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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-06-02 · 22 (2.6.1899) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
22 (2.6.1899)
Date
1899-06-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 416 Dr. Blvch's Wochenschrift. Nr. 22 auch unserseits in gleicher Weise fördern? Davor warnte ja Dr. Herzl, als schädlich und verderblich, insolange die öffentlich rechtliche Stellung Palästinas nicht geregelt sei. Wünschen aber die Herren, daß wir dem Colonisationswerk keine Förderung und keine Unterstützung zuwenden, — dazu bedurfte es ihrer begeisterten und begeisternden Reden nicht, diesem Wunsche ist die Allianz seit Jahren — zuvorgekommen?" * ch * Der Bericht über die Thätigkeit der „Allianz" im Jahre 1898 kennzeichnet die Intensität und die Gefährlichkeit der in fortwährender Steigerung begriffenen antisemitischen Bewegung. Insbesondere wird darauf hingewiesen, daß in Oesterreich die judenfeindliche Bewegung immer mehr a l l e S ch ranke n v o n Recht und Gesetz niederzureißen bestrebt ist. Die ununterbrochen betriebene Judenhetze in Oesterreich trifft schuldlos zahlreiche Existenzen r n ihrer bürgerlichen Ehre und zugleich in ihrem Erwerb. So manchem Angegriffenen fehlen die Mittel, um die Verfolger, namentlich diejenigen, die sich einer gewissen Sorte berüchtigter Tagespresse zu ihren Verleumdungen bedienen, vor den Richter zu ziehen und der verdienten Bestrafung zuzuführen. Nichts scheuen die ägressiven Judenhaffer mehr, als den Gerichtssaal, und es gibt thatsächlich kein wirksameres Abwehrmittel, als von Zeit zu Zeit den einen und den anderen verleumderischen Angreifer vor den Richter zu stellen. Von diesen Erwägungen bestimmt, übernahm die „Allianz" bereitwilligst die Unterstützung des von der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" in Wien errichteten Rechtsschutzbureaus für unschuldig verfolgte, unbemittelte Glaubensgenossen, indem ihr die erforderlichen Mittel zur Bestreitung der Erhaltungskosten dieses Bureaux, das eine ersprießliche Thätigkeit entfaltet, für die Dauer seines ersten Bestandjahres zur Verfügung gestellt wurde. Die offene und insgeheim betriebene Wühlarbeit schafft in den Maffen der Bevölkerung eine grenzenlos erregte judenfeindliche Stimmung, die nur schwer durch die Furch t vor den gesetzlichen Fol gen in Zaum gehalten wird. Wir leben in einer Zeitperiode des gewaltigsten verkehrswirthschaftlichen und technischen Umschwunges, der die Erwerbsverhältniffe breiter Bevölkerungsschichten in den Grundvesten erschüttert. Zum Ueberfluß erzeugen die verschiedenen nationalsprachlichen Sonderbestrebungen in allen Claffen eine mit Verbitterung und Kampflust gemischte nervöse Erregtheit, die nach sichtbaren Kraftäußerungen förmlich drängt. Wie gewöhnlich entlädt sich der wirkliche und künstlich hervorgerusene Groll mit weiser Vorsicht über die Minderheit, die dem Gewaltandrang einer anstürmenden Menge nicht den geringsten Widerstand entgegenzusetzen vermag. Noch standen wir unter dem schmerzlichen Eindruck der in Prag, in den Königlichen Weinbergen und in anderen böhmischen Orten an Juden verübten Ausschreitungen, als in der zweiten Hälfte des Mai und Anfangs Juni unglaubliche Hiobskunden aus fünfzehn westgalizischen Bezirken, vornehmlich aus Alt- und Neu-Sandec, aus Jaslo und Limanowa, über Raub und Plünderung, Brandlegung, schwere körperliche Mißhandlungen, ja sogar über Todtschläge, die man an den ärmsten unserer Glaubensgenossen begangen hatte, in die Oeffentlichkeit drangen. Diese Vorgänge waren, wie die Thatsachen lehrten, von langer Hand vorbereitet worden. Volksverhetzungsblätter allerschlimmster Art, die von aufreizendsten Brandartikeln strotzten, hatten das Volk bethört und zu sinnloser Wuth aufgestachelt. Man verbreitete beispielsweise straflos in Tausenden von Exemplaren ein Machwerk, worin die Judenausrottung als eine gottgefällige Handlung angerühmtwird. DerJudenhaß wurde öffentlich gepredigt. Der Bericht schildert die systematische Verhetzung der Bauern, denen vorgespiegelt wurde, daß die Plünderung der Juden erlaubt, und skizzirt die Ereignisse, die sich infolge dieser Verhetzung abgespielt haben. Die „Allianz" leitete eine Hilfsaction für die Opfer der Ueberfälle und Beraubungen ein und veranlaßte die Bildung eines galizischen Centralhilfscomites in Lemberg. Vorstandsmitglied Pappenheim wurde nach Westgalizien entsendet, und es wurden 445 Familien mit Unterstützungen bedacht, welche in den meisten Fällen mit der Neubegründung einer Existenz gleichbedeutend waren. Später wurden noch weitere 200 Familien unterstützt. Wie sehr die „Israelitische Allianz" auch in diesem Falle zur rechten Zeit ihre Aufgabe erfüllt hat, mag man aus dem Dankschreiben des Lolalcomites von Neu-Sandec ersehen, in welchem es heißt: „Man muß das Elend, den Jammer und die Verzweiflung der schwer heimgesuchten, geplünderten Juden im Neu-Sandecer und Limanower Bezirke mit angesehen haben, um die Größe und Tragweite der Hilfsaction dieses einzigen Institutes, das den.Juden stets in der Noth beigestanden, ermessen zu können. Friedliebende, ehrenhafte Bürger, die stets ihrem ehrlichen und redlichen Erwerbe nachgegangen sind, und die der Bevölkerung, unter der sie leben, nicht den geringsten Anlaß zur Unzufriedenheit geboten haben, sind binnen wenigen Tagen zu Bettlern geworden. Verhöhnt und gedemüthigt von einer rohen Horde, gaben sie nicht blos ihr Vermögen, ihr redlich und schwer erworbenes Gut, sondern auch ihr menschliches Selbstgefühl verloren und wähnten sich von Gott und Menschen verlassen. Es war daher nicht blos die Gabe selbst, sondern auch die edle, feinfühlige Art, mit der die Unterstützungen verabfolgt wurden, welche ihren Muth neu belebten und ihnen Thränen des Glückes und des Dankes erpreßten." Die seit nahezu einem Jahrzent währende russische Hilfsaction der „Allianz" beschränkte sich im abgelaufenen Jahre, nachdem unter der Regierung des gegenwärtigen Czaren die Judenverfolgungen und namentlich die Landesverweisungen bedeutend seltener geworden, auf Gewährung von Beihilfen an Frauen und Kinder, die ihren von Answeisungen seinerzeit betroffenen Ernährern ins Ausland nachreisten, aber mit unzureichenden Geldmitteln versehen waren. Die Emigrationsbewegung erfuhr auch dadurch eine wesentliche Abschwächung, daß die Laudungmittelloser Einwanderer auf englischem und nordamerikanischem Boden äußerst erschwert wird. Häufig war die „Allianz" bemüssigt, Repatriirungen aus Amerika nach Rußland zurückkehrender Ausgewanderter zu bestreiten. In Rumänien lastet auf unseren Glaubensgenossen ein furchtbarer Druck, der soweit geht, daß selbst eine Besprechung ihrer trostlosen Situation und die Bitten um Abstellung der härtesten Maßregeln einem staats gefährlichen Treiben gleich von den Behörden hehandelt werden. So kommt es, daß wiederholt eingeborene Rumänen jüdischen Glaubens, die keine andere Heimat als Rumänien kennen, nur weil sie in Versammlungen und in der Presse ihre Ausnahmsstellung beklagten, unnachsichtlich landesverwiesen wurden. Die „Allianz" hat diesen Bemitleidenswerthen, die sich an unswandten, nach Möglichkeit geholfen. Wie alljährlich hat der Verein auch im Vorjahre seine Aufmerksamkeit ungeschwächt dem Erziehungs- und Unterrichtswesen zugewandt und zahlreiche Vereine, Schulen, Gemeinden rc. subventionirt. Die Ereignisse des Vorjahres haben gezeigt, wie sehr angesichts der Bedrängnisse und Verfolgungen, denen unsere Glaubensbrüder allenthalben ausgesetzt sind, der Bestand einer bleibenden Centralhilfsstelle einer unabweislichen Nothwendigkeit entspricht und wie wünschenswerth es daher wäre, wenn die „Israelitische Allianz" im ausreichenden Maße auch die Mittel zu Gebote hätte, die ihr in Bedarfsfällen ohne viel Umstände eine werkthätige Hilfeleistung ermöglichen würden. Der Verein appellirt deshalb an alle Glaubensgenossen. „Nur ein einmüthiges Zusammenwirken aller Glaubensbrüder, die jüdisch fühlen und denken, kann uns in den Stand setzen, dieses erhabene Ziel zu erreichen. Unser Verein müßte die Vereinigung aller Juden bilden, deren Herz für das Judenthum schlägt." Man dürfe nicht der pessimistischen Auffassung Raum geben, daß ein unverbesserlicher Jndifferentismus die Gemüther dem Judenthum und der Bruderliebe entfremdet habe, vielmehr sei der Vorstand überzeugt, daß es nur seitens unserer Mitglieder an einer zweckmäßigen und entschiedenen Propaganda fehlt, die allerorten unsere Glaubensbrüder für die „Israelitische Allianz" gewinnen sollte. Der Vorstand wendet sich darum neuerlich an alle Glaubensgenossen, vornehmlich an die Rabbiner und Prediger, an die Cultusvorsteher, die Cultusgemeinden und Cultusvereine, mit der inständigen Bitte, dem Vereine als Mitglieder beizutreten, sofern sie es noch nicht sind und jedenfalls unter ihren Freunden und Bekannten für den Verein thatkräftig zu wirken. Die weitesten Kreise sind wohl in der Lage, den jährlichen Mitgliedsbeitrag von drei Gulden zu leisten oder doch zumindest im Laufe eines Jahres eine noch so geringe Spende zu den Vereinszwecken beizusteuern. Es ist Jeder herzlich willkommen, der an dem großen Cultur- und Hilfswerke des Judenthums fördernd mitarbeüen mag.

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