Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 22 (2.6.1899)
- Date
- 1899-06-02
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 22 Dr. BUutv’ö W inlicn l'vhuti Seite 427 glücksfall sollte auch das zweite Hiuderniß aus dem Wege schaffen. Mein armer blödsinniger Bruder war menschenscheu und mochte sich nur mit Jenen befreunden, die er schon längere Zeit kannte, und es schien mir daher am besten, ihn noch weiter aus dem Dorfe bei Hirsch Moslitz zu lassen. Eines Tages war der Herrschaftsbesitzer in Begleitung seines Neffen und zukünftigen Erben, eines boshaften, hartherzigen, dummstolzen Burschen, zur Jagd herausgekommen. Mein Bruder hatte das Unglück gehabt, dem jungen Tyrannen, als dieser von seinem Hunde begleitet, in den Wald ritt, zu begegnen. Während alle Bauern den künftigen Gebieter mit sclavischer Demuth grüßten, hatte der arme Idiot das furchtbare Verbrechen begangen, ihn, ohne ihn zu grüßen, mit seinem gewöhnlichen, stumpfen Lächeln anzustarren. Der junge Baron hetzte seinen Jagdhund auf ihn und dieser biß ihn ins Bein. Mein armer Bruder gerieth in Wuth, griff um sich gegen die Dogge zu vertheidigen, nach einem starken Baumast und schlug mit allen Kräften auf das Thier los. Der junge Baron legte seine Flinte auf Nachum an und schoß ihn, böse lächelnd, wie ein Raubthier nieder. Als ich erfuhr, daß mein Bruder in solcher Weise ums Leben gekommen, das allerdings weder für ihn, noch für Andere einen Werth besaß, schmerzte mich dies doch umso mehr, als der Mörder — der junge Baron hatte einen mit kaltem Blute vorbedachten Mord begangen — unbestraft blieb. Die Juden der Umgebung baten Hirsch Moslitz, keine gerichtliche Anzeige zu erstatten. Es hätte sich unter den bei der Blutthat Anwesenden — herrschaftlichen Dienern, Treibern und anderen Bauern —, kaum Einer gefunden, der geneigt gewesen wäre, vor dem Untersuchungsrichter die Wahrheit auszusagen. Es bedurfte bei Hirsch Moslitz keiner großen Ueberredungskunst, ihn von einem ebenso gefährlichen, als nutzlosen Schritte abzuhalten. Allein das Unglück, das meinen Bruder betroffen, hatte zu unserem Glücke beigetragen. „Nun war ich der älteste Sohn eines mährischen Judenfamilianten, nun konnte mir das Landesgubernium die Ehebewilligung nicht verweigern. Und Sara, als wir endlich nach so großen, scheinbar unbesiegbaren Schwierigkeiten vereint wurden, da dankten wir Gott aus voller Seele und aus ganzem Herzen, und — nicht wahr, Sara? — nach vielem Unglück, nachdem wir nicht mehr gehofft hatten, je glücklich zu werden, waren wir es doch geworden, — und als unser Michael geboren . . . ." Brack hielt erschreckt inne, Sara aber sprach: „Als wir befürchteten, nie vereint zu werden, konnte uns dies doch nicht als unmöglich erscheinen, und, Du siehst es ja, wir wurden in der That vereint, aber", die arme Frau konnte die Worte jetzt nur mühsam Herausstoßen, „unser Hingeschiedener, herrlicher Michael, der ist uns unwiderbringlich verloren, o! Du, mein liebes, süßes Kind! . . . . Mutterfreude ist doch das schönste, höchste, reinste Glück auf dieser Welt, Mutterschmerz, der tiefste — Aron, ich weiß nicht, wie ich weiterleben soll, mein Dasein erscheint mir öde, leer, zwecklos. Das fünfjährige Kind war so klug, als wenn es zwölf Jahre alt gewesen wäre, nicht eine Minute seines Lebens hat es Dich oder mich betrübt, der erste Schmerz, den es uns bereitete, war — daß es von uns schied .wer könnte uns je unseren kleinen Michael ersetzen?!" Sara brach Plötzlich ab. Es wurde an den Fensterscheiben der ebenerdigen Wohnung geklopft, und eine zarte, vibrirende Kinderstimme rief „Lemaan haschem, lemaan horachamim*) helft.... helft." Einen Augenblick glaubten die beiden hocherregten Gatten der Raub einer Sinnestäuschung zu sein, und der fast unerschrockene, kräftige Mann frug schüchtern: „Sara, hast Du nicht auch einen Hilferuf vernommen?" „Ein Kind, ein hilfesuchendes Kind," schrie Sara unter der Einwirkung ihrer Schmerzen in höchster, nahezu wahnsinniger Aufregung, „vielleicht ist's unser Kind, vielleicht ist mein Michael dochzu uns zurückgekehrt, .... es wird ihm bange fein, allein, ferne von uns auf dem Bes hachajim zu bleiben!" und sie und Aron stürmten so rasch, als sie es nur vermochten, vor die Hausthür. Zweites Capitel. Den beiden Gatten bot sich ein an und für sich tief erschütterndes Bild dar, das bei dem Gemüthszustande, in welchem sie sich gegenwärtig befanden, noch machtvoller auf sie wirken mußte. Der Mond, der eben aus der durch den Sturmwind auseinandergerisseneu Wolkeuhülle heraustrat, beleuchtete eine eigenthümliche Scene. Am Boden, auf dem hartgefrorenen Schnee lag eine weibliche Gestalt, die noch im Umsinken, die Hand eines Knaben, des Kindes, das ans Fenster geklopft hatte, krampfhaft in ihrer Rechten hielt. Einen Augenblick glaubte Brack, das arme Weib sei todt; aber als er sich zu ihr niederbeugte, glaubte er doch ein leises Heben und Senken ihres Busens zu bemerken, ein schwaches Athmen zu hören. Das Kind, ein Knabe von fünf, sechs Jahren, war von wunderbarer Schönheit. Unter einem armseligen, schirmlosen, zerrissenen Mützchen, quollen allerdings ungeordnet, eine Fluth nachtschwarzer Locken in natürlichen Ringeln, aus dem todtenbleichen, aber entzückend schön gebildeten Gesichtcheu, starrten jetzt zwei große, schwarze Augen, die das namenlose Weh, die entsetzliche Angst, die furchtbare Pein der armen Kinderseele viel deutlicher aussprachen, als dies der beste Redner zu thun vermocht hätte. „Meine Mutter, meine gute, liebe, arme Mutter! helft ihr, um Gottes Barniherzigkeit willen," erinnerte der Knabe. Jedes Wort das er sprach, traf Sara's Herz mit geradezu unschildbarer Macht! Das hilflose Kind an der Seite seiner ohnmächtigen, vielleicht sterbenden Mutter, war ungefähr so alt. so groß, so schön, so lieb, wie ihr eigenes, das sie vor wenigen Stunden in die Gruft gesenkt. Die hochgradige Aufregung trübte ihren Blick. Das Bild ihres eigenen todten Kindes, schwebte fortwährend, alle anderen Vorstellungen verdrängend, vor ihrem geistigen Auge, ihr erschien das Kind genau so, als wär's ihr kleiner, lieber, todter Michael. Im blitzraschen Bedenken schon mußte sie erkennen, das kleine Menschenkind da hatte sich trotz seiner zarten Jugend und seiner Unersahrenheit endlos klug benommen, nicht der erfahrenste, erwachsene Mensch hätte anders zu handeln vermocht. Wäre nicht das erstarrte Weib neben den» Kinde am Boden gelegen, die, ihrer Geisteskräfte nur halb mächtige Sara wäre geneigt gewesen, zu glauben, es sei ihr Michael, der von Kindesliebe und Bangigkeit getrieben aus d»m Grabe zu ihr zurückgekehrt sei; aber die Thatsachen widersprachen dieser Hallucination ebenso wie die Vernunft. Sara trat rasch ans dem Reiche der regen Phantasie in jene der Wirklichkeit: ihr Herz schmolz, sie riß das fremde Kind zu sich empor und preßte es an ihr pochendes Herz. „Wir müssen schnell die erstarrte Frau ins warme Zimmer bringen," sprach Aron, „ich hoffe, sie wird mit Gottes Hilfe zur Besinnung kommen, am Leben bleiben, gesund werden. Hilf mir die Frau ins Zimmer tragen." „Hofft Ihr das, Ihr guter, edler Mann?" ries der Knabe und die helle Purpurgluth rasch geweckter Hoffnung lohte in seinen Wangen auf, sein Kindergesicht zur vollsten Classicität verschönend. Aron und seine Frau trugen die Kranke behutsam in das Zimmer und legten sie auf Sara's Bett. Im beleuchteten Raume und nachdem sich der erste Sturm der Ueberraschung gelegt hatte, konnten Aron und Sara ihre unerwarteten, seltsamen Gäste etwas ruhiger und eingehender betrachten. (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. M. A., Eger. Die anwidernden Prodnctioncn der Bndapester Orpheum-Gesellschaft wurden in unserem Blatte wiederholt gekennzeichnet. Es ist allerdings bedauerlich, daß Juden es über sich gewinnen können, diese Productionen noch durch ihren Besuch zu unterstützen. S. L., Warosdin-Teplitz. Ihre Mittheilung, daß der hochwürdige Domherr Michael Smeticsko vom Erzbisthum Agram einen schwerkranken Juden besuchte, rhn tröstete und reichlich beschenkte, ist ein erfreuliches Beispiel dafür, daß Toleranz und Herzensgüte noch nicht ausgestorben sind. M. St. in Neuhof. Wir haben Ihr Schreiben Herrn Toctor Fialla übergeben. Moses H., Zombor. Ihre Zuschrift über die galizischen Schulen ist zur Veröffentlichung nicht geeignet. G. 193. Wenden Sie sich gefälligst mit Ihrer Anfrage an den Herrn Oberrabbiner von Wien. I. H. Ihre Antworten können wir nur kurz beantworten: aä 1) V e r h o v a y, der in Ungarn den Antisemitismus propagirte, hat die Esangü-G'elder, d. h. die zur Unterstützung Hungernder be- *) Um Gottes, um seiner Barmherzigkeit willen.