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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-05-26 · 21 (26.5.1899) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
21 (26.5.1899)
Date
1899-05-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 400 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 21 S. M. Spira, Secretär (Tarnow); Mendel Pomeranz (Tarnopol); Dawid T i e g e r (Lemberg); Dr. CH. Brody, Rabbiner (Nachod); Pinkas Horowitz, Rabbiner (Bohorodczany); Dr. H. Gabel (Lemberg); A. H. Z u p n i k (Drohobycz); Efraim Sternhell (Rohatyn); Sam. S ch o r r (Lemberg); Emil Broch (Tarnow); M. Aschkenazy (Zbaraz); * H. Engelberg (Tarnobrzeg); Dr. I. Günzig, Rabbiner (Biala); Dawid Fast (Tarnow); Dr. A. Ader, Secretär (Tarnow); Ed. Schwager (Tarnow); Jonas K r e p p e l, Redacteur (Krakau); S. M e l z e r (Rohatyn); Hirsch Nagelberg (Chodorow); Michael S ch a p i r a (Tarnow); L. Taubes (Kolomea); L. Landau (Gorlice). Von Herrn Rabbiner Dr. Feuchtwang in Nikolsburg, erhalten wir als Ergebniß einer kleinen Sammlung für unsere unglücklichen Glaubensbrüder in Boryslaw von: Herrn Cultusvorsteher Kohn 5 fl., Teltscher u. Glattauer 3 fl., Bürgermeister Frankfurter 3 fl. 50 kr., Jacob Hirsch 3 fl., Frau Reg- Pater 2 fl., Hansi u. Benno 2 fl., Walter u. Cilli 1 fl., Herrn Obercantor Neufeld 1 fl., Sam. Gewitsch 1 fl., Frau Julie Burg 1 fl., Gustav Pollitzer 1 fl., Josef Deiches 1 fl., Apotheker Kromrisch 1 fl., Hugo Gallus 1 fl., Dr. Knöpfmacher 1 fl., Moritz Abeles 1 fl., Jacob Abeles u. Sohn 1 fl., Em. Kelbl 1 Kr., Winter 1 Kr., Lampl 1 fl., L. Weiß 1 fl., M. Bock 1 fl., M. L. Doch 1 fl., K. Teltscher 1 fl., Jes- Kohn 1 Kr., Heinr. Toch 1 fl., Sal. Teltscher 1 Kr., Moritz Kohn 1 Kr., Jos. Krakauer 1 fl., Bernhard Teltscher 1 Kr., Summa 39 fl. 50 kr. Von Herrn Gustav Schur in Firma Isaak Schur & Söhne in Nachod als Ergebniß einer Sammlung 29 fl., Herrn I. W, Schrötter in Wsetin 5 fl., Herrn F. Schwarz in Schluckenau 2 fl. 50 kr., Summe: 76 fl. Wiener Sperialitäten. Wenn man die Verhandlungen des Wiener Gemeinderathes und des niederösterreichischen Landtages liest, so muß man sich manchmal fragen, ob denn alles Lüge ist, was in den Kalendern und Lehrbüchern der Geographie steht. Schreiben wir richtig 1899? Leben wir wirklich am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, in der Hauptstadt eines europäischen Großstaates, welche eine Universität, so und so viele Gymnasien und höhere Schulen, Museen, Kirchen und Bibliotheken besitzt? Oder leben wir zur Zeit der Völkerwanderung, da die heidnischen Germanen ihre Berathungen, wie Tacitus erzählt, bei Trinkgelagen abhielten? Aber es ist doch ein Unterschied zwischen Gemeinderath und Landtag. Erlaubt sich im Gemeinderath ein Liberaler oder Jude dem hochgebietenden Vorsitzenden etwas Unangenehmes zu sagen, so regnet es Ordnungsrufe, denen manchmal Ausschließungen von den Sitzungen, gewaltsame Entfernung durch Amtsdiener folgen. Im Landtage können die Antisemiten so viel schimpfen und verleumden, als sie wollen, sie können den Richterstand und Alle, die nicht nach ihrer Pfeife tanzen, mit Koth bewerfen, der sanfte Gudenus entschließt sich höchstens zu einem gelinden Ordnungsrufe — nach Einsicht in das stenographische Protokoll. Wie es Leute gibt, die farbenblind sind, manche Farben gar nicht oder falsch sehen, grün für roth halten, so scheint er die Schimpfereien und den rohen Lärm der Antisemiten als sanfte Flötentöne zu hören. Was kann er dafür, daß er gehörleidend ist? Seltene Dinge werden hochgeschätzt, und so erfreuen sich auch die seltenen Ordnungsrufe des Herrn Landmarschalls einer besonders hohen Werthschätzung, besonders von seiner Partei. Als er in der Sitzung vom 1-6. Mai, sei es aus besonderer Freigebigkeit, sei es aus anderen Ursachen, ein paar seiner kostbaren Ordnungsrufe austheilte, da rief der Abgeordnete Dr. Weiskirchner: „Und ich krieg' nix?" — Curios ist es aber, daß diese Leutchen auf die Wissenschaft schimpfen, während sie doch ihr ganzes Bischen Halbwissen der Wissenschaft, zum Theil freilich einer mißverstandenen oder Afterwissenschaft zu verdanken haben. Die ganze einseitige auf der Sprachverwandtschaft aufgebaule Theorie von Ariern und Semiten wird jetzt von keinem ernsthaften Forscher mehr festgehalten; die bedeutendsten Anthropologen haben nachgewiesen, daß der somatische Unterschied zwischen den Juden und den anderen Völkern, zwischen beiten sie wohnen, geringer ist, als der zwischen verschiedenen Ständen, daß also der ganze Racenantisemitismus auf Unwissenheit beruht. Wie die Europäer von den früher entwickelten fortgeschrittenen Asiaten die Religionen entlehnten, werden sie auch die Sprachen entlehnt haben. Daß das Christenthum von den Juden zu den sogenannten Ariern gekommen ist, das können die Christlich-Socialen nicht leugnen, und daß sie das Alte und das Neue Testament, die Schriften der Kirchenväter und Beschlüsse der Concilien lesen können, das haben sie nur den „Bildungsprotzen" zu verdanken, welche diese Werke aus dem Hebräischen, Griechischen und Lateinischen übersetzt haben. Hätten die Gregorig, Schneider und Strobach vor fünfzehnhundert Jahren gelebt, der eine vielleicht als Gladiator, der andere als Sclavenaufseher, der dritte als römischer Steuereintreiber, sie hättengewiß mit all' ihrer Lungenkraft auf den „Wissenschaftsprotzen" den heiligen Hieronymus geschimpft, der die Bibel aus dem Hebräischen übersetzte und sich dabei von Juden helfen ließ. Unsere Antisemiten haben aber noch eine dritte Waffe — den Unrath, mit dem sie alle ihre Gegner bewerfen. Hier scheint neben der angeborenen- oder, wenn der Ausdruck erlaubt ist, anerzogenen Ungezogenheit, Berechnung und Absicht im Spiele zu sein. Man will den anständigen und an guten Manieren gewöhnten Menschen die Theilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten, das Mitwirken in den Vertretungskörpern verleiden, damit die Clericalen und Antisemiten ungestört unter sich bleiben und Gesetze beschließen, über die Steuergelder des Volkes verfügen können, obwohl sie nicht beschlußfähig sind. Von dem Schicksal des Laokoon, nach der Erzählung Virgil's sprechend, sagt Goethe: „So kommen ungeheure Schlangen aus dem Meere, eilen auf die Kinder des Priesters, der das Pferd verletzt hatte, umwickeln sie, beißen sie, begeifern s i e, umwinden und umschlingen darauf Brust und Hals des zu Hilfe eilenden Vaters uud ragen mit ihren Köpfen triumphirend hoch empor, indem der Unglückliche unter ihren Windungen vergebens um Hilfe schreit. Das Volk entsetzt sich und flieht beim Anblick, N i e m a n d w a g t e s m e h r, ein Patriot zu sein, und der Zuhörer, durch die abenteuerliche und ekelhafte Geschichte erschreckt, gibt denn auch gern zu, daß das Pferd in die Stadt gebracht werde." Die Schlangen flüchten sich dann unter den Schutz der Göttin und Laokoon, der patriotische Warner, wird als Verächter und Beleidiger der Gottheit ausgeschrieen. Schon vor drei Jahrtausenden haben Vaterlandsverräther sich der Religion als Maske bedient. So gelangten die im hölzernen Pferde versteckten Feinde in die Stadt und Troja ward zerstört. Das Begeiferungssystem, das Hetzen und Verleumden wird nun auch gegen die Richter angewendet, gegen gut christliche und arische Richter, die nur den einen Fehler haben, daß sie nicht so urtheilen wollen, wie es Herrn Dr. Lueger und Consorten beliebt. Damit sollen wohl die anderen Richter eingeschüchtert und den Geboten der Antisemiten gefügig gemacht werden. Und der große Jurist Weiskirchner jammert, daß „unser gutes, altes deutsches Recht beseitigt wurde", während Pater Scheicher erklärt, daß das sogenannte römische Recht zum Unglücke des Volkes eingeführt wurde. Aber, bester Herr Pfarrer, das römische Recht wurde ja von dem christlichen Kaiser Justinian, dem großen Judenfeind codificirt und hängt auch gar sehr mit der römisch-katholischen Religion zusammen. Nehmen Sie sich in Acht, daß Sie nicht als Förderer der Los von Rom-Bewegung ausgeschrieen und für einen Helfershelfer Schönerer's erklärt werden. Und was würden überhaupt die großen Hetzer jetzt zu thun haben, wenn Herr Lucian Brunner nicht geklagt, wenn der Verwaltunasgerichtshof nicht streng nach dem Gesetze und conform allen ' seinen früheren Entscheidungen geurtheilt hätte?

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