Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-06-09 · 23 (9.6.1899) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
23 (9.6.1899)
Date
1899-06-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021277-3021301--08905-3033308
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 430 Dr. Blvch's Wochenschrift. Nr. 23 Und da hat ein jeder von uns die Pflicht, seine Pflicht zu thun als Jude, als genauer Jnformirter gegenüber unseren Mitbürgern, die sich theilweise aus Indolenz in den Sumpf des Antisemitismus haben hinabgleiten lassen. Jeder einzelne bessere Mensch unter den Christen soll dazu gebracht werden, aus diesem Falle dasselbe zu lernen, was früher das Volk von Paris aus ihm gelernt hat. Wir dürfen sie nicht auslassen, da vielleicht Zola und Picquart selbst dem Schein, den der Antisemitismus zu verbreiten weiß, einst aufgesessen sind. Jeder muß an die Wand gestellt und gefragt werden: Ist es wahr oder nicht, daß fünf Kriegsminister Frankreichs an dem Juden Dreyfus ehrlos gehandelt haben? Existirt für irgend eine Anklage gegen die Juden eine ebenso sichere oder gar sicherere Autorität, als die Ehre der obersten Generäle Frankreichs? Ist es wahr oder nicht, daß der Antisemitismus gegenüber Juden kein Gewissen kennt und keine Fälschung scheut? Ist es eines Ehrenmannes würdig, mit der Partei zu gehen, die solcher Schändlichkeiten fähig ist? Was kann man Demjenigen noch glauben, der sich jederzeit mit solchen Verbrechen zu identificiren bereit ist? Auf diese Fragen müssen wir von Jedem, der Anspruch aus Ehrenhaftigkeit macht, Antwort verlangen. Mit welchem Rechte glaubt er irgend etwas von dem, was die Wortführer dieser Dunkelmänner Vorbringen, mit welchem Rechte will der noch ein Ehrenmann heißen, der sich von diesen Schurken und Gaunern nicht trennt? Man ist ja nicht müde geworden, aus der Schuld des Dreyfus Folgerungen zu ziehen; folgern wir einmal unerbittlich aus seiner Unschuld, denn sie ist unserer Todfeinde erwiesene Schurkeuhaftigkeit. und wir haben nicht das Recht, in diesem Falle, wo sich der Jesuitismus einmal etwas zu weit vorgewagt hat, den altösterreichischen Fehler zu begehen und den Besiegten nicht zu verfolgen. Also lassen wir uns nur ja nicht einreden, das ewige Sprechen von Dreyfus sei zu langweilig. Reden wir von ihm und von seinen Feinden Bormittags im Geschäft oder Amt, Mittags beim Speisen und Abends in der Gesellschaft, aber nicht immer unter uns, sondern mit unseren christlichen Mitbürgern, die so ungern die Dinge consequent zu Ende denken, aber, wenn man sie einmal überzeugt haben wird, in wie infamer Weise chre alte Schwäche, über Juden, Böhmen, Ungarn rc. zu spotten und loszuziehen, ausgenützt worden ist, um ihnen das kaum abgeschüttelte Concordat wieder über den Kopf zu ziehen, vor Wuth und Scham aufschäumen und ein Gottesgericht an den Herren von Wien vollziehen werden, wie es noch mcht dagewesen ist. Darum, reden wir nur fleißig von Dreyfus, und damit unseren Lesern der Gesprächsstoff nicht ausgehe, wollen wir sie noch fleißig davon unterhalten. Die Sache hat noch viele fesselnde Seiten und manchen intereffanten Präcedenzfall, denn der Antisemitismus arbeitet nur mit Lüge und Verfolgung, eine Ritualmorolüge im Großen. Alle Führer des Antisemitismus in allen Ländern sind die genauen Ebenbilder der Henry und Paty de Clam, sie waren es auch immer; darüber nächstens mehr! Tonsularberichie aus Palästina. Der königlich großbritannische Consul von Jerusalem und Uulgegend erstattete dem auswärtigen Amte seines Vaterlandes einen Bericht über Handel und Volkswirthschaft von Palästina im Wirtschaftsjahre 1898. Nach den üblichen Angaben über den gesammten Außenhandel Palästinas (629.210 Pfund Sterling, um 13.191 mehr als im Vorjahre), den Export (Abnahme um 2609 Pfund Sterling) und den Import (Z u n a h m e um 15.800 Pfund Sterling) folgen genauere Daten über Orangen- und Weinbau. „Die Ausfuhr hat sich besonders bezüglich der Orangen und des Weines gehoben, da große Mengen derselben nach Hamburg und London verschifft wurden. Gegenüber 252.500 Kilo Wein im Werthe von 4340 Pfund Sterling (1897) war im letzten Jahre die Menge von Wein und Cognac in der Ausfuhr l‘/4 Million Kilogramm im Werthe von 20.500 Pfund Sterling. Diese große Menge, fast ganz in den jüdischen Colonien erzeugt, wurde in Hamburg in Depot gelegt, um gemäß der Nachftage wieder verkauft zu werden. Von Orangen wurden gegen 33.000 Kisten exportirt im Werthe von 82.500 Pfund Sterling. (Im Vorjahre 29.000 Kisten im Werthe von 75.800 Pfund Sterling, also 1898 ein Plus von 6700 Pfund Sterling). Die Einfuhr .hat eine Vermehrung erfahren bei Eisen (30.450 Pfund Sterling gegenüber 6200 Pfund Sterling), Mehl (15.000 statt 10.000), Reis (35.500 statt 15.00). Nach Ländern betrug die Einfuhr aus Großbritannien nur 9’5%, aus Frankreich 17*3%, aus Deutschland 9*3%, aus Rußland 12*1%. An Schiffen landeten in Jaffa 1898: 1485 mit einem Gehalt von 531.838. Registertonnen, darunter 437 Dampfschiffe mit 510.844 Tonnen. „Mit Bezug auf Ackerbau sei hier constatirt, daß die Ernte eine gute war, eine beträchtliche Menge von Getreide, besonders Gerste, ist von Gaza nach Europa exportirt worden und erhöhte Sorgfalt ist aus die Cultur von Wein und Orangenbäumen verwendet worden. Der Export von Orangen nach Europa, besonders England, welcher kein Zeichen der Abnahme zeigt, hat eine große Ausdehnung der Orangenpflanzungen veranlaßt, und die Herstellung von Wein in den jüdischen und deutschen Colonien, welche jetzt zu einer der wichtigsten localen Industrie geworden ist, hat bewirkt, daß dem Weinbau größere Sorgfalt zugewendet wird. „Keine öffentlichen Werke von irgend welcher Ausdehnung wurden im Jahre 1898 ausgeführt, aber die Reise Sr. Majestät des deutschen Kaisers nach Palästina im Herbste gab einen Antrieb zum Straßenbau und zu städtischen Verbesserungen im Allgemeinen. Jerusalem und Jaffa gewannen dabei in einer Weise welche noch einige Jahre sich fühlbar machen dürfte. „Der Handel war im Allgemeinen befriedigend, jedoch gab es keine deutlich ausgeprägte Differenz (there was no mavked difference) gegenüber den Vorjahren. Doch mögen einige Bemerkungen von zwei führenden britischen Colonisten von Interesse sein: „Der Handel und das Gedeihen von Palästina sind in einem hohen Maße die Wirkung der religiösen Interessen, welche in diesem Lande concentrirt sind. Das Wachsthum des Importes von Eisen und Holz beispielsweise für den Bau von Häusern gilt direct oder indirect religiösen Zwecken. Die Touristen aus Amerika und Britannien, welche Palästina während der Wintermonate besuchen, bringen einen nicht unbedeutenden Betrag von Geld ins Land; die deutsche Colonie des „Tempels" von Jaffa umfaßt 300 Seelen, die sich seit 30 Jahren hier niedergelassen haben. Aus religiösen Motive» entsprungen, hat die Colonisation sich hauptsächlich dem Ackerbau und Weinbau gewidmet. Der Weinexport ist noch immer entwicklungsfähig. „Eine andere Quelle des Wohlstandes für Jaffa ist noch die Orangencultur, welche sich seit 15 Jahren entwickelt hat und einer großen Menge von Knaben und Männern mit der Einsammlung und Verpackung Beschäftigung gab." Der Bericht verbreitet sich sodann über die einzelnen Handelsartikel; der Consul bespricht die Thatsache, daß belgisches Eisen noch vor 15 Jahren so gut wie unbekannt war und jetzt 75 Percent des Eisenimportes (für Bauzwecke, Hufeisen und landwirthschaftliche Geräthe) bildet. Holz kommt hauptsächlich von Odessa, der Bedarf hat sich seit zehn Jahren um 50 Percent erhöht, es wird zur Hälfte für Orangenkisten zersägt, zur Hälfte zu Bauzwecken verwendet. Zu Bauzwecken wird noch Zink und Blech von Belgien und Frankreich aus importirt; das Petroleum von Batum hat seit zehn Jahr ebenfalls um 50 Percent zugenommen und wird in 50.000—60.000 Kisten durch ganz Palästina versendet. Etwa 100.000 Hanfsäcke kommen jährlichvon Bonlbay, 50.000 Säcke Reis von Indien, 25.000 von Epypten, 100.000 Säcke Zucker hauptsächlich von Triest, 10.000 Säcke Kaffee, 75 Percent von Marseille, 25 Percent von Aden. Zunahme der Nahrungsmittel seit zehn Jahren: 50 Percent. Metallwaaren und manche andere Artikel kommen von Triest. Die wichtigsten Exportartikel sind: Olivenöl mit 20.000 Tonnen für Seifenfabrikation (60.000 Pfd. St. jährlich); Exportrichtung: Groß-Britannien. Oelsaat geht nach Frankreich, nimmt eher ab. Die Orangen zeigen eine bemerkenswerthe Entwicklung seit 10 oder 15 Jahren, jährlich 60.000 Pfd. St. Neue Gärten werden jedes Jahr angelegt und die Ausfuhrsumme dürfte wohl erheblich wachsen. „Daraus ergeben sich die nachstehenden Folgerungen: 1. Abwesenheit britischer Einfuhr mit Ausnahme gewisser Baumwollwaaren.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.