Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 21 (26.5.1899)
- Date
- 1899-05-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 402 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 21 zugemuthete Unterschlagung von Gemeindegeldern gerichtlich als bewiesen erklärt wurde, ihre ganz specielle Hochachtung ausgesprochen hat. Wir halten dafür, daß eine so schimpflich: Action sich vor einem militärischen Ehrenrathe noch weniger entschuldigen ließe als vor einem bürgerlichen, und Se. Durchlaucht sollte sich wenigstens, was seine Zugehörigkeit zum Militär betrifft, einer gewiffen Discretion befleißen, durch welche er das Officierscorps nur zu Dank verpflichten wird. Was aber die Duellforderung des Hofrathes Heiterer anbelangt, durch welche Herr Dr. Lueger die Immunität des Landmarschalls für bedroht erachtete, so hat Professor Philippovich sie allerdings zutreffend als die Verzweiflungsthat eines Ehrenmannes gekennzeichnet, allein der Vorgang ist doch ein bedenklicher. Eher muß man den Mißbrauch der Immunität hinnehmen, wie er von den christlich-socialen Ehrabschneidern täglich begangen wird, als daß an der Unverletzlichkeit der Abgeordneten gerüttelt werden darf. * * * Ein ganz unerlaubter Mißbrauch der Immunität ist es aber auch, wenn Einer so dumm spricht, wie Herr Josef G r e g o r i g. Alles muß doch seine Grenzen haben, auch der Unsinn und der Schwefel. Herr G r e g o r i g stellt einen ursächlichen Zusammenhang her zwischen dem Regime und der Entwicklung der antisemitischen Bewegung in Oesterreich und den Börsecoursen. Unter der liberalen-Herrschaft, sagt er, ist der „Staatscredit" auf 63 herabgesunken. 1880, wo . der Antisemitismus sich bereits zu regen begann, ist es anders geworden, und seit die Antisemiten am Ruder sind, stehen die Papiere am höchsten. Wir sehen also, Heir Greg orig ist nicht blos Aesthetiker sondern auch Nationalökonom, und obgleich er und seine Partei programmgemäß die Börse hassen, gibt er ihr das Zeugniß, daß sie vorurtheilsfrei genug ist, den höheren Werth anzuerkennen, den die österreichischen Papiere durch den immer fortschreitenden Antisemitismus erlangt haben. Für die von Gregorig so gehaßten Börsejuden ist das vielleicht ein sehr werthvoller Fingerzeig gewesen. um ihre Operationen danach einzurichten. Kein Wunder, daß die Hauffespeculanten, die den wahren Werth Bergani's und Schneider's rechtzeitig erkannten, reich geworden sind. Je intensiver sich die antisemitische Brwegung gestaltet, desto lebhafter die Hausse der Staatspapiere, und man kann sich vorsteüen, welch' ein vergnügtes Gesicht so ein gescheuter jüdischer Rentencoulissier machte, wenn der Pater S ch e i ch e r oder ein anderer seiner gleichwerthigen Kumpane recht scharf über die Juden loszog, Da herrschte großes Animo auf dem Rentenmarkte,' die „Börsejuden" trieben lustig die Course in die Höhe, die Bulletins vom Effektenmärkte meldeten : „Fest auf Gregorig", und ein fröhlich gestimmter jüdischer Galopin fügte vielleicht mündlich aus Eigenem hinzu: „Hundert Jahr soll er leben". So hat jedes sonst vielleicht gemeinschädliche Ding, wie beispielsweise der Antisemitismus und Herr G r e g o r i g, auch irgend eine erheiternde und vergnügliche Eigenschaft. * * * Herr Ernst Schneider findet es unerhört, daß. das „Deutsche Volksblatt" wegen seiner Mittheilungen über den Mord in Polna wiederholt confiscirt wurde. Das Blatt habe „zum Zwecke der Erforschung der wahren Umstände, unter denen der Aufsehen erregende Mord in Polna begangen wurde", einen „Specialberichterstatter" nach dem genannten Orte entsendet und dieser habe mit Unterstützung des Bürgermeisters, des Polizeicommiffärs und anderer Gemeindefunctionäre die Erhebungen ausgenommen. Und man denke nur: die protokollarischen Aufnahmen dieses Specialberichterstatters wagt der Staatsanwalt zu confiscireu! Das ist freilich nur möglich, wenn man noch immer in dem Jrrthum befangen ist, daß in dem Falle, als ein Verbrechen begangen wird, das Gericht berufen sei, die Wahrheit zu erforschen. Das mag sonst vielleicht noch der Fall sein, aber wenn es sich um ein Verbrechen handelt, das einem Juden zur Last gelegt wird, da ist dem Untersuchungsrichter nicht mehr zu trauen, da muß man ihm die heikle Mission abnehmen und sie dem Special-Berichterstatter des „Deutschen Volksblatt" übertragen, denn es ist ja allgemein bekannt, daß die Erforschung der Wahrheit der Lebenszweck des „Deutschen Bolksblatt" ist. Vergani sucht, insbesondere wenn es sich um Juden handelt, nur die Wahrheit und nichts als btc Wahrheit. Wenngleich daneben ein Pauschale oder eine Bestechung liegt, so steigert das höchstens seinen Wahrheitsdurst; er würde fürchten, an einer Lüge zu ersticken, und da er noch nicht erstickt ist, hat er auch niemals gelogen. Seine Special-Berichterstatter sind natürlich mit der Instruction versehen, jene Wahrheit zu finden, welche die Untersuchungsrichter nicht finden können oder nicht finden wollen, und die öffentlichen Behörden sind verpflichtet, ihn dabei zu unterstützen. Der Bürgermeister, der Polizeicommissär, die anderen Gemeindefunctionäre, sie sind die Hilfsorgane des Special-Berichterstatters bei der Erforschung der Wahrheit. Da kommt aber der Staatsanwalt dazwischen und unterdrückt die Wahrheit! 4- * -i- Auch das liebliche Schwesterorgan des Verganiblattes, die „Deutsche Zeitung", stirbt für die Wahrheit, weil sie von ihren Abonnenten nicht leben kann. Der Dr. W ä h n e r, das ist ein Fanatiker der Wahrheit, und sein Geist schwebt über, den Wässern der „Deutschen Zeitung". Auch hier tritt der leidige Staatsanwalt als Unterdrücker der Wahrheit auf, zwar nicht durch Confiscation, sondern auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege der Berichtigung. Wer die Wahrheitsliebe der „Deutschen Zeitung" kennen lernen will, der braucht nur das Morgenblatt vom 24. Mai zu lesen, in welchem der Wiener Staatsanwalt in Vertretung des Kreisgerichtes Kolomea Mittheilungen über drei „unerhörte Fälle jüdischer Ausbeutung" actenmäßig darstellt. Es würde zu weit führen, hier auf die Einzelnheiten einzugehen, aber es genügt, zu constatiren, daß nach der amtlichen Darstellung die Angaben der „Deutschen Zeitung" über die angebliche Ausbeutung von Christen, durch Juden in allen Details und vom Anfang bis zu Ende auf tendenziöser, gehässiger, mit den Thatsachen im Widerspruch stehender Entstellung beruhen. Kein einziger von den drei Juden, welche zur Hereinbringung von durchaus einwandfreien und auf correctem Wege entstandenen Forderungen gerichtliche Schritte durchführten, hat einen der betreffenden Christen „ausgebeutet" oder sich auch nur im Geringsten einer hartherzigen oder uncorrecten, geschweige denn strafbaren Handlung schuldig gemacht. Im Gegentheile wird in einem dieser Fälle constatirt, daß einer der drei angeblich ausgebeuteten Christen bei der Erstattung einer strafgerichtlichen Anzeige entscheidende Umstände wissentlich verschwiegen habe, und in einem zweiten Falle, daß der „Ausgebeutete" sich in Widersprüche verwickelte. Von der unerhörten Verlogenheit des galizischen „Specialberichterstatters" der „Deutschen Zeitung" in diesen Fällen kann man sich übrigens schon aus der Thatsache allein ein Urtheil bilden, daß das Kreisgericht Kolomea sich veranlaßt sah, das Blatt zu einer Richtigstellung zu verhalten, während das Gericht es sonst den beleidigten Juden hätte überlassen können, Angelegenheiten mit der „Deutschen Zeitung" selbst auszutragen. Maßgebend war hiebei offenbar die Erwägung, daß bei den Angaben der „Deutschen Zeitung" auch für die Richter, die mit den Angelegenheiten zu thun hatten, einige bescheidene Verdächtigungen abfielen. In der bekannten Erzählung „Eine indische Hütte", wird ein weiser Paria befragt, wer die Wahrheit finden könne und ob, wenn man sie gefunden, es zweckmäßig sei, sie vielen Menschen mitzutheilen. Der Paria sagt, diejenigen finden die Wahrheit, die einfältigen Herzens sind, und auch nur denjenigen, die einfältigen Herzens sind, sollte man die Wahrheit mittheilen. Der Vergani und der Dr. W ä h n e r, sie suchen nur die Wahrheit, aber einfältig sind sie nicht. Einfältig sind nur die, die ihre Lügen glauben, wenn auch nicht in jenem edlen Sinne, wie es der indische Naturphilosoph verstanden wissen will. Robert Wolf. Der Zionismus am Scheidewege. Von H. Mabit. ~ III. Was ist Zionismus? Traurig genug, daß man noch heute, nach einer zweijährigen Epoche, eine solche Frage aufwerfen kanil, ja aufwerfen muß. Aber es ist so, die auserkorenen Führer haben kaum ernstlich über diese Grundfrage nachgedacht. Zionismus ist die sociale und culturelleRegenerationJsraels auf nationaler Grundlage. Der Zionismus ist theils sociale, theils Culturfrage. Oder er ist vielmehr beides zusammen, denn nirgends sind wirthschaftliche und geistig-sittliche Reformen so sehr mit einander verschmolzen, wie in Israel.