Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 21 (26.5.1899)
- Date
- 1899-05-26
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 21 Dr. Bloch's Wochenschrift Sette 411 lcfj Deinen Vater, arm, vom Unglück gebeugt, wiedersah, Marder letzte Groll, den ich gegen ihn hegte, verschwunden. Ich erklärte ihm: daß ich Alles, was ich wäre und was ich besäße, nur ihm, der sich des armen Waisenknaben väterlich angenommen, schulde, daß ich das Wenige, was ich durch meine Kenntnisse in Reb Koppel Austerlitz' Hause erworben, nur ihm verdanke und bat ihn flehentlichst, meine Ersparnisse wenigstens als Darlehen anzunehmen. „Dein Vater war gerührt, erschüttert, er sträubte sich zuerst, mein Opfer anzunehmen, aber er mußte endlich doch meinen Bitten nachgeben, und er gestand mir sein tiefes Bedauern, mich verkannt, mir Unrecht gethan zu haben. Mein kleines Vermögen genügte, allen seinen Verpflichtungen gerecht zu werden. — Ich hatte ihm die Hilfe gebracht, die der tiefgebeugte Mann vergeblich von seinen reichen, früheren Freunden zu erlangen versucht hatte. Er wollte sich nun nicht länger unserer Verbindung entgegenstellen. Das Unglück, das ihn betroffen, schien sich für uns, für Dich und mich zum Glück zu wenden.... Verzeihe, Sara, daß ich Dir Bekanntes umständlich wiederhole; aber ich wollte Dir nur beweisen, daß man nie verzweifeln soll; daß nach schwerem Unglück, nach der Befürchtung, nie mehr glücklich werden zu können, sich durch Gottes Gnade noch Alles zum Guten wenden kann/' Wir haben es schon gesagt, durch ihres Gatten beredte Worte in die Erinnerungen ihres Vorlebens versenkt, war Sara's bitterer Schmerz um das verlorene Kind einen Moment gesänftet worden, aber jetzt erstand dieser wieder mit neuer Kraft. Ihre Augen feuchteten sich von Neuem, sie konnte nicht sprechen, nur wehmüthig den Kopf schütteln. Ihr kluger Gatte wußte, was sie mit Recht erwidern konnte, und er fuhr, als wolle er ihr zu weiterer Reflection nicht Zeit gönnen, als wolle er sie in der Erinnerung an jene Vergangenheit festhalten, nach kurzer Pause mit warmer Herzlichkeit fort: „Du wirst mir doch eingestehen müssen, daß wir Alle, Dein Vater, Deine sanfte Mutter, Du und ich, uns nach schwerem Leide eine kurze Zeit glücklich fühlten. — Trotz Deiner Eltern Einwilligung in unsere Ehe trat uns plötzlich ein unerwartetes und, wie wir fürchten mußten, völlig unübersteigliches Hinderniß in den Weg. In Mähren besteht ja das Pharaonische Gesetz, daß sich die Zahl der jüdischen Familien nicht vermehren darf, daß nur dem erstgeborenen Sohne eines heiratberechtigten Juden die Eheschließung gestattet ist4), alle Anderen zur Ehelosigkeit verurtheilt sind. Uns Allen, wie jedem Juden, fast jedem Bewohner des Landes, war dieses Gesetz bekannt; — aber wir zweifelten nicht daran, daß die Regierung bei der Auslegung desselben, sich an den Geist desselben und nicht an den todten Wortlaut halten würde. Mein Vater war ein Familiant gewesen, hatte zwei Söhne hinterlassen, von denen ich allerdings der jüngere war, aber mein älterer Bruder war stumm, blödsinnig, er konnte keine Ehe eingehen. Wenn ich an seine Stelle trat, ergab das ja keine Vermehrung der jüdischen Familien, das, was das inhumane drückende Gesetz bezweckte, wurde vollkommen erreicht, kein Mensch, auch der gesetzeskundige Brünner Advocat, dessen Rath wir einholten, zweifelte daran, daß das Mährische Landesgubernium mir die Ehebewilligung ertheilen würde. Unsere vernünftigen Voraussetzungen erwiesen sich als unrichtig. Das Gubernium hielt sich mit drakonischer Strenge an den Wortlaut des Gesetzes: Nur meinen älteren Bruder Nachum, der von diesem Rechte Gebrauch machen konnte, wäre als erstgeborenem Sohne die Eheschließung gestattet; mich wies man ab." Aron Brack hielt wieder in seiner längeren Rede inne. Er hatte, in seinen Gedanken zu sehr mit dem Inhalte seines Gespräches beschäftigt, erst jetzt bemerkt, daß die Nacht vollkommen hereingebrochen war. Es war im Zimmer umso dunkler, als draußen ein entsetzliches Winterwetter herrschte, ein wilder Sturm dichte Schneeflocken durcheinanderwarf, daß sie die Lust verfinsterten und das große Gemach durch das zitternde Licht des kleinen unruhig flackernden Oellämpchens, das als Seelenlicht brannte, nur spärlich und unheimlich beleuchtet wurde. Er schlug nun mit Stahl und Stein Feuer an und zündete eine Talgkerze, die in einem messingenen Leuchter steckte, an. _ (Fortsetzung folgt.) 4) Dieses Gesetz bestand noch bis 1848. Heiratberechtigte wurden Familianten genannt. Ehen, welche nach jüdischem Ritus, aber ohne Bewilligung der Landesbehörde abgeschlossen wurden, betrachtete der Staat als nngiltige. Im Volksmunde wurden solche Ehemänner Emigranten genannt. Briefkasten. Dr. A. S. Die Abhandlung Franz Delitzsch' „Der Talnmd und die Farben" ist in der Monatsschrift „Nord und Süd" Jahrgang 1878 erschienen, M. N. Dr. Lueger war es, der vor Jahren den ebenso classischen, als unanfechtbaren Ausspruch gethan: „Ein Antisemit muß entweder ein Trottel oder ein Schuft sein." W i r sind seiner Ansicht treu geblieben. i. Eine der interessantesten Autobiographien dankt die deutsche Literatur dem bekannten Philosophen Salamon M a i m o n. H. F. Es ist bekannt, daß der verstorbene Erzherzog Karl Ludwig wiederholt S o n n e n t h a l besucht hat. Bei einer Gelegenheit bemerkte auch der Erzherzog, daß das religiöse Gefühl des jüdischen Künstlers ihm aufrichtige Sympathie eingeflößt habe. A. H. Fanny L e w a l d ist eine geborene Jüdin; ihr Gatte. Adolf S t a h r ist auch der Verfasser der ausgezeichneten Lessing- Biographie. m. Sie sind im Rechte. Das „Deutsche Volksblatt" hat vor wenigen Jahren die enthnsiastischeste Reclame für A h l w a r d t gemacht, der sich damals auch gegen Entree in Wien zeigte. Tie undankbaren Berliner waren freilich niemals geneigt, den Anblick der zaubergewaltigen Erscheinung V e r g a n i's mit Geld zu bezahlen, obwohl dieser wirklich nicht weniger werth ist als A h l w a r d t. H. N-g. Denken Sie an das Wort des Junius: „Ehrlichkeit und' Dummheit haben so lange für gleichbedeutend gegolten, daß der Gegensatz in Credit gekommen ist und jeder Schurke sich einbildet, ein Manu von Geist zu sein." Nemo. Das „Deutsche Volksblatt" hat diese Woche schon wieder eine hämische Notiz gegen einen Schriftsteller veröffentlicht, der angeblich ein Plagiat begangen haben soll. Die boshaften Mitarbeiter des Blattes wollen durch derlei Notizen sicherlich nur die Erinnerung an die beispiellos schamlosen Plagiate Vergani's wachrufen. Justus. Wenn die antisemitischen Zeitungen wegen jeder Verhöhnung des § 802 confiscirt würden, so gäbe es längst keine antisemitische Presse mehr, oder richtiger, es hätte nie eine solche gegeben. A. F—g. Die boshafte Bemerkung des Prinzen Liechtenstein gegen die „mangelhaft getauften Juden" dürfte sich kaum auf den Dr. Porz er beziehen. Dieser entwickelt ja einen zelotischen Eifer, der ihn gegen solche Anklagen schützt. N. Gregorig nützt durch die bestialische Roheit seiner Wünsche schließlich doch der guten Sache. Selbst Antisemiten, die noch nicht jeden Funken von Menschlichkeit in ihrer Brust verlöscht haben, müssen von einem Ekel erfaßt werden, gegenüber einem Subject, welches so cynisch verbrecherische Gesinnungen äußert, wie dies G r e g o r i g thut. A. G. Eine Frau, Daniel Stern (Gräfin D'Agoult) hat ein sehr treffendes Wort hierüber gesagt: „Tie Moralisten predigen den Menschen: vernichte den Ehrgeiz in Dir. Ich sage ihm: rechtfertige ihn! Darin liegt das Geheimniß jedes wahrhaft großen Lebens." Dr. H. N—t. lieber den Ban von Kirchen, in welchen die reine Nächstenliebe gepredigt wird, wäre niemand so entsetzt als die — Antisemiten. Nestor. Auch der Vater Disraeli's hatte sich einen Namen als Schriftsteller gemacht. Dr. N. in S. Wir haben Ihr Conto richtig gestellt. Berichte willkommen. M. L., Dcutschbrod. Es verlohnt nicht der Mühe, die Aeußerung zu veröffentlichen, aber die betreffenden Fabrikanten sollten davon verständigt werden, daniit sie den Mann zur Rede stellen. „Neugierig." Ter Bau des Siechenhauses der Wiener israelitischen Cultusgemeinde beginnt dieser Tage und soll im Laufe des Jahres vollendet werden. Voll; Die Verhältnisse, welche die Gegenwart zeitigt, sind am meisten durch die Klagen der Geschäftsleute gekennzeichnet, die mit dem Aufgebote aller Kräfte arbeiten müssen, um sich über Wasser zu halten. Umso erfreulicher ist daher die Beobachtung, daß einzelne Geschäfte, die aus kleinen Anfängen hervorgingen, durch besondere Reelität, Entgegenkommen in jedmöglicher Weise und verständnißvolle Führung, es zu einer gewissen Beliebtheit im Publicum bringen und einen stets wachsenden Kundenkreis zu fesseln wissen. Wir sind in der angenehmen Lage, eben jetzt zur beginnenden Sommersaison, auf ein solches Unternehmen hinzuweisen, nämlich auf die Clavierverkaufs- und Leihanstalt Josef Saphir, Prater st raße 23. Derselbe eröffnet zur Bequemlichkeit seiner Kunden, die ihren Sommeranfenthalt im Bereiche der Südbahn wählen, eine Filiale in Vöslan. Von dort, sowie von der Centrale in Wien werden gute Instrumente nach allen Richtungen billigst versendet. Diese Firma hat auch die Vertretung einer renommirten amerikanischen H a r m o n i u mfabrik übernommen,und werden namentlich Cultnsgemeinden auf das, jede Orgel ersetzende neuartige P e d a l - O r g e l - H a rmonium aufmerksam gemacht, das sich durch Dauerhaftigkeit, stylvolle Ausführung und Klangschönheit, bei mäßigen Preisen auszeichnet. Ebenso sind auch die kleinen S a l o n h a r m o n i u m s geeignet, ein Vergnügen jedem Kenner zu bereiten, und durch seine besonders geschmackvolle Bauart die Zierde jedes Musiksalons zu bilden.