Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 22 (2.6.1899)
- Date
- 1899-06-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 432 Dr. Vl.rch's WvchrttschcifL. Nr. 22 welchem Rufe er freudig und mit kühnem Muthe Folge leistete, obschon vor ihm zahlreiche arische Fachmänner, an welche man mit dieser Mission herangetreten war, die Uebernahme derselben abgelehnt hatten. Es würde den Rahmen dieser Skizze weit überschreiten, wollten wir die Schwierigkeiten auszählen, mit welcher Herr Kobn infolge der klimatischen, socialen. Transport- und Arbeiter-Verhältnisse zu kämpfen hatte, doch mit zäher Ausdauer und mit unermüdlichem Fleiße gelang es ihm, dieselben zu bewältigen und das Unternehmen zu einer solchen Blüthe zu bringen, daß dasselbe im vorigen Jahre von der Deutschen Bank in Hamburg in eine Actien-Gesellschaft mit einem Capitale von 37* Millionen Mark um gewandelt werden konnte. Nach Erneuerung seines Vertrages mit der Gesellschaft besucht nunmehr Herr Kohn nach mehr als zehnjähriger Abwesenheit seine Vaterstadt, um im Kreise seiner Familie die verdiente Erholung zu finden und um seine in Folge des Klimas und infolge rastloser Arbeit angegriffene Gesundheit durch einen Curgebrauch wieder herzustellen. Möge ihm die aufrichtige Bewunderung Aller, welche mit dem, trotz seiner coloffalen Erfolge bescheidenen jungen Manne in Berührung kommen, Ersatz bieten für die jahrelangen Kämpfe und Entbehrungen und mögen die heilbringenden Thermen unseres schönen Vaterlandes ihm neue Kraft und Gesundheit verleihen, damit er — nach Columbien zurückgekehrt — weiter Zeugniß ablege von jüdischem Arbeitswillen und von jüdischer Arbeitskraft. Berlin, 28. Mai. Letzthin sind einige Juristen nach langjähriger Zugehörigkeit zur Staatsanwaltschaft in hohe Richterstcllungen berufen worden. Die „Vossische Zeitung", die in diesen Fragen regelmäßig den Standpunkt des durch vermeintliche Zurücksetzung verärgerten Justizbeamten vertritt, gibt ihrer Bekümmerniß in folgenden Worten Ausdruck: »Es kommt noch eins hiezu, was der Beachtung werth ist. Der Staatsanwalt, der Präsident wird, ändert zwar durchgreifend seine Rechtsstellung, nicht aber die Weltanschauung, in der er sich eingelebt hat; unter dem Einfluß dieser Weltanschauung, deren Mittelpunkt die Unterordnung unter die höhere Weisheit der Regierung ist, steht aber auch das Urtheil, das sich der neue Präsident über die Richter bildet, steht also seine Handhabung der Dienstaufsicht, sein Vorschlagsrecht für Ernennungen und Beförderungen. Daß der Präsident sich selbst dabei für unbefangen hält und sich auch thunlichster Unbefangenheit befleißigt, ändert nichts an der Thatsache, daß er seine Anschauungen nicht wechseln kann, wie seine Handschuhe." Die „Kreuzzeitung", die auf liberale Thorheiten recht aut aufpaßt, bemerkt hiezu: „Hat . die „Vossische Zeitung" nicht bedacht, daß auch freisinnige R i ch t e r sich „in eine bestimmte Weltanschauung hineingelebt" haben, die in eine solche Weltanschauung sogar hinein geboren sind, und doch sich von ihr unbeeinflußt halten sollen? Oder meint sie, dem früheren Staatsanwalt falle dies schwerer, als freisinnigen und jüdischen Richtern?" Die Klage der „Vossischen Zeitung" ist in der That so thöricht, zeugt von so ungewöhnlicher Beschränktheit, daß es sich nicht lohnt, auf sie näher einzugehen. Wenn die richterlichen Personen sagen, daß sie es mit Bedauern und Verdruß sehen, daß ihnen, bei ohnehin recht ungünstigen Avancementverhältnissen, von der geringen Zahl der guten Stellen durch Einschiebungen noch ein erheblicher Theil fortgenommen wird, so ist das begreiflich und nicht unberechtigt, die Anschauung aber, daß man ..Männerstolz vor Königsthronen" nur durch Bethätigung oppositioneller Gesinnung, nur durch die Gewöhnung an die politische Weisheit der Bezirksvereine gewinnen könne, ist doch gar zu rückständig. Die „Kreuzzeitung" ist weit davon entfernt, gegen diese Rückständigkeit zu polemisiren; sie macht blos darauf aufmerksam, daß sie von der „Vossischen Zeitung" sich lediglich in der Richtung des Vorurtheils trennt. Wenn die „Kreuzzeitung" unter Bezugnahme auf die jüdischen Richter von einer Weltanschauung spricht, in die man hineingeboren ist, so ist sie consequent in ihrer Parteiphantasie, die das Angewöhnte für angeboren nimmt, um ihm eine größere Weihe andichten zu können. Davon, daß man in eine Weltanschauung hinein geboren sein kann, wird selbst die „Kreuzzeitung" nicht ernstlich sprechen wollen. Ihr ist es auch einzig darum zu thun, bei Denen, „die nicht alle werden", den Eindruck hervorzurufen, als wären die Juden in eine besondere Weltanschauung hinein g eb o ren. Wir können ihr nicht so weit Entgegenkommen, daß wir ihr das Hineingeborensein zugestehen; aber das Vergnügen wollen wir ihr bereiten, daß wir das Vorhandensein einer jüdischen Weltanschauung bekennen, die sich seit Jahrtausenden unverbrüchlich vererbt — ein Erbe, das allerdings von Geschlecht zu Geschlecht neu erworben sein muß, damit es zum Besitz werde. Diese jüdische Weltanschauung hat die Ethik geschaffen und zur höchsten Blüthe entwickelt; diese jüdische Weltanschauung verlangt, daß jeder Einzelne die Gesetze der Ethik lebe; diese jüdische Weltanschauung gebietet die unausgesetzte, selbstlose Uebung von Recht und Gerechtigkeit! Gäbe es Männer, die in solche Weltanschauung hineingeboren sind — sie wären die geborenen Richter! Gibt es Männer, die in solche Weltanschauung sich hineingelebt haben, so sind sie es, die man zu Richtern wählen soll! Ist die „Kreuzzeitung" vielleicht anderer Meinung? Und wie denkt sie hienach über jüdische Richter? Berlin, 29. Mai. Hier und anderwärts ist der Brauch eingeführt worden, die jungen jüdischen Mädchen zu „cvnfirmiren". Daß hier fremder Brauch nachgeahmt wird, ist offenbar. Wir haben für solche Nachahmung nichts übrig, sie ist uns unsympathisch. Doch der Brauch ist da, und man darf anerkennen, daß Gutes mit ihm verknüpft ist: der voraufgehende Religionsunterricht, auf den wir großen Werth legen. Der Werth wäre größer ohne die abschließende geräuschvolle Feier, weil diese allzuleicht Selbstzweck wird. In diesem Falle aber hat die Feier nur einen decorativeu Charakter, bleibt ihm die innere Einwirkung auf das Gemüth versagt. Die Confirmationspredigten verhallen, ohne sich dem Herzen und dem Geist der Hörerinnen einzuprägen. Darau tragen nicht die Prediger Schuld, die thun, was in ihren Kräfteu steht, daran trägt das Haus Schuld, das den Kindern kein religiöses Leben zeigt und vor ihren Augen — um ein treffendes Wort des Herrn Rabbiners Dr. Maybaum zu gebrauchen — dem ..verfeinerten Götzendienst" eines angeblich „aufgeklärten" Materialismus huldigt, den in seiner gröberen Form unsere Vorfahren überwunden haben. Der der weiblichen Jugend ertheilte Religionsunterricht ist gut, aber er ist nicht ausreichend. Da er der häuslichen Unterstützung vielfach ermangelt, müßte ihm vermehrte Sorgfalt zugewendet, mehr Zeit gewidmet werden. Sonst könnte es unseren confirmirenden Rabbinern recht oft begegnen, daß sie ihre Zöglinge nicht lange nach ertheilter „Confirmation" — am Taufbecken wieder finden. Hier in Berlin gibt es nicht wenige Juden — sie nennen sich gern „liberal" —, die hierin gar nichts Bedauerliches sehen, die vielmehr planvoll darauf ausgehen, eine Art religionslosen Salonjudenthums zu schaffen und es in die Synagoge einzuführen. Die Verhandlungen in der gestrigen Sitzung der Repräsentantenversammlung haben hiefür einen neuen Beweis erbracht. Unter Führung des Herrn Professor Geiger wurde mit 9 gegen 3 Stimmen beschlossen, die Commission aufzulösen, die vor Jahresfrist mit der Ausgabe einer Revision des Gebetbuches betraut worden ist. Die Commission ist bisher unthätig gewesen, hätte es vielleicht zu positiven Vorschlägen nie gebracht, so daß ihr Verschwinden keinen Schaden bedeutet. Wohl aber ist es im übelsten Sinne bedeutsam, daß die Liberalen uns unumwunden erklärten, sie wollten im jüdischen Gebetbuch nichts wissen von der Erstehung der Todten, nichts von den Erinnerungen an Zion, nichts von der messianischen Idee und der Auserwähltheit Israels. Das haben die Herren vor den Wahlen nicht gesagt, das haben sie hinter unverständlichen breiigen Redensarten versteckt. Jetzt wagen sie sich mit dem Bekenntniß hervor, weil sie bei den nächsten Wahlen nichts zu verlieren und nur zu gewinnen haben. Und doch ist ihr Bekenntniß dankenswerth. Man wird es im Gedächtniß bewahren und die Träger dieses Bekenntnisses verabschieden, sobald die Zeit gekommen ist. Köln a. R. (D i e Kölner Erzbischöfe und die Jude n.) Anläßlich des Hinscheidens des Herrn Cardinal- Erzbischofs Krementz mögen einige geschichtliche Mittheilungen in Erinnerung gebracht werden, welche die überaus freundliche Stellung der Kölner Erzbischöfe als weltliche Landesherren wie als Kirchenfürsten zu den Juden bekunden. Schon vor einem Jahrtausend, als die Kirche und Synagoge sich noch näher standen, umwebt die christliche und jüdische Ueberlieferung die Gestalten des Bischofs Maternus und des Rabbi Amram, beide aus Köln, mit ein- und derselben frommen Legende: ein Schifflein ohne Führer trägt die Leiche des Rabbi gegen den Strom nach Mainz, beziehungsweise den