Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 21 (26.5.1899)
- Date
- 1899-05-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 21 Vr. Bloches Wochr.tfrlxrrft Sette 403 Wie soll dieses hohe Ziel erreicht werden? Durch die Erken nt n iß und durch dieThat. Ja, die Erkenntniß spielt im Judenthum die größte Rolle. Sie geht sogar dem Glauben voran. Sie ist die Säule jeder neuen Strömung. Man spotte nicht'über die graue Theorie. Vom Wollen hängt bei einem Volke das Können ab. Je klarer und tiefer die Erkenntniß, desto größer und herrlicher die That. Die erste Aufgabe wäre also, Klarheit zu schaffen unter den Zionisten. Es gilt nicht, sie äußerlich zu vereinigen und die gähnenden Klüfte zu verbergen, sondern die Gegensätze zu mildern und ein gemeinsames Feld zu finden, auf dem alle Richtungen vereint arbeiten können. In erster Reihe wäre es die Bestimmung des Congreffes, diesem Zwecke zu dienen. Er muß zur gemeinsamen Stätte des ganzen jüdischen Volkes werden. Diese innere Versöhnung ist mehr werth, als die fruchtlose Zänkerei mit den Gegnern. Eine unabhängige Presse muß sorgen, Licht zu verbreiten, und offen vor der ganzen Welt soll dieser Proceß der Klärung vor sich gehen. Wenn die schmutzige Wäsche öffentlich gewaschen wird, dann wird sie weniger schmutzig. Das Experiment der Oeffentlichkeit ist von der Socialdemokratie mit gutem Erfolge gemacht worden. Die Oeffentlichkeit scheuen, heißt, die Wahrheit fürchten. Jede Vertuschung rächt sich. Wir Zionisten sollten nichts zu verheimlichen haben. Diese Erkenntniß hat nicht allein einen sittlichen Werth, sondern auch einen praktischen. Denn sie führt dann consequent zu einer gesunden, einheitlichen Organisation des jüdischen Volkes. Kein Volk der Welt bedarf so sehr der Einheit, weil keines so sehr von allen Seiten bedroht und auf Selbsthilfe angewiesen ist. Diese einheitliche Organisation, deren erster schüchterner Versuch von der Alliance Israelite Universelle gemacht worden ist, soll der Zionismus zur lebendigen That gestalten: Keine platonische Einheit mit humanen Phrasen, sondern eine rationelle Organisation zur Selbsthilfe. Nicht um Almosen wollen wir flehen, sondern den Armen den Weg zur Aufrichtung und den Reichen ihre Pflicht zeigen. Diese Organisation muß dann die höchste Instanz für alle jüdischen Angelegenheiten bilden. An ihre Spitze müssen die hervorragendsten Männer des Volkes treten. Nur Männer von Charakter, Männer, die ein tiefes Wissen mit einer reichen Erfahrung verbinden, dürfen ihre Leiter sein. Ihr höchstes Organ ist der Congreß. Diese Organisation des jüdischen Volkes besteht aus 2 Abtheilungen : der w i r t h s ch a f t l i ch e n und der cultur e l l e n, entsprechend den beiden Gebieten ihrer Thätigkeit. 1. Die wirthschaftlichen Aufgaben. Jede sociale Bewegung muß eine reale Grundlage haben. Der Eckstein des Zionismus ist die Colonis a t i o n. Die Colonisation ist der Boden, aus dem die Regeneration hervorsprießt. Es muß aber eine gesunde, zielbewußte, rationell geleitete Colonisation sein. Keine Phantasterei, aber auch keine Zersplitterung und Ueberstürzung. Man kann langsam bauen und dabei doch an die Zukunft denken. Die Idee der Colonisation muß volksthümlich werden und sie muß den Zug ins Große erhalten. Die Förderung des Gewerbes, der Industrie und des Handels in Palästina gehört mit zu diesem Gebiete. Die Colonisation muß politisch sein, d. h. sie soll keine Hintertreppen-Politik treiben und diplomatischen Phantasien verfallen, sondern klug und in die Ferne schauend, das Werk erfassen. Es muß durch Wort und Schrift agitirt werden, daß in jeder jüdischen Gemeinde ein Colonisationsverein gegründet wird. Es muß dahin gestrebt werden, daß alle diese Vereine sich zu Provinzial- und Landesverbänden vereinigen, die dann in die Hauptcentrale münden. Eine solche Organisation könnte leicht 2—3 Millionen Francs jährlich aufbringen und damit ließe sich schon viel machen. Man rechne nicht kleinlich nach, was heute jeder jüdische Bauer in Palästina koste. Bei einer Ansiedlung großen Stils würden sich die Kosten wesentlich vermindern. Man bedenke auch, daß noch viele Elemente vorhanden sind, die etwas besitzen und die nur der moralischen Hilfe bedürfen. Wo hundert Leute auf Kosten der Gesellschaft angesiedelt werden, können mindestens noch fünfzig auf eigene Kosten sich ansäßig machen. Dann darf man auch nicht vergessen, daß die großen Einkünfte der Jewish Golonisation-Assoeiation mit der Zeit ganz der Colonisation Palästinas zu Gute kommen. Allein die Grenze ist ja gesperrt. Jawohl, weil Ihr Wolkenpolitik treibt und das Nächstliegendste vernachlässigt. Ich weiß nicht, welche „Concessionen" unsere zionistischen Diplomaten erlangen wollen. Ich glaube, fie wissen es im Grunde selber nicht. Wohl aber weiß ich, daß eine Deputation der Colonisationsvereine das erreichen könnte, daß den Schützlingen der Organisation Einlaß in Palästina gewährt würde; daß der plan- und mittellosen Einwanderung die Thore geschloffen bleiben, ist vielleicht kein Unglück. Auch die wunderlichen Steuerverhältnisse, die meines Wissens schon heute nur auf dem Papier existiren, wären leicht durch einen Vertrag zu regeln. Der Sultan weiß, daß die jüdischen Einwanderer für Palästina ein Glück sind. Sie bringen Arbeit, Energie, Unternehmungslust, Geld und moderne Cultur ins Land und verlangen nichts, als individuelle Freiheit, die übrigens schon heute in keinem Lande vielleicht in so hohem Maße vorhanden ist. Nur das ewige Herumschleichen um europäische Fürsten könnte die Türkei scheu machen. Die jüdischen Colonisten, die ihre Unterthanen werden, braucht sie nicht zu fürchten. Selbst, wenn offen und ehrlich gesagt würde: „Wir colonisiren mit der Absicht, einst in irgend einer Gestalt eine Selbstständigkeit zu erlangen," so weiß die Regierung des Sultans, daß ein solcher kleiner Staat nur einen friedlichen Charakter haben kann und von ihr stets abhängig bleiben muß. Gefährlich ist nur dieGeheimthuerei, gefährlich im höch st en Grade das Buhlen um die Gunst der anderen Mächte. Diese Colonisation muß planmäßig und ruhig, ohne Lärm und ohne große Versprechungen vor sich gehen. Es muß eine organische Angliederung stattfinden, die jüdischen Bauern müssen allinälig mit dem Boden und miteinander verschmelzen. Das ist die erste Bedingung eines Volksorganismus. Ich sagte planmäßig, und ich will gestehen, ich habe dabei die socialistische Grundlage, sei es in genossenschaftlicher, sei es in communistischer Gestalt im Auge. Wer einen Bau für die Dauer Herrichten will, der wählt das beste Material und sucht die günstigsten Bedingungen. Das Schlendrian-System der wirthschaftlichen Willkür, des Kampfes Aller gegen Alle, ist zu morsch. Vor Allem muß der Boden Gemeingut der Gesellschaft bleiben. Sie soll den Boden nur verpachten oder an kleinere Genossenschaften veräußern. Es wäre dies erstens eine sociale, gesunde Grundlage und die Sache hätte auch eine große sittlich-geistige Bedeutung. Der so sehr ausgeprägte Individualismus unseres Volkes würde dadurch einen Dämpfer bekommen und der Geist der Zerfahrenheit und des Zwistes würde verscheucht werden. Ist das Spielerei? O nein. Jedes großes Werk ist für die Zukunft geschaffen, und da muß man fick ein Bild machen, welche Gestalt sie annehmen könnte. Es ist kennzeichnend für die Flachheit des Regierungs- Zionismus, daß Niemand in seinen Reihen die socialen und culturellen Fragen der Zukunft berührt. Ich meine nicht, daß man über die Einzelheiten des zukünftigen Staatswesens phantasire oder gar, wie Herr Marmore k, Baupläne für den Tempel in Palästina entwerfe. Aber die Grundlinien des wirthschaftlichen Baues, die Gestaltungsformen des Ganzen, müssen dem ernsten Denker doch vorschweben. Nur Dr. Birnbaum, einer der wenigen Denker des Zionismus, hat diese Fragen aufgeworfen und flüchtig skizzirt. Wir Juden gingen stets auf dem Gebiete socialer Reformen allen Völkern voran und es ist kein bloßer Zufall, daß Karl Marx und Ferdinand Saff alle dem jüdischen Stamme angehören. Die Idee des Gotteskinderthums, die Grundlage der socialen Anschauung, ist dem jüdischen Volke in Fleisch und Blut übergegangen. Viel Dank hatten wir von den Völkern für die Verbreitung unserer Ideen nicht geerntet. Man betrachtete unsere Begabung als Frechheit, unsere Öpfersreudigkeit als Zudringlichkeit. Nun, auf unserem eigenen Boden wollen wir Reformen im bescheidenen Maße durchführen. Wir wollen keine Reformen nach der Modeschablone, sondern wie sie unserem Volke geziemen. Die Bibel kannte den Begriff Grundeigenthum im heutigen Sinne nicht. Der Boden wurde nur für 49 Jahre hergegeben. Man weiß auch, wie es sich nachher gerächt hat, als diese sociale Grundlage vernachlässigt wurde. Es entstanden Latifundienbefitzer und Proletarier, zwei Pole des wirthschaftlichen Lebens, die dem jüdischen Wesen so fremd sind. Auch der unselige Proceß der Concentration des Capitales, der heute wie ein drohendes Gespenst immer gefährlichere Dimensionen annimmt und allmälig den Mittelstand zertrümmert und wogegen alle Staatsqaacksalbereien unnütz sind,