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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-06-02 · 22 (2.6.1899) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
22 (2.6.1899)
Date
1899-06-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 418 Dr. Bloüx's Wochensrlrrift Nr. 22 Von der Herzlichen Colonralbank. In der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 7. April d. I. besprachen wir in einem Leitartikel den Prospect der jüdischen Colonialbank und bemängelten in demselben insbesondere mehrere Bestimmungen der Statuten, durch welche die Actionäre gegenüber dem Aufsichtsrathe nahezu rechtlos gemacht werden. Dieser Artikel, welcher nahezu von der gesammten jüdischen Presse des In- und Auslandes reproducirt wurde, war durchaus sachlich gehalten, was freilich nicht hinderte, daß uns wegen der sehr begründeten Bedenken, die wir hinsichtlich der Statuten äußerten, der Vorwurf der Gehässigkeit gemacht wurde. Wie unbegründet dieser Vorwurf und wie nützlich die von der „Oesterreichischen Wochenschrift" geübte Kritik war, können wir aus einer Kundmachung des Actiouscomit^s ersehen, die soeben in der „Welt" veröffentlicht wird. Das Actionscomits gibt nämlich bekannt, daß bereits i n d e r erstenGeneralversammlungder jüdischen Colonialbank die Statuten geändert werden sollen, und daß das Comite deshalb beschlossen habe, „zur Zusammenfassung der von mehreren Seiten geäußerten Wünsche" alles sonstige vorzukehren. Um diese Nothwendigkeit, schon in der ersten Generalversammlung die Statuten ändern zu müssen, zu erklären, wird angeführt, daß die Bestimmungen der englischen Actiengesetze fast wörtlich ausgenommen seien, obgleich sie immer dem Zwecke der Bank entsprochen und zum Theile dem großen Publicum nicht verständlich waren. Dies sei geschehen, um die Registrirung nicht zu verzögern, jedoch mit dem Vorbehalte, bei der ersten Generalversammlung eine Revision der Statuten vorzunehmen. Wir nehmen von dieser Darstellung Notiz, jedoch mit der Hinzufügung, daß in unserem Artikel hauptsächlich solche Bestimmungen getadelt wurden, die nicht dem englischen Actiengesetze entnommen, sondern Eigenbau der Gründer der jüdischen Colonialbank waren. Herr Dr. Rosenheck aus Kolomea veröffentlicht das Ergebniß der galizischen Subscription für die zionistische C o l o n i a l - B a n k bis 28. April. Danach wurden in 63 Orten 5000 Actien gezeichnet. Lemberg figurirt mit 219, Brody mit 109. dagegen das kleine Gebirgsstädchen Kosow mit 309 Actien: unsere Stavt und andere bedeutende Gemeinden Galiziens sind gar nicht vertreten. Herr Dr. Rosenheck begleitet diese Veröffentlichung mit folgender Randglosse: „Wer das Elend der Juden in Galizien aus eigener Anschauung kennt, der wird aus dem bisher bekannten Resultat der Zeichnung auf die festen Wurzeln des Zionismus und die Begeisterung für die Bank schließen können. Aus entlegenen Orten, wo keine Post hingelangen kann und welche von jedem Verkehr abgeschnitten sind, kommen Zeichnungen mit den rührendsten Bemerkungen von Hoffnung und Sehnsucht. Der größte Theil der Zeichnungen recrutirt sich aus einzelnen Actien aus dem Volke, welches vom Werthe des Papieres nichts hören wollte, sondern die Zeichnung als einen Ausdruck der regen Theilnahme an der großen Bewegung betrachtet. Es ist charakteristisch für die Gesinnung des Volkes, daß in Fistin, einem kleinen Städchen in Ostgalizien, wo notorisches Elend herrscht, Viele den ganzen Monat die 20percentige Anzahlung sich vom Munde absparten, um sich vor Schluß der Subscription mindestens eine Actie zu sichern, und trotz der verweigerten Annahme unbedingt bei ihrem Willen verharrten." Die „Jüdische Presse" des Herrn Dr. Hildesheimer bemerkt dazu: „Es ist wahrhaftig ein trauriger Ruhm, aus einem so blutarmen Lande, in dem die Leute sich die Summe vom Munde absparen müssen, 60.000 fl. herauszuziehen. Minder Scrupellose werden es als Pflicht erachten, dieses im Schweiße des Angesichtes erworbene Geld für g a l i z i s ch e Zwecke zu verwenden, anstatt es für zumindest unsichere Unternehmungen zu reclamiren. Wie aus dem Subscriptions-Ecgebniß ersichtlich ist, haben sich nur die „kleinen Leute", die mit ihrer Existenz schwer ringen, an der Zeichnung betheiligt. Welch' rettende That, ihnen den Kampf ums Dasein noch mehr erschwert zu haben!" Der Zionismus am Scheidewege. Von H. Mabit. IV. Tie Culturaufgabcn. Noch mehr vielleicht als die sociale Frage ist die Culturfrage eine brennende, eine Lebensfrage der Judenheit für Gegenwart und Zukunft. Uns Juden fehlt die innere Heimat. Wir haben verlernt, jüdisch-national zu empfinden und haben daher das stolze Selbstbewußtsein verloren. Die Emancipation der Juden ging sprunghaft vor sich und war nicht der Abschluß eines natürlichen Proceffes. Eine Epoche des Freiheitsrausches folgte auf die Knechtschaft des Ghettos. Eine unselige Assimilationssucht löste die culturelle Abgeschlossenheit ab. Es fehlte die Beharrlichkeit, die Frucht der gesunden Entwicklung. Und dann kam der moralische Katzenjammer und erzeugte Enttäuschung und Zerfahrenheit. Unsere Cultur blieb etwas Halbes, was innerlich niemals befriedigt. Wir haben aufgehört, ganze Juden zu sein, das ward unser Unglück. Ein unseliger Dualismus entstand in uns, und er machte uns zu einer Carricatur. Wir müssen wieder ganze Juden werden, nicht allein im Bethause, sondern auch im Leben. Dann werden wir auch vom nichtjüdischen Nachbar ernst genommen werden. Wir werden nicht mehr geliebt, aber mehr geachtet werden. Es ist komisch und doch tief traurig, wenn Slovaken und Slovenen sich stolz mit ihrer Nationalität brüsten, während wir Juden, Czechen und Magydren jüdischen Glaubens sein möchten. Nein, tausend Mal nein! Wir sind ganze, echte Juden, Nachkommen der ersten Verkünder der Cultur, Söhne des großen Volkes der Sittlichkeit. Wir wollen stets Juden bleiben, das soll unseren Stolz und unsere Würde bilden. Und nicht trotzdem, sondern gerade darum werden wir nützliche Mitglieder der Gesellschaft sein. Wir müssen ganze, große, starke Juden erziehen. Das ist unsere hohe Culturmission. Die anderen Völker zu veredeln, wie uns die Assimilationsschwärmer rathen, ist unmöglich und undankbar. Schaffen wir Ordnung im eigenen Hause. Veredeln wir uns selbst, wir haben dann auch für die Menschheit viel gethan. Culturell wirken heißt, das Innere vervollkommnen, den Menschen geistig und sittlich stärken. Geben wir dem Juden die nationale Weltanschauung wieder, die in den Zeiten des Drangsals stets seine Zuflucht war. Aus diesem Boden wird alles Gute ersprießen. Ich hatte bis jetzt die emancipirten Juden im Auge. Aber auch den Juden Galiziens, Rumäniens und Rußlands fehlt eine gesunde nationale Cultur. Sie sind noch zu sehr im Ghetto, sie sind zu sehr Sclaven. Sie träumen mehr, als sie denken. Sie ahnen kaum die Ideale eines freien Volkes. Sie müssen einsehen, daß unsere Väter uns außer dem Kaftan eine andere große Erbschaft hinterlassen haben. Sie sollen nicht an das Ghetto, sondern an die große Zeit der jüdischen Nation ansetzen. Sie müssen ihre Träume in Gedanken übersetzen, sie müssen ihre nationale Würde wieder finden und das frohe Wünschen, das stolze Hoffen lernen. Drr trübe Geist muß weichen und einem Drange nach Freiheit, nach Selbsthilfe Platz machen. Ist dieses Ideal zu erreichen? Ich antworte bestimmt: Ja! Gründet echt jüdische Schulen und erziehet die Kinder im nationalen Geiste, ihr werdet dann eine bessere jüdische Generation erleben. Schaffet wissenschaftliche und literarische Vereine, hebräische Sprach- und Lehrcurse, und ihr werdet der Unwissenheit steuern. Veranstaltet würdige jüdische Geselligkeiten, und ihr werdet das jüdische Gemüth heben. Gebet uns eine gesunde jüdische Belletristik, eine gute Jugendliteratur, und ihr werdet Leben in diese tobten Gebeine hineintragen. Gründet jüdische Turnvereine und Kegelclubs, ihr werdet die gedrückte Ghettostimmung bannen. Schaffet Gewerbevereine, Arbeitsnachweise, Lehrlings- und Mädchenheims, ihr werdet viel Elend beseitigen. Schaffet gute Frauenvereine, die nicht Herzelbroschen tragen, sondern die jüdische Poesie und die jüdischen Sitten pflegen, und ihr werdet die Hohlheit, die Prunk- und Putzsucht beseitigen. Wählet echt jüdische thatkräftige Männer in die Gemeindevorstände hinein, und die Nachahmung fremder Bräuche ist begraben. Bekämpfet den unseligen Jndifferentismus, traget ins Haus und ins Leben, in die Familie und die Gesellschaft den jüdischen Geist hinein, und ihr werdet eine verjüngte, gekräftigte- Judenheit auferstehen sehen. Das sind Aufgaben, die freilich schwieriger als der Hurrah Zionismus sind. Sie bedürfen ganzer Männer und setzen eine große Aufopferung, ein tiefes Wissen und ein hohes Maß von Energie voraus. Und die Lorbeeren winken hier nicht in der Gestalt von Hochrufen und Lobhymnen. Aber welch' ein Segen könnte aus dieser Culturarbeit für die Zukunft entstehen! Muß nicht gerade der zielbewußte Zionismus sich dieser nationalen Aufgaben bemächtigen?! Die Zeiten sind heute günstiger als vor zehn Jahren. Der Antisemitismus hat den Boden vorbereitet. Der Traum der Assiinilation ist ausgeträumt und der Zionismus hat den idealen Sinn geweckt und die Geister aufgerüttelt. Es bedarf

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