Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 23 (9.6.1899)
- Date
- 1899-06-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 23 Vr. Bloch's Wochr.rschrrfL. Seite 433 Diettrich wieder damit aus, er habe nicht wegen eines Honorars intervenirt, sondern im Interesse der antisemitischen Partei einen Ausgleich zwischen Commune und Gasgesellschaft herbeiführen wollen. Nun ist aber einerseits der Jude Freund ein wenig plausibler antisemitischer Parteigenosse des Pater D i e t t r i ch, andererseits hatte die antisemitische Partei selbst damals die Parole ausgegeben: „Hinaus mit den Engländern". Wenn also Herr Cooperator D i e t t r i ch von den Interessen einer „Partei" sprach, die er wahrnehmen wollte, so meint er vielleicht die englische Gasgesellschaft, aus deren Casse er auch, wie er nach den veröffentlichten Protokollen nicht einen Augenblick in Unkenntniß sein konnte, dafür bezahlt werden sollte, daß er seine Beziehungen als antisemitischer Parteigänger und christlich-socialer Reichsrathscandidat zu dem Bürgermeister Doctor Lueger ausnützte. Aus Herrn Dr. Lueger selbst fällt dabei keinerlei Makel, denn in der Unterredung mit ihm wurde nicht das Allergeringste „angedeutet". Angedeutet wurde nur beim Pater D i e t t r i ch, einer Koryphäe jener Partei, welche in Wien die Corruption bekämpft. Außerdem hatte sich Herr Doctor Kienböck Vorbehalten, Teilbeträge aus der ihm von der Gasgesellschaft zu bezahlenden Summe beliebigen, ihm in der Sache nützlich scheinenden Personen zu bezahlen. Ob darunter ebenfalls Respectspersonen waren, denen man ein Honorar nicht versprechen, sondern nur anzudeuten wagen darf, dafür liegen auch andeutungsweise Aufschlüsse nicht vor. Aus dem Ganzen geht so viel hervor, daß eine oder mehrere antisemitische PiKteigrößen sich auf Vorschlag jüdischer Unterhändler bereit fanden, ihren Einfluß auf Dr. Lueger gegen Bezahlung an sie zu Gunsten des Bezahlenden aufzuwenden. Herr Dr. Lueger selbst kann nichts dafür, wenn Personen aus dem Kreise seiner Parteigenossen sich zu einem solchen Geschäft herbeilassen. Thatsache ist aber, daß nach dem Inhalte des von Dr. Kienböck verfaßten Provisionsbriefes und der darauf bezüglichen Protokolle die coumrercielle Ausbeutung der Freundschaft mit Herrn Dr. Lueger Gegenstand einer förmlichen Commanditgesellschaft war. Es hätte nicht viel gefehlt und wir hätten eine moderne Gründung erlebt unter dem Titel: „Actieugesellschaft für Freundschaftsbetrieb und Dampfprotection". * -i- * Man soll keinen Statthalter vor dem Abend loben. Herr Dr. Lueger hatte in der Schlußsitzung des niederösterreichischen Buffets dem Herrn Statthalter so viel Schönes und Artiges gesagt, er hatte ihn so gelobt und der Herr Statthalter hatte schon wegen seiner Aeußerung über das neue Gemeindestatut dieses ihm gespendete Lob so ehrlich verdient, daß sie Alle sehr gerührt waren, Alle, nur der Herr Statthalter nicht, denn er brachte, wie die Antisemiteublätter sagten, einen „Mißton" in den feierlichen Landtagsfchluß. Er sprach von der Leidenschaftlichkeit der Debatten und von den gewissen Zwischenrufen, die, wie der Herr Graf in gewohnter Milde und Sanstmuth sich ausdrückte, geeignet waren, „den Parlamentarismus nach Außen empfindlich zu schädigen". Herr Dr. Lueger hat nicht gut daran gethau, seinen Aerger über diesen Tadel zu zeigen, denn dadurch brachte er sich selbst in eine lächerliche Situation, weil sich doch das dem Statthalter ertheilte Lob nicht ungeschehen machen ließ. Durch seinen Aerger hat Herr Dr.' Lueger aber auch verrathen, daß er mit dem Benehmen seiner Parteigenossen und mit ihrer Redeweise e i n v e r st a n d e n ist, und das müssen wir uns merken. Nicht Leidenschaftlichkeit verleitete die Herren Geßmann, Strobach, Gregorig und Schneider zu den vom Statthalter gerügten Zwischenrufen, sondern die berechnende Gemeinheit. Es liegt System in ihrer unfläthigen Sprache, in dem Aussprechen der infamsten Beschuldigungeu gegen unbescholtene achtbare Personen. In der letzten Sitzung noch sind sie über eine städtische Lehrerin, die sie bisher trotz aller Disciplinarverfolgungen nicht um ihr Amt bringen konnten, hergefallen. Der Geßmann sprach von ihr als einem „Weibsbild", ja von einem „frechen Weibsbild", das man „in kürzester Frist fortjagen muß". Der Dr. Lueger nahm an dieser verächtlichen Beschimpfung einer Lehrerin theil, die als hochanständige nnd wissenschaftlich gebildete Dame bekannt ist, und sprach von ihr als einer „Person", die über eine gewisse Frage Ansichten habe, vie kaum in einer Kaserne Vorkommen dürften, und diese Ansichten.dann drucken lasse. Für die bodenlose Rohheit, welche zu dieser Jnsultirung einer Dame in der öffentlichen Sitzung einer gesetzgebenden Körperschaft gehört, sollte die Wiener Bürgerschaft nicht die richtige Empfindung haben? Was würde Herr Dr. Lueger sagen, wenn man von seinen achtbaren Schwestern, was Herr Dr. Geßmann, wenn man von seiner achtbaren Frau als „Weibsbildern" sprechen würde? Sie würden das als eine unerlaubte Beschimpfung ahnden und Jedermann müßte ihnen Recht geben, wenn sie in einem solchen Falle sich die entsprechende Genugthuung verschaffen würden. Für die Ehre Anderer haben aber diese Leute kein Berständniß. Sie betrachten die Immunität als das Privilegium, Alles zu besudeln und zu beschmutzen, was sich ihrer Herrschaft nicht unterwerfen will, und wir halten es für unmöglich, daß ein so großer Theil der Wiener Bevölkerung mit diesem abscheulichen hohnsprechenden Treiben einverstanden ist, um die Fortdauer desselben bei den nächsten Wahlen zu ermöglichen. Dem Herrn Statthalter geschieht vielleicht Unrecht, wenn der milde Ton getadelt ward, in welchem er das Benehmen der Antisemiten rügte, denn kein parlamentarischer Ausdruck ist stark genug, um den Ekel und die Verachtung zu kennzeichnen, welche das Benehmen der christlich-socialen Parteihäuptlinge hervorruft. Die Steeple-chase in Auteuil bot die Gelegenheit, den Präsidenten der Republik zu überfallen; dazu gehörte doch wenigstens auch ein gewisser Muth. Bei den Wiener Antisemiten fehlt auch dieser Begleitumstand. Sie haben die große Steeple-chase der Gemeinheit gewonnen, bei welcher es für sie keine Hindernisse gibt. Robert Wolf. „Ein jüdisches Intelligenz-Proletariat." Unter vorstehendem Schlagworte schreibt der Lemberger „Israelit": Mit hochgespannten Erwartungen wurde die Gründung des jüdischen Rabbinerseminars in Wien begrüßt. Es hieß im Gründungs-Programm, daß besonders für Galizien moderne Rabbiner, welche jüdisches Wissen mit akademischer Bildung vereinen, herangebildet werden sollen. In der That wird dieses Seminar von zahlreichen Schülern aus Galizien, die von Haus aus einen Fond jüdischen Wissens mitbringen, besucht, und ist für diese Canditaten die polnische Sprache und Literatur als besonderer Lehrgegenstand eingeführt. Allein was zeigt sich? Jedes Jahr verlassen mehrere galizische Rabbinats-Candidaten das Wiener Seminar, allein nur wenige finden eine Anstellung. Die galizischen Gemeinden mit Ausnahme der wenigen Großgemeinden sind theils arm, theils nicht reif für fortschrittliche Rabbiner. Man behilft sich fast allgemein mit Rabbinern, welche Studiennachsicht erlangten und geringfügigen Gehalt acceptiren. Die deutsch-österreichischen und böhmischen Kronländer haben genug Candidaten aus der ihrer eigenen Landeskinder, Ungarn aber hat sein eigenes Rabbinerseminar und ist überhaupt für Nichtmagyaren nicht zugänglich. Daher pilgern die galizischen Abiturienten des Wiener Rabbiner-Seminars in der ganzen Welt umher, um eine Stelle und Brot zu erlangen, und viele nehmen aus Noth mit Lehrstellen und sonstigen Anstellungen vorlieb. Wahrhaft trübe Aussichten! Sind dazu die großen materiellen Opfer bei Gründung des Wiener Rabbiner-Seminars gebracht worden, um ein neues jüdisches Intelligenz-Proletariat ins Leben zu rufen? Emrlio Castelar, der kürzlich verstorbene Führer der republikanischen Partei Spaniens, kämpfte seit dem Tage, wo er in die politische Arena eintrat, für Glaubens- und Gewissensfreiheit. In seinem Vaterlande war es sein heißestes Bemühen, das Unrecht wieder gutzumachen, das Spanien einst an den Bekennern des Judenthums verübt hatte. Und diesem Ideal blieb er treu in allen Wandlungen der Zeitgeschichte. Es war zu Anfang des Jahres 1869, zur Zeit der große» Umwälzung in Spanien, als Emilio Castelar mit seiner Propaganda für die föderative Republik zum ersten Mal in den Vordergrund trat. In Saragossa und in Lerida wurde er zum Abgeordneten für die constituirenden Cortes gewählt, und sein Name ist mit der grüßen Errungenschaft des modernen Spanien, mit der Cultus- und Gewiffensfteiheit, eng verknüpft. Schon in der ersten Volksversammlung in den Elyseeischen Feldern bei Madrid stellte er die Frage: „Sollen wir von der Regierung die Religionsfreiheit verlangen?"» Und ein vieltausendstimmiges „Ja" schallte ihm entgegen. „Nein," rief er jedoch aus, „wir müssen dieselbe nehmen." Seinen glänzendsten Ehrentag feierte Castelar und mit ihm das ganze Parlament am 12. April 1869, an dem Tage, da die Cardinalfrage der Zukunft Spaniens, die