Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 21 (26.5.1899)
- Date
- 1899-05-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 21 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 401 Das war ihnen ein gefundenes Fressen und sie sollten sich eigentlich bei Herrn Brunner bedanken. Daß es den frommen Antisemiten lieber ist, Kirchen mit jüdischem Gelde als mit ihrem eigenen zu bauen, das wolle» wir gerne glauben. Sie möchten gern die schönen Zeiten zurückführen, da, wie im Jahre 1652, zum Wiederaufbau der Kirche des heiligen Wenzel in Altbunzlau, laut Beschluß des böhmischen Landtages, jeder Christ zwanzig Kreuzer, jeder erwachsene Jude vier Gulden und vierzig Kreuzer, jeder jüdische Jüngling zwei und ein drittel Gulden beisteuern mußte! Es ist auch wohl aus übergroßer Zärtlichkeit für die Juden, daß sich die „daitsche" Zeitung so entrüstet darüber zeigt, daß der jüdische Schriftsteller Kraus von einem anderen! Juden geprügelt wurde. Daß ein Jude Schläge bekommen und der Schlagende kein Antisemit war, das ärgert sie wohl am meisten, denn daß christliche Schriftsteller oder Schauspieler einen Kritiker, der sie etwas scharf anpackte, überfielen und prügelten', ist, wie selbst Dr. Wähner wissen könnte, mehr als einmal vorgekommen. Voltaire ist sogar einmal auf Befehl eines sehr hohen Herrn überfallen und durchgeprügelt worden. Wir tadeln solche Art, sich Recht zu verschaffen selbstverständlich noch ernstlicher, als die „Daitsche", und noch besonders müssen wir hervorheben, daß es nicht jüdische Art ist, sich der rohen Kraft zu bedienen, Prügel statt Argumente anzuwenden; die Macht der U eberzahl zu mißbrauchen, das ist antisemitische Manier. Und unsere Christlich-Socialen werden sich vielleicht erinnern, daß es der große Heros der Antisemiten, Georg Schönerer, war, der in ähnlicher Weise die Redaction des „Tagblatt" überfiel. Damals war er freilich noch Ritter und zu seinen ergebenen Anhängern gehörte damals auch der Dr. Karl Lueger, der zwar schon der schöne Karl war aber weder Orden noch goldene Ehrenkette besaß, nur eine Busennadel. Sein österreichisches Herz und christliches Gemüth scheint er erst später entdeckt zu haben. M. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Der Handel mit Columbus-Eiern. — Antisemitismus mit dein Feigenblatt. — Die zurückgesteüten Principien. - Fürst Liechtenstein als Officier. — Warum die Renten gestiegen sind. — Vergani's protokollarische Aufnahmen. — Die Fanatiker der Wahrheit.) Die Columbus-Eier kommen in die Mode, und sogar zu den Pfingstfeiertazen ist ein Columbus-Ei gelegt worden, welches man vielleicht hätte übersehen können, wenn nicht die ostdeutsche Henne allzu laut und freudig darüber gegackert hätte. Es handelte sich um das schwierige Problem, den deutsch-nationalen Antisemitismus im Deutschen Schulderem zu recipiren, ohne die zahlreichen Juden, welche seit Jahren dem Vereine angehören und deren Geld man für die Bereinszwecke sehr nothwendig braucht, vor den Kopf zu stoßen. Gar so offenherzig durften die Scheinliberalen, welche die Majorität in der Vereinsleitung haben, es nicht einbekennen, daß ihr Liberalismus ein Loch hat, daß sie ohneweiters die Juden preiszugeben bereit sind, wenn diese nur nichts merken. Nachdem sie sich daher nothgedrungen gegen die ausdrückliche Ausschließung der Juden gewehrt hatten, weil sie auf die Beiträge dieser hinsichtlich des Zählens stets gleichberechtigten Mitbürger nicht verzichten konnten, fanden die Herren einen Ausweg, um zwischen ihrem schleißigen Liberalismus und dem deutschnationalen Antisemitismus ein Compromiß anzufertigen, welches dem neu adjustirten Verein wie auf den Leib gegossen paßt. Das war nun das große „volkliche" Columbus-Ei, von welchem die „Ostdeutsche Rundschau" sagt: „Ein dreizehnjähriger Kampf wurde in deutsch-völkischem Sinne entschieden. Die von den Deutschnationalen behufs Ausgestaltung der Autonomie der Ortsgruppen beantragte Aenderung des Z 11 der Satzungen, betreffend die Zuweisung eines Mitgliedes zu einer Ortsgruppe, ist nunmehr von der ausdrücklichen Zustimmung desOrtsgruppenvorstandes abhängig und damit die volle Selbstständigkeit der Ortsgruppen bezüglich der Mitgliederaufnahme satzungsgemäß gewährleistet. Die Nationalen tnt Schulverein sehen ihre Thütigkeit durch einen großen Erfolg belohnt, und die Bedenken, welche bisher noch einen Theil der Deutschnationalen vom Eintritte in den Verein abgehalten hat, dürften nunmehr wegfallen". Dieses ostdeutsche Freudegackern gilt der Statutenänderung, die der Deutsche Schulverein in seiner Hauptversammlung beschlossen hat. Wir sind, offen gestanden, eigentlich dadurch erst auf die Mogelei aufmerksam gemacht worden, durch welche die Tendenz der geschehenen Statutenänderung verhüllt werden sollte. Man ist nämlich seit Jahren nicht mehr gewohnt, die Berichte über die Hauptversammlungen des Deutschen Schulvereines genau zu lesen; die Phrasen des auchliberalen Dr. Weitlof haben sich seit Jahren so gut erhalten, daß man auf ihr Befinden und ihr gutes Aussehen nicht mehr neugierig ist. Die kleine Statutenänderung, von welcher hier die Rede ist, die ist so unscheinbar, ist so geräuschlos veranstaltet worden, so öffentlich und doch in aller Stille, daß die „Ostdeutsche Rundschau" mit ihrem allzu weitlofigen Commentar eine rechte Dummheit begangen hat. Die Volklichen hatten die statutengemäße Ablehnung jüdischer Mitglieder nicht durchsetzen können. Das durfte ihnen die Vereinsleitung nicht zugestehen, selbst aus die Gefahr hin, als verjudet und als Judenknecht zu gelte». Mit wahrem Heroismus ließ sich der Deutsche Schulverein jahrelang einen judenliberalen Verein schelten, weil er die „Judenreinheit" der völkischen Ortsgruppen nicht satzungsgemäß und officiell anerkennen und schützen wollte. Das durfte er eben nicht, wenn er nicht Tausende von jüdischen Beiträgen verlieren wollte. Außerdem sind doch die Vereinsgrößen „liberal", und ein unveräußerlicher Grundsatz des Liberalismus war, wie man sich vielleicht noch dunkel erinnern wird, die Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Unterschied der Confession. Daß ein ehrlicher Liberalismus und der Antisemitismus sich nicht vereinbaren lassen, brauchen wir hier wohl nicht neuerdings auseinanderzusetzen. Seit der berüchtigten Coalitionsära hat man aber in jenem „Zurückstellen" von Principen, welches zum Krach des Scheinliberalismus führte, einige Uebung erlangt und um einerseits nicht das jüdische Geld, andererseits nicht die deutschnationalen antisemitischen Mitglieder zu verlieren, haben die beiden im Deutschen Schulverein im Kampfe gestandenen Parteien ihre Grundsätze ack lioe „zurückgestellt", die Einen den Liberalismus, die Anderen den ausdrücklichen Antisemitismus. Von nun an darf zwar auch ein Jude seinen Eintritt in den Verein anmelden, aber die O r t s g r u p p e, der er zugewiesen wird, muß mit dieser Zuweisung einverstanden sein. Und das ist jene „Autonomie" der judenrein zu gestaltenden Ortsgruppen, deren Herstellung nunmehr den strammen Radicalnationalen den Beitritt zum Deutschen Schulverein „ermöglicht" .und von welcher Herr Dr. Groß sagte, die Radicalen hatten damit ihren „starren" Standpunkt verlassen und damit wäre ein „Zankapfel", der das Einigungswerk immer störte, beseitigt. Thatsächlich ist eben der Sinn der so unscheinbaren Statutenänderung eine vollständige Capitulation des deutschen Schulvereines vor dem deutschnationalen Antisemitismus; es ist der Antisemitismus mit einem Feigenblatt. Wenn Herr Doctor Weitlof und Genossen sich der Meinung hin geben, durch stilistische Wendungen den begangenen Berrath an den Principien des Liberalismus maskiren zu können, so dürften sie derzeit bereits genöthigt sein, diese Meinung geradeso „zurückzustellen", wie ihre Principien. Was aber die jüdischen Mitglieder des „Deutschen Schulvereines" nunmehr zurückzustellen haben, wenn sie nicht eine alberne Rolle spielen wollen, ist wohl selbstverständlich: ihre Mitgliedskarte. * * * Vom Prinzen Alois Liechtenstein ist es sehr unvorsichtig, wenn er selbst öffentlich daran erinnert, das er k. u. k. Officier ist; das Officiercorps selbst wird ihm vielleicht dankbar sein, wenn er davon so wenig als möglich spricht. Wenn der Officiers-Ehrenrath von einem Hofrathe des Verwaltungsgerichtshvfes verlangt, daß er für eine ihm im Landtage zugesügte Beleidigung Genugthuung mit den Waffen fordere, so ist es höchst eigenthümlich, wenn Prinz L i e ch t e n st e i n im Landtage gegen die Zulässigkeit dieses Duells spricht und sich hiebei speciell auf seine Eigenschaften als Officier beruft. Allerdings scheint Prinz Alois ungeachtet dieser Eigenschaft ein principieller Gegner des Duells zu sein, denn er hat wiederholt recht empfindliche Beleidigungen seiner Person in öffentlichen Versammlungen und in Zeitungen erfahren, ohne darauf zu reagiren oder Genugthuung zu fordern. Es ist ferner nicht aus dem Gedächtnisse der Zeitgenossen entschwunden, daß dieser Herr sich eines Tages an die Spitze einer Deputation gestellt hat, welche einem höchst ehrbedürftigen Individuum anläßlich des unliebsamen Vorkommnisses, daß die ihm