Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 23 (9.6.1899)
- Date
- 1899-06-09
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021277-3021301--08918-3033321- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 23 Dr. Vl'.rch's Wochenschrift. Seite 443 mäßig als es eben möglich war unter den Resten seiner Fußbekleidung in Tüchern gewickelt, eines derselben war ursprünglich ein seidenes Halstuch gewesen, und hatte sich die Mutter, die selbst keines um den Nacken trug, desselben beraubt. „O! Du armer, lieber, kleiner Mensch," rief Sarah, während Thränen über ihre Wangen rollten, von denen es — auch ihr selbst — nicht klar war, ob sie dem eigenen todten, oder dem bedauerlichen fremden Kinde, ob sie beiden galten. „Du mußt die zerrissenen Lumpen ablegen, ich werde Dir trockene, warme Kleider geben, auch von einem Kinde, das so brav, so schön, so gut, so lieb wie Du gewesen, von meinem Michael; ich kann sie gar nicht besser verwenden!" und während der kleine Knabe erstaunt aufblickte,. ließ Sarah ihren schönen Worteu die gute That folgen, und der fremde Knabe, verwirrt, befangen, ließ all' die Gutthaten wie ein Träumender über sich ergehen. Dabei aber blickte er doch fortwährend ängstlich auf die Mutter, und schien sich die neue Situation, in die er gelangt war, klar machen zu wollen. Er schien intensiv nachzudenken und preßte — wie dies auch Erwachsene in gleichen Fällen zu thun pflegen — seine feinen Purpurlippen fest übereinnander. Nachdem ihn Sara mit den Kleidern ihres todten Lieblings versehen hatte, wollte sie ihm eine Schale warme Suppe geben, aber das kluge Kind rief mit vor Aufregung zitternder Stimme: „Madame, Sie sind sehr gütig gegen mich; aber ich bitte Sie, sich meiner armen. Mutter anzunehmen. Auch sie hat seit gestern Mittag keinen Bissen im Munde gehabt und wir gehen schon neun Tage lang zu Fuß, und so lange die Mutter nicht gar so schwach war, mußte ich mich von ihr tragen lassen; .und seitdem mein lieber Vaterstadt ist, hat sie so viel geweint und Leid und Noth gehabt. In den letzten Tagen hat sie doch noch immer gehofft, daß wir die Vaterstadt erreichen, aber die liegt gar so weit .... zu weit! . . . . Die Mutter ist tapfer darauf losgeschritten; — aber heute ist sie plötzlich unwohl 'worden und das Geld ist uns ausgegangeu, wir haben uns nichts mehr zu essen kaufen können. Heute früh sagte die Mutter" — das Kind, das bisher seine Bewegung mit unglaublicher Energie bekämpft hatte, mußte jetzt doch in Schluchzen ausbrechen, „sie fürchte, sie könnte auch wie mein guter Vater, plötzlich sterben, und wolle nur trachten, in eine jüdische Gemeinde zu kommen, damit ich nicht gar so verlassen wäre, aber als ich zu schluchzen begann, sagte sie, sie habe nur das im Scherze gesagt, sie würde noch nicht sterben, so würde noch so lange leben, bis wir nach Metz kämen, wo sich vielleicht do chJemand unserer erbarmen würde; — und viel länger; aber eine halbe Stunde von hier wurde die Mutter noch schwächer und sagte: Wenn ich nur die nächste Judengemeinde erreiche, so will ich es als ein Zeichen Gottes betrachten, daß er mich nicht ganz verstoßen hat, und sich meines armen Kindes erbarmen wird, — aber sie konnte sich vor Hunger und Schwäche kaum fortbewegen, urd mußte sich auf mich stützen . . . ." „Auf einen fünf-, sechsjährigen Knaben stützen!" unterbrach ihn Sara unwillkürlich. „Und Gott hat uns doch geholfen, und als wir hier anlangten und die Mutter die Eruwschnur*) erblickte, war sie glücklich und rief: „Gott sei Dank! jetzt sind wir bei Glaubensgenossen", — aber gleich darauf fiel sie um, und ich klopfte ans Fenster und rief um Hilfe; „aber lieber Herr!" wandte sich der Knabe schüchtern an Brack und faltete anmuthig die Hände, „könnten Sie nicht nach einem Arzte schicken? Die Mutter schläft jetzt, aber ich fürchte, sie ist krank, sehr krank; — mein Vater hat auch geschlafen und war doch schwer krank und ist gestorben." Aron und Sara Brack hatten die außerordentlich klugen Worte des Kindes mit Staunen und lebhaftem Interesse angehört. Mit dem Wunsche, den der Knabe ausgesprochen, hatte sich Brack eben in seinen Gedanken beschäftigt und er sprach: „Ich hätte gewiß schon einen Arzt geholt, aber wir haben jetzt hier keinen. Der alte ist vor Kurzem gestorben, und ein anderer ist bis heute noch nicht hierhergezogen. Der nächste Arzt wohnt in Brünn. Ich bekomme jetzt in der Nacht keinen Wagen; wenn ich es auch versuchen wollte, den weiten Weg zu Fuß zurückzulegen, so könnte der Arzt doch erst morgen spät hier anlangen. Aber der Pfarrer in unserem Städtchen, Pater Willibald, ein edler Priester, besitzt medicinische Kenntnisse, und er *) Sabbatschnur. Eine Abgrenzung des Raumes, innerhalb dessen von Jedem am Sabbat etwas getragen werden darf. ertheilt Jedermann ohne Unterschied des Glenbeus Rath: ich werde ihn sofort holen." In diesem Momente schlug die kranke Frau die Augen auf; die Wärme hatte insofern einen günstigen Einfluß aus sie geübt, daß ihre todten, bleichen Wangen einen Anflug von Lebensfarbe annahmen. Ihr erster Blick suchte ihr Kind, das sie unbegreiflicher Weise plötzlich wohlgekleidet fand; — dann erst ließ sie ihre Blicke über das ganze Zimmer schweifen. Auch ihre Seelenfähigkeiten schienen unter dem Drucke ihres Körper- und Gemüthsleides gelitten zu haben. Sie machte offenbar eine große Anstrengung, das. was in der letzten Viertelstunde während ihrer Belvußtlosigkeit vorgegangen durch Eombination zu ergänzen. Sie konnte begreiflicher Weise die Situation nicht richtig erfassen, die Begriffe der Zeit und des Ortes hatten sich ihr verwirrt und sie frng endlich während ein mattes Lächeln der Zufriedenheit ihre Züge überhuschte, mit keiner trocknen, heiseren Stimme: „Wo find wir, Michael? Schon in der lieben Heimat? in Metz? ... Ei. lebt denn Dein Großvater noch, ist er reich? ei, siehe da, — er hat Dich ja schön geleidet, wie einen jungen Prinzen .... ah! dann ist ja Alles gut und schön — da kann ich ja ruhig ster... ben!" Das Kind war tödtlich betroffen. „Mütterchen, Mütterchen, mein goldenes!" rief es in höchster Bestürzung, „was sprichst Du denn, Du Kluge? Großvater ist ja schon lange todt! . . . . Wir sind hier nicht in Metz; — aber bei braven Leuten, bei Glaubensgenossen, die uns gewiß, nicht gleich wieder ins Unwetter hinausstoßen werden, weil wir kein Geld zum Zahlen haben, nicht wahr?" und dabei küßte er Sara's Hand, diese mit seinen Thränen benetzend, als wolle er hiedurch ebenso seine Dankbbarkeit aussprechen, als ihr noch weiteren Schutz und Unterstützung abschmeicheln, „und Du liebes, goldenes Mütterchen, Du wirst nicht sterben, Du darfst nicht sterben, der liebe, große, schöne, allmächtige Gott ist ja, wie Du mich's gelehrt hast, ein guter Gott, .... Du kannst ja gar nicht sterben und mich Deinen kleinen Michael mutterseelen allein auf der großen Welt lassen .... ich habe ja keinen Vater, keinen Großvater, keine Großmutter, keinen Oheim, keinen Bruder, Niemanden als Dich .... stirb nicht, stirb nicht — um Gottes Barmherzigkeit willen!" das Kind faltete die Händchen und fuhr in höchster Aufregung fort, „ich will brav sein, ich will Dir auf den Wink folgen, thu' mir Alles auf der Welt, was Du willst — nur stirb mir nicht!" Das verzweifelnde! Kind erfaßte die Hand seiner Mutter und führte sie an seine brennenden Lippen. Die Kranke sammelte ihre nach und nach versagenden Geistes- und Körperkräfte; sie schien ihren Zustand richtig zu beurtheilen. Die tiefste Wehmuth malte sich in ihren Zügen und zitterte in ihrer klanglosen Stimme, als sie erwiderte: „Ich blieb ja gern bei Dir, mein lieber, kleiner Michael; — aber ich fühl's, es ist in Gottes Rathschluß anders bestimmt... Wir müssen von einander scheiden . . . Und, Du bleibst nicht allein ... es lebt ein Gott, ein Vater und Schützer der Waisen!" (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. M. G—g. Die Idee, daß Dr. Kienböck, der ein langjähriger Freund Dr. L u e g e r's ist, erst eine Empfehlung des P. D i e t t r i ch nöthig hatte, um von ihm empfangen zu werden, ist geradezu komisch. Arthur B. Da passen Grillparzer'» Worte: „Ich sage dir: nicht Szythen und Ehazaren, Die einst der Glanz getilgt der alten Welt, Bedrohen unsere Zeit, nicht fremde Völker; Aus eigenem Schoß ringt los sich der Barbar, Der, wenn erst ohne Zügel, alles Große, Die Kunst, die Wissenschaft, den Staat, die Kirche Herabstürzt von der Höhe, die sie schützt..." M. G. Angesichts solcher Predigten, kann mau das Wort Rücker t's (Weisheit des Brahmauen) citiren: „Die Liebe Gottes kann so werden übertrieben. Daß sie für Sund' es hält, den Menschen auch zu lieben". M. N. In der Untersuchung in der Affaire des ermordeten P. Thomas spielten anfänglich die Aussagen der Gefolterten eine entscheidende Rolle. Josef P. Wir werden gelegentlich von Ihrer Einsendung Einiges benützen.