Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 23 (9.6.1899)
- Date
- 1899-06-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 440 Dr. Bloches Wochenschrift. Nr. 23 Das Armen-Kraukenhaus ist das vornehmste Wohlthätigkeitsinstitut; ein Wicht der Vorsteher, ein Wicht der Arzt, die an einem Armen-Kraukenhaus nicht mit voller Hingabe arbeiten, die Arbeit dort nicht für seine höchste Ehre ansehen wollte. Das ist auch ganz sicher die Ansicht des Herrn Sachs selbst; er hat sie nur etwas undeutlich aus gedrückt. Bukarest, 4. Juni. fOrig.-Bericht.j Die sogenannte liberale Partei, an deren Spitze der rumänische Haman Demeter Stourdza steht, hat das Land wieder durch eine Schandthat entehrt. Die Exceffe gegen die Juden, deren Schauplatz vergangene Woche Jassy gewesen ist und die von Führern der liberalen Partei planmäßig seit lange vorbereitet wurden, spotten in ihrer Rohheit und Brutalität jeder Beschreibung. Agitatoren hatten Hunderte von Bauern, bei denen die traurige Aussicht auf eine Mißernte Kummer und Verzweiflung hervorgerufen hatte, in die Stadt gebracht und für die bevorstehende Plünderung und den Tvdtschlag der Juden gehörig präparirt. Das verkommenste Gesindel, entlassene Zuchthäusler, Zigeuner, fanatisirte Studenten, halbwüchsige Burschen, rohes Weibsvolk aus der Mahala wurden aufgeboten, um an dem geplanten Zerstörungswerke theilzunehmeu. Meist aus solchen Elementen bestand das etwa 2000 Köpfe zählende Meeting, das von den antisemitischen Studenten Jassys für Sonntag den 28. Mai einberufen wurde. Nachdem die Theilnehmer durch die blutrünstigsten Reden gegen die Juden aufgestachelt worden waren, zogen sie unter Vorautragung einer Fahne in die meist von armen Juden bewohnten Vorstädte und unter den Rufen: „Tod und Verderben den Juden!" drangen sie in die elenden Häuschen, devostirten die armseligen Einrichtungen und mißhandelten Weiber und Kinder auf die schamloseste und roheste Weise. Einen Begriff von der Unmenschlichkeit und thierischen Rohheit des antisemitischen Pöbels kann man sich nur machen, wenn man das grenzenlose Elend und den Jammer kennt, der unter den Juden dieser Borstädte jederzeit herrscht. Mein Herz krampst sich zusammen, wenn ich mich des Ganges erinnere, den ich vor nicht langer Zeit durch diese Stadttheile machte und mich des tieftraurigen Bildes erinnere, das sich meinen Augen darbot. In einem kleinen Raume, in welchem kaum der nothwendigste Hausrath zu sehen ist, befinden sich oft 8 bis 10 Personen, gebrechliche alte Leute, unfähig zu jeder Arbeit, halbnackte Kinder, bei denen der Hunger und die Noth in den blassen, blutleeren Gesichtchen tief ausgeprägt ist, ein Bild des jammervollsten Elends — und an diese Menschen, zu denen niemals ein Sonnenstrahl des Glückes gelangt, die ihr Leben unter kummervollen Entbehrungen'und, solange es der physische Zustand gestattet, unter harter Arbeit dahinbringen, diese beklagenswerthen Menschen haben sich die antisemitischen Bluthunde auserwählt, um ihre politischen Zwecke zu verfolgen und ihrem unmenschlichen Hasse zu fröhuen! Es ist erwiesen, daß die liberale Partei, welche die Bukarester Judenexceffe im Jahre 1897 organisirte, um die Aufmerksamkeit des Volkes ein wenig von ihrer Wirthschaft in der Politik abzulenken, diesmal die Ausschreitungen gegen die Juden heraufbeschwor, um dem confervativen Regime Unannehmlichkeiten zu bereiten. Die Juden sind ihnen blos eine Sache, die sie ruhigen Blutes der Vernichtung preisgeben, um dem politischen Gegner irgend eine harmlose Schwierigkeit zu be reiten. M. R—r. Bukarest. (D e r I a s s y e r A n t i s e m i t e n k r aw a ll.) Am Samstag den 27. Mai ist es anläßlich des im Circus Sidoli in Jassy abgehalteneu antisemitischen Meetings zu sehr bedauerlichen Scandalen gekommen. Nachdem die Herren Manolin, Arsene, Dioghenide, Carp, Constantiuescu, Braescu, Frau Titza Pavelescu, Major Mladian, Frau Sevastos, der Student Tarabutza, Basile Barescu und der Romsahrer Cartzan höchst aufreizende Reden gehalten hatten, zogen die Manifestanten mit einer Anzahl Studenten an der Spitze und gefolgt von fast der ganzen Bevölkerung von Tatarasch durch die Strada de Sus, Strada Lapuschneanu, Golia und Str. Stefan cel Mare, wobei die Fenster der israelitischen Läden zertrümmert, die Jalousien eiugeschlagen und sonstiger Schaden angerichtet wurde. Als der Zug der Manifestanten auf dem Platz vor der Kirche „Trei- Erarchi" anlangte, kam es zu einem Zusammenstoß mit der dort aufgestellten Compagnie von Fußgendarmen. Capitän Vrabie erhielt hiebei, kaum daß er die Aufforderung an die Menge, den Platz zu räumen, hatte ergehen lassen, einen wuchtigen Knüttelhieb über den Kopf und mußte schwer verletzt in die nahe gelegene Apotheke Herzenberg gebracht werden, wo niait ihm einen Verband anlegte. Fast zu gleicher Zeit wurde Subcommissär Panu von einem schweren Stein am Kopfe getroffen und mußte ebenfalls in sehr bedenklichem Zustande in die genannte Apotheke getragen werden. Die Fahne der Manifestanten wurde von der Polizei weggenommen, was Anlaß zu einem furchtbaren Handgemenge gab und wobei es den Tumultanten schließlich gelang, das Banner den Händen der Polizei wieder zu entreißen. Nach einigen aufreizenden Worten des Studenten Barescu bewegte sich der Zug dann in gleicher Richtung, von wo er gekommen war, zurück und machte vor dem Local des Studentenvereines „Solidaritatea" Halt. Das auf der Straße aufgestellte Militär erwies sich schließlich als zu schwach, um dem Anprall Stand zu halten, weshalb aus den Kasernen Verstärkungen herangezogen werden mußten. Als die Manifestanten in Strada Golia eintrafen, warf sich ihnen eine Abthcilung berittener Gendarmen entgegen; doch, obwohl es hierbei zu einer schrecklichen Panik kam, konnten die Reiter nicht viel ausrichten, da deren Pferde infolge des furchtbaren Gejohles und des Steinhagels scheu wurden und die größte Verwirrung unter der Truppe selbst verursachten. Die Studenten, welche den Scandal hauptsächlich provocirt hatten, waren unterdessen einer nach dem andern verschwunden, und fiel es dem Mob nun plötzlich ein, daß im Tirgul-Cucului, dem von der israelitischen Bevölkerung bewohnten Stadtviertel, noch Arbeit zu verrichten sei. Unter betäubendem Geschrei wurde der Weg dorthin angetreten, und bis das Militär endlich in die bedrohte Gegend einrückte, war in den Straßen de Sus, Cucu, Eternitatea, Sarariei, Veche, Alba, Golia rc. kein israelitisches Haus mehr unbeschädigt. Besonders hitzige Antisemiten drangen sogar in die Häuser der Israeliten ein und demolirten, was ihnen in den Weg kam. Als der ärgste Rummel bereits zu Ende war, erschien eine Compagnie Fußgendarmen nebst zwei Compagnien Dorobantzen und bemühte sich, die Menge zu zerstreuen, was aber nicht gelang, weshalb verschiedene Verhaftungen vorgenommen werden mußten, bei welchen es zu argen Gewaltthätigkeiten kam. Unter der israelitischen Bevölkerung von Jassy herrscht Angst und Schrecken. Die Leute hatten zwar schon die ganze Woche über gewußt, daß es am Sonntag zu antisemitischen Kundgebungen kommen werde und hatten sich zum Widerstande vorbereitet; aus Vorsicht oder aus Furcht jedoch vor dem brüllenden Mob wagten es nur Wenige, Leben und Habe energisch zu vertheidigen. Trotzdem gab es auf beiden Seiten eine Menge Verwundete. Gegen Abend wurde ein großer Theil der Garnison herbeigezogen und gaben sich die Behörden, vor Allem Polizeipräfekt Cananau und der Präsident der Jnterimscommission, Badarau, redliche Mühe, das tobende Volk zu beschwichtigen, freilich mit sehr negativem Erfolge. Der Präfekt Cananau selbst erhielt zwei Steinwürfe, als er bei den Manifestanten intervenirte. An dem „Podul cu Piatra" kam es gegen Abend zu einem furchtbaren Zusammenstoß zwischen Juden und Rumänen, wobei es eine Menge blutiger Köpfe absetzte. Man schätzt die Zahl der während der Tumulte zertrümmerten Fensterscheiben auf circa 4000. Alle Geschäfte sind geschlossen und bieten die Straßen einen jammervollen Anblick dar. Die Spitäler sind voll von Verwundeten und der Pvlizeiarrest von Verhafteten überfüllt. Unter den Verwundeten finden wir folgende Namen: Kesler, Koffler, Nuham Smiel, Rosenthal Haia, Lehrer. Capitän Vrabie, Subcommissär Paun, Smiel Marcu^ Rieven Moise, der Gendarm Munteanu, Freida Jancu, Buium Simcha, sowie zahlreiche Manifestanten. Die Rädelsführer der Bewegung sind unter Polizeiaufsicht gestellt worden und hat die Behörde umfassende Maßregeln getroffen, um einer Wiederholung der Tumulte vorzubeugen. Die Jassyer Israeliten haben gestern noch ihre Geschäfte geschlossen gehalten. An den sich zu der Zeit in Piatra befindlichen Ministerpräsidenten schickten die Israeliten eine Depesche, in welcher sie um Verhaftung der schuldigen Studenten ersuchten und eine Garantie für ihre Habe durch präfectliches Manifest verlangten. Die Jassyer Presse verurtheilt einstimmig die Ausschreitungen und auch die Universitätsstudenten haben eine Versammlung abgehalten, in welcher sie ihre Solidarität mit den Anstiftern des Rummels ablehnten. Einer der Schwerverwundeten, ein Diener des Herrn Botez, Gheorghe mit Namen, ist gestern seinen Verletzungen erlegen. Man befürchtet neue Unruhen. Der Polizeipräfect hat im letzten Moment ein Manifest erlassen, in welchem er für Leben und Besitz der Israeliten garantirt, die strengsten Maßregeln gegen die Anstifter von Ruhestörungen verspricht und die Kaufleute auffordert, ihre Geschäfte wieder zu öffnen. Für den erlittenen Schaden soll dem Vernehmen nach voller Ersatz geleistet werden.