Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-05-26 · 21 (26.5.1899) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
21 (26.5.1899)
Date
1899-05-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021277-3021299--08872-3033273
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 21 Dr. Bloches Wochenschrift. Seite 399 s e m i t i s ch e r L i g e n, die Wucher treiben und ich werde den Namen eines solchen in der Enquete - Commission angeben. Es handelt sich um einen Mann, der vom Jänner bis April 1899 14 Darlehen gegeben hat auf 49—292 Perceut. (Gelächter und Ruse der Ueberraschung.) Und es handelt sich da nicht um Darlehen von Geld, sondern von Saat. Ein Landwirth hat mir erzählt, daß man gewöhnlich 100 Percent zahlen muß. Glauben Sie also nicht an einen jüdischen Wucher. Nicht umsonst sagt man, daß es in Algier zwei gute Geschäfte gibt: Wucher und Politik". Bankerotte. „Marchal und Morinaud meinten, daß das Deccet Cremieux auch Schuld trage an den Bankerotten und den Betrügereien, denen französische Bürger zum Opfer fallen. Man zählt in Algier 31.128 Kaufleute, davon sind 5385 Juden und 14.440 Franzosen. In der Zeit vom Jahre 1894—1897, da der Antisemitismus so gewüthet und die Juden gezwungen hat, ihre Geschäfte einzuschränken resp. aufzulassen, treffen wir 347 jüdische Bankerotts gegenüber 998 französischen. Wenn es nun weniger jüdische Bankerotte gibt, ist es richtig, daß ihre Ausgleichsquote so niedrig ist, wie hier behauptet wurde? Nein. Sie zahlen 16°5 Percent, während die anderen kaum 13 5 Percent aufbringen. Das ist der ganze Roman von den jüdischen Bankerotts und das bleibt von all' den schweren Anklagen, die gegen unentbehrliche Haudelsvermittler zwischen Frankreich und Algier gerichtet wurden." Nun gibt R o u a n e t noch die interessante Geschichte eines belgischen Deserteurs zum Besten, der zuerst antisemitischer Journalist und dann Kaufmann wurde, um schließlich insolvent zu werden und seinen Gläubigern eine Masse im Werthe von 1 Francs 75 zurückzulassen. Rouanet schloß mit den Worten: „Die Juden können weder für die commerciellen Krisen in Algier, noch für die Bewucherung der Araber, noch für andere Verbrechen verantwortlich gemacht werden. Im zweiten Theile meiner Rede werde ich Ihnen beweisen, daß Niemand das Recht gehabt hat, in Algier Plünderungen, Gewaltacte und Boycotts einzuführen, die uns in den Augen Europas entehren (Stürmischer Beifall) und die unsere eigene Menschenwürde erniedrigen." (Neuerlicher Beifall. Redner wird von allen Seiten beglückwünscht.) Alle ernsten hiesigen Blätter rühmen trotz ihres abweichenden politischen Standpunktes diese Rede als eine befreiende That. Speciell der „Figaro" macht es seinen Gesinnungsgenossen von der conservativen Partei zum Vorwurf, daß sie sich diese Gelegenheit habe entgehen lassen, um endlich einmal gegen die Racen- und Confessionshetze aufzutreten. Es wird also vielleicht doch bald Tag werden. Aufruf des Vereines für die Colonisation Palästinas „Ahavas-Zion" in Tarnow zu Gunsten der nolhleidenden jüdischen Bergarbeiter in Boryslaw. Stammes- und Glaubensgenossen! In der Generalversammlung vom 25. und 26. April l. I. haben die Mitglieder des gefertigten Vereines den Beschluß gefaßt, die unglücklichen jüdischen Bergarbeiter aus Boryslaw nach Maßgabe der zu diesen! Zwecke aufzubringenden Fonde nach Palästina zu übersiedeln. Mit 50 Fanlilien soll der Anfang geniacht werden. Wem von uns ist die traurige Lage dieser Entcrbtesten aller Enterbten nicht bekannt? Durch unmenschliche Bestimmungen wurden Tausende jüdischer Arbeiter, die bisher ehrlich und fleißig ihrer Arbeit nachgegangen sind, derselben beraubt. Bei Juden können sie keine Beschäftigung finden, weil die den Kleinunternehmern gehörigen Schächte gesperrt worden sind, die christlichen Großbetriebe wollen ihnen keine gewähren und haben sie successive entlassen. So sind denn Hunderte jüdischer Arbeiterfanlilien seit Monaten ohne Brot. Mit jedem Tage wächst die Zahl der Brotlosen, denn immer weitere Schächte werden noch gesperrt. Und die Noth wird immer entsetzlicher. Die Arbeitslosen haben bereits Alles verpfändet oder verkauft und es beginnt unter ihnen der Hungertyphus zu herrschen. Was ist aber bis jetzt für diese llothleidenden Brüder von jüdischer Seite geschehen? Einige Wohlthäter oder Vereine haben sie mit Almosen unterstützt, das bereits verzehrt ist. Nun h u n g e r n sie weiter. Mit Almosen ist eben den Nothleidenden von Boryslaw nicht zu helfen. Sie selbst erklären, daß ihnen einzig und allein damit kann geholfen werden, daß man ihnen eine neue Existenz- Möglichkeit, d. h. neue Arbeitsgelegenheit verschafft. Das ist jedoch an Ort und Stelle nicht mehr möglich. Tie jüdischen Arbeiter müssen a u s w a n d e r n. Und sie sollen dorthin auswandern, ivo man sie braucht, wo sie Arbeitsgelegenheit und Erwerb finden. Das ist der Fall in den jüdischen C o l o n i e n P al ä st i n a s und Syriens. Dort könnten die Arbeiter von Boryslaw einen Verdienst finden. Dort, auf dem historischen Boden ihres Volkes lverden sie einfür allemal antisemitischer Willkür entzogen sein; dort winkt ihnen eine neue gesicherte Existenz. Vorläufig sollen die kräftigsten und rüstigsten fünfzig Familienväter hingehen. F ii n f z i g Familien sollen dem Hungertode entrissen werden. Sie werden dann weiteren Platz schaffen und ebenso galizische Bahnbrecher jüdischer Colonisationsthätigkeit in Palästina sein, wie ihre Landsleute auf der von uns begründeten Eolonie M a ch n a j i m es geworden sind. Um jedoch die zur Beförderung der fünfzig Arbeiterfamilien von Boryslaw nach Palästina nothwendigen Geldfonds aufzubriilgen, wenden sich die Unterfertigten an die jüdische O e f f e n t l i ch k e i t aller Länder. Welchen Juden könnte diese schreckliche Katastrophe, die plötzlich über die Boryslawer Arbeiter hereingebrocheu ist, lediglich deshalb, weil sie Juden, weil sie unsere, Eure Stammesbrüder sind, nicht aufs tiefste erschüttern Ulld dazu bewegen, auch nur durch eine geringe Gabe zu helfen, soweit man helfen kann, so lange noch zu helfen i st! Nicht wir fordern die Boryslawer Arbeiter zur Auswanderung auf. Die schreiende Nothlage hat ihnen bereits den Wanderstab in die Hände gedrückt. Die Emigration hat schon von selbst begonnen, aber 'lach dem W e st e n, wo sie die Zahl der Hausirer und Brotlosen vermehrt und die ohnedies schon geschwächte wirthschaftliche Lage unserer Brüder im Westen noch bedeutend verschlimmert. Wir wollen den Strom der Emigration nach Palästina und Syrien lenken, wo sie als productive Mitglieder der Gesellschaft von ihrer Hände Arbeit leben und dem jüdischen Namen Ehre machen werden. Brüder! Ein Jeder von Euch, vor Allem aber die jüdischen Eultusgemeinden und Körperschaften, mögen ihr Scherflein dazu beitragen, um diesen ärmsten und unglücklichsten aller Arbeiterproletariern von ihrer schrecklichen Noth zu helfen. Je mehr und je schneller die nöthigen Mittel aufgebracht werden, desto mehr Faniilien kann geholfen werden. Das Vertrauen, welches die bisherige praktische Thätigkeit unseres Vereines überall unter unseren Brüdern erweckt hat und die keinen Aufschub leidende Nothlage Tausender unserer Brüder, berechtigen uns zur Hoffnung, daß tvir nicht vergeblich au das Gemeingefühl und den Wohlthätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen appellirt haben werden. Die Spenden wolle man an den gefertigten Verein senden, der sie in seinen „Mittheilungen" ausweisen wird. Bei Einsendung von Spenden an die jüdischen Blätter oder andere Sammelstetten wolle man ausdrücklich hinzufügen: Für den Verein „A h a v a s -Z i o n" in Tarnow. Der Verein für Colonisation Palästinas „Ahavas-Zion": Dr. Abraham Salz (Tarnow), Präsident; Leib Spitz (Tarnow), Präsident-Stellvertreter; Julius Hochfeld (Lemberg), Präsident-Stellvertreter Dr. Ehrenfeld, Oberrabbiner (Prag); Dr. H. F i a l l a, Advocat (Wien); Dr. S. R. L a n d a u (Wien); M. Holländer (Tarnow); Herman Lichtblau (Tarnow); I. S. F u ch s, Redacteur (Krakau); Berisch M a s ch l e r (Tarnow); S. B i e n e n st o ck (Tarnow);

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.