Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 23 (9.6.1899)
- Date
- 1899-06-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021277-3021301--08909-3033312- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 434 Dr. Bloch's Wochenschrift» Nr. 23 Frage der Glaubensfreiheit auf der Tagesordnung stand. Der Wortführer der Ultramontanen, Canonicus Manterola, hatte den Verfaffungsentwurf angegriffen und neben einer Fülle geschichtlicher Unwahrheiten einen Judenhaß an den Tag gelegt, wie er kaum in den frühesten Tagen des Mittelalters bestand. Die Juden, so sagte er, hätten nie etwas für die allgemeine Gesittung und Bildung geleistet, die früheren Judenverfolgungen seien nur die gerechte Strafe für die von den Juden ausgeübten Greuel und Bedrückungen gewesen; der Talmud befehle den Juden, dreimal des Tages die Christen zu verfluchen, ihnen durch List und Gewalt Güter und Leben zu nehmen; viele Christenkinder seien von den Juden auf barbarische Weise geopfert worden und dergleichen Albernheiten mehr. Drei Stunden lang hatte diese Rede gedauert. Die liberale Mehrheit war immer ungeduldiger geworden, und doch wagte es keines ihrer Mitglieder dem Dunkelmann entgegen zu treten. Da trat Emilio Castelar auf und hielt die glänzendste Rede seines Lebens. Mit steigender Aufmerksamkeit, mit immer mächtiger wachsendem Beifall folgte die Kammer dem großen Redner, der einen Beweis des Gegners nach dem andern zerstörte, seine geschichtlichen Fälschungen widerlegte und in glänzender Improvisation den Grundsatz der Glaubensfreiheit vertheidigte. Unterstützt von seinem merkwürdigen Gedächtniß berief er sich halb auf die Bibel, halb auf die Kirchenväter und auf moderne Philosophen, um alle Citate Manterola's aus dem Felde zu schlagen. Es war eine wahrhaft dramatische Scene, als Castelar — gegenüber der Behauptung des Gegners, daß die Kirche zuerst und immer den Grundsatz der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichst ausgestellt hat, — aus dem amtlichen Gemeindeblatt von Madrid eine Mittheilung vorlas, die von der Auffindung des alten Verbrennungsplatzes der Inquisition in der Straße Ancha de San Bernardo berichtete. Dort hatte man mit einem Worte das geologische Archiv der Verbrennungen der Inquisition gefunden. Dann las Castelar das Jnventarium des Klosters von San Damiano, in welchem als Besitz zuerst 50 Stuten, 30 Juden, 20 Maurinnen und Jüdinnen genannt waren. Zu wahrhaft ethischer Höhe erhob sich die Rede Castelar's in feiner Vertheidigung der Juden. „Die semitische Race," so sagte er, „hat erhabene, auf sittliche Ueberzeugung gegründete Religionen hervorgebracht, ihr ist Moses, Christus, Mohammed entsprossen; sie dient dem Menschengeschlecht noch heute als Vermittlerin, um jeder Seite des menschlichen Lebens eine religiöse Weihe zu geben, eine sittliche Auffassung abzugewinnen. Wenn der Athener der Künstler, der Römer der Politiker, der Phönicier der Handelsmann, der Assyrer der Astronom, der Egypter der Astrolog und der Perser der Soldat ist, so ist der Jude der Priester des Alterthums. Die Hauptidee unserer Theologie, die Idee des absoluten und ewigen Seins, ist seine Idee, das Moralgesetz, das uns noch jetzt mit seinen unzerstörbaren Geboten beherrscht, ist geschrieben worden in der Gluth des Dornbusches am Horeb und in der Nacht der Blitze am Sinai. Nur die Zähigkeit eines solchen Volkes konnte die eine Idee der Einheit Gottes unverletzt erhalten, als die Sphynxe auf ihren Piedestalen von Granit sich bewegten, und die Nymphen und Sirenen ebenso in den Wogen der Lüfte wie in dem Lauf der Bäche sangen, um die Welt heidnisch zu machen." Gegenüber der Behauptung Manterola's, Spanien habe an den Juden nichts verloren, berief sich Castelar auf Spinoza, Disraeli, Daniel Manin, Abkömmlinge der spanischen Juden, um die Befähigung dieses Stammes zu beweisen. „Indem also Spanien einst die Juden aus seinen Grenzen trieb," sagte er, „hat es sich einer Reihe von Söhnen beraubt, die dem Baterlande Ehre gebracht hätten." In Livorno habe er Juden gefunden, die heute noch spanisch sprächen und das undankbare Spanien nach vier Jahrhunderten der Ungerechtigkeit noch als ihr Vaterland ansähen. Castelar schloß seine Rede mit folgenden Worten: „Groß ist die Religion der Macht, aber größer die Religion der Liebe; groß ist die Liebe zur unversöhnlichen Gerechtigkeit, aber noch größer ist die Religion des Mitleids und des Erbarmens, und ich komme im Namen dieser Religion, welche die Eurige sein sollte, im Namen Eueres Evangeliums, um von Euch zu verlangen, daß Ihr an die Spitz- Eueres Gesetzbuches die Religionsfreiheit schreibet, d. h. Freiheit, Brüderlichkeit, Gleichheit für alle Menschen." Ein unbeschreiblicher Auftritt folgte dieser Rede. Alte Männer brachen in lautes Weinen aus. Gegner Castelar's umarmten ihn, fast alle Deputirten erhoben sich von ihren Sitzen, Manterola aber und drei andere Mitglieder seiner Partei verließen, die Hände faltend, gesenkten Hauptes den Saal. Posada Herrea rief begeistert aus: „Sett 4-0 Jahren parlamentarischen Lebens habe ich einen solchen Triumph nicht gesehen." Der große Sieg Castelar's fand am folgenden Tage seinen Widerhall in ganz Spanien. Mehr als 100 Städte ernannten ihn zu ihrem Ehrenbürger, und mit seinem Namen wird die Nachwelt für immer die Erinnerung an den Sturz der religiösen Unduldsamkeit in Spanien verknüpfen. Ein großes, warmes Herz für die Freiheit schlug in seiner Brust. Diesem Ideal ist er treu geblieben sein Leben lang. Als im letzten Jahrzehnt der Antisemitismus in einzelnen Ländern Europas wie eine Seuche sich ausbreitete, da trat Castelar wieder mit seiner glühenden Beredsamkeit gegen diese Volkskrankheit und für die alten Ideale auf. Spinoza. Der berühmte Philosoph, der Romantiker, der deutschredende Däne Henrik Steffens, der die antisemitischen Vorurtheile der Romantiker Fouque, A. von Arnim rc. theilt, schreibt in seinem Werke „Carricaturen des Heiligsten" (Leipzig 1819, Band I., S. 385 f.: „Spinoza war erzeugt ans einem Volke, welches das allgemeine Vornrtheil gegen sich hatte, verloren in stille Forschungen, deren Tiefe Keiner begriff, wenige ahnten, von den bedeutendsten Geistesverwandten seiner Zeit geflissentlich vernachlässigt, von der Menge verschrien. Das Tiefste, was der sinnende Geist redlich forschend, errungen batte, ward als Gottesleugnung bezeichnet und dem Abschen der Frommen preisgegcben.. Die. Klugen nannten ihn wahnsinnig, die Frommen gottlos. Und innerlich war es -ihm nicht vergönnt, was ihn liebevoll erfüllte, lebendig zu begreifen, was das tiefste Gemüth erzeugte, erstarrte in dem Satz; ein umgekehrter Pygmalion versteinerte die lebendige Geburt unter seinen Händen, kein Herz schlug in der verschlossenen Brust; aber aus den steinernen Zügen des edelsten Antlitzes sprach die verschlossene Wehmuth, die verhüllte Liebe. Noch immer steht die wunderbare Gestalt in erhabener Ruhe unter uns; nur der Blödsinn, oie albernste Oberflächlichkeit glaubt an das Märchen, daß es ein Gespenst sei aus der Hölle, während die edleren Geister seinen göttlichen Ursprung verehren. In seiner classischen Vollendung ist er ein bleibender Lehrer, an der Strenge seiner Form findet Alles Erkennen, in seiner Ausbildung einen Stützpunkt, nnd so erhält ihn die Geschichte als einen sprechenden Beweis, das; Alles, was der Geist ans sich selbst erzeugt, über alle Bedingungen der Zeit erhaben, sein Dasein in sich selbst habe, indem es zugleich einmal ausgesprochen, durch die eigene Freiheit, befreiend auf das Geschlecht wirke. Die neuere Geschichte kennt kein Beispiel einer edleren Natur, die so ganz in sich gegründet, sich gegen die widerstrebende Welt lediglich durch die innere Tüchtigkeit erhielt. Nicht blos seine Lehre, . auch sein reines Leben blieb unangetastet, und wer kennt nicht die Aenßerung der damaligen Pfaffen, die selbst durch die naive Strenge ein elastisches Gepräge trägt: „Die Hölle habe, sagten sie, den Mann mit so vielen Tugenden ausgerüstet, damit er desto leichter die Frommen verlocken könne." Wollte man uns einwenden, daß dieses Beispiel hier nicht passend sei, weil Spinoza nie das Gesetz des Landes gegen sich reizte, wenigstens nie auf eine auffallende Weise, so vergißt man, daß die Verleumdung viel tödteuder wirkt,. als das Gesetz, daß dieses welches durch eine äußere Nothwendigkeit in seinem Verfahren bedingt ist, über die eigentliche Würde der Menschen keinen Ausspruch thnt, und daß Derjenige, der die Verfolgungen des Unverstandes und des Hasses so zu besiegen vermochte, wie Spinoza, durch die Verfolgungen des Gesetzes nur gewinnen könnte " Der jüdische Leibarzt eines Erzbischofs. Als Beweis für die „überaus freundliche Stellung der Kölner Erzbischöfe zu den Juden", von welcher in der jüngsten Nummer der „Mitth." (S. 166) berichtet.worden, kann auch die Thatsache gelten, daß bei einem jener Kirchenfürsten, Clemens August (1723—1761), ein jüdischer Leibarzt, Dr. Moses Abraham Wolf (Wolfs), in besonders hoher Gunst stand. Moses Wolf, Sohn des Abraham W., im Jahre 1713 in Neuwied*) geboren, betrieb auf den Universitäten zu Leyden und Halle medicinische Studien nnd promovirte an letzterem Orte mit einer Dissertation, deren Titel: „1)6 Morborum inconsulta ratione suppressomm revoeatione“ lautete. In Bonn, woselbst der junge jüdische Arzt sich niedergelassen hatte, erlangte er bald durch seine „ausgezeichneten Krankenheilungen" einen vorzüglichen Ruf, der sich noch erhöhte, als er 1738 zur Behandlung des an einer Lungenentzündung erkrankten Kurfürsten Clemens August mit herangezogen wurde. Im Gegensätze zu den Leibärzten des ^Vergleiche Clemens August, Herzog von Bayern, Kurfürst und Erzbischof zu Köln. Biographischer Versuch von Freiherrn F. E. von Mering. Köln 1851, S. 78, Anmerkung 1. Brisch. Geschichte der Inden in Köln II, 134, erwähnt nicht Mering's Mittheilungen über unseren Dr. Wolf.