Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 23 (9.6.1899)
- Date
- 1899-06-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 438 Br« Bloch's Wochenschrift«. Nr. 23 diese Art könnte es einmal befähigt sein, gleich anderen kleineren Völkern einen mehr oder minder hohen Grad von Unabhängigkeit und Geschlossenheit in sich selbst zu erlangen. So lange hiezu die Möglichkeit nicht vorliegt, muß man in erster Linie den Beifall und Schutz der edleren Theile der Völker, unter denen die Juden leben, aus alle mögliche Weise zu erlangen suchen. Dazu gehört auch die Ergreifung aller nützlichen Beschäftigungen in möglichst gleichmäßiger Weise und nicht das Zusammendrängen der Juden auf einzelne Berufe. Ucbrigens gibt es noch einen Weg zur Besserung der Lage der Juden. Man gebe die widerstrebenden Elemente, denen das Schicksal der Juden zu tragen schwer fällt, frei, wie man in einer von einer Uebermacht umschlossenen Festung den Schwachen und -Zaghasten den Auszug und die Unterwerfung unter den Feind freistellt, während die Helden, die auf jeden Fall bis auf den letzten Mann die Vertheidigung der Festung Vorhaben, Zurückbleiben, oder wie im modernen Krieg es immer bei aussichtslosem Kampfe der Abtheilung freisteht, sich unter möglichst günstigen Bedingungen gefangen zu geben. . Wien. (Antisemitische Jugend bildner.) Dienstag wurde der städtische Bürgerschullehrer Bernhard O d st r c i l, an der Knaben-Bürgerschule Währing. Klettenhosergasse 3 angestcllt, verhaftet und den» Landesgerichte eingeliefert, weil er sich grober Verbrechen gegen die Sittlichkeit, begangen an Knaben seiner Schule, schuldig gemacht hat. O d st r c i l war ein Parteigänger der Antisemiten und hat sich als solcher stets bemerkbar gemacht. Als vor zwei Jahren die Wahlkämpfe um die Lehrermandate in den Bezirksschulrath geführt wurden, agitirte O d st r c i l lebhaft gegen die freisinnigen Candidaten, und der gegen die Candidaten des Centralvereines gerichtete antisemitische Wahlaufruf hatte die Ehre, auch seinen Namen zu tragen. Vor etwas mehr als einem Jahre erhielt O d st r c i l einen Urlaub, um eine Wallfahrt nach Jerusalem mitmachen zu können, an der sich auch noch andere Mitglieder des Katholischen Lehrerbundes betheiligten. Odstrcil machte die Wallfahrt gemeinsam mit dem Obmanne des Katholischen Lehrervereines, Moser, und mit Pfarrer D e ck e r t. Wien. (Antisemitische Rohheiten.) Ein Act antisemitischer Rohheit bildet das Substrat einer Ehrenbeleidigungsklage, welche die Advocatensgattin Magdalena K o r e f gegen den Privatbeamten Josef Kleedorser angestrengt hat. Frau K o r e f wollte kürzlich ihren Mann in seiner Kanzlei austuchen; am Rudolfsplatz trat ihr der bis dahin unbekannte Kleedorser entgegen und überhäufte sie mit einer Fluth von Schimpfworten, als „S . . jüdin" und dergleichen. K le edorfer gab gestern als Angeklagter beim Bezirksgericht Josefstadt die incriminirten Schimpfworte zu, behauptete jedoch, von der Klägerin dadurch provocirt worden zu sein, daß ste mit ihrem Kleide sehr viel Staub aufwirbelte, was ihn als kranken Menschen überaus irritirt habe. Der Richter, Gerichtssecretär Dr. Weinlich, verurtheilte den Angeklagten wegen Beschimpfung der Frau Koref zu vierTagen strengen Arrests, wobei als erschwerend angenommen wurde, daß Kleedorser durch sein Betragen gegen eine ganze R e l igionsgenossenschaft Geringschätzung an den Tag legen wollte. Czernowih. In unserer Stadt herrschten seit jeher unter allen Bewohnern der vielfachen Glaubensbekenntnisse und Nationalitäten Friede und Eintracht. Leider ist dieselbe, sicherlich nur vorübergehend, durch den'nachstehenden Vorfall getrübt worden: An dem hiesigen k. k. Staatsobergymnasium wurde bei der Einteilung der Schüler eine Classe derart zusammengesetzt, daß diese Classe judenrein blieb. Dies mußte umso ausfallender erscheinen, als an dem bezeichneten k. k. Obergymnasium erfahrungsgemäß circa 50 Percent aller Schüler an dieser staatlichen Lehranstalt der jüdischen Confestion angehören' und eS demgemäß ausgeschlossen erscheint, die in der Regel nach dem Alphabet erfolgende Einreihung der Schüler in die betreffenden Classe einem bloßen Z u f a l l e zuzuschreiben. Dieser ungewöhnliche Vorfall wurde von der localen Presse entsprechend gewürdigt und von dem Vertreter der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde im Bukowiner k. k. Landesschulrathe dem kaiserlichen Rath Präses Herrn Naftali Tittinger in der letzten Sitzung des Landesschulrathes im Wege einer Interpellation an den k. k. Landesschulinspector Herrn Dr. Tumlirz zur Discussion gestellt. Die in dieser Weise vom Vertreter der Judengemeinde vorgcbrachte Interpellation rief bei den anwesenden Mitgliedern der höchsten Schulinstanz im Lande nicht geringe Verwunderung herwor und wurde dem Interpellanten nicht allein seitens des genannten Herrn Landcsschul-Jnspectors, sondern auch seitens der übrigen Vertreter, insbesondere auch seitens der des katholischen und griechisch-orientalischen Ritus, nämlich des infulirten römisch-katholischen Prälaten Herrn Josef Schmidt und des griechisch-orientalischen Theologie - Professors Consistorialräthes Herrn Dr. W o j u c ki die beruhigendste Versicherung gegeben, daß auf die Abstellung dieser Ungehörigkeit ganz bestimmt werde gedrungen werden, um die religiöse Toleranz und den socialen Frieden in unserem Lande auch weiterhin ungestört aufrecht zu erhalten. Da der betreffenden Landesschnlrathssitzung der k. k. Landes-Präsident Freiherr von Bonrguignon nicht persönlich präsidirte, so beschloß die Repräsentanz unserer Cultusgemeinde, welcher ein derartiger tendenziöser Vorgang unmöglich gleichgiltig bleiben konnte, denselben in einem Memorandum dem k. k. Landes-Präsidenten mit der Bitte zu unterbreiten, die erforderliche R e m e d u r zu schaffen. Bei der bekannten Objectivität und dem vornehmen, auf das Wohl Aller gerichteten Walten unseres Herrn Landes- Präsidenten ist ein befriedigendes Eingreifen von dieser hohen Stelle mit Zuversicht zu gewärtigen. Dieses Eingreifen unserer Cultusgemeinde-Vertretung hat wesentlich zur Beruhigung unserer Glaubensgenossen beigetragen. Das entgegenkommende Verhalten unserer hervorragenden jüdischen Vertreter findet in dem nachstehenden Vorkommnisse charakteristische Beleuchtung. In der jüngsten Sitzung des großen Sparkasse-Ausschusses gelangte auch eine Petition eines Comites zur Erbauung einer katholischen Capelle (nächst dem Hauptbahnhofe) um eine Subvention zur Verhandlung. Entgegen dem ablehnenden Votum der Sparkasse-Direktion wurde über warme Befürwortung seitens des Präses-Stellvertreter unserer Cultusgemeinde, k. u. k. Hauptmannes a. D. und Stadtrathes Herrn Bernhard Baltinester und des Vorstandsmitgliedes unserer Cultusgemeinde, Gemeinderathes und Reichsrathsabgeordneten Herrn Dr. Benno Straucher, dem erwähnten katholischen Bau- Comitö dennoch eine namhafte Subvention zugemendet. Das gleiche Entgegenkommen gegen Andersgläubige bekundeten auch unsere jüdischen Vertreter im Gemeinderathe vor Kurzem, als es sich handelte, dem Vereine der Christlich-Deutschen ein städtisches Grundstück zur Erbauung eines Vereinshauses unentgeltlich zu überlassen; s ä m m t l i ch e jüdischen Gemeinderäthe stimmten dafür, wodurch dem erwähnten Ansuchen der Christlich-Deutschen, welche bei den jüngsten Gemeinderathswahlen mit den Jüdisch-Deutschen e i n Verne h m l i ch vorgingen, einhellig willfahrt wurde. Die hier angeführten Momente erweisen wohl zur Genüge das religiösfriedliche Zusammenleben aller Kreise der Bevölkerung in Czernowitz, sowie das kluge und zweckmäßige Auftreten unserer zur Vertretung der Interessen der Judenschaft berufenen Glaubensbrüder. R3 Budapest. Die Repräsentanz des sechsten (Budapester) israelitischen Gemeindedistricts hielt am 30. Mai unter dem Vorsitze des Herrn Martin Schweiger im Sitzungssaale der Pester israelitischen Religionsgemeinde ihre ordentliche Jahresversammlung. Der Jahresbericht des Districtsvorstandes wurde den Mitgliedern früher zugeschickt, daher nur der auf das Hinscheiden der Königin Elisabeth bezügliche Theil desselben verlesen wurde, den die Versammlung stehend anhörte. Ueber die Angelegenheit der Autonomie entspann sich eine längere Debatte, die damit endete, daß dem Vorstandsberichte gemäß die jüngste Action der Versammlung der israelitischen Districlspräsidenten zu befriedigender Kenntniß genommen wurde. Die einheitliche Regelung des Religionsunterrichtes gab zu einer eingehenden Discussion Anlaß; Rabbiner Dr. Benetianer, Mitglied des Subcomites, das in dieser Frage' entsendet worden, stellte das Elaborat dieses Subcomitss für die nächste Plenarsitzung der Repräsentanz in Aussicht. Schließlich wurde das Schiedsgericht des Districts bestellt und den anwesenden Mitgliedern desselben im Sinne der Congreßstatuten das Gelöbniß abgenommen. Budapest. In der letzten Ausschußsitzung der Pester isr. Religionsgemeinde berichtete der Vorsitzende Präsident Sigmund K o h n e r über die hochherzige Stiftung von 100.000 Kronen, die der Gemeinde seitens des Haus- und Gutsbesitzers Herrn Moriz L ö w y gelegentlich seines 70. Geburtstages zugekommen ist. Nicht die Höhe derselben allein, sondern mehr noch der Umstand, daß diese große Stiftung einzig in ihrer Art ist, verdient die vollste Würdigung und Anerkennung der Pester Großgemeinde. Die Rede des Präsidenten K o h n e r würde höchst beifällig ausgenommen und beschlossen, dem edlen Spender den Dank der Gemeinde zu übermitteln und diesen auch im SitzungsProtokolle