Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 20 (19.5.1899)
- Date
- 1899-05-19
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Sette 392 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 20 Censurverhältnisie das Blatt hinderten, die volle Wahrheit über die Vorgänge in Nikolajew zu sagen, so genügt der censurirte Bericht dennoch, um zu erkennen, daß in der großen Handelsstadt am Bug Unruhen stattgefunden haben, welche an Ernst und Wildheit die Judenverfolgungen von 1882 in mancher Hinsicht übertrafen. Ein jüdischer Sodawasserverkäufer, dessen Standplatz sich auf der Sennoistraße befand, wurde von einem Hausen halbwüchsiger Bursche überfallen, arg geprügelt und mißhandelt. Dies gab den um die benachbarten Schankhäuser herumlungernden Arbeitern das Signal, sich den Burschen anzuschließen, um die jüdischen Kaufläden und Geschäfte zu plündern. Unter wildem Gejohle und unter dem Rufe:, „Haut' die Juden nieder!" stürzte die Menge in die jüdischen Läden, und im Nu begann das Werk der Zerstörung. Eßwaaren, Spielzeug, Pfaidlerzugehör — Alles wurde auf die Sttaße g eschleudert u.n d vernichtet. Bei der Vertheidigung von Hab und Gut wurden die jüdischen Kaufleute durch Steinwürfe arg verletzt und verwundet; einem Juden wurde die Schädeldecke zertrümmert. Die Lauheit der Polizei ermuthigte nur die Plünderer, welche nun auch in die Wohnungen der Juden drangen und dieselben verwüsteten. Claviere wurden vom zweiten Stock auf die Straße geschleudert, Polster ausgeschnitten und deren Inhalt auf die Gasse geschüttet. Erst als dem wilden Aufruhr eine Frau und zwei Männer, welche von der Horde getödtet wurden, zum Opfer gefallen waren, ergriff der Militärgouverneur von Nikolajew, Admiral F e d o r o w, energische Maßnahmen zur Unterdrückung der Unruhen. Er allarmirte die ganze Garnison, Kosaken, Matrosen und das ganze P r a g a e r Regiment, und ertheilte die Ordre, die Ruhe unter jeder Bedingung wiederherzustellen. Aber hier erwies sich erst, wie gefährlich es war, den Leidenschaften der Menge zu schmeicheln. Die Menge leistete dem Militär hartnäckigen Widerstand und griff sogar die Kosaken und die Soldaten thärlich an. Sie bewarf die Kosaken mit Steinen, verwundete einige schwer und flüchtete dann in die Seitengaffen, um dort die Plünderung der jüdischen Geschäfte wieder aufzunehmen. Mit großer Mühe gelang es den Kosaken, die Verhaftung der Plünderer, 800 an der Zahl, vorzunehmen, wobei 20 Kosaken verwundet und dann infolge der erlittenen schweren Verletzungen in das Spital transportirt werden mußten. Es scheint, daß diese Ruhestörungen vorbereitet waren, da mait die von Juden bewohnten Häuser mit einem Zeichen auf den Thürpfosten versehen fand, durch das sie offenbar der Gewaltthätigkeit der Excedenten kenntlich gemacht worden waren. Ueberdies hat man auch die Bemerkung gemacht, daß einzelne Gruppen der Excedenten von Leuten geführt wurden, die sie vor den gekennzeichneten Häusern aufhielten und ihnen das Signal zur Plünderung gaben. New-Uork. (Russische Juden in Ne w-A o r k.) Geehrter Herr Doctor! Schicke Ihnen 2 Exemplare hiesiger Jargonzeitungen. Nehmen Sie sich die Mühe, dieselben durchzusehen. Die Inserate zeigen ein Bild einer uns neuen fremden Welt. Die Sprache ist stark mit Anglicismen vermischt. Der Leser, welcher Englisch versteht, wird die Bedeutung leicht entziffern können. Es erscheinen zehn solche Blätter täglich. Wer Morgens zwischen 6—7 Uhr, oder Abends um dieselbe Stunde die New-Iorker Straßentramway benützt, sieht jüdische Arbeiter drinnen sitzen, die diese Blätter lesen, wie die anderen Passagiere ihre englische Zeitungen. Die russischen Juden haben sich merkwürdig schnell acclimatisirt. Wenn sie auch manches Tadelnswerthe, wie Kettengefangene noch in der Freiheit nachschleppen, so muß man deren Fortschritte nach der guten Seite hin anerkennen. In Kleidung und Haltung unterscheiden sie sich^ nicht mehr von den anderen Bürgern. Sie tragen ebenso wie andere Handwerker ihren Lunch (Mittagessen) zur Werkstatt und kehren ebenso ermüdet, aber rein gewaschen des Abends heim. Jüdische Hände graben den Grund, errichten die Wände, decken das Dach und decoriren das Innere des Wohnhauses. Viele Gewerbe haben sich diese fleißigen Juden aus dem heiligen Rußland erobert. Das Anstreicher-, Klempner-, Glaser-, Zimmermann-, Tischler-, Schuhmacher-, Schneiderhandwerk findet man in allen Straßen von russischen Israeliten ausgeübt. Es geht ihnen gut, und jetzt kommt das bessere Element herüber. Die Intelligenz ist sehr vertteten: Aerzte, Apotheker, Schriftgelehrte, Techniker finden ihr Fortkommen, und die russischen Großkaufleute bieten den Angesiedelten erfolgreiche Concurrenz. Man schätzt die russische Einwohnerzahl Groß-New-Iorks auf eine halbe Million. Und man kann sagen, daß diese halbe Million Menschen ein zufrie^ denes, glückliches Dasein fristen. Jedenfalls ein besseres Schicksal, als sie unter Alexander II!. erlebten. Die New-Aorker Stadtregierung thut ihr Bestes, um sie zu civilisiren. Es existiren in ihrem Bezirke, das Klein-Jerusalem heißt, mehr Bürgerschulen als anderswo. Merkwürdig ist, daß selbst Lehrer und Lehrerinnen, Irländer katholischer Confession sich darum bewerben, ihr Lehramt den Kindern der russischen Juden zu weihen. Denn so sagen sie: Wir haben unter keiner Claffe so lernbegierige und gehorsame Kinder gefunden, als unter diesen Juden. Die Abendclassen der Abendschulen, sind von Erwachsenen gefüllt. Unterricht und Lehrmittel in Tag- und Abendschulen sind dem Volke frei. Alles bezahlt die Stadt. Die Educational Alliance, ein Riesengebäude, ist ganz der Erziehung der russischen Menschheit gewidmet. Alle Clasfen und Alter finden da Belehrung, Kräftigung und Unterhaltung. Ein Dachgarten für Erholung in der heißen Zeit, Musik, Concert, Theater, Freibibliothek, Lesezimmer, Bäder, Turnanstalt, Debattirclubs, Gesangvereine, Koch- und Nähunterr'cht. Und die Krone von Allem ist die Poeples-Synagogal, Volkssynagoge, wo jeden Samstag Vormittags 1000 bis 1200 mehr oder weniger elegant, jedenfalls reingekleidete russische Israeliten den Vorträgen des geistreichen Dr. A. Radin zuhören, der selbst ein Russe, seine Landsleute kennt und mit Erfolg sich bemüht, das Spinnengewebe des Aberglaubens von ihren Äugen zu entfernen. Boston, 17. April. (Das Wachsen einerjudenfreundlichenAn schau ung.) sAus dem „LiteraryDigest", eine protestantisch-episcopale Zeitungj. Es ist eine zweifellose Thatsache, daß in letzterer Zeit durch die ganze Welt eine deutliche und bemerkenswerthe Tendenz geht, zu einem besseren Einverständnisse zwischen Juden und Christen. Die Verfolgung der Juden in Rußland und die antisemitische Agitation in Oesterreich und Frankreich scheinen dieses gute und brüderliche Gefühl gefördert zu haben; unzweifelhaft darum, daß diese Verfolgten Interesse und Sympathie erweckt haben. Eine bemerkenswerthe Erscheinung ereignete sich bei der letzten Einweihung einer jüdischen Synagoge in Bradford (Pensylvania), wo eine Predigt des daselbst wohnenden protestantisch-episcopalen Geistlichen eine hervorragende Nummer im Programm bildete. Markanter als dieses war ein Vortrag, den der protestantisch-episcopale Bischof Ußherr vor dem Victoria- Club in Boston hielt, zur Vertheidigung des jüdisch-nationalen und individuellen Charakters. Unter Anderem sagt Bischof Ußherr: „Ich versichere und bin gerüstet, die Behauptung zu vertheidigen, daß weder der Jude der Vergangenheit, noch der Jude der Gegenwart, den Haß und die Verachtung des Gentilen verdient. Der sinnlose Antagonismus der Christen stammt nur von der Bigotterie, der Unwissenheit und vom sinnlosen Aberglauben her. Die Welt kommt jetzt unter dem Einflüsse jener großen Idee einer allgemeinen Verbrüderung. Es wird noch Ebbe und Fluth geben, aber das Schiff der menschlichen Gerechtigkeit wird denn doch den sicheren Hafen erreichen und seine kostbare Waare zur Veredlung der Menschheit ausladen. Nachdem der Redner über die allgemeinen tausendjährigen Verfolgungen der Israeliten als Race einen Ueberblick gewährte, schloß er: Ich betrete nur ein weniger betretenes Feld, wenn ich zu sagen wage, daß der Jude dem Gentilen in einem ganz anderen Lichte erscheinen würde, wenn er mehr von ihm wüßte, wenn er ihn kennen würde.Ich frage Euch, Ihr amerikanischen Gentilen und Euch, jüdisch-amerikanische Bürger: Was wisset Ihr gegenseitig von einander, was wisset Ihr, wohlerzogene Christen von den wohlerzogenen jüdischen Mitbürgern und von seiner Familie? Habt Ihr deren Familien in Euerem Heim \t gastfreundlich ausgenommen? Und doch wäre es Euere Pflicht gewesen. Was ist die Ursache dieser socialen Kluft? Einfach das Fehlen des Wissens. Wäre es nicht besser, Ihr würfet Euere Vorurtheile fort' und sehet und prüfet mit Euerem Gewissen: Was die Juden wirklich lind. Ich sage Euch, Ihr hochcultivirten Christen werdet finden, daß sie Euch ebenbürtig sind im Wissen und im Anstand, ja oft Euch weit überragen. Ihr guten und edlen Leute findet unter ihnen Gleichwerthige, in Ällem, was gut und edel ist. Viele Leute sind geneigt, den Juden nur anzusehen als Kaufmann, einen Verkäufer von irgend etwas, als einen Menschen, dem das Berständniß der Vaterlandsliebe, der Kunst und nobler Er-