Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 20 (19.5.1899)
- Date
- 1899-05-19
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 20 Vr. Bloches Wochenschrift. Seite 395 Eine gutmüthige Nachbarin brachte — da, einem Gebrauche zufolge, die von dem Begräbnisse heimkehrenden Leidtragenden die erste Mahlzeit nicht aus ihren eigenen Mitteln bestreiten sollen — eine Kanne Kaffee, ein schon damals beliebtes, aber noch nicht ganz allgemein verbreitetes Getränk, und einen Teller Backwerk und setzte beides auf den Stühlen nieder, die vor den Schemmeln der Leidtragenden standen. Sara konnte der freundlichen Nachbarin, für die mit Herzlichkeit gereichte Liebesgabe, nur durch einen warmen Händedruck danken; aber sie vermochte nicht einen Bissen oder Tropfen hinunterzubringen, die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Reb Aron nahm artigkeitshalber ein kleines Stückchen und einen Schluck Kaffee. Die Besucher eines Leidtragenden sollen nicht das Gespräch eröffnen, sondern dieses dem Trauernden überlassen; eine Gepflogenheit, die einen tiefen Sinn hat. Der Talmud spricht unter andern vielen schönen Wahrheiten auch diese aus : Kein Mensch vermag es, die geheimen Gedanken seines Nächsten zu errathen, Niemand kann sich ganz und voll in die Stimmung eines Zweiten versetzen. Man kann leicht ebenso durch ein ungeschicktes, wenn auch gut gemeintes Trostwort, als durch versuchtes Ablenken von trüben, bitteren Gedanken, absichtslos ein wundes Herz verletzen. — Es herrschte daher ziemlich lange ein verlegenes Schweigen; endlich brach Reb Aron Brack dasselbe und sprach: „Meine lieben Nachbarn, ich weiß wirklich nicht, wie ich und meine liebe Frau Euch für alle die Towos'), die Ihr uns während der Krankheit und nach dem Tode unseres lieben Knaben, unseres kleinen Michael erwiesen, unsere Erkenntlichkeit bezeigen können. Ich wünsche, daß sich uns angenehme und freudige Veranlassungen bieten mögen, Euch unsere Dankbarkeit zu beweisen." Allein, da Sara bei diesen Worten in heftiges Schluchzen ausbrach, gerieth auch Reb Arons Stimme in ein höchst bedenkliches Schwanken, und er mußte innehalten, so daß eine Pause ei »trat. Unter den Besuchern befand sich auch Reb Maier, Tuchhändler, ein alter und im Talmud wohl bewanderter Mann, und er sprach endlich: „Rabbi Simon, der Schn Elazars, sagt: Versuch' es nicht, Deinen Gefährten im Momente seines Zornes zu besänftigen; — ihn zu trösten, wenn sein Tod vor ihm liegt2)" ... Menschenwort ist wie Menschenmacht beschränkt. Gott allein vermag es, jede Wunde zu heilen. Drum sag' ich Euch, Reb Aron und Eurer Frau, den vorgeschriebenen guten Spruch: H a m o k o m jenachem eßchen bßoch schar awe le zion wejeruscholajim2) und bei diesen Worten erhob sich Reb Maier; alle andere Besucher wiederholten diese Trostformel und folgten ihm. Die beiden Gatten blieben allein. „Mein Kind, mein armes, liebes, todtes Kind, mein kleiner süßer Michael!" schrie Sara nun von Neuem in wildem Schmerze auf. „Ich kann's nicht fassen, nicht ertragen, ich soll Dich nicht mehr sehen, nicht Deinen kleinen, rothen, freundlich lächelnden Mund küssen, nicht in Deine großen, schönen Augen blicken, Dich nicht an mein Mutterherz pressen .... wie kann ich weiter leben ohne Dich?! ... Du allgerechter, allbarmherziger Gott, was Hab' ich gar so Böses verübt, daß Du mich so furchtbar hart gestraft?! . . . Mein Kind, mein Michael bildete das Glück meines Lebens!" „Sara," sprach Aron, und schon der Klang seiner schönen, sonoren Stimme, welche vor Bewegung zitterte, schien beruhigend auf die niedergeschmetterte Frau zu wirken, „Du bist ja mein kluges, frommes, würdiges Weib; Du bist ja die Tochter eines klugen, frommen, würdigen Vaters; warum läßt Du Dich von Deinem gerechten Schmerze so weit Hinreißen? Hast Du nicht, als unser Kind in Deinen Armen gestorben, mir die vorgeschriebene Formel nachgesprochen: Boruch dajon hoeumes^)? .... Was Gott thut, ist recht, muß recht sein — auch wenn's uns schmerzt! .... Sieh' mein Kind, ich betrachte die Sachen mit anderen Augen", und Reb Aron vermochte es trotz heftiger Gegenwehr nicht zu verhindern, daß die Thränen, die in seine Augen traten, über seine Wangen herabfließend in den schwarzen Vollbart fielen. „Wir wollen nicht undankbar gegen hakodusch boruch hu°) sein. Er hat uns viel Leid erdulden lasten, aber er ') Gutthaten. 9 Sprüche der Väter, Cap. 4, Mischna 23. *9 Gott tröste Euch unter den andern Trauernden u. s. f. .9 Gebenedeit sei der gerechte Richter. — Eine Benediction, die bei dem Ableben eines Menschen verrichtet wird. 9 Gott, gelobt sei Er. hat uns ja doch auch schon viele Chassodim') erwiesen. Sieh' mein liebes Herz, ich kam als armer, ganz verwaister Knabe in das Haus Deines reichen, frommen, würdigen Vaters. Ich war ganz verlassen, ich besaß nur einen einzigen Verwandten, der aber selbst der hilfloseste Mensch auf Gottes Erdboden war. Ich besaß nur einen um zwei Jahre älteren Bruder, aber der Arme war stumm und blödsinnig. Die Gemeinde hatte ihn für geringes Entgelt bei einem armen Jischuwmann') untergebracht. Dein Vater hatte sich meiner erbarmt, er hatte keinen Sohn, Du warst sein einziges Kind, und er erzog mich und ließ mich unterrichten, als wäre ich sein eigen Fleisch ünd Blut. Mir schien's, als liebe er mich in der That wie ein Vater. Freilich später mußte ich mit tiefem Schmelze erkennen, daß ich mich über die Art seiner Neigung doch getäuscht. Ich war zum jungen Mann herangereift, Du um fünf Jahre jünger als ich, warst zur holden Jungfrau aufgeblüht. Ich hatte Dich geliebt von dem Momente an, wo ich, ein neunjähriger Knabe, in Deines Vaters Haus trat und Du, das kleine, vierjährige anmuthige Mädchen, mich, der furchtsam an der Thürschwelle stehen geblieben, zutraulich an der Hand faßtest, in das Zimmer zogst und mir das Butterbrot gabst, das Du in Deinen winzigen Händchen hieltest; und ich werde Dich lieben, so lange ich lebe. — Du hattest mir nie gesagt, daß Du mich wieder liebest, wir sprachen nie mit einander von unserer Liebe; aber wir setzten es als etwas Selbverständliches voraus; daß wir Mann und Weib würden, etwas Anderes erschien uns Beiden undenkbar. Da — Du erinnerst Dich dessen gewiß ganz genau? — kamst Du eines Tages, — es war am ersten Tage Suckos^ — bleich, verstört, thränenden Auges, zuckender Lippe in mein Zimmer und stammeltest: Dein Vater hätte Dir mitgetheilt, am Chol ha moed°) würde der Sohn des reichen Simon Steinschneider aus Kremsier zur Brautschau in seinem Hause eintreffen. Er, Dein Vater, und der alte Steinschneider hätten schon alles Andere geordnet, und wenn Du, woran Dein Vater nicht zweifelte, dem Bewerber gefiehlst so würde Mozo Szimchas- Thora'O) die Verlobung gefeiert werden .... Du erwidertest Deinem Vater: Du werdest keinen anderen zum Gatten wählen als mich .... Du warst mit Deinem Berichte noch nicht zu Ende, als Dein frommer, wohlthätiger, aber auch heftiger, auf seinen Reichthum, seine Familie und seine schöne Tochter stolze Vater ins Zimmer stürzte, mich mit Schimpfworten überhäufte, und — er möge es mir mochel sein") — in sinnloser Wuth vorwarf, ich hätte schon als armer baarfüßiger, in Lumpen gehüllter, von aller Welt verlassener Knabe, als ich in bitterster Noth um ein Stückchen Brod bittend die Schwelle feines Hauses betreten, die Absicht gehabt, in das Herz feines Kindes zu schleichen, ihm seine Tochter und sein Vermögen zu rauben; — und als ich mich zu vertheidigen versuchte, Du für mich Partei ergriffst, da steigerte sich fein ungerechter Zorn zu maßloser Wuth, — er schlug mich und stieß mich aus seinem Hause. Aron Brack mußte, von der Erinnerung heftig erschüttert, einen Moment innehalten. Es war eigenthümlich, er mußte es ja wissen, daß er seinem Weibe Bekanntes erzählte, sie hatte ja bei diesen Begebenheiten eine Hauptrolle gespielt; — aber er fühlte sich wie von einer inneren elementaren Kraft dazu gedrängt, sich und seiner Gattin die wichtigsten Ereignisse ihres Lebens, ihre gemeinschaftlichen Leiden und Freuden, vor die Seele zu führen — vielleicht hoffte er — vielleicht nur unbewußt, — durch die Erinnerung an altes Leid, das später doch zum Glücke führte, die mächtige Gewalt der neuen Schmerzen zu brechen, und wenn dies feine Absicht war, hatte er sie zum großen Theile erreicht. Das Menschenherz ist vom güttgen Schöpfer gar wundersam und weise erschaffen worden, in Sara, die ihren Gatten endlos liebte und verehrte, war kür einen Augenblick der Gevauke, der sie ganz beherrscht hatte, der Gedanke an ihr todtes Kind, in den Hintergrund getreten und sie ries: 9 Gnaden, Huldea. 9 Ein Jude, der allein unter der christlichen Bevölkerung eines Dorfes wohnt. 9 Laubhüttenfest. 9 Halbfeiertage. '9 Ausgang des Thorafreudenfestes, das den Schluß des Laubhüttenfestes bildet. ") Verzeihen. Wird auch gesagt, wenn man einem Todten eine Wahrheit nachfagt, die einen Tadel enthält.