Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 22 (2.6.1899)
- Date
- 1899-06-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 22 Dr. Bloch's Wochrafchrifl. Sette 421 Im Einlaufe befindet sich ein Dankschreiben des Herrn Dr. Grünfeld für das ihm anläßlich seiner silbernen Hochzeit über Veranlassung des Präsidiums zugekommene Gratulationsschreiben. Der Präsident nimmt Anlaß, das anwesende Vorstandsmitglied Herrn Dr. G r ü n f e l d auch mündlich nochmals zu begrüßen, indem er erwähnt, daß sowohl dieser als auch seine Frau sich in der Gemeinde mit Recht der größten Sympathie erfreuen. Herr Dr. Grünfeld dankt für die freundlichen Worte. Der Präsident bringt zur Kenntniß, daß der Vorstand der „Israelitischen Allianz" eine besondere schriftliche Einladung zur Theilnahme an der Generalversammlung an das Präsidium, beziehungsweise an den Vorstand gerichtet habe, und ersucht die Herren, wenn irgend möglich, bei dieser Generalversammlung zu erscheinen. Frage der Herabsetzung des Steuerminimums: Der Präsident bemerkt, daß diese Frage in einer jüngst abgehaltenen verstärkten Vertretersitzung eingehend neuerlich berathen wurde. Er habe in dieser Sitzung der Ansicht Ausdruck gegeben, daß es sich empfehlen würde, mit Vertrauensmännern der Gemeinde in Fühlung zu treten, bevor der Vorstand in eine Beschlußfassung über diese, einschneidende Aenderungen des Statuts zur Folge habende Angelegenheit eingehe. Zu diesem Behufe würde sich die Einberufung einer Enquete empfehlen, an welcher in erster Linie jene Männer theilzunehmen hätten, welche seinerzeit zur Berathung des Statutenentwurfes von der Regierung bestellt wurden, weiters eine entsprechende Vertretung der Tempelvereine, sowie anderer hervorragender jüdischer Corporationen. Er habe die Absicht, diese Enquöte noch im Monate Juni einzuberufen; sollte dies aber nicht möglich sein, würde dieselb im September stattfinden. Nach längerer Debatte wird der Anregung des Präsidenten zugestimmt, und die Durchführung der Angelegenheit dem Präsidenten überlassen. Herr Dr. Steiner referirt namens der II. Section über die vorbereitenden Schritte betreffend eine Hilssaction zu Gunsten armer jüdischer Wöchnerinnen. Infolge der seinerzeit in der Armenenquete gegebenen Anregungen ist der Vorstand dieser Angelegenheit näher getreten; Referent entwirft ein Bild der bisherigen, dringende Abhilfe erheischenden Zustände auf dem Gebiete der Wöchnerinnenpflege. Diese Abhilfe kann nur durch eine gemeinsame Action unter Betheiligung sämmtlicher Frauenvereine erreicht werden. Referent beantragt namens der lll. Section: 1. Den auf Grund des von Herrn kais. Rath Med.-Dr. S. Kohn vorgelegten Memorandums ausgearbeiteten Entwurf eines Regulativs für die Action als Grundlage der von dem Actionscomitö festzustellenden Detailbestimmungen zur Kenntniß zu nehmen. 2. Der Cultusvorstand erklärt sich bereit, die im Einvernehmen mit den in erster Linie hiezu berufenen Frauenvereinen ins Leben zu rufende Action nachdrücklichst zu fördern und zu diesem Zwecke die Leitung desselben zu übernehmen. 3. Der Cultusvorstand votire für diese Zwecke einen Jahresbeitrag von fl. 2000, beziehungsweise für das zweite Semester 1899 einen Betrag von fl. 1000, sorge für die Beistellung eines Amtslocales und für die Besorgung der Kanzleiarbeiten. Nach eingehender Debatte, während welcher nachdrücklichst, insbesondere seitens des Präsidiums hervorgehoben wurde, daß die Action nur dann zweckentsprechend sei und zu einem gedeihlichen Resultate führen könne, wenn in dieser wichtigen Sache im vollen Einvernehmen mit den Frauenvereinen vorgegangen werde und wenn diese sich thatkräftigst für die Action einsetzen, gelangt der Referentenantrag zur Annahme. Herr Dr. Berger referirt über die Otto Cohn'sche Stiftung für Realschüler und beantragt die Verleihung entsprechend dem Vorschläge des von dem Stifter nominirten Präsentanten Herrn Moriz Renner an 3 würdige Realschüler. Der Antrag wird angenommen. Aus der vorletzten Sitzung ist nachzutragen, daß über Vorschlag des Vorstandes der Chewra-Kadischa die Herren Moriz Karpeles und Jacob Moor nach abgelaufener Functionsdauer einstimmig zu Vorstandsmitgliedern dieses Vereines wieder nominirt wurden. In derselben Sitzung wurde das Aufsichts- Damencomite für das Altersversorgungshaus durch die Damen Linda Sternlicht und Regine K o p p st e i n verstärkt. Wien. (Verein zur AbwehrdesAntisemitism u s.) Im Saale des Wissenschaftlichen Clubs hielt der Verein zur Abwehr des Antisemitismus seine Jahresversammlung ab. Schon in einer früheren Versammlung hatte der Vereins - Präsident Baron Suttner, der bekanntlich anläßlich der Friedensconferenz im Haag weilt, den Rechenschaftsbericht erstattet und constatirt, daß der Verein durch die tristen Verhältnisse in Wien in der Entfaltung seiner Propaganda wesentlich behindert werde. Der Verein mußte sich daher darauf beschränken, auf literarischem Gebiete eine rege Thätigkeit zu entfalten, und er könne nur die Hoffnung aussprechen, daß der Jndifferentismus der gebildeten Kreise bald weichen werde. In der unter dem Vorsitze des Vice-Präsidenten Doctor Freiherrn v. S e i l l e r abgehaltenen Versammlung kritisirte Gemeinderath Dr. Stern m scharfen Worten das Vorgehen der gegenwärtigen Machthaber in der Gemeindeverwaltung. Er führte aus, daß sie, wie die Vergewaltigung der jüdischen Lehrer und Beamten zeige, einen schnöden Eid- und Rechtsbruch begangen, daß sie den von ihnen beschworenen Eid auf die Staatsgrundgesetze verleugnen; man scheue sich nicht, gegen das Gesetz zu amtshandeln und systematisch jede Autorität zu untergraben. Wenn Jemand Arbeit oder eine Lieferung bei der Commune sucht, werde er um seine Confeffion befragt, und wenn er ein Jude ist, sage ihm sogleich der Magistrathsrath: Da haben Sie gar keine Aussicht. (Hört! Hört!) Da sei wohl die Staatsbehörde verpflichtet, einzuschreiten. Der Redner erzählt einen Fall, wo einem jüdischen Hausirer der Hausirpatz so lange beim Magistrate zurückgehalten wurde, bis derselbe abgelaufen war und der Hausirer dann so behandelt wurde, als ob er ohne Paß hausiren gegangen wäre. Sodann wendete sich der Redner gegen die „Wiener Abendpost", welche anläßlich des Mordes in Polna gemeldet habe, „die bisherigen Ergebnisse der Untersuchung haben keine Jndicien dafür geliefert, daß wirklich ein Ritualmord verübt wurde". Wenn das ein officiöses Blatt schreibe, dann dürfe man sich nicht wundern, daß es so dumme Menschen gibt, welche daran glauben und sich dadurch aufhetzen lassen. (Lebhafter Beifall.) Vorstandsmitglied Engel regt die Bercinigung aller liberalen Vereine an, um eine planmäßige, zielbewußte Action zu ermöglichen, und erklärt es für sehr wünschenswerth, daß die von Dr. Josef K o p p verfaßte Schrift über das Märchen vom Ritualmord in einer Volksausgabe herausgegeben und verbreitet werde. (Beifall.) Der Redner erzählte, daß seit einigen Tagen in der Leopoldstadt Placate affichirt seien, welche im Hinblicke darauf, daß der Verwaltungsgerichtshof über die Beschwerde „des Lucian Brunner" entschieden habe, daß die Gemeinde Wien kein Geld für religiöse Zwecke zu vergeben habe, zu Beiträgen auffordern, um das Frohnleichnamsfest möglichst großartig zu gestalten. Solche Placate befinden sich auch am Gebäude des Bezirksgerichtes Leopoldstadt und des Polizeicommissariats, in der offenbaren Absicht, einen officiellen Schein damit zu verbinden. Auf Intervention des Redners habe der amtirende Polizei-Beamte die Entfernung der Placate zugesagt, sie befinden sich aber heute noch dort. (Hört! Hort!) Bei den hierauf vorgenommenen Wahlen wurden zum Präsidenten Freiherr v. S u t t n e r, zu Vice-Präsidenten Dr. Karl Ritter von Kißling und Dr. Josef Freiherr v. Seiller, zum Cassier August B e i l i n g, zu Schriftführern Balduin Groller und F. R. Engel, zu Vorstandsmitgliedern Franz Frauenberger, Dr. Ferdinand Kronawetter, Karl S al a v a, Dr. F. M. Seberiny und Karl W r a b e tz wieder-, Robert N i s s e k, Director des Lehrlingsheims, neugewählt. Pilsen. In unseren Mauern weilt gegenwärtig Herr Rudolf Kohn, erster Braumeister der Deutsch-Columbianischen Brauerei in Bogotü, Columbien. Südamerika. Derselbe erlernte die Braukunst in der hiesigen Ersten Actienbrauerei unter der Leitung des damaligen Oberbräuers Anton Holler, prakticirte hierauf als Gehilfe im weltberühmten Bürgerlichen Brauhause zu Pilsen, dann in Dreher's Brauerei zu Schwechat und in der Henniger'schen Actienbrauerei zu Frankfurt a. M. Am letzteren Platze wurde ihm im jugendlichen Alter von 207, Jahren von einem dortigen Exporthause der Antrag gestellt, die Leitung einer in Bogotü zu gründenden großen Brauerei zu übernehmen,