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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-05-26 · 21 (26.5.1899) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
21 (26.5.1899)
Date
1899-05-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 398 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 21 Herr hat auch während der vorletzten Wahlen den Bernard Lazare aus dem Redactionsverbande seines Blattes „Voltaire" entlassen, weil ihm um diesen Preis D r um o n t seine Schonung, also pasive Unterstützung versprach. Die tiefste Verachtung der ganzen Kammer senkt sich auf das Haupt Klotz' nieder. Er schweigt.) „Denn, mein<Herrn — setzt Rouanet fort — es gibt keine Solidarität zwischen der jüdischen Bourgeoisie und dem jüdischen Proletariat." Jüdischer und antisemitischer Patriotismus. „Mr. Marchal hat hier erklärt, daß er im Jahre 1870 nur zwei Juden gekannt habe, die ihre Pflicht erfüllten. Mr. Marchal, der zu jener Zeit in Algier war, sollte doch wissen, was zu jener Zeit dort vorgegangen ist. Am Tage nach seiner Rede habe ich auch zahlreiche Proteste von den Juden in Oran erhalten, die auf dem Schlachtfelde ihre Pflicht gethan haben und die mich fragen, wo damals Mr. Marchal war. Es ist mir ein Buch zugekommen „Die Etappen eines oranischen Freischärlers", das, von einem französischen Offizier versaßt, eine genaue Liste aller Freischärler, darunter von sechzig Juden, enthält. Und ist es denn wahr, daß die Juden im Jahre 1871 ihre Pflicht nicht erfüllt haben? Da habe ich vor mir die Bestätigungen von Officieren und von V u i l l i e r, dem Maire von Algier. Daraus geht hervor, daß, als die Araber unsere Landsleute plünderten, die Juden zuerst die Vertheidigung übernahmen. Sie haben auch in der Miliz gedient und darüber lese ich: „Die jüdischen Milizsoldaten haben ihren Beruf ohne jeden Vorwurf erfüllt, kein einziger hat seinen Posten verlassen." So sprechen christliche Officiere von jüdischen Soldaten. Hat also Jemand das Recht, wie es Morinaud gethan hat, ihnen vorzuwerfen, daß sie im Jahre 1871 den Aufstand verschuldet haben? Wie kann man denn solche falsche Behauptungen von den Tribünen ausstreuen?" Die eigentliche Frage. „Der Antisemitismus hat sich in Algier stets in maßvollen Grenzen gehalten. Erst seit dem Jahre 1894 hat er rohe, gewaltthätige Formen angenommen. Warum? Ich berühre hier ein sehr delicateS Thema und ich bitte die Kammer um die vollste Aufmerksamkeit. Wenn der Antisemitismus jetzt in so roher Form zum Vorschein kommt, so ist dies die Folge des ganz geänderten Milieus in Algier. Das Algier von 1895 und 1898 ist nicht mehr das von 1870. Der französische Geist ist verdrängt worden, besonders unter dem fremden Einflüsse. Mr. Morinaud meint, daß die Anwesenheit der Spanier keine Gefahr bilde, da ihre Bevölkerungszahl nicht steige. Nun hören Sie die letzten Worte eines spanischen Circulars als Beweis, bis zu welchen niedrigen Heucheleien man sich verstiegen hat, um ihre Stimmen zu erhalten. „Wir kennen und verehren Spanien, in dem es keine Juden gibt und das deshalb stets an der Spitze der Jahrhunderte und der Nationen einherschritt." Unterschriften: Eduardo D r u m o n t und Carlos Marchal. (Beifall und Gelächter auf der ganzen Linken.) Diese Spanier und auch die Italiener haben nach Algier sehr extreme religiöse Anschauungen und den atavistischen Judenhaß mitgebracht. Ich hasse sehr tief jeden Fanatismus, aber wir finden beim Fanatiker wenigstens einen guten Glauben. Was sollen wir aber von Jenen sagen, die gar kein religiöser Fanatismus beherrscht, weil sie gar keine Religion haben und die mit kaltem Blute, um Stimmen zu werben, die Leidenschaften reizen und den Judenhaß erwecken? Ich finde im parlamentarischen Wörterbuch gar keinen Ausdruck, um diese Haltung zu brandmarken. (Stürmischer Beifall auf der Linken). Ich überlasse dies Ihrem Urtheile." Die Erziehung zur Lüge. „Diesen Spaniern, Italienern und den Franzosen, die fern von Frankreich leben, redet man ein, daß die Juden allein an der Nothlage in Algier schuld seien. Man macht sie glauben, daß die Juden in Algier eine bevorzugte Stellung einnehmen, und daß es möglich sei, sie fortzujagen und ihre Habe zu theilen. Wenn ich aufrichtig sein will, so muß ich sagen, daß die ganze Weisheit von Morinaud und Marchal darin besteht, bei allen antisemitischen Versammlungen zu rufen: „Nieder mit den Juden! Hinaus mit den Juden!" Die Vertreibung der Juden ist die Hauptgrundlage des Antisemitismus in Algier wie in Frankreich. Die unwissende, fanatische Bevölkerung glaubt, daß an dem Tage, da man die Juden vertreiben wird, alle Arbeitslosen eine Beschäftigung und, die es bedürfen, auch Boden und Credit erhalten werden. D r u m o n t: Also wird das Wunder des Cvllectivismus erfüllt sein! R o u a n e t: Ich bedauere, daß ein Professor der Philosophie so wenig von Collectivisnius versteht." (Gelächter.) Ein bezeichnendes Beispiel. „Um ein weiteres Beispiel dieser Lügen zu geben, will ich auf die letzten Municipalwahlen in Constantine Hinweisen. Wissen Sie, wofür die Bevölkerung durch Monate gekämpft hat? Das Losungswort war: „Hinaus mit den Juden aus dem Magistrat!" Die Municipalwahlen fielen antisemitisch aus und das Versprechen mußte eingehalten werden. Wissen Sie, wie viel Juden auf die 140 Beamten der Mairie entfallen? Vier. Von dem Beamtenbudget Per 300.000 Francs beziehen sie 10.000 Francs. Die triumphirenden Antisemiten haben sie fortgejagt." Die Juden in den öffentlichen Aeurtern. „Ich will auch die Stellung, die die Juden in der Beamtenhierarchie einnehmen, näher erklären. Ich hätte gerne der Kammer ganz detaillirte Ausweise vorgelegt. Allein in diesen delicaten Fragen verhält sich der General Gouverneur sehr zurückhaltend gegenüber der Regierung und den Deputirten. Hätten seine Vorgänger und er das gegenseitige Verhältniß der Bewohner Algiers an der Hand von Documenten klargelegt, so wären gewiß viele Verleumdungen gleich am ersten Tage verschwunden. Morinaud hat hier erzählt, daß die Juden die besten Stellen sich aneignen und nur die untersten den Franzosen überlassen. Nun hat mir der General-Gouverneur eine Liste der Staatsfunctionäre zur Verfügung gestellt. Unter 17.843 Functionären gibt es kaum 253 Juden, wiewohl diese ein Neuntel der französischen Bevölkerung bilden." So verjagen die Juden die Franzosen ilden Aemtern." (Beifall auf der Linken.) Redner macht sohin ziffermäßige Angaben über die Anzahl der Juden bei verschiedenen Behörden. So gibt es unter 29 Rächen des Appellationsgerichtes in Algier nur einen Juden, unter den 9 General-Staatsanwälten keinen einzigen. Die lOlRichter erster Instanz und 37 Staatsanwälte haben unter sich keinen einzigen Juden. (Ausrufe der Ueberraschung.) Auf 33 Advocaten entfallen e i n und auf 87 Notare vier Juden. Unter 170 Standesbeamten ist kein Jude. „Was bleibt nun" — fragt Rouanet — von den Behauptungen Morinaud's und Marchal's? Nichts!" Die ökonomische Entwicklung. Rouanet bedauert, daß er von der Banque d’Algerie keine Ausweise über die Kreditgewährungen bekommen konnte. Blos die algierische Filiale des Orädit Lyonnais stellte sie zur Verfügung und daraus war zu ersehen, daß seit der Gründung dieser Filiale an Juden 350 Millionen Francs entlehnt, jedoch nur 12.000 Francs verloren wurden. Hingegen hatte die Banque d’Algerie bei Morinaud Vater, Banquier in Djijelli, allein einen Verlust von 240.000 Francs zu verzeichnen. „Sagen Sie mir also" — rief Rouanet aus — „wo sind Jene, die den Credit der Banken mißbrauchen, und mit welchem Rechte wagen Sie es, den Juden Creditmißbrauch vorzuwerfen, wenn Sie Beweise haben, die für ihre Loyalität ehrend sind. Sind aber die Behauptungen Morinaud's über den Bodenaufkauf seitens der Juden vielleicht wahrheitsgetreuer?" Und da erzählt uns Redner, daß die Behauptung Morinaud's, als ob die Brüder Jacob und Jsaac Zermatti 10.000 Hektar Land zusammengekauft hätten, ganz aus der Luft gegriffen sei. Hingegen habe Morinaud 47 Wirthschaften zusammengekauft. Im Ganzen wurden 198.000 Hektar expropriirt, davon entfallen auf die Juden 14.000. Unter 3256 Expropriationsfällen waren die Juden bei 419 betheiligt. Noch im Jahre 1898 hat selbst Jaurös den Verkauf gegen Wiederkauf als eine specielle Art des jüdischen Bodenwuchers hingestellt. Rouanet beweist aber ziffermäßig, daß vom Jahre 1894—1898 3383 solche Verkäufe stattfanden, von denen nur 412 auf die Juden entfallen. Betreffs der Betheiligung der Juden am Wucher sagte Rouanet wörtlich: „Gewiß beschäftigt sich der Jude auch mit Wucher. Aber hat man das Recht, aus einzelnen Fällen allgemeine Schlüsse zu ziehen? Ich kenne mehrere Präsidenten anti-

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