministerium nicht ausgegangen ist, so lange vielmehr in officiösen Publicationen noch immer von der Nothwendigkeit der differenzirenden Behandlung der Juden in Rumänien die Rede ist, so lange man nicht das Menschenrecht gelten läßt, wird man den ministeriellen Versicherungen immer nur ent- > gegnen müssen: „Die Botschaft höre ich wohl, allein mir fehlt der Glaube". Wenn aber der Minister thatsächlich der Menschlichkeit Thür und Thor öffnen will, wenn er es wirklich perhorrescirt, daß man zweierlei Recht im Lande übe und die Bewohner, die alle Pflichten erfüllen, von allen Rechten ausschließe — nun so braucht er nur den Anfang zu machen, um der Rechtlosigkeit der Juden ein Ende zu bereiten. Er hat jetzt eine Kammer, in welcher die Opposition verschwindend klein ist, begeistert hat ihm das Land zugejubelt, seine Principien werden als die allein seligmachenden gepriesen, so fange er denn an. Er braucht nicht mit einem Male die anno 1877 von Rumänien feierlich übernommenen Verpflichtungen auszuführen; wenn er nun die Restriktionen,. die gegen den Wortlaut und den Sinn des Berliner Vertrages bis in die neueste Zeit auf dem Gesetzes- und Verordnungswege eingeführt worden sind, zu beseitigen anfängt, so wird man schon darin einen Beweis sehen, daß er es ehrlich meint und daß nur die Verhältnisse des sittlich und geistig noch so zurückstehenden Volkes, die Unbildung und Verhetzung des Landvolkes, der Neid und die Scheelsucht der Städter, die falschen Lehren der Politiker — die alle noch dem ganzen Volke im Leibe stecken — ihn verhindern, ganz und mit vollem Maße zu geben, was Rechtens wäre. Es möge nur der Unterrichtsminister Take Jonescu, ein weltmännisch gebildeter Mann, den Anfang machen, auf Priester und Lehrer einzuwirken, daß sie der Jugend die Grundsätze der Menschenliebe und des Friedens einprägen, er möge nur den Anfang machen, die Ausschließung der Juden aus den Schulen abzuschaffen, und an den Universitäten es begreiflich zu machen, daß die nationale Würde mehr durch Judenverfolgungen beeinträchtigt wird, als sie durch den Chauvinismus gewinnt, und der hochgebildete Justizminister Dissesco möge Richter und Staatsanwälte instruiren, daß Gerechtigkeit kein einseitiges nationales Geschäft sein darf; und der Minister des Innern, der erfahrungsreiche Cantacuzino selbst, möge die Districts- und Stadtpräfecten nur instruiren. daß sie sich ferner nicht „überraschen" laffen, so kann das conservative Cabinet sich versichert halten, daß es nicht blos in Rumänien sich den Ruhm erwerben wird, auf idealem Gebiete Großes vollbracht zu haben, sondern, daß dieses ideale Wirken auch in materieller Beziehung dem Lande zum Bortheile gereichen wird. Man sagt, die Judenfrage sei schwer zu lösen! Das ist nicht wahr. Man braucht nur menschlich zu fühlen und rechtlich zu handeln, so ist sie gelöst. _ Michael Vitez. Rabbi Israel Hildesheimer. Tieferschütternd ergreift jedes jüdisch fühlende Herz die Trauerkunde: Rabbi Israel Hildesheimer hat das Zeitliche gesegnet! Da hat dieser Trauerruf seine richtige Bedeutung in seinem innerlichen Sinne, er hat das zeitliche, das jüdische Leben gesegnet, durch ein unvergleichliches, unvergängliches Wirken, und was er gelehrt, thätig geschaffen, organisirt und begründet, es wirkt über seinen Abgang aus dem Zeitlichen hinaus, als unverlierbarer Segen für kommende Zeiten. „Er war Einer", kann von dem nun selig Entschlafenen mit dem Talmud ausgerufen werden, „Eine r", von dem die Tradition mit Recht erzählt, daß „mit seinem Hinscheiden eine Feuersäule sich loslöst, wie sie nur mit dem sich 'gen Himmel hebt, der als einzig in seiner Zeit gilt." Rabbi Israel Hildesheimer war einzig in seinem Zeitalter und nur damit kann seine Bedeutung wirkungsvoll genug und sein irdisches Lebenswallen vollumschrieben gekennzeichnet werden. Nur durch ein Entgegenhalten seiner gewaltigen Persönlichlichkeit dem Zeitalter gegenüber, in welchem er seine mächtige, alle Kreise des Judenthums und der Judenheit umfassende Spannkraft entwickelt, kann er — selbst in dieser bitteren Stunde des niederdrückenden Bewußtseins, daß er nicht mehr unter den Lebenden wandle — gehörig gewürdigt werden. Das halbe Jahrhundert seines öffentlichen Wirkens, als Meister des Gotteswortes, als Organisator unvergänglicher Schöpfungen, als Wohlthäter seiner Brüder, als Leuchte der Wissenschaft, als Kämpfer für den uralten Glauben, als Erzieher von Lehrern kommender Geschlechter findet erst daran seinen richtigen Gradmeffer, wenn uns die fünfzig Jahre der gewaltigen Umwälzungen vor Augen treten, die sich in den Kämpfen und Bestrebungen innerhalb des Judenthums eruptiv vollzogen haben. In zwei Ländern — in Deutschland und Ungarn — stießen sie aufeinander; die unüberbrückbar gehaltenen Gegensätze, das Festhalten an Thora und Aboda einerseits, und wissenschaftlich-, moderne Bildung andererseits, schienen einander auszuschließen und unüberwindliche Schwierigkeiten sich der Bereinigung Beider entgegenzuftellen. — Israel Hildesheimer hat die Fahne der Versöhnung beider aufgepflanzt, was Bielen unmöglich dünkte, er hat es gezeigt, bewährt, bewiesen, daß sie zur Wirklichkeit gebracht zu werden vermag. Wie heftig wüthete dieser Kampf in dem heißblütigen Ungarn, als er seine heimatliche Stätte, Halberstadt in Deutschland, verließ, als er jung, aber voll unternehmenden Geistes die berühmte Rabbinatsstelle in der Eisenstädter Gemeinde antrat; da stand er hochaufgerichtet und weithin leuchtend, und doch zugleich bescheiden in seinem Wesen, Jünger um sich sammelnd, unermüdlich arbeitend für das Gedeihen der Gemeinde selbst und doch zugleich das Auge auf das Allgemeine des ungarischen Judenthums gerichtet, den Kleinen sich widmend in persönlicher, erziehlicher Thätigkeit, den Erwachsenen angehörend, ihnen in allen Lebenslagen mit Rath zur Seite und in bescheidener Weffe, jede freie Stunde sich ausnützend, um die großen Talmude- Chachamim in den angrenzenden Gemeinden zu Fuß aufzusuchen und gemeinschaftlich mit ihnen an Thorawort — und Lehre sich zu ergötzen. Und als während dieser 18 Jahre unvergeßlicher Wirksamkeit der große Brand ausbrach, der die ungarische Judenheit wie eine Feuersäule in zwei große Lager scheiden sollte, die

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