Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 23 (9.6.1899)
- Date
- 1899-06-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 23 Dr. Blvch's Wochenschrift. Seite 441 Die Judenhetze in Nikolajew?) Petersburg, Ende Mai. Die antisemitischen Unruhen in Nikolajew scheinen nach den spärlichen Zeitungsnachrichten, mehr aber nach Privatberichten, die jetzt erst hier vorliegen, ganz gehörige Dimensionen gehabt zu haben. Die russische Regierung hat eine sonderbare Liebhaberei, derlei Ereignisse möglichst zu vertuschen oder harmlos darzustellen; so kommt es unbefangenen Leuten geradezu kindisch vor, daß die hiesige C e n s u r Zeitungstelegramme mit aus hiesigen Blättern geschöpften Angaben über die Ausschreitungen in Nikolajew ins Ausland nicht passiren läßt. So lange aber in Rußland das B r i e f g e h e i m u i ß respectirt wird, müssen dennoch auch die der Censur mißliebigen Berichte an ihren ausländischen Bestimmungsort gelangen; diese ängstliche Censurmaßregel krankt somit logisch recht bedenklich. Ja, der Vogel Strauß muß wohl ein recht verständiges Thier sein; allerdings ließ Kaiser Heliogabal einst das Gehirn von 600 Straußen austragen, doch sollen nur dreißig Menschen daran satt geworden sein — ob sich daraus Schlüsse ziehen lassen? In Nikolajew, einer Stadt von gegen 100.000 Einwohnern, begannen die Ausschreitungen am zweiten russischen Osterfeiertage, am 19. April a. St. Schon am Ostersonntag wimmelte es in der Stadt allenthalben von Betrunkenen, die sich um die vielgerühmten Monopolbuden des Herrn Witte haufenweise ansammelten, um immer wieder dem Branntweinteufel zu opfern. Am Ostermontag begannen die in den Straßen und aus den Plätzen versammelten Arbeiter Streit mit den jüdischen Händlern, die in Nikolajew auf den Straßen Maaren, wie Sodawasser, Cigaretten, Süßigkeiten, Früchte und dergleichen feil halten. Alsbald stürzten sich die Arbeiter auf diese Händler, warfen ihre Tische und Bretterbuden um und begannen, sie zu mißhandeln. Die Juden flüchteten in ihre Wohnungen und verrammelten die Thüren ihrer Häuser. Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht durch die Stadt, daß eine Judenhetze begonnen habe, und während die Juden überall ihre Läden und Häuser schlossen, eilten die betrunkenen oder raublnstigen Arbeiter von allen Seiten herbei, um mit bei der beginnenden Hetze zu sein. Nun ging das Demoliren los. Die wild gewordene Menge, man schätzte sie auf 6—8000 Mann (die gesammte Arbeiterbevölkerung in den Fabriken Nikolajews beträgt etwa 10.000 Mann), raffte Steine von den Straßen auf, warf die Fenster der jüdischen Häuser ein, drang in die Wohnungen, mißhandelte die Insassen und warf ihr Hab und Gut auf die Straßen, wo sich die draußen befindlichen Genossen mit Geheul darauf warfen und Alles vernichteten. Möbel, Bilder, Betten, Wäsche, Pianinos, Claviere flogen aus den Häusern auf die Straße, wo alles theils vernichtet, theils gestohlen wurde. I n den Wohnungen wurde Alles zerschlagen, was den bestialischen Leuten unter die Hände kam. So wüthete die Menge unter wüstem Gebrüll, welches die ganze Stadt durchhallte, von Straße zu Straße, systematisch die jüdischen Häuser aufsuchend und nichts von ihrer Habe verschonend. Die Polizei war machtlos und hatte sich längst versteckt. Sobald sich Juden unter der Menge zeigten, die vielleicht ihre Habe retten oder vertheidigen wollten, wurden sie unter dem Rufe: „Nieder mit den Juden, schlagt sie t o d i, schlagt die Christusverkäufer tobt!" niede rgehauen. Immer toller wüthete die Menge. Im Centrum der Stadt leben reiche jüdische Familien, hier wurde am ärgsten gehaust. Theuere venezianische Spiegel, Teppiche, Porzellan, Seidenmöbel, der feinste Hausrath wurde aus den Fe. ,.ern geschleudert, unten jubelnd in Empfang genommen und sogleich vernichtet. Die Trottoirs waren bedeckt mit den Daunenfedern aus Bettpfühlen; es machte nämlich den eifrig mitwirkenden Knaben ein besonderes Vergnügen, diese aufzuschnei den und den Inhalt in die Luft fliegen zu lassen. Die verthierte Menge konnte am 19. bis zum Abend völlig ungestraft ihr Müthchen an den jüdischen Mitbürgern kühlen, trotzdem in Nikolajew gegen 2000 Mann Militär stehen, welches unter Gewehr se lb st ver stündlich genügt hätte, um den wüsten Ausschreitungen Einhalt zu thun Man ließ jedoch dem rasenden Haufen freien Lauf, und erst am *) Wir haben über die Vorgänge bereits berichtet, glauben indessen, diesen ausführlichen und zusammenfassenden Bericht unseren Lesern nicht vorenthalten zu sollen. Morgen des folgenden Tages wurde das gesammte Militär aufgeboren und man besetzte die Straßen und begann die Arbeiter, welche noch mit Plündern beschäftigt waren, zu arretiren. Selbst dem Militär aber widersetzten sich die Arbeiter, und es kam zu einigen Z u. s a m m e n st ö ß e n, bei welchen sowohl 'Arbeiter als Soldaten verwundet wurden. Im Ganzen wurden gegen 800 der Ausschreitenden verhaftet. Ueber die Stadt wurde der B e l a g e r u n g s z u st a n d verhängt, und der Militärgouverneur von Nikolajew, Contreadmiral Fevdorow, umritt die überall mit Soldaten besetzten Plätze und Straßen der Stadt. — Die Straßen Nikolajews bieten auch jetzt noch ein Bild wie nach einer Belagerung. Aufgerissenes Straßenpflaster, offene Fensteröffnungen, aus denen Fenster und Rahmen ausgerissen, auf den Trottoiren Scherben, Möbelreste, Thürfüllungen, Zeugfetzen und zertrümmerter Hausrath. Ein großer Theil der Läden ist geschloffen, auf den Skaßen sind Soldaten postirt, jede Ansammlung von Publikum ist verboten. Traurig ist es nur, daß das am Orte befindliche Militär nicht 18 Stunden früher am Platze war. Ein paar blinde Salven hätten genügt, die rohen Arbeiter zur Besinnung zu bringen und mindestens 300 jüdischen Familien ihren jetzt vernichteten Wohlstand zu erhalten. Unter den Juden sind natürlich zahlreiche Verletzte und auch schwer Verwundete. Bis jetzt sollen vier Personen ihren Verletzungen erlegen sein. Wien. (Verlob n n g.) Herr Jacques Ritter, Beamter der Wiener Tramway-Gesellschaft, hat sich mit Fräulein Louise Sommer, Tochter der Präsidentin des Israelitischen Frauen - Wohlthätigkeitsvereines Frau Karoline Sommer in Wall.-Meseritsch, verlobt. Wien. (B e r m ä l u n g.) Fräulein Bertha Stein, die beliebte Schauspielerin, welche eine Reihe von Jahren in verdienstlicher Wecse am Theater an der Wien wirkte, hat sich von der Bühne zurückgezogen und vermalte sich mit Herrn Leo G e i r i n g e r. Dem Trauungsacte wohnten blos die nächsten Angehörigen bei. Wien. Den am 27. Mai abgehaltenen literarischen Nachmittag des literarischen Geselligkeits-Vereines jüdischer Mädchen „Moria" eröffnete die Präsidentin Frl. Natalie Pollak mit einer Ansprache, in welcher sie der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" und dem Verein „Ferienheim" den Dank für Ueberlassung der Localitäten abstattete. Hierauf referirte das Mitglied des Vereines Frl. Rosa Kollmann über „die Erziehung bei beit alten Völkern". Frl. Kollmann entrollte den mit gespanntester Aufmerksamkeit folgenden Zuhörern geradezu ein Stück Weltgeschichte und erntete für ihre > mit bewunderungswürdiger Genauigkeit ausgeführten Vortrag reichlichen und wohlverdienten Beifall. Sonntag den 11. d. M. findet im Verein der letzte literarische Nachmittag in diesem Semester statt. Neferentin: Jnstitutsvorsteherin Frau Thilo, Thema: „Tie Juden und Araber zur Zeit des Maimonides". Ferner sprechen Frau Schriftsteller Wilhelm und Herr Dr. Max Jerusalem. Gäste (Damen) herzlich willkommen. Beginn 3'Z Uhr, IX., Berggasse Nr. 20, 1. Stiege, 2. Stock. Wien. Vorige Woche ist hier der Chef der bekannten Baukfirma Ephrussi und Comp., Herr Ignaz v. E p h r u s s i, gestorben. Der Verstorbene zählte zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Wiener Finanzwelt. Herr v. Ephrussi gehörte auch dem Berwaltungsrath der Creditanstalt an; er hinterläßt zwei Söhne und eine verehelichte Tochter. Die Firma stammt aus Odessa. Das dortige Stammhaus wurde indeß im Jahre 1883 liquidirt. Wien. (S p e n d e.) Für die nothleidenden jüdischen Bergarbeiter in Boryslaw sind uns zugekommen: Von Herrn S. Schwarz in Schluckenau 2 fl. 50 kr., von Herrn H. Eisner in Agram 5 fl., von Herrn Sigmund Fleischer, Reichenau a. K., 5 fl., von Herrn Albert Wolf in Dresden 30 Mark. Als Ergebniß einer Sammlung durch Herrn I. Rosenfeld in Wigstadtl: Von Herrn Josef Hermann 1 fl., von Herrn I. Rosenfeld 1 fl., von Herrn Heinrich Beck 1 fl., von Herrn Dr. S. Steiner 1 fl., von Herrn Jul. Goldberger 1 fl., von Herrn A. Käufler 50 kr. — Für das erblindete Mädchen Sarah Seif sind uns zugekommen: Von Herrn A. Löwy in Pürglitz 1 fl., von Herrn E. Prister in Agram 1 fl., von Herrn Adolf Singer in Rwan p. Schwarzkirchen 2 fl. 50 kr., von Herrn Max Lilling in Deutsch-Brod 1 fl. Wien. Wie die „Wiener Zeitung" verlautbart, hat der Kaiser dem außerordentlichen Professor der Elektrotherapie und Nervenpathologie an der Wiener Universität