Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 24 (16.6.1899)
- Date
- 1899-06-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 446 Dr. Blvch's Wochenschrift Nr. 24 ohnmächtig am Boden liegt. Die Reaction kennt keine Schonung, kein Erbarmen. Angesichts unerhörter Niederlagen hat der spanische Unterrichtsminister den Muth gefunden, eine „Unterrichts-Reform" vorzulegen, bei welcher der Unterricht zu Gunsten des Cultus wegreformirt wird. Das spanische Volk muß dadurch noch den letzten Rest von Concurrenzfähigkeit verlieren, doch was thut's? Die Ziele der Reaction sind erreicht. Haben die vereinigten Reactionäre Gnade und Erbarmen gekannt, als es galt, die famosen „äessous" der Panama-Affaire aufzudecken? Hat man mit Dreyfus Erbarmen gehabt, den man doch unschuldig wußte? Und mit den Generälen soll mau Erbarmen haben, die man schuldig weiß! Aber die Armee, die herrliche, die göttliche, die heilige Armee! Was, im Interesse der Armee soll es liegen, solche Generäle zu schonen? Entweder diese Generäle haben nicht einmal die plumpen Fälschungen eines Henry, die kindischen Lügen von den Briefen Kaiser Wilhelm's durchschauen können; wie wollen sie dann am Tage der Gefahr die Scheinmanöver und Listen wirklich schlauer feindlicher Armeeführer durchschauen? Oder, was übrigens kaum mehr bezweifelt werden kann, die Generäle haben gewußt, daß nicht Dreyfus, sondern Esterhazy der Verräther ist, und sie haben nicht nur die Niederträchtigkeit verübt, Dreyfus unschuldig büßen zu lassen, sondern noch dazu die unverzeihliche Unbesonnenheit gehabt, die Freisprechung des Verräthers Esterhazy zu befehlen und so die Fortsetzung des Verrathes zu ermöglichen. Und da soll man sie fürsorglich auf ihren Posten erhalten? Wann hat die Reaction so viel Zartgefühl für die edelsten Märtyrer des Freiheitsgedankens gehabt? Aber es ist wirklich merkwürdig, so wie der Freisinn ans Ruder kommt, so beschleicht chn geradezu eine Furcht vor sich selbst und seinen eigenen Grundsätzen, eine ängstliche Scheu, seine Herrschaft zu sichern und der Schlange der Reaction den Kopf zu zertreten. Da werden die früheren Hyänen zu Weibern und das aus einem sehr einfachen Grunde: eben weil die Reaction immer die Weiber auf ihrer Seite hat und diese im Stillen ihren Einfluß üben. Ist es denn wirklich die Bestrafung des Generals Mercier, vor der die Kammer zurückgewichen ist? Keineswegs. Es ist nur die Feststellung der Verantwortlichkeiten. Man fühlt, daß alle diese Generäle nur Werkzeuge einer höheren Macht waren, und diese Macht setzt alle Hebel in Bewegung, damit das furchtbare Geheimniß nicht an den Tag komme. Wer diese Macht nur sein mag? Nur Muth! Es wird vielleicht nicht gar so schwer sein, auf die richtige Spur zu kommen. Denn diese Macht arbeitet überall mit denselben Mitteln, und es gibt Länder, in denen sie sich weniger Zwang anthut, mehr mit offenen Karten spielt, als auf dem gefährlichen Boden der französischen Revolution. Welche Macht ist es doch, die jeden Augenblick auch anderwärts Dreyfus-Processe zu schaffen versucht, die jeden Augenblick Justizmorde Hervorrufen möchte, vorausgesetzt, daß die Opfer derselben Juden wären und die Masse dadurch gegen die Gleichberechtigung, gegen die Freiheit, gegen die Bildung eingenommen würde! Welche Macht ist es, die es begünstigt, daß das Ritualmordmärchen immer wieder aufgewärmt und das Volk dadurch zu blutigen Thaten verleitet wird? In Frankreich hat diese Macht die Bevölkerung mit dem Gespenste des Dreyfus- Syndicates verwirrt und an den Besten irre gemacht. Wer ist es denn, der behauptet, auch in Oesterreich eine Art Drcyfus- Syudicat entdeckt zu haben, nämlich — die „Oesterrekchisch-Jfraelitische Union" mit ihrem unheimlichen Einfluß auf Staat und Völker Oesterreichs! Wahrlich, nicht wenig mag sich der Vorstand dieses nur zu Harm- und machtlosen Vereines gewundert haben, als Plötzlich verkündet wurde, daß er eigentlich die treibende Kraft der Dinge in Oesterreich sei, daß er Minister besteche rc. rc. Das ist ein so barocker Unsinn, daß seine Erfinder den Eindruck machen, als ob die Sommerhitze sie wahnsinnig gemacht hätte. Und doch wird dergleichen von den Führern der christlich-socialen Partei mit dem bekannten Brusttöne der Ueberzeugung vorgebracht. Was in aller Welt wollen sie denn damit erzielen, daß die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" lahnigelegt werden soll? Wenn die israelitische Union die selbstverständlichen Schritte des Rechtsschutzes in der Polnaer Angelegenheit nicht gemacht hätte, so wäre wirklich ein armer Schächter, der gar nichts Schlechtes gethän hat, eines Mordes bezichtigt worden. Und das hat eine Partei angestrebt, deren Führer ganz genau so sicher wie der Oberrabbiner von Wien wissen, daß ein Ritualmord nicht existirt! Sie hat es angestrebt, in der Hoffnung, daß das aufs geregte Volk vielleicht noch Tausende anderer Unschuldiger von derselben Stammesgenossenschaft peinigen und tödten könnte und so immer tiefer in den Sumpf von Unrecht und Verblendung hineintaumle, aus dem es kein Zurück mehr gibt und in welchem es bis zur Bewußtlosigkeit geknechtet und ausgebeutet werden könnte. Welche Macht mag es nur sein, die selbst eine solche Partei nicht verwegen und rücksichtslos genug fand und ihr zuruft: Nur Muth! Dieselbe Macht hat sicherlich den französischen Generälen, als sie in die verhängnißvolle Affaire nicht recht hinein wollten, das Losungswort zugehen lassen, das ein General nie ohne Eindruck hört: „Nur Muth!" (Fortsetzung folgt.) VieIudenversolgungenmRumänikn An dem Tage, an welchem der neue Ministerpräsident in Rumänien, Herr G. Gr. Cautacuzino, das Programm seines Cabinetes zum ersten Male kundgab, haben in derselben Stadt, in welcher der gesammte Heerbann der Conservativen sich befand, in Jassy, Judenverfolgungen stattgefunden. Diese sind eine sehr sonderbare Illustration der Programmrede des Ministerpräsidenten gewesen, die von Versicherungen der Ordnungsliebe und Hochhaltung der nationalen Würde überströmte. Herr Cantacnzino und seine Partei mögen aber wohl selbst empfunden haben, wie arg sie durch eine solche abscheuliche Vergewaltigung friedlicher Bürger compromittirt würden, denn sie haben sich beeilt, feierlichst kund zu thun, daß sie keinen Theil haben wollen an diesen Brutalitäten, daß vielmehr die verkrachte liberale Partei, der es thatsächlich an einem Wahlprogramm fehlt, sich der Judenhetze als ei lies Mittels bedienen wollte, um die Aufmerksamkeit der Wähler von den Corruptionsaffairen abzulenken, die haufenweise von Stadt zu Stadt entdeckt werden und die liberale Wirthschaft in diesem Lande auf's Aeußerste blosstellen. Wenn gar nichts mehr hilft, so kann der Mob in den Städten und der Pöbel auf dem Lande mit der Judenfrage noch immer aufgerüttelt werden und der „gebildete" Student gesellt sich .dem rohesten Bataufchen zu, um mit ihm gemeinsame Sache zu machen — Juden zu schlagen, Judenhäuser zu plündern. Wenngleich die Reglern kg sich hat von der neuesten Judenhetze, wie sie sagt, überraschen lassen, wenn trotz vorheriger Affichirung der Gewaltthaten die Jaffyer Polizei keine Vorkehrungen getroffen hatte, um die Scandalscenen hintanzuhalten, und wiewohl sie keine genügende Macht aufbot, um dem Ueberfalle gegen Wehrlose ein Ende zu machen, bevor es Tvdte und Verwundete gab, wollen wir doch die Entschuldigung gelten lassen, daß die Regierung als solche thatsächlich überrascht wurde. Im Freudentaumel, sich an der Macht zu sehen und eine überwältigende Majorität zu besitzen, konnte man nicht an die armen Unglücklichen denken, gegen welche sich die Wuth der Jaffyer Studenten und Knüttelbuben richtete. Wir lassen die Entschuldigung umso lieber paffiren, als es doch zum ersten Male geschah, daß eine rumänische Regierung so viel Moralgefühl kundgibt, für eine an Juden verübte Gewaltthat eine Entschuldigung vorzubringen. Als vor wenig Wochen die Bukarester Studenten sich mit dem hauptstädtischen Pöbel verbündeten, um einen gemeinschaftlichen Angriff gegen die Juden zu richten, die sich erkühnt hatten, gegen ihre Entrechtung zu protestiren, da fand der liberale Minister Pherekidi nicht nur keine Entschuldigung, keinen Tadel für diese Brutalität, sondern er erfrechte sich, von der Kammertribüne aus, die Studenten und den Pöbel als die. „Provocirten" hinzustellen und die Schuld auf die Juden zu schieben. Dieser Verlogenheit steht allerdings das Cabinet Cantacuzino engelrein gegenüber. Es entschuldigt sich nicht blos, sondern es gibt sogar den Polizeipräfecten Befehle, die Ordnung strengstens aufrecht zu halten und es läßt an die Staatsanwälte die