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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-06-09 · 23 (9.6.1899) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
23 (9.6.1899)
Date
1899-06-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ur. 23 Dr. Bloch’s Jahrgang XYI. Centralorgsn für die gesammten Interessen des Iudenthnms. -8L K. ft. Prifllparr-issett-Amk Clearingverkehr Nr. 810.976. Nedaction und Ndministr^tivn: wir» H., Untere Dnnartc -.ie. lg.. Telephon- Nr. 14.847 Wien, 9. Juni 1899. § rs ch eint jeden Freit a >7. Brief-Adresse: Wie», IL, Untere Augartenstraße la. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. Srzmzspcris für Oesterreich Ha::jäyrig 4 fl. — 3 Kr. Einzeleremplare 25 kr. lüt’a Kusland: halbjährig 5 fl. — 10 Kr. ganzjährig 10 „ — 20 „ il n z e i g e n - Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. -S =m Inhalt. Leitartikel: Dreyflks und Oesterreich. — Amtliches ans Palästina. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Ein jüdisches Intelligenz-Proletariat. Emilio Eastelar. Spinoza. Ter jüdische Leibarzt eines Erzbischofs. — Tie Juden in der österreichischen Industrie. — Abraham Kohn in Hohenems. — Eorrespondenzen: Salomon Färber — frei. Wien, Czernoivitz, Budapest, Berlin, Bukarest, Die Judenhetze in Nikolajew. — Vermischtes: Wien, Fiume, Wag-Neuftadl, Aussig, Tabor, Prag, Stechowitz, Lichtenstadt, Czernowitz, Budapest, Raab, Berlin. — Feuilleton: Michael. — Briefkasten. — Eingesendet. — Inserate. Dreyfus und Oesterreich. Seit den sagenentrückten Zeiten Esthers und Mardochais hat Gottes Allmacht kein so tückisches Complott zu Schanden gemacht, wie in unseren Tagen an jener Stätte, an welcher die Menschenrechte den aufhorchenden Völkern verkündet worden sind: in Paris. Man sagt, es geschehen keine Wunder mehr! Und ist es nicht ein Wunder Gottes, so groß wie irgend eines, von dem unsere heiligen Schriften berichten, daß die Unschuld dieses schwachen Einzelnen, gegen welche die höchsten Würdenträger des Staates und Heeres ihr Zeugniß wuchtig hatten in die Wagschale fallen lassen, zu Tage kommen konnte, blos weil die eine Kraft mit ihm war, die Gott uns Juden noch immer nicht ganz wegassimilirt hat: die grenzenlose Aufopferung der Familie, das unerschrockene Einstehen des Bruders für den Bruder, das Hingeben des ganzen Lebens und jeden Gedankens der Frau für den Mann, das Erstehen des begeisterten Bertheidigers, wie ihn der unschuldig verfolgte Jude noch heute in den Reihen seiner Brüder findet, in der Person Bernard L a z a r e's. Erst wenn der Jude beharrlich seine» Bruder schützt, kommt auch das Erwachen des Gewissens in den besten Nichtjuden, der Aufschrei der Gerechtigkeit eines Zola, die römergleich unbeugsame Rechtschaffenheit eines P i c q u a r t, die unbeirrte Arbeit eines Scheurer-Kestner und so vieler Anderer, die nicht Juden zu sein brauchten, um auch das dem Juden angethane Unrecht mitzufühlen, sobald sie nur einmal darüber außer Zweifel waren. Nun aber ist der große Tag des Gottesgerichtes hereingebrochen über die Bedränger und Bedrücker, deren Gewaltthätigkeit an den Uebermuth antiker Tyrannen gemahnte. Den Sieg haben erstritten die Vertheidiger der Gerechtigkeit. Haben sie wirklich gesiegt? In Frankreich beginnt man allerdings mit dem antisemitischen Ungeziefer gründlich aufzuräumen. Haben sie aber gesiegt, so lange der Bandwurm des Jesuitismus, an dem Europa nun schon seit dem Ablassen Bismarck's vom Culturkampfe krantt, nur an einem Gliede getroffen ist und mit dem Kopfe noch immer festsitzt, wo es ihm am wohlsten ist, in dem alten guten Oesterreich, allwo er von Pater Canisius vor Jahrhunderten mit dem Wohlstände der damals aufblühenden Alpenprovinzen gespeist wurde, mit Scheiterhaufen, Confiscationen und Landesvertreibungen, bis das damalige freifinnige Tirol so geworden ist, wie es eben ist, und bis Gschwandtner und Stalehner das Volk an jener Stelle — versittlichen konnten, an der einst der Eisenhandschuh des protestantischen Junkers Jürgen von Hernals eine neue Zeit hatte herauspochen wollen. Die Gerechtigkeit hat nicht ganz gesiegt, so lange die Werkzeuge des Jesuitismus, die Henry und P a t y, gerichtet werden, und nicht die Schlange, die sie genährt hat. Darum ist es nothwendig, den Völkern Oesterreichs auch die Lehren aus dieser traurigen Geschichte ganz ohne die üblichen Zuckerpillen zu kosten zu geben. Es ist absolut nothwendig, das Kind beim Namen zu nennen und die Frage aufzuwerfen, wie es geschehen konnte, daß dieses tückische Verbrechen unter dem Schutze Derjenigen geplant und verübt wurde, welche berufen gewesen wären, Lehren der Liebe und Versöhnung,ju geben. Wie kommt es denn, daß eine so ungeheuerliche Misse» that, die jedes menschliche Gefühl empören sollte, noch heute in Wien von den Organen der angeblich „christlich"-socialen Partei in Schutz genommen wird? Man wundert sich darüber und hat so wenig Grund dazu. Man wundert sich, daß die antisemitische Partei so behaglich mit Fälschungen arbeitete. Wo nicht? Hat sie nicht in der Neuzeit mit den Fälschungen Pfefferkorn's, in neuester Zeit mit denen des Brimanus gearbeitet? Citiren nicht die gewissen Landtagsabgeordneten einen gerichtlich überführten Fälschungsfabrikanten wie Rohling als ihr Orakel? Und die feineren Kreise, die nicht Zeit haben, der Sache nachzugehen, nehmen sie es nicht als ausgemacht an, „etwas müsse doch daran sein?" Das ist die große Lehre des Dreyfus-Scandals. Es muß wirklich etwas daran sein, nämlich die Schlechtigkeit von Fälschern und ihren politischen Drahtziehern, die sich auf jene dunklen Tiefen der Volksseele verlassen, welche schon im Kindesalter durch eine aufreizende Darstellung der Geschichte präparirl und geradezu abgerichtet werden, von jedem Juden das Schlechteste vorauszusetzen. Diesen Bolksinstincten wird der Jude als Nahrung hingeworfen, nicht weil er schlecht, sondern weil er wehrlos ist, wie Dreyfus. Wenn dann fünf Kriegs minister seine Schuld bestätigen, so wagt es schließlich auch der Ehrenmann von durchschnittlichem Autoritätsglanben nicht recht, an die Unschuld zu glauben. Und auch darin ist Dreyfus nur der Typus seines ganzen Volkes. Man hat es uns so lange vorgeredet, daß wir selbst uns kaum untersteben, daran zu glauben, daß an dem ganzen Antisemitismus nichts, aber gar nichts ist, als eben die Fälschung, die Lüge, der Betrug.

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