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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-06-16 · 24 (16.6.1899) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
24 (16.6.1899)
Date
1899-06-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Uk. 24 Dl*■ BlOCh’S Jahrgang XVI. Centralorgan für die gefammten Interessen des Iudenthnms. A. K. Pofisparraffen-Amk ClrsrinsvörKehr Nr. 610.976 Uedsction und Administrslion: Wien ZI,, Untere Annarkerrltr la. Telephon - Ur. 14.847 Wien, 16. Juni 1899. -- -- -’V* 4*-*^»- Erscheint jeden Freitag. -- Brief-Adresse: Wien» II.» Untere Augartenstraße 1 a* Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. *—-« Vezugsprei» Kr Sesterreich - Halbjährig 4 fl. --- 8 Kr. Einzelexemplare 25 kr. Für'» Ausland r halbjährig 5 fl. — 10 Ar. ganzjährig 10 „ 20 „ Anzeigen: Die4malgespaltene Petitzeile 12 kr. * --- * Inhalt. Leitartikel: Emile Zola als Monsieur Pascal. — Die Judenverfolgungen in Rumänien. — Rabbi Israel Hildesheimer. — Dasjudenreine Auditoriat. — Eonsularberichte aus Palästina. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Dr. Lueger über das Gemeindewahlrecht. Bernard Lazare. — Berliner Brief. — Abraham Kohn in Hohenems. — Correspondenzen: Sitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde Wien. Wien. Ein christlich-socialer Attentäter. Teplitz, Lemberg, Berlin, London, Wien. — Vermischtes: Vom Kuratorium der Ist. Theol. Lehranstalt in Wien. Wien, Graz, Prag, Sobieslau, Stanislau, Rzeszow, Budapest, Temesvar, Dresden, Berlin, Paris, Warschau, New-Aork. — Feuilleton: Michael. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Emile Zola als Monsteur Pascal. Jeder denkende Mensch muß staunen, wenn er, rückwärts schauend, des gewaltigen Anklagebriefes gedenkt, in welchem der größte Schriftsteller des heutigen Frankreich, ja vielleicht der Gegenwart überhaupt, jedem einzelnen Acteur des großen Dreyfus- Dramas seine Rolle zugewiesen hat, und zwar genau in der Reihe, wie es sich seither als der Wirklichkeit entsprechend erwiesen hat. Wie konnte er das? Geht es nicht über die Kraft menschlihen Scharfsinnes, ein so ganz und gar aus Unwahrscheinlichkeiten gewobenes Cvmplot zu errathen? Selbst das Genie des Dichters, der übliche Ecklärungsgrund, reicht hier nicht aus. Auch der größte Dichter hat keinen Grund, in den glänzenden Helden und tiefen Denkern des Generalstabes eines Volkes von glühender Liebe zur Ehre und Ritterlichkeit die feige Niedertracht gemeiner Gauner, Fälscher und ihrer Helfershelfer zuvermuthen. Doch Zola selbst hat uns auf die Spur geführt, woher ihm diese Wissenschaft geworden ist: Monsieur Pascal! Hat er sich nicht selbst so genannt, als er sich in London in einem Menschenmeer zu verlieren wußte? Monsieur Pascal! Der wieder erschienene Pascal, der Pascal unserer Tage! „Ich stehe da, einer gegen 3000!", schreibt Pascal, der größte Feind der Jesuiten seiner Zeit (gestorben 1662, 29 Jahre alt). „Behaltet ihr nur den Hof und den König auf Eurer Seite! Ich habe die Wahrheit auf meiner! Das ist meine ganze Stärke; verliere ich diese, so bin ich selbst verloren. Es wird nicht an Anklagen gegen mich und an Verfolgungen fehlen. Aber ich habe die Wahrheit für mich und wir werden sehen, wer siegt!" (Pensees, Ed. Fangöre, I. 308). Ist der nicht ganz Zola? „Man erwartet, einen Schriftsteller zu finden und findet einen Mann" (VII, 28). „Es ist ein Vergnügen, sich an Bord eines sturmbewegten Schiffes zu befinden, wenn man sicher ist, daß es nicht untergehen wird" (Pensees XXIV, 31). Es ist kein Wunder, daß Zola sich nach diesem kampfesfreudigen Wahrheitsfreund genannt hat, dessen große Seele ihm als Vorbild seines herrlichen, in seiner Uneigennützigkeit gemeinen Seelen gar nicht sichtbaren Kampfes für Recht und Wahrheit vorschweben mochte. Und ist es nicht der Geist des jüngsten Zola-Briefes, den Pascal vorweg nimmt, wenn er (Pensees XXIV, 66) sagt: „Zum Schweigen zu zwingen, ist die schlimmste Verfolgung"! Dadurch erst wird es verständlich, wie Zola die Technik der Dunkelmänner errathen konnte; denn mit erschreckender und verblüffender Genauigkeit hat sie Pascal schon vor mehr als 200 Jahren gezeichnet. Zola hätte schwerlich den Muth gehabt, Generäle und Minister des bewußten Justizmordes zu bezichtigen, wenn er nicht Pascal sehr genau gekannt hätte, welcher den Reactionären seinerzeit in seinen „Briefen an einen Provinzler" mit furchtbarer Rücksichtslosigkeit die Larve von dem Heuchlerantlitze geriffen hätte. Was gehört denn dazu, einen Unschuldigen als Verräther lebenslänglich in Ehrlosigkeit verschmachten oder als Ritualmörder hinrichten zu lassen, um damit bestimmte politische Zwecke zu erreichen? Nichts weiter, als drei Dinge: Lügen, morden, Richter beeinflußen. Pascal zeigt uns, daß schon die Dunkelmänner seinerzeit dies für erlaubt, ja für Pflicht hielten, wenn ihr „guter Zweck" damit gefördert wurde. „Die Kirchenväter waren gut für die Moral ihrer Zeit, aber sie liegen für uns zu ferne", läßt Pascal in den „Lettres ä un Provincial“ (V.) seinen Jesuiten sagen, der später fortfährt: „Man kann eine Gelegenheit zur Sünde direct und ihrer selbst wegen suchen, primo et per se, wenn das geistliche oder leibliche Wohl unserer selbst oder unseres Nächsten dazu führt." „Wahrhaftig, ehrwürdiger Vater, ich glaube zu träumen, wenn ich Geistliche so sprechen höre. Sagt mir doch auf Euer Gewissen, hegt Ihr wirklich diese Meinung?" „Nein, wahrhaftig nicht." „Ihr sprecht also gegen Euer Gewissen?" „Nein, keineswegs; ich sprach nicht nach meinem Gewissen, sondern nach dem von Pontius und Bauny, und diesen könnt ihr getrost folgen, denn sie sind tüchtige Männer". Ist das nicht ganz die Moral, nach der sich Rohling auf Brimanus oder die Generäle auf die Sachverständigen im Schreibfache stützten? Doch weil wir gerade von den Generälen sprechen, verweilen wir doch einen Augenblick bei ihnen. Ihr Fall ist zu schön und man versteht in weiteren Kreisen zu wenig, um was und um wen es sich eigentlich bei ihrer Verfolgung in Wirklichkeit handelt. Man hat den Proceß des Generals Mercier aufgeschoben und so den Jntriguen und dem Spiele des Zufalles von Neuem Thür und Thor geöffnet. Man ist überhaupt in gewissen Kreisen der Ansicht, jetzt sei es eigentlich genug, Dreyfus sei gerettet; alles Uebrige sei der Vergessenheit zu übergeben. Wie rührend schön gedacht! Wenn nur die Feinde der Republik auch solche Gefühlsmenschen wären! Wenn sie nur auch vergessen könnten! Es ist überhaupt merkwürdig, wie grundverschieden dar Verhalten des Freisinnes und der Reaction ist, wenn der Gegner

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