Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 23 (9.6.1899)
- Date
- 1899-06-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 482 Dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 23 blicken. Die Richter vom Cassationshofe sind bestochen; das behauptet der Pauschalieubedürftige Dr. W ä h n e r und der mit den „verschiedenen großstädtischen Unternehmungen in Geschäftsverbindung stehende", oder deutlicher gesagt, für Geld zu Allem fähige, seile, bestechliche und käufliche Ehrenbürger von Mühldorf. Oder, um nur ja kein Mißverständniß übrig zu lassen, der für Geld zu Allem fähige, feile, bestechliche und käufliche Ernst Vergani. Zweifellos hat auch der Präsident der französischen Republik vom Dreyfus-Syndicat ein Pauschale bezogen, und die 513 Abgeordneten, welche die Scandale von Auteuil b r a n dmarkten, sind per Kopf und Stimme vom Kreisrabbiner Zadoc Kahn bezahlt worden. Ein fetter Brocken muß auch Herrn C a v a i g n a c in dem Provisionsbriefe zugedacht worden sein, der wahrscheinlich von einem Pariser College» des Dr. Kienböck verfaßt worden ist. Das Dreyfus - Syndicat hat eben in diesem Falle einen weiten und kostspieligen Umweg gemacht, denn es wäre leichter und billiger gewesen, die paar Antisemiten vom Schlage R o ch e f o r t's und D r u m o n t's zu bestechen, als das gesammte übrige Frankreich. Gesetzt den Fall, B e r g a n i wäre ein Franzose, während er thatsächlich, wie er sich ausdrücken würde, wenn er für Geld gegen sich selbst zu schreiben hätte, ein nach Wien eingewanderter Galizianer ist. Den B e r g a n i zu bestechen, ist einfach, und war, wenigstens in früherer Zeit, verhältnißmäßig billig, wie es überhaupt ja ein Unrecht ist, Wien immer als eine theuere Stadt hinzustellen. Bergan! gehörte einst zu den billigsten Lebensmitteln. Eine ganze Republik aber zu bestechen, daß muß sehr mühselig und kostspielig sein, und diesbezügliche Anträge finden ja nicht überall entgegenkommende Diettrichs. Im Falle Dreyfus müßte mit Ausnahme der Pariser und der Wiener Antisemiten geradezu die ganze Welt bestochen sein. Was schließlich das Bubenstück gegen Loubet betrifft, so ist es selbstverständlich, daß es bei den Wiener Antisemiten ein sympathisches Echo gefunden hat. Die „Deutsche Zeitung" verzeichnet mit Behagen, Loubet habe von dem Grafen Christian „seine Haue erhalten" und das „Deutsche Bolksblatt" widmet dem Vorfall einen Leitartikel mit der Überschrift: „Der gezüchtigte Präsident". Vergani findet, die von Christiani begangene Ausschreitung sei „zu begreifen und zu entschuldigen" und er faßt seine Ansicht über die Wendung der Dinge in Frankreich in dem Satze zusammen: „Jüdische Solidarität, jüdische Frechheit und jüdisches Geld haben einen Sieg errungen." Wer den Ehrenbürger von Mühldorf kennt, der wird auch diese seine morose Stimmung „entschuldigen und begreifen". Die jüdische Solidarität und die jüdische Frechheit haben an ihm stets einen unversöhnlichen Gegner. Nur mit dem jüdischen Gelde hat er sich g e g edenen Falles leichter ausgesöhnt. Seitens des Dreyfus-Syndicats war es vielleicht ein Fehler, den Ernst Vergani zu präteriren; wenn es schon alle Richter, alle Staatsmänner und alle Politiker in Frankreich, sowie die gesammte europäische Presse bestochen hat, so hätte es füglich auch mit Ernst Vergani „in Geschäftsverbindung" treten können. ■* * * Der Ministerpräsident Dupuy nannte die Vorgänge in Auteuil eine Demonstration gegen die Ideen des Rechtes und der Gerechtigkeit, von Individuen veranstaltet, deren Ahnen einst an der Grenze Frankreichs bereit standen, der Republik den Dolch in den Rücken zu stoßen. Er befindet sich mit dieser weitblickenden Anschauung in einem gewissen Widerspruche zu dem beleidigten Präsidenten selbst, welcher die ganze Affaire als einen „Narrenstreich" behandelt wissen will. In den meisten monarchischen Staaten würde der „Autor" eines solchen Narrenstreiches das Zuchthaus lebend nicht mehr verlassen. Präsident Loubet wünscht offenbar die Beleidiger milde behandelt zu wissen, und doch gibt uns die Aeußerung Dupuy's vielleicht einen sehr wichtigen Aufschluß über die Tragweite und über die Ziele der antisemitischen Bewegung in Frankreich. Welcher sachliche Anlaß wäre denn vorhanden, um über die Freisprechung des Dreyfus in so unsinnige Wuth zu gerathen? Ein Officier ist verurtheilt worden, und es stellt sich heraus, daß die Richter irregeführt wurden; die selbstverständliche Folge dieser Erkennt- "niß ist unter normalen Umständen die Wiederaufnahme des Verfahrens, und vielleicht reicht auch der Judenhaß nicht aus, um die Agitation gegen das einen Juden aus dem Gefängnisse befreiende Urtheil des Cassations Hofes zu erklären. Welches sind aber die anderweitigen geheimen Beweggründe der Agitation? Herr Dupuy antwortet uns darauf mit dem Hinweise auf Diejenigen, die auch derzeit bereit sind, der Republik den Dolch in den Rücken zu stoßen. So wie in Oesterreich der Clericalismus den Antisemitismus zu seinem Werkzeuge gemacht hat, so ist es in Frankreich der Royalismus. Der Antisemitismus in Frankreich ist das Werkzeug des Hochverrates, er ist das Schlachtroß der Prätendenten auf den Königsthron. Der Antisemitismus arbeitet nicht für eigene Rechnung, sondern sür die Feinde der Republik, und damit ist, abgesehen von der nunmehr gebrochenen Macht der compromittirten Generalstäbler, die Heftigkeit und die Dauer des Kampfes um das Schicksal eines einzigen jüdischen Officiers erklärt. Weil dieser Officier, ungerecht verurtheilt, nunmehr seine Ehre und seine Freiheit wiedererlangen soll, vereinigen sich Royalisten und Antisemiten zu einem thätlichen Angriff aus den Präsidenten der Republik und zu den frechsten Anschuldigungen gegen die Richter, und das Blatt Rochefon's kündigt an : „Nach dem Empfange Loubet's in Auteuil kann sich die Regierung eine Vorstellung davon machen, wie es Dreyfus bei seiner Rückkehr ergehen wird." Sie drohen also schon derzeit, den Gefangenen, der in sein Heimatsland gebracht wird, um nach jahrelangem Leiden nochmals vor seine zuständigen Richter gestellt zu werden, nach Antisemitenart zu empfangen. Man sieht, die Pariser Antisemiten sind von demselben Rechtsgesühl beseelt wie ihre Wiener Genossen, die gegen den Verwaltungsgerichtshof Hetzen, seine Mitglieder Spitzbuben nennen, den Justizminister und seinen Sectionschef Lumpen und Alle miteinander bestochen. Das ist eine Partei, deren Gefährlichkeit und Verwogenheit sich bei der Steeple-chase im Auteuil drastischer gezeigt hat, als es in Oesterreich bisher der Fall war, oder wenigstens als es den Staatsmännern von der Intelligenz des Herrn Grafen Kielmansegg klar geworden ist. Eine empfindlichere Beleidigung als ein Stockhieb ist es, wenn Richtern gesagt wird, sie seien bestochen. Das durfte im Landtage ein Individuum sagen, welches seinem Charakter und seinem Betragen nach zu dem schmutzigsten Abhub der bürgerlichen Gemeinschaft gehört, und am nächsten Sitzungstage erst nahm der Herr Statthalter das Wort zu einer temperamentlosen Erwiderung. Eines Morgens macht sich, so erzählten einmal die „Fliegenden Blätter", ein sächsischer Bauer mit seinem Sohne zeitlich auf den Weg nach Dresden. Unweit von seinem Hause sagt der Bauer: „Der Weezen steht scheene." Sie wandern schweigend den ganzen Tag weiter; gegen Abend erst, schon unweit Dresden, sagt der Sohn: „De Gerste ooch." Der Justizminister und sein Sectionschef sind bestochen, sagt Ernst Schneider, und der Herr Statthalter schweigt den ganzen Tag. Am nächsten Tage erst erwiderte er ungefähr in sächsischem Dialekt: „Heren Se mal, mein Jutester, was glooben Se denn, das is nich artig von Ihnen, mein Jutester! So 'ne Bestechung is gar nich scheene." * * * Es ist übrigens Psychologisch interessant, welche feine Witterung die Antisemiten für die Bestechungen haben. Sie glauben überall die goldenen Esel zu ertappen, welche über die höchsten Mauern der Justiz und der Verwaltung klettern. Diese Besorgniß vor der Zunahme der allgemeinen, selbstverständlich jüdischen Corruption erinnert zuweilen an die in einer belagerten Festung eingeschlossene alte Jungfer, die sich schämig und schüchtern darnach erkundigt, wie der stürmende Feind sich wohl schutzlosen Frauen gegenüber benehmen werde. Man muß übrigens nicht ausdrücklich bestochen werden, denn das ließe sich beispielsweise der Pater D i e t t r i ch nicht gefallen. Eine Provision thut's auch, und man muß sie auch nicht ausdrücklich Provision nennen, sondern kann auch von einem Honorar sprechen Aber auch sprechen muß man nicht davon; es genügt, wenn man das Honorar „andeutet". In den Protokollen die der Herr Bürgermeister mit seinem einstigen Chef und langjährigen Freunde Dr. K i e n b ö ck und dem Pater D i e t t r i ch aufnehmen ließ, findet sich ein höchst auffallender Widerspruch. Ein Consortium, an dessen Spitze Dr. K i e n b ö ck stand, sollte von der Gasgesellschaft 600.000 fl. dafür bekommen, daß ein Ausgleich mit der Commune erzielt wird, und hievon sollte Pater D i e t t r i ch, der bei Herrn Dr. L u e g e r interoeniren sollte, 100.000 fl. bekommen. Dr. Kienböck behauptet nun, er habe davon „andeutungsweise" mit Pater D i e t t r i ch gesprochen, während dieser auch die „Andeutung" leugnete. Der Jude Freund dagegen hat dem Herrn Pater Diettrich ein Honorar ausdrücklich „angedeutet", und da redet sich Pater lü