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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-06-02 · 22 (2.6.1899) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
22 (2.6.1899)
Date
1899-06-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 22 Vr. 'S loch's Wochenschrift. Seite 41 n also nur des kräftigen Angriffes von berufener Seite, und man wird überall Entgegenkommen finden. Freilich muß die Arbeit rationell organisirt werden. Es darf kein Tappen und Experimentiren, sondern ein planmäßiges, zielbewnßtes Arbeiten fein. Und daher muß ein besonderes Comite, zusammengesetzt ans den hervorragendsten Männern Israels, die Leitung dieser Werke überwachen. Dieses Comitv muß überall mit den thatlnstigen Männern der Gemeinde in Verbindung treten und die Fäden aller jüdischen Organisationen in der Hand haben. Selbstredend muß unter den Colonisten Palästinas selbst die nationale Cnltnr stark gepflegt werden. Sie müssen sich als jüdische moderne Männer, als die Pionniere der jüdischen Nation ans jüdischem Boden, als Testamentsvollstrecker unserer geschichtlichen Mission fühlen. Gute Inden, starke und gebildete Männer sollen sie sein. Daß ohne vorhergegangene nationale Erziehung des Volkes ein jüdisches Gemeinwesen großen Stils eine Anomalie ist, — das braucht nicht erst bewiesen zn werden. Das liegt für Jeden, der sich auch nur oberflächlich mit politischen Ideen befaßt hat, klar. Selbst wenn der Sultan uns heute Palästina geben wollte, könnten wir damit nichts anfangen. Was fall uns die schöne Etage, wenn wir keine Einrichtung, ja nicht einmal eine Treppe besitzen. Wir wollen eine natürliche Entwicklung und kein künstliches Product. Ein bnnt zusammengewürfeltes Volk kann weder sich selber, noch Anderen nützen. Der Hebräer besitzt ein Wort, das ausgezeichnet darauf paßt: Erew-raw. Ein Staat kann nur ans sich heranswachsen und nicht gemacht werden. Max N o r d a n führt diesen Gedanken sehr treffend ans *). Man kann dem jüdischen Volke nichts geben, was es sich nicht allein erringt. In seinen eigenen Händen liegt seine Zukunft**).^ Es zeugt wahrlich von keiner tiefen Auffassung politischer Probleme, wenn man ans Griechenland, Rumänien und Bulgarien exemplificirt. Jene Völker hatten vor Allem den gemeinsamen Boden und wenigstens brnchweise eine gemeinsame Sprache und eine gemeinsame Cnltnr. Wir müssen erst diese Bedingungen laligsam schaffen. Wir besitzen auf cnltnrellem wie auf socialem Gebiete nur Trümmer eines nationalen Organismus, die erst wieder sorgfältig zusammenwachsen müssen. Aber wo bleibt der Staat? Er entsteht aus sich selbst mit eiserner Consequenz auf dem natürlichen Entwicklungsgänge. Wie die Blüthe ans der Knospe, wie das Leben ans dem Ei. Wie der Zionismus entstanden ist, weil die socialen und geschichtlichen Gesetze zu dieser Idee drängen, so wird auch das eigene Gemeinwesen organisch ans sich heranswachsen. Wir haben nur die Hemmnisse zu beseitigen, die den Natnrproceß hindern. Ich schrecke vor dem Worte „Judenstaat" nicht zurück. Das Wort ist ehrlicher und klarer, als der vieldeutige, sprachlich unerträgliche Terminus „öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte". Aber dieser Staat kann nur als Endziel gedacht werden, als der letzte Baustein des großen Werkes der Zukunft. Wir brauchen uns vorläufig nicht darüber den Kopf zu zerbrechen. Wir haben Zeit. Wir haben zwei Jahrtausende gewartet, wir können noch einige Decennien warten. Wir wollen keine Vorsehung spielen. Wir thnn, was wir können. Das ist das Höchste. Wie sagen doch unsere Weisen: „Du hast nicht die Pflicht, das Werk zu vollenden, darfst Dich ihm aber nicht entziehen". Also, Förderung der Colonisation Palästinas und der geistigen und sittlichen Cnltnr, Beide in einander ergänzender, kluger und gesunder Form — das ist der Beruf des wahren Zionismus, des Zionismus der Zukunft. Das ist die Bahn, die das Volk zur Selbsthilfe einschlagen muß. die einzige Bahn, die zum Ziele führt. H e r z l wandelt diese Bahn nicht. Nein, er meidet sie instinctiv, wie die Phrase *) „Lnach Achiasaf," Jahrgang VI, Seite 165. **) Ueberhanpt ist Nordan unter all' den gegenwärtigen Führern nicht allein der geistreichste Mann und der ehrlichste und gründlichste Denker, sondern auch der Einzige, der das jüdische Seelenleben kennt und daher den Zionismus tiefer auffaßt. Schade nur, daß er bei aller Ehrlichkeit philiströse Unfälle hat und vor der öffentlichen Kritik warnt. Warum in aller Welt soll man die deutschen Rabbiner und nicht die Zionistenführer öffentlich kritisiren dürfen? V- M. die That, der Schein die Wahrheit meidet. Er ist ein ausgesprochener Gegner der Colonisation und er steht den Culturfragen sehr ferne. Sein Zionismus erinnert an Lichtenberg's Bild: Ein Messer ohne Klinge, dem das Heft fehlt. Ec will wie ein Oeus ex machina über Nacht einen Staat schaffen, wie er die Partei H e r z l saus phrase geschaffen hat. Er ist von dieser Idee nicht abzubringen. Es gibt Leute, die ein besonderes Talent haben, jeder Idee eine wunderliche Gestalt zu geben. H e r z l besitzt die Fähigkeit, Alles zu feuilletonisireu. Seine Reden sind gesprochene, seine Dichtungen dramatisirte Feuilletons. Er hat auch den Zionismus zu einem fortlaufenden lebendigen Feuilleton gemacht. Etwas Glanz, etwas Politur, schöne Wendungen, zarte Andeutungen, graciöse Abrundungen, effectvolle Pointen, aber — nur nicht die Dinge beim richtigen Namen nennen, nur nicht gründlich und langweilig werden. Die Wege trennen sich. Der eine führt langsam aber sicher zur Wiederanfrichtung des jüdischen Volkes, der andere in das Reich des Scheines, in die Leere. Wir stehen am Scheidewege. Entweder wir brechen mit dem ganzen Herz l'schen Schlendrian, reinigen den Tempel vom Streber- und Protzenthum und ringen uns zur Wahrheit und zum Licht empor, oder wir gehen einer schweren Zeit entgegen, einer Zeit voller Enttäuschung und Erschlaffung im Volke, einer Zeit der düsteren Verzweiflung. Möge der Zionismus aus dieser Krise gesund hervorgehen! Mögen sich die Wenigen, denen mit dem Rausche der Verstand noch nicht dnrchgegangeu ist, sich zusammenschaaren, um über die Reinheit der Idee zu wachen und zur geeigneten Zeit organisatorisch und agitatorisch einzugreifen. Die Geschichte wird bald über den Herzlianismns zur Tagesordnung übergehen. Möge dann an dessen Stelle die jüdische Volksidee in ihrer ganzen Größe und Reinheit treten! Abraham Lohn in Hohenems Von Dr. A. Tänzer, Rabbiner in Hohenems. Die durch das Leben und Ableben Abraham Kohn's ins Leben gerufene Literatur hat vor Kurzem eine schätzenswerthe Bereicherung ans der bewährten Feder Gotthilf Kohn's, des jüngsten Sohnes des verewigten Märtvrers, erfahren, der in einem umfangreichen Werke „Abraham Kohn im Lichte der Geschichtsforschung" darstellt.*) In streng objectiver Behandlung hat der Verfasser da an der Hand sowohl früherer Schriften über Abraham Kohn, wie nach Familienaufzeichnnngen :c. ein möglichst vollständiges Bild meines Amtsvorgängers und späteren Lemberger Predigers zn entwerfen versucht, und sich damit ein bleibendes Verdienst um die neuere Geschichte der Juden erworben, das alle Freunde historischer Forschung dankbar anerkennen werden. Aber eben im Interesse historischer Treue ist es geboten, die Mängel und Unzulänglichkeiten in dem sonst trefflichen Werke aufzndecken und nach Möglichkeit zn ergänzen. Solche aber finden sich in bedauerlicher Fülle in dem II. Capitel des Buches, das, entgegen den circa 300 Seiten, die Abraham Kohn's Wirksamkeit in Lemberg umfassen, in kaum 14 Seiten seine „Amtsthätigkeit in Hohenems" behandelt. Bedenkt man aber nun. daß Abraham Kohn das Rabbinat in Hohenems mehr als zehn Jahre, das in Lemberg jedoch kaum vier Jahre bekleidete, erwägt man ferner, daß seine Thätigkeit in Hohenems wenn auch auf kleineren, so doch auf weit fruchtbarem Boden fiel als in Lemberg, daß die Intelligenz und hohe Bildungsstufe der Hohenemser Gemeinde in Verbindung mit der unbegrenzten Verehrung, die sie für Abraham Kohn hegte, sie auf all' seine Vorschläge und mit Verständniß und Vertrauen eingehen ließ, und schließlich, daß Abraham Kohn's reger Geist diese günstigen Verhältnisse gewiß benützt und Segensreiches geschaffen hat, so wird man über das Mißverhältniß in Gotthilf Kohn's Darstellung berechtigtes Bedauern empfinden. Mit Hilfe einer Nachschau in unserem wohlgeordneten cira 300 Jahre umfassenden israelitischen Gemeinde - Archive hätte dem leicht vorgebengt werden können. Feldherren werden wohl am zutreffendsten nach dem beurtheilt, was sie im Kriege, Rabbiner jedoch nach dem, was sie Segensreiches im Frieden leisten, und so bietet Abraham Kohn's Thätigkeit im friedlichen Gemeindeleben in Hohenems weit mehr und edlere den Verewigten charakterisirende Züge, als die Art und Weise, wie er sich vier Jahre lang gegen die wüthigen Anfälle der jesuitischen „Fünf Männer- Partei" in Lemberg gewehrt hat. Der Friede in der Gemeinde ist für den Rabbiner, was die Sonne für die Pflanze, nur im Frieden können seine Anregungen gedeihen und sich entwickeln. Und wenn es *) Gotthilf Kohn, Abraham Kohn im Lichte der Geschichtsforschung, Zamarstynow bei Lemberg, 1898, Selbstverlag des Verfassers.

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