Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 23 (9.6.1899)
- Date
- 1899-06-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 23 Dr. Bloch's Wochenschrift- Seite 431 2. Der vergleichsweis erhebliche Betrag von eingeführlen Nahrungs-, Kleidungs- und Baustoffen, was auf eine wachsende und thätige Bevölkerung hindeutet. 3. Die auffällige Disproportion zwischen dieser wachsenden Bevölkerung mit ihren Bedürfnissen und Allem, was mit Ackerbauerzeugniffen im Zusammenhänge steht. - Dies ist umso auffallender, wenn man bedenkt, daß Palästina eine ausschließlich ackerbautreibende Landschaft ist. „Das Erste ist leicht erklärlich. Dieses Land will nur billige Güter kaufen und der englische Kaufmann will sich mit diesem kleinen und wegen seines Credites riscanten Geschäfte nicht abplagen. Der zweite Umstand folgt aus dem sparsamen und fleißigen Charakter der Eingebornen, welche leben können und selbst e i n H a u s b a u e n b e i G e- Winnen, bei welchen andereLeute verhungern würden. Zur Erklärung des dritten Punktes, schließt der englische Consul, könnte noch viel gesagt werden, doch würde dies den Rahmen des Consularberichtes überschreiten." Ausführlicher berichtet über die jüdischen Colonien der Consularagent von Jaffa, dessen Mittheilungen wir in unserer nächsten Nummer reproduciren werden. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Die weiße Nelke. — Die Scandale von üluteuit. — Cavaignac's Widerruf. — Das bestochene Europa und der praterirte Vergani. — Paris und Wien. — Das „angedeutete" Honorar. — Die Steeple-chase im Landtag.) Eine unschuldige Blume, von der Natur bestimmt, durch ihre Anmuth und ihren Wohlgeruch die Menschen zu erfreuen, ist zum Symbol der Niedertracht geworden. Die weiße Nelke ist das Abzeichen der antisemitischen Gaukler, Streber und politischen Piraten von Wien und von Paris. Mit einer weißen Nelke war der gräfliche Strolch geschmückt, der bei dem Wettrennen zu Autenil die Stufen der Tribüne empor auf den Präsidenten der französischen Republik lossprang, um ihn durch Stockstreiche zu insultiren. Mit schamlosem Cynismus gestehen die antisemitischen Hochverrälher von Paris, daß die dem Staatsoberhaupte zugedachte Insulte die Antwort war auf das Urtheil des Cassationshofes, durch welches dem unglücklichen Opfer von Fälschern und Verleumdern die Ehre und die Freiheit wiedergegeben werden wird. Die Menschen, denen ein Unrecht zugefügt wird, können sich vertheidigen; die Blumen sind wehrlos. Die arme weiße Nelke ist mit dem Stigma der Ehrlosigkeit behaftet, denn sie ist das Wappen aller Schurken in Wien und in Paris geworden. Die beim antisemitischen Geschäftsbetrieb feist gewordenen Wiener Spießer, aus bereu Augen die Bosheit und die Anwartschaft aus den Säuferwahnsinn hervorglotzt, der die einzige Entschuldigung für ihr Benehmen bilden könnte, haben im Zeichen der weißen Nelke eine Campagne gegen die obersten Gerichtsbehörden in Oesterreich angezeltelt, den Justizminister, seine Beamten und die Richter der Bestechlichkeit beschuldigt. In Auteuil hat ein hochadeliger Lotterbube in der Person des Staatsoberhauptes von Frankreich die Republik und die Gerechtigkeit beleidigt, und auch dieser nichtswürdige Klopffechter des Antisemitismus und der Rcaction trug die unschuldige weiße Nelke. Wenn die Blumen sprechen könnten, wenn sie im Stande wäre, den Menschen ihre Meinung zu sagen, dann würden die weißen Nelken laut dagegen Protest erheben, daß ihre weiße Unschuld, daß ihre Blumenehre durch die Gemeinschaft mit so verkommenen Individuen geschändet werde. Was im Pflanzenreiche die Blume, das ist in der menschlichen Gesellschaft eine hochgesinnte edle Frau, und die unüberbrückbare Kluft, die zwischen der Gesittung und dem Antisemitismus gähnt, wird am Besten durch das schöne Wort jener vornehmen Dame gekennzeichnet, welche in dem Augenblicke, als der tückische Ueberfall auf den Präsidenten Loubet unternommen wurde, au dessen Seite saß und auf die Frage des Präsidenten, ob sie bleibe, ruhig antwortete: „Gewiß, nehme ich doch einen Ehrenplatz ein." Diese so bescheidene und doch so selbstbewußte und muthige Aeußerung einer Dame, die gegenüber einem so unerhörten Bubenstück ihre ruhige Fassung bewahrte, überragt vielleicht als rühmenswerthes Beispiel vornehmer Geistesgegenwart jene Aeußerung des damaligen Vorsitzenden in der französischen Kammer unmittelbar nach dem Bombenattentate: „Die Sitzung dauert fort". Diesmal war es eine außerhalb der politischen Kämpfe stehende Frau, welche für die Kennzeichnung der Situation und für die Unverletzlichkeit der staatlichen Jnstutionen gegenüber verbrecherischen Ausschreitungen ein so treffendes Wort gefunden hat. Mit diesem Frauenworte ist auch der Unterschied in der Auffassung definirt, welche die gesittete Welt und welche die Antisemiten über die That des Grafen Christiani und seiner gleichwerthigen Gesellschaft hegen. Mit 513 gegen 32 Stimmen haben die französischen Deputirten die Tagesordnung angenommen: „Die Kammer brandmarkt die Scandale von Auteuil". Aus allen Ländern der Erde kommen dem Präsidenten der französischen Republik aus Anlaß der ihm zugedachten Insulte Kundgebungen der Hochachtung und Sympathie zu, und kein anständiger Mensch wird für die bodenlose Gemeinheit, daß ein Mitglied des Renncomitss zu Auteuil einen eingeladenen Gast infultirt, auch abgesehen davon, daß dieser Gast der Präsident der Republik war, auch nur ein Wort der Entschuldigung finden. Was nun den Begriff eines anständigen Menschen betrifft, so befinden wir uns da allerdings in einem sehr entschiedenen Widerspruch zu dem Bürgermeister von Wien, dem Herrn Dr. Lueger, der gestern bei einer der vielen christlich-socialen Festlichkeiten sagte, es gebe keinen anständigen Menschen mehr, der nicht Antisemit sei. Wir behaupten im Gegentheile, daß kein anständiger Mensch, falls nicht ein ihm eingeimpftes Vorurtheil das Denk- und Urteilsvermögen getrübt, Antisemit sein kann. Der Antisemitismus ist entweder eine unbewußte oder eine bewußte Ungerechtigkeit. Die überwiegende Mehrzahl der Wiener Christlich-Socialen gehört zu der letzteren Kategorie, und sie sind deshalb keine anständigen Menschen. In dem Verhalten dieser Sorte von Antisemiten anläßlich der Asfaire Dreyfus und anläßlich des Uebersalles auf den Präsidenten Loubet zeigte sich nicht blos ihre Unanständigkeit, sondern auch ihre bodenlose Schlechtigkeit. Auch derzeit noch, nachdem nicht blos die angeblich verjndete Strafkammer des französischen Cassationshofes, sondern das Plenum desselben gesprochen, nachdem durch die vollständige Veröffentlichung aller Actenstücke und durch die öffentliche Cassationsverhandlung der ganze Hergang der Campagne gegen Dreyfus grell beleuchtet wurde, behandeln sie diesen Mann noch immer als den „jüdischen Spion", den „jüdischen Berräther". C a v a i g n a c, der einst feierlich seine unerschütterliche Ueberzeugung von der Schuld des Capitäns verkündete und dessen Rede unter dem Jubel aller Antisemiten in ganz Frankreich asfichirt wurde, der hat sich jetzt als anständiger Mensch benommen, zum Unterschiede von den Nationalisten und Antisemiten, die gegen das Urtheil des Cassationshofes polemifiren. In der Montogsitzung der Kammer befürwortete dieser selbe Cavaignac, daß man nunmehr, nachdem seinerzeit die Rede asfichirt worden, die er gegen Dreyfus gehalten hat, auch das Urtheil des Cassationshofes affichire. Ausdrücklich sagte er: „Ich habe durch die Entwicklung und Feststellung des Falsums Henry am wirksamsten meinen Jrrthum gutgemacht." Ist vielleicht auch Cavaignac einer jener Menschen, die der dicke Strobach, eines der rohesten und bvruirtesten Individuen, die jemals im öffentlichen Leben eine Rolle spielten, durch die Bezeichnung „Dreyfusard" auch jetzt noch beschimpfen zu können glaubt? Unter lauter Zustimmung der Kammer geht die französische Regierung daran, alle jene Männer vor Gericht zu stellen, welche in der Sache Dreyfus die Wahrheit gefälscht oder verheimlicht haben. Die Justiz wird sich ihrer Aller bemächtigen, ohne Unterschied ihres Ranges. Du P a t y, der Henker eines Unschuldigen, sitzt bereits hinter Schloß und Riegel, und der ehemalige Kriegsminister M e r c i e r, der die Geheimacten den Richtern vom Jahre 1894 ins Berathungszimmer nachschickte und ihnen sagen ließ, er verbürge sich für die Schuld des Dreyfus, wird nunmehr vor dem Staatsgerichtshof aufzuklären haben, wie er so handeln durfte. Was sagen nun die Wiener Antisemiten dazu? Das ist für sie doch sehr einfach und naheliegend. Die Idee der allgemeinen Bestechlichkeit, worüber hier noch an anderer Stelle gesprochen werden soll, ist ihnen so geläufig, daß sie sich den großen Antisemitenkrach, den sie in Frankreich kommen sehen, als die Folge jüdischer Bestechungen erklären. Der Cassationshof hat das Urtheil gegen Dreyfus aufgehoben, und der Ueberfall auf L o u b e t war ein Racheact gegen den Mann, unter dessen Präsidentschaft die Republik endlich daran gegangeu ist, einen Justizmord zu sühnen. Das muß man sich vor Augen halten, um die ganze Verworfenheit der Antisemiten zu über-