Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 22 (2.6.1899)
- Date
- 1899-06-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 22 Dr. Bloch's Wochenschrift, Seite 415 H e r z l, Director Jork Steiner und Architekt Oscar M a r m o r e k, welche in Begleitung einer großen Schaar jener Anhänger sich eingefunden hatten, die aus den verschiedensten Versammlungen bestens bekannt sind. Der Präsident eröffnete die Versammlung, constatirte die Beschlußfähigkeit, sowie die rechtzeitige Ausschreibung, und begrüßte in warmen Worten die erschienenen Mitglieder. Nach Uebergang zur Tagesordnung beantragt Dr. Bloch, von einer Verlesung des Rechenschaftsberichtes, der gedruckt seit mehreren Tagen in den Händen aller Vereinsmitglieder sich befindet, abzusehen. Herr Dr. Theodor H e r z l wendet sich mit Nachdruck gegen diesen Antrag; er wünscht die Verlesung. Bei der Abstimmung entscheidet sich die Generalversammlung mit großer Majorität, von der Verlesung Abstand zu nehmen. Nunmehr ergreift Herr Dr. H e r z l das Wort zu einem groß angelegten Plaidoyer zu Gunsten des Colonisationsgedankens, und seine Ausführungen, die auch den bisherigen Arbeiten der „Wiener- Israelitischen Allianz" die größte Anerkennung zollten, waren derart, daß jeder Unbefangene ihnen zustimmen durfte und mußte. Bot diese weitausgreifende Rede weder sachlich, noch in der Form der Argumentation irgend ein neues Moment, so verrieth sie doch in jedem Satz den bedeutenden Stilkünstler, den feuilletonistischen Meister und fand demgemäß auch lebhaften Beifall bei der Versammlung. Abwehr und Widerspruch hätte nur jener Theil der Ausführungen Dr. H e r z l's geheischt, mit welchen er eine Anfrage des Commercialrathes Sigmund N e u st a d t l beantwortete, der sich neugierig über die eigentliche Natur des „politischen" Zionismus erkundigte. Der Inhalt dieser zweiten Rede läßt sich dahin zusammenfassen, daß insolange, als „die öffentlich rechtliche Stellung" Palästinas nicht im Sinne H e r z l's eine Regelung erfahre, sei die Colo nisationsarb eit zu unterlassen. Wenn man 50 Familien der nothleidenden jüdischen Bergarbeiter aus Boryslaw in den jüdischen Colonien Palästinas unterbringen will, so erklärt Dr. Herzl dies für „schädlich und verderblich". Der Redner empfiehlt, die unglücklichen Familien zu unterstützen, aber von der Emigration zurückzuhalten. Allein abgesehen davon, daß das Almosen die Empfänger in der Regel demoralisirt, und daß die erwähnten Bergarbeiter ausdrücklich jedes Almosen zurückweisen und lediglich um Arbeitsgelegenheit bitten, ist es doch notorisch unmöglich, die so zahlreiche nothleidende Bevölkerung Galiziens auf Jahre hinaus durch Unterstützungen zu erhalten. Was also sollen die Unglücklichen anfangen, bis Herr Dr. Herzl seine diplomatische Aufgabe glücklich vollendet haben wird? Können sie ihre Kinder, die nach Brod verlangen, zur Geduld mahnen, bis Herr Dr. Herzl die Sache „mit der öffentlich rechtlichen Stellung" in Ordnung bringt? Und wer bürgt für das Gelingen der Aufgabe überhaupt? In der „Welt" Nr. 21, Seite 7, publicirt Herzl selber die Erklärung eines „bekannten deutschen Schriftstellers und demokratischen Politikers" M. G. Conrad, welche lautet: „Der Sieg des Zionismus könnte erst mit der Vernichtung des Christianismus in seiner überlieferten Form und all' seiner historischen Begleiterscheinungen inner- und außerhalb Palästinas vollendet sein." Dr. Herzl erzählte sehr bedeutungsvoll von der den Zionisten wohlwollenden Gesinnung des Deutschen Kaisers, „der eine zionistische Deputation nach Palästina beordert hat". Dem Deutschen Kaiser fehlt es nicht an Anlässen, seine angeblichen Sympathien für die Juden zu bekunden. Die jüdischen Lehrerinnen in Berlin, die man nach vieljähriger, vielfach belobter Thätigkeit ihrer Stellungen enthoben hat, aus keinem andern Grunde, als weil sie Jüdinnen sind, wären wohl der kaiserlichen Theilnahme würdig. Bedürfen aber diese Sympathien der Berührung mit dem Boden des heiligen Landes, um aus den stillen Herzenskammern zur lebendigen Aeußerung vorzudringen, so ist uns damit kaum ausreichend geholfen, denn Palästina gehört nicht in die Einflußsphäre des Deutschen Reiches, während die türkischen Staatsmänner wiederholt die Gelegenheit ergriffen haben, ihrem Mißvergnügen über die politische Agitation der Herzlianiften öffentlich Ausdruck zu geben. Letzthin that dies der türkische Botschafter in Washington, der mit Recht darauf hinwies, daß die Juden in keinem Lande Europas eine solche Freiheit und Rechtssicherheit genießen und so wenig von religiöser Unduldsamkeit und Anfeindung zu leiden haben, als im Reiche des Sultans. Es hatte aber auch dieser Tage erst Se. Majestät der Sultan selber Gelegenheit, in der allerdeutlichsten Weise seinen Willen zu bekunden. Die Verleihung hoher Orden an den Präsidenten und Generalsecretär der „Jewish Colonisation Association", die das palästinensische Colonisationswerk fördert, mit derselben Entschiedenheit, mit welcher sie den „politischen Zionismus" zurückweist ist eine elementare Demonstration, deren Bedeutung auch Herr Herzl zu würdigen nicht ermangeln kann. Herr Port Steiner, der nach Herzl das Wort ergriff, zeigte alle Vorzüge der Herzl'schen Redekunst, als er die blühenden jüdischen Colonien zeichnete, das Glück der freien Colonisten pries, und deren Wunsch verdolmetschte, bei den Glaubensgenossen in Europa Abnehmer ihrer Producte zu finden. Wenn er aber erzählte, daß die Colonisten ihm gegenüber den Wunsch geäußert haben nach einer „öffentlich rechtlichen" Sicherung Palästinas, so erlauben wir uns dem direct zu widersprechen. Jüdische Colonisten aus Palästina, die in Wien besuchsweise anwesend waren, erklärten ausdrücklich, daß die politischen Agitationen ihre Situation nicht unerheblich erschweren. Früher haben arabische und christliche Nachbarn in ihnen lediglich die Arbeiter gesehen, die ihrem Berufe nachgehen, jetzt stoßen sie überall bereits auf Mißtrauen. Für ihre gedeihliche Thätigkeit brauchen sie vor Allem Ruhe! Herr Dr. Herzl ermangelte nicht, seine echt fürstliche Großmuth im Hellen Glanz einer sonnigen Beredsamkeit erstrahlen zu lassen. Wideruni einmal brachte er in Erinnerung: Er habe es ja Gott sei Dank nicht nöthig, sein Beruf und seine Stellung lägen „außerhalb des Judenthums". Manchem von den Anwesenden erschien diese wiederholt mit solch' starken Accenten declamirte Betreuerung seiner Selbstlosigkeit, daß er vom Judenthume keine besonderen Vortheile brauche, auch kein Geschäft damit zu machen intendire, einigermaßen deplacirt. In einer Generalversammlung der „Israelitischen Allianz", unter dem Präsidium Gutmann's. in Anwesenheit der Vorsteher der israelitischen Cultusgemeinde. der Chewra-Kadischa, der israelitischen Union und der B'nei Brith, war solche Prahlerei geschmacklos. Herr Dr. Herzl liebt die starken Bilder and schwelgt in Superlativen. Es war auch eine schier allzustarke Metapher, wenn er von sich und seinen Genossen als von Jünglingen sprach, die aus fernen Welttheilen herbeieilten, den von Noth und Gefahr bedrohten Volksgenossen helfend beizustehen. Von dem Redactionsbureau der „Neuen Freien Presse" bis zur Kanzlei der „Israelitischen Allianz" in Wien, Weihburggasse 10, beträgt die Entfernung keine Hunderte von Meilen, zwischen der Fichtegasse i) und Seitenstettengasse 4 soll man sich sogar telephonisch unterhalten können. Ja, ist Herr Dr. Theodor Herzl mit der neueren Geschichte der Juden so wenig vertraut, um nicht zu wissen, daß die antisemitische Bewegung in Oesterreich, die so viele Verheerungen anrichtete, mit dem Kampfe gegen die „Neue Freie Presse" erst eingeleitet worden? Nein, nicht der Neid weniger jüdischer Millionäre allein, auch der Haß und der Groll der politischen Parteien und ganzer Bevölkerungsgruppen gegen die Träger des Journalistenstandes hat Jahrzehnte hindurch die giftige Saat ausgestreut, die nun aufging — in Form der blutigen JudeneLceffe in allen Kronländern der Monarchie. In der Versammlung vermied man, Herrn Herzl überhaupt zu antworten, weil jede Discussion mit ihm und seinen Jüngern erfahrungsgemäß noch immer in wüste Scenen ausartete, einer solchen Gefahr durfte die Generalversammlung der „Israelitischen Allianz" nicht ausgesetzt werden, und man beeilte sich, die Debatte zu schließen, den Rechenschaftsbericht sowohl als den Cassebericht zu genehmigen. Bei der hierauf vorgenommenen Ecgänzungswahl wurden die Herren Dr. M. G ü d e m a n n, David Ritter v. G u 1m a n n, Wilhelm Pappen heim, Leopold T r e b i t s ch, Donat Zifferer per acclamationem einstimmig wiedergewählt. Nachdem der Vorsitzende Präsident D. von Gutmann die Generalversammlung für~ geschlossen erklärt hatte, trat ein angesehenes Mitglied der Allianz an den Schreiber dieser Zeilen mit den Worten heran: „Ich habe beide Reden Dr. Herzl's mit Aufmerksamkeit verfolgt, habe dann Herrn Steiner gehört und auch der Architekt Marmore! hat gesprochen, allein je mehr ich über alle diese Reden nachdenke und sie in meinem Gedächtniß recapitulire, desto weniger gelingt es mir, herauszubringen, welches Begehren die Herren an die Leitung der „Jsr. Allianz" gerichtet haben. Sollen wir an der Colonisation Palästmas Anlheil nehmen» das große Werk der „Jewish Colonisation Association"