Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 22 (2.6.1899)
- Date
- 1899-06-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 424 Nr. 22 Dr. Bloch's Wochenschrift» Der Thatkrast seines Wesens entsprechend hat Herr H i n r i ch s e n auch auf dem Gebiet der Wohlthätigkeit hervorragend gewirkt. Für seine bedrängten Glaubensbrüder ist er stets mit warmem Herzen als praktischer Mann eingetreten. Er gehört dem Vorstand der Abtheilung Hamburg der großen „Alliance Jsraslite" an und war besonders im Interesse der vielen unglücklichen russischen Auswanderer energisch thätig, die weder in ihrer eigenen Heimat noch in der neuen Welt eine bleibende Stätte finden konnten. Seit langen Jahren ist er auch Mitglied des Vorstandes der Deutsch-Israelitischen Gemeinde. Möge dem hochgeschätzten, unter seinen Mitbürgern im besten Sinne populären Manne noch ein recht langer, schöner Lebensabend beschieden sein! Unter den vielen Angebinden, die Herrn Hinrichsen zu Theil wurden, zeichnete sich besonders ein prachtvoller Silberpokal mit Goldverzierung aus. Der Pokal zeigt auf dem Deckel die aus Silber getriebene Figur der Wohlthätigkeit, während an den Seiten sich die Wappen von Güstrow, der Geburtsstadt des Herrn Hinrichsen, und Hamburg befinden. Das Mittelfeld trägt die Widmung: „Seinem hochverdienten Vorsitzenden das Comite für die ruffischen Juden in Hamburg." Zur Abstattung der Gratulationen stellten sich Herr Bürgermeister Dr. V e r sm a n n, mehrere Bürgerschaftsmitglieder, Mitglieder des Vorstandes der Deutsch-Israelitischen Gemeinde, des Wohlthätigkeits- Bereines, welche den prachtvollen Silberpokal darbrachteu, und viele andere ihm nahestehende Herren, sowie deren Damen, in der Wohnung Hallerstraße 70 ein, die durch die reichen, prachtvollen Blumenarrangements im herrlichsten Schmuck prangte. Daß auch die auswärts wohnenden Freunde und Verwandten diesen Tag nicht vergeffen hatten, zeigten die vielen Herrn Hinrichsen zugehenden Telegramme. Wir schließen uns nachträglich der Schaar der Gratulanten an. Gehört doch der Jubilar dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus seit seinem Bestehen als außerordentlich thätiges, einflußreiches Mitglied an. Möge es ihm noch lange vergönnt sein, auch auf diesem Gebiete eine segensreiche Thätigkeit zu entfallen. Hamburg. (Die Bestattung des bekannten Musikkritikers Herrn Eduard H a m e l fand heute Nachmittag vom Sterbehause Griendelstieg 3 unter überaus großer Betheiligung statt. Wir bemerkten unter dem zahlreichen Trauergesolge u. A. den Director des Conservatoriums, Herrn Prof. Dr. v. B e r n u t h, den Präses des Tempelvorstandes, Herrn I. S ch ö n f e l d, sowie die Prediger Doctor Leimdörfer und Dr. S e l i g m a n n. Von den vielen, den Sarg vollständig bedeckenden Kränzen seien hier nur hervorgehoüen, die von der Stadt-Theater-Direction und dem Hamburger Tonkünstler-Berein gespendet waren. Nachdem der Tempelchor das Lied „Seele, was betrübst du mich" vorgetragen hatte, ergriff Herr Prediger Dr. Leimdörfer das Wort zu einem kurzen Nachruf. Der Prediger führte etwa Folgendes aus: „An der Bahre des im 88. Jahre seines arbeitsreichen Lebens dahingeschiedenen Herrn Ed. Hamel gibt es wohl kaum einen passenderen Text zum Nachruf, als das Wort des Psalmisten: „Die Bescheidenen, sie werden erben das Land, und enzückt, erfreut sein, ob der Fülle des Friedens" (Psalm 37, Vers 11). Ja wahrlich, der Heimgegangene, er hat sie besessen, die Krone der Bescheidenheit, von ihm gilt das Wort der Bibel, das sie als größtes Lob von dem Gotteslehrer Mose sagt: Und der Mann Mose war sehr bescheiden. Berufenere Kreise mögen davon reden, was er auf dem Gebiete der Kunst als Musikreferent geleistet, hier sei nur sein glückliches Familienleben erwähnt. Redner schildert dann eingehend mit gewohnter Meisterschaft den Verblichenen als Gatten und Vater und weist dann ferner darauf hin, wie der Verblichene sich als Autodidact zu einer angesehenen Stellung im Hamburgischen Musikleben emporzuarbeiten vermochte. Es war ihm vor allen Dingen darum zu thun, die Kunst um des Schönen und Erhabenen willen auszuüben, unbekümmert um etwaige materielle Vortheile, und so stellte er seine Kunst auch in den Dienst des Gotteshauses, indem er mehr als 20 Jahre als Chordirigent am Israelitischen Tempel wirkte. Mit dem Priestersegen schloß die wirkungsvolle Rede, die auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck machte. Nachdem der Tempelchor den Choral „Es ist bestimmt in Gottes Rath" gesungen hatte, wurde die Leiche von den Beamten der Neuen Israelitischen Beerdigungs-Gesellschaft auf den Wagen gehoben, und setzte sich der Leichenconduct nach dem Friedhof in Ohlsdorf in Bewegung. Brüffel. (G l a d st o n e's N a ch f o l g e r.) Die königlich belgische Akademie der Wissenschaften hat für den verstorbenen englischen Staatsmann William Gladstone das Mitglied des holländischen Staatsrathes Dr. T. M. C. Asser zu seinem auswärtigen Mitgliede gewählt. Dr. Asser ist eine der ersten Autoritäten für internationales Recht und augenblicklich ein Delegirter Hollands auf dem Friedenscongreß. Es ist ein interessantes Zusammentreffen, daß auch die französische Akademie für politische Wissenschaften zum Nachfolger für den verstorbenen Gladstone einen Juden gewählt hat: den italienischen Staatsmann Luigi Luzatti. Von den Juden in Frankreich. Vor einigen Tagen hat der Präsident der französischen Republik, Herr L o u b e t, einen Ausflug nach Dijon unternommen, um dort der Enthüllung eines Denkmales seines Vorgängers C a r n o t beizuwohnen. Bei dieser Gelegenheit wurden alle Würdenträger der Stadt und unter diesen auch der Rabbiner und der Delegirte des Consistoriums und die Tempelvorsteher empfangen. Der Rabbiner richtete an den Präsidenten folgende Ansprache: „Der Delegirte des Consistoriums und die Verwaltung des israelitischen Tempels in Dijon vereinigen sich mit mir, um Ihnen, ebenso wie den Vertretern der Regierung unsere achtungsvollste und aufrichtigste Huldigung darzubringen. Wir fühlen uns besonders beglückt, den ersten Beamten des Staates begrüßen und ihn unserer Ergebenheit versichern zu können, vor Allem aber unserem Danke an das republikanische Frankreich Ausdruck zu geben, das an der Spitze der civilisirten Nationen uns schon vor mehr als einem Jahrhundert emancipirt hat. Wir würden uns des Undankes schuldig machen, wenn wir eine solche Wohlthat je vergessen könnten. Wir sind daher auch unablässig bereit, jedes Opfer dem Wohle unseres theueren Vaterlandes darzubringen. Genehmigen Sie gleichzeitig. Herr Präsident, daß wir unsere heißesten Wünsche für Ihr Glück und das Ihrer lielen Familie darbringen". Präsident Loubet erwiderte: „Ich danke Ihnen dafür, daß Sie mir den Ausdruck Ihrer Gefühle überbrachten. Ich kannte sie ja und habe nie daran gezweiselt". Der Antisemitismus in Algerien. Am Donnerstag ergriff der Generalgouverneur von A lgerien Laferriere das Wort in der großen K a mmerdebatte über diese Colonie. Er ist ein eleganter Redner, der seine Effecte sehr berechnet, aber doch ziemlich kalt läßt. Er wies im Eingang darauf hin, daß er schon unter dem Kaiserreich ein eifriger Republikaner war, nnd daß er nur aus Anhänglichkeit an diese Staatsform die schwierige Aufgabe übernommen habe, die verworrenen politischen Verhältnisse Algiers zu ordnen. Er warnt sodann davor, der antisemitischen Bewegung eine zu große Bedeutung zu geben und zu glauben, daß durch sie die ganze Colonie aus Rand und Band gekommen sei. Die ökonomische Entwicklung Algiers habe trotzdem auch in den letzteren Jahren größere Fortschritte gemacht, als man erwartet hätte. Der Antisemitismus regiere nur in einigen Städten und sei als ein revolutionärer Boulangismus zu betrachten. Die 31 arseillaise a n l i j u i v e“ werde denn auch auf die Melodie der „Pioupious d’Auvergne“ gesungen, die zu Ehren Boulanger's entstand. Max Regis, ein Italiener von 26 Jahren, bilde den Mittelpunkt und sei von Trabanten mit italienischen Namen umgeben. „Es sind Korsen," unterbrach hier Morinaud. Neben einem großen Theil der 26.000 Ausländer von Algier habe Max Regis namentlich die Frauen für sich. Für die einen sei er eine Art Messias und für die anderen ein Modekünstler. L a s i e s unterbricht: „Sie sind wohl eifersüchtig?" Die Straßenjungen seien endlich auch ein wichtiger Bestandtbeil der Truppen von Regis. Die Politiker bedienen sich der Bewegung, um Mandate zu erhaschen. Gegen den Generalgouverneur führen die Blätter der Antisemiten einen unwürdigen Feldzug der Beschimpfung. Als Laferriöre's Sohn in Algier starb, schrieb Regis selbst einen Artikel „Pa Reponse de la Mort“, worin 'er diesen Tod als gerechte Strafe bezeichnete. Zu solchen Auswüchsen führe die Preßfreiheit, die man der Colonie zu früh verliehen habe. Solche Artikel verwirren sogar den Geist der Araber, die Regis bereits als Generalgouverneur und als Vertreiber aller Juden sehen.